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Funktionär
der Rinderkontrolle
Erwachsene beeinflussen
uns. Als Eltern, als Lehrer. Manche mehr, manche weniger. Ab einem
gewissen Alter sucht man sich die aus, die einen beeinflussen
sollen, denen man womöglich nacheifert. Natürlich nicht generell, doch
in Teilaspekten. Ich hatte so einen Lehrer, Stemmer war sein Name.
Er wurde mir ein Vorbild in der Ablehnung politisch korrekter
Ausdrucksweise. Den Begriff PC gab es damals, also um 1965
noch gar nicht.
Er unterrichtete Chemie. Er
kam in die Klasse, setzte sich auf den Lehrertisch, sein Kittel war
offen. Die Klasse war mucksmäuschenstill. Man konnte eine
Stecknadel fallen hören. Keine Ahnung wie er das machte, er war eine
Autorität. Chemie war nicht mein Lieblingsfach, ich bei weitem nicht
sein bester Schüler. Eines Tages wandte er sich an mich und meinte:
„Du solltest das wissen, Dein Alter ist doch Medizinmann!“ Ich
erstarrte. Das jemand, noch dazu ein Erwachsener, so respektlos
von meinem Vater sprach war ungeheuerlich. „Alter“ statt Vater,
„Medizinmann“ anstatt Arzt.
Doch es gefiel mir, ich hörte
nun genauer hin, Herr Stemmer verwendete oft Worte in einer Weise, die
ich vorher nie gehört hatte. Und eines Tages erklärte er mir auch
warum er das machte: „Es weckt die Leute auf“, sagte er, „Du
siehst wo Deine Feinde sind. Die Feinde sind die, die sich
empören, Deine Freunde, die, die mit Dir lachen!“ Ich verstand,
eiferte ihm nach und lernte auch mit seiner Hilfe, wie man korrekte
Klippen umschifft und sich nicht verbiegen lässt. In Chemie wurde
ich nicht besser, aber was Sprachunabhängigkeit anbelangt wurde
ich sein bester Schüler.
Heute, Jahrzehnte später, ist
der Begriff PC nicht mehr wegzudenken. Wir, als Familie, haben uns
offiziellen Sprachregelungen immer verweigert. Ob wir
beleidigen interessiert uns nicht. Wer beleidigt sein will ist das
ohnehin. Die Verkleisterung mit politisch korrekter Sprache
verschafft ein ruhiges Gewissen und entfernt von der echten
Anteilnahme und Zuwendung vom Menschen. Wir versuchen in
überschaubaren Einzelfällen am Menschen dran zu bleiben. Die ganze
Welt retten, oder sie auch nur umarmen, wollen wir nicht. Das
überlassen wir Gutmenschen. Und wir schlafen auch ohne
Gewissen ruhig!
Doch Umberto Eco kann
darüber viel besser schreiben, deshalb hier ein Essay von ihm der ein
Must Read ist:
Vom Cowboy bis zur Glatze:
Für fast alles gibt es
inzwischen einen "politisch korrekten" Begriff. Politisch korrekt ist
das längst nicht mehr.
Von Umberto Eco
Ich bin der Meinung, dass der Ausdruck "politisch korrekt" inzwischen
politisch unkorrekt verwendet wird. Anders gesagt, eine sprachliche
Reformbewegung hat abwegige Sprachgebräuche hervorgebracht. Liest man
den Artikel der Internet-Enzyklopädie Wikipedia über PC, wie
"politisch korrekt" inzwischen auch bei uns abgekürzt wird, wenn keine
Gefahr besteht, dass es mit dem Personalcomputer oder den alten
Kommunistischen Parteien verwechselt wird, so findet man auch die
Entstehungsgeschichte des Begriffs. Zum ersten Mal soll er 1973 in
einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofes der Vereinigten Staaten
aufgetaucht sein, der befand, es werde zu häufig ein Staat anstelle
des Volkes genannt, um dessentwillen der Staat bestehe, und daher sei
es "not politically correct", einen Trinkspruch auf die Vereinigten
Staaten auszubringen anstatt auf das "Volk der Vereinigten Staaten".
Die Bewegung der PC entstand Anfang der achtziger Jahre in den
amerikanischen Universitäten als eine - ich zitiere weiter aus
Wikipedia - Initiative zur Veränderung der Sprache mit dem Ziel,
wirklichen oder vermeintlichen ungerechten Diskriminierungen
entgegenzutreten und Beleidigungen zu vermeiden durch euphemistische
Ersetzungen für Sprachgebräuche, die Unterschiede in Rasse,
Geschlecht, sexueller Orientierung oder Behinderungen,
Religionszugehörigkeit und politische Meinungen betreffen.
Wir alle wissen, dass die ersten Schlachten des PC geschlagen wurden,
um verletzende Bezeichnungen für die Farbigen zu verbannen, nicht nur
das infame "Nigger", sondern auch "Negro", ein Wort, das im Englischen
"Nigro" ausgesprochen wird, wie ein Lehnwort aus dem Spanischen klingt
und an die Zeiten der Sklavenhalterschaft erinnert. Daher wurde es
zuerst durch "black" ersetzt und schließlich, nach sukzessiven
Korrekturen, durch "African-American".
Die Sache mit den Korrekturen ist interessant, denn sie hebt ein
wichtiges Element des PC hervor. Die Schwierigkeit ist nicht, dass
"wir" (wir Sprechenden) entscheiden, wie die "anderen" genannt werden
sollen, sondern die anderen entscheiden zu lassen, wie sie genannt
werden wollen, und wenn der neue Ausdruck sie immer noch irgendwie
stört, den Vorschlag eines dritten Terminus zu akzeptieren. Wer sich
nicht in einer bestimmten Situation befindet, kann nicht wissen,
welcher Ausdruck es ist, der diejenigen stört und beleidigt, die sich
in ihr befinden; daher muss man ihren Vorschlag akzeptieren.
Doch oftmals stellt die PC-Entscheidung nur eine Art und Weise dar,
ungelöste soziale Schwierigkeiten zu umgehen, indem man sie durch
einen höflicheren Sprachgebrauch kaschiert. Wenn man beschließt, die
Rollstuhlfahrer in Italien nicht mehr als "handicappati" und nicht
einmal "disabili" (Behinderte), sondern als "diversamente abili" (auf
andere Art Befähigte) zu bezeichnen, aber nicht die Auffahrtsrampen zu
öffentlichen Orten baut, dann hat man heuchlerisch das Wort
abgeschafft, aber nicht das Problem gelöst. So erklärt sich, warum
eine bestimmte Gruppe einen neuen Namen fordert und nach einer Weile,
wenn die oder einige der Ausgangsbedingungen sich nicht geändert
haben, eine neue Bezeichnung verlangt, in einer Flucht nach vorn, die
endlos weitergehen kann, wenn sich außer dem Namen nichts an der Sache
ändert.
In manchen Fällen hat das PC tatsächlich - und ohne allzu viele
Traumata - den Sprachgebrauch verändert. Es kommt immer öfter vor,
dass man vermeidet, beim Rückbezug auf generelle Substantive im
Maskulin zu sprechen, um stattdessen, wo es möglich ist, auf scheinbar
neutralere Pluralformen auszuweichen. Viele amerikanische Professoren
sagen nicht mehr: "Wenn ein Student mich fragt . . .", sondern
sprechen entweder im Plural von "students", was im Englischen keine
Schwierigkeit ist, in anderen Sprachen aber nicht so leicht
funktioniert, oder variieren, indem sie mal "he" und mal "she" sagen.
Aus ähnlichen Gründen ist es inzwischen akzeptabel, "chairman" durch
"chairperson" oder einfach "chair" zu ersetzen. Witzbolde haben
vorgeschlagen, den Postboten statt "Mail man" in Zukunft "person
person" zu nennen, weil ja auch "mail" wie "male" klinge.
Satiren dieser Art spießen die Tatsache auf, dass die PC-Bewegung,
nachdem sie sich einmal als demokratische und "liberale" Bewegung
durchgesetzt hatte, sehr bald ihre eigenen Degenerationen
hervorbrachte. Jenseits einer gewissen Grenze weiß man nicht mehr, ob
bestimmte Ausdrücke wirklich vorgeschlagen oder in satirischer Absicht
erfunden worden sind. So findet man zum Beispiel neben Ersetzungen,
die inzwischen in den Sprachgebrauch Eingang gefunden haben, solche
wie "sozial separiert" für eingesperrt, "Funktionär der
Rinderkontrolle" für Cowboy, "geologische Korrektur" für Erdbeben,
"residentiell flexibel" für obdachlos, "erektional begrenzt" für
impotent, "vertikal benachteiligt" für kleinwüchsig, "follikuläre
Regression" für Kahlköpfigkeit und sogar "knapp an Melanin" als
Bezeichnung für einen weißen Mann.
Im Internet habe ich eine lange Diskussion über die Frage gefunden,
wie der Satz "Der Feuerwehrmann hat eine Leiter an den Baum gelehnt,
ist hinaufgestiegen und hat die Katze heruntergeholt" ins PC übersetzt
werden kann. Die vorgeschlagene Übersetzung braucht viele Zeilen, denn
es geht darum, klarzustellen, dass der Feuerwehrmann in diesem
besonderen Fall auch sehr gut eine Frau hätte sein können, dass er
gegen den Willen der Katze gehandelt hat, die das Recht hatte, sich
aufzuhalten, wo immer sie wollte, dass er durch das Anlegen der Leiter
das Wohlbefinden des Baumes aufs Spiel gesetzt hat und so weiter.
Allmählich hat sich das PC, besonders in Amerika, von einem bloß
sprachlichen Thema zu einer Frage der Minderheitenrechte verschoben.
Man versteht ohne weiteres, dass in bestimmten Universitäten die
Studenten nichtwestlicher Herkunft auch Kurse über ihre eigenen
kulturellen und religiösen Traditionen und ihre Literatur im Angebot
sehen wollten. Weniger selbstverständlich wird es, wenn zum Beispiel
afroamerikanische Studenten verlangen, dass die Kurse über Shakespeare
durch Kurse über afrikanische Literaturen ersetzt werden sollen. Wenn
und wo diesem Wunsch entsprochen wurde, respektierte man scheinbar die
Identität der Afroamerikaner, aber faktisch entzog man ihnen nützliche
Kenntnisse für das Leben in der westlichen Welt. Mit anderen Worten,
man ist so weit gegangen, zu vergessen, dass die Schule den Schülern
nicht nur das beibringen soll, was sie wollen, sondern manchmal auch
gerade das, was sie nicht wollen, oder von dem sie gar nicht wissen,
dass sie es wollen könnten - andernfalls würde man in der Mittelstufe
nicht mehr Mathematik und Latein unterrichten, sondern nur noch
Computerspiele.
Immer öfter wird als PC jede politische Haltung bezeichnet, die das
Verständnis anderer Rassen und Religionen privilegiert oder gar bemüht
ist, die Gründe des Gegners zu verstehen. Der signifikanteste Fall war
der einer amerikanischen Talkshow, in welcher der Talkmaster Bill
Maher im Zusammenhang mit dem 11. September einem Satz von Präsident
Bush widersprach, der die Attentäter auf die Twin Towers als
"Feiglinge" bezeichnet hatte. Maher hatte erklärt, man könne über
Kamikazeflieger alles Mögliche sagen, nur nicht, dass es ihnen an Mut
fehle. Lieber Gott! Die Werbeaufträge für die Sendung sanken jählings
auf null, so dass sie schließlich abgesetzt wurde. Dabei hat der Fall
Maher gar nichts mit PC zu tun, weder von rechts noch von links
gesehen. Maher hatte nur eine Meinung geäußert. Man konnte ihm
höchstens vorwerfen, es vor einem Publikum getan zu haben, das noch an
der schrecklichen Wunde des 11. September litt, man konnte über den
Unterschied zwischen moralischer Feigheit und physischer Feigheit
diskutieren, wie es getan worden ist, man konnte sagen, dass ein
Kamikazeflieger dermaßen verbohrt in seinen Fanatismus ist, dass man
nicht mehr von Mut oder Angst sprechen kann . . . Jedenfalls hatte
Maher eine eigene Idee ausgedrückt, wie provokant auch immer, aber er
hatte keine politisch unkorrekte Sprache gebraucht.
Desgleichen wird bei uns manchmal über einen Exzess an politischer
Korrektheit bei denen gespottet, die Sympathie für die Palästinenser
bekunden, den Rückzug unserer Truppen aus dem Irak verlangen oder sich
zu nachsichtig gegenüber den Forderungen der zugewanderten
Minderheiten verhalten. In all diesen Fällen spielt das PC überhaupt
keine Rolle, es handelt sich um ideologische oder politische
Positionen, die anzufechten jeder das Recht hat, aber die nichts mit
falschem oder richtigem Sprachgebrauch zu tun haben.
Eine komplizierte Geschichte, wie man sieht. Bleibt nur festzuhalten,
dass es politisch korrekt ist, die Begriffe, einschließlich dessen der
politischen Korrektheit, in ihrem eigentlichen Sinn zu gebrauchen und,
wenn man in diesem Sinne politisch korrekt sein will, es nach dem
gesunden Menschenverstand zu sein - ohne Berlusconi eine "vertikal
benachteiligte Person im Kampf mit einer follikulären Regression" zu
nennen. Man braucht sich bloß an das Grundprinzip zu halten, dass es
human und zivilisiert ist, aus dem gängigen Sprachgebrauch jene
Ausdrücke zu eliminieren, die unseresgleichen weh tun.
Auszug aus Umberto Eco: Im Krebsgang voran. Heiße Kriege und
medialer Populismus. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber. ©
2007 Carl Hanser Verlag, München.
Hinweis
von der THEO VAN GOGH SOCIETY - LIBERTÄRE GESELLSCHAFT IN DEUTSCHLAND
- Kronberg im Taunus |
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