| |
Zeitungslesen
bildet nicht
Frank Schirrmacher ist ein
intelligenter Mensch. Wikipedia schreibt 'ne Menge positives über ihn.
Eben ein führender Intellektueller. Nicht alles habe ich von ihm
gelesen, das kann ich auch gar nicht, dazu bin ich zuweit ab vom
Schuss. Aber seine Aussagen über Grass haben mir gefallen. Und
natürlich die Thematisierung der Donner Party. Das schon
deshalb, weil ich an die Kraft der Familie glaube und uns und
unsere Kinder versuche genau in diesem Sinne zu prägen und ihnen das
„Ausgangsmaterial“ für eine gute Zukunft zu geben.
Nun hat Schirrmacher den Jacob-Grimme-Preis bekommen. Ich habe
mir seine „Bestandsaufnahme“ durchgelesen, jedenfalls den Teil, der in
Auszügen veröffentlicht wurde. Die wurde schon durchgekaut und der
Widerspruch im Spiegel war nicht der Schlechteste.
Auch für mich sind die Aussagen Schirrmachers
etwas abseits der Realität. Es scheinen die Beobachtungen eines
Menschen zu sein, der glaubt es ist so, wie er es schreibt. Es
sind nicht die Beobachtungen eines Menschen der weiß, das es so
ist wie er es schreibt. Mit anderen Worten: Grundlage meiner Kritik an
den geschilderten Zuständen und der von Schirrmacher beschworenen
Zukunft ist, wie sollte es anders sein, mein eigenes Verhalten und
das einiger Freunde.
In der Folge möchte ich aufzeigen wo Schirrmacher irrt und wo unser,
und nicht nur unser, Verhalten von seinen Vorstellungen abweicht:
• Wir leben seit 10 Jahren im Ausland, in der Einöde. Zeitungen,
amerikanische und kanadische, sind hier zwar erhältlich, aber sie
interessieren uns nicht.
• Auch in den 10 Jahren davor haben wir keine Zeitungen mehr
gekauft. (Fernsehen schauen wir auch nicht. No TV)
• Dennoch lesen wir täglich Zeitung. Im Internet. Ich würde
meinen zeitlichen Aufwand dafür auf etwa 3 Stunden täglich
schätzen.
• Wieviel Stunden liest der durchschnittliche Zeitungsleser von dem
Schirrmacher spricht?
• Das Internet ist schneller.
• Die Online-Angebote der Zeitungen und Magazine stellen lediglich
eine Ergänzung zur Informationsbeschaffung dar.
• Die Onlineangebote der Rundfunkanstalten weichen in ihrer
Grundhaltung und politischen Gewichtung nicht von der Haltung
der Mainstreammedien (Zeitungen) ab.
• Wir lesen in dem Bewusstsein, dass große Teile der Presse bestimmte
Mainstreamkomponenten enthalten, die uns missfallen und die unserer
Ansicht nach nicht ausgewogen sind.
• Gezielte Informationen werden nicht oder nicht ausreichend
von den Zeitungen, bzw. ihren Onlineangeboten aufbereitet.
• Man kommt also nicht umhin auch Blogs oder Seitenpublikationen
anzusurfen um das Informationsangebot selbst abzurunden, bzw.
zu ergänzen.
• Die Schmuddelecken des Internet sind nicht die Gefahr zu denen
Schirrmacher sie aufbauscht. Es ist die alte Leier, im Unbehagen
über das Internet wird immer zuerst Pornografie genannt und
dann (das Tat Schirrmacher nicht) der Kreditkartenschwindel. Diese
Gebetsmühlenartige Wiederholung ist unredlich und dient nur
dazu unkritische Menschen zu beeinflussen.
• Sein Verweis auf die Pornografie ist billig.
Kinder
surfen nicht
nach Pornoangeboten. Jugendliche schon eher, aber ist das nicht ein
verständlicher Ausdruck pubertärer Neugier? Würde ein
Pubertierender nicht nach „Informationen“ gieren wäre etwas faul
mit ihm. Gesunde junge Menschen finden auch hier schnell das
richtige Maß und nutzen Pornografie allenfalls noch als
anregende
Ergänzung. Eine „lebende“ Freundin wird ein noch so heißes Angebot
jederzeit ersetzen können.
• Pornografie zu verbieten wäre ein Einschnitt in die Gestaltungs-
und Wahlfreiheit des Individuums. Erst ist es die Pornografie,
dann sind es politische Inhalte. Angebliche Islamophobie als
Stichwort. Myanmar läßt grüßen.
• Zeitungslesen bildet nicht. Auch die 24 Stunden-Haltbarkeit
nicht, die Schirrmacher beschwört. Wirklich bilden tun nur Bücher.
Die Richtigen natürlich und nicht ein Sammelband von Jerry Cotton.
• Im Übrigen irrt auch Schirrmacher hier: Eine Zeitung wird nach 24
Stunden – spätestes – ins Altpapier gegeben oder man stopft feuchte
Schuhe aus. Ich kenne niemanden der Zeitungsartikel ausschneidet und
aufwendig archiviert. Das ist am PC ja wesentlich leichter,
hier kann man
Speichern auf Deubel komm raus und Archive anlegen die
schnellstens abrufbar sind und keinen Platz
beanspruchen. Mit anderen Worten: Der Langzeitgewinn ist, dank
des Internets, auch hier größer.
• Das Internet führt geradezu zu aktivem Verhalten. Wer
schraubt sich schon aus dem Sessel, bei Unverstandenem, legt die
Zeitung beiseite, geht zum Regal und schlägt aufwendig im
Konversationslexikon nach? Am PC ist das ein Klick, Beispiel
Schirrmacher!
• Hättes es doch bloß das Internet schon in meiner Schulzeit gegeben.
An meinen Kindern sehe ich wie Bildungs- und Informationsangebote
offensiv angesteuert und genutzt werden:
"Die erste
Generation, die mit dem Netz aufgewachsen ist, schreibt, wenn
überhaupt, mehr als die vorangegangene. Sprachlosigkeit jedenfalls
droht nicht. Journalisten können sich freuen auf eine Generation von
Lesern, die schon im Teenageralter daran gewöhnt ist, sich mit Texten
aktiv auseinanderzusetzen - wenn die auch auf Bildschirmen stehen.
Eine Generation, deren begeisterte Beteiligung im Netz guten
Journalismus bereichern kann, anstatt ihn zu gefährden: Jeder
Journalist tut gut daran, sich mit dem auseinanderzusetzen, worüber
die neue Öffentlichkeit da draußen so redet. Sich zum Beispiel für die
wachsende Menge von Experten-Blogs zu interessieren, geschrieben von
Menschen, die über ihr Thema viel besser Bescheid wissen, als es die
meisten Journalisten jemals werden.
Die Wahrheit ist: Das Internet ist als Überbringer von Nachrichten und
Analysen wie geschaffen. Es ist das aufregendste journalistische
Medium, das uns derzeit zur Verfügung steht. Weil es schnell sein
kann, aber nicht muss. Weil es Querverweise und Verknüpfungen zu
Originalquellen ermöglicht. Weil es Lesern einen schnellen Rückkanal
bietet, über den sie Meinung äußern, auf Fehler hinweisen oder
Fachwissen teilen können. Und weil es Texte eben länger am Leben hält
als 24 Stunden. Keine Zeitung kann ihren Lesern gleichzeitig das
eigene Archiv mitliefern, eine Internetpublikation schon. Redaktionen,
die das nicht verstehen wollen, sind in der Tat bedroht durch das
Netz. Alle anderen brauchen sich keine Sorgen zu machen.
Papier wird das Abendland nicht retten. Es ist exakt so geduldig wie
Pixel - landet aber schneller auf dem Müll. "(Das
Internet ist an allem schuld,
SPIEGEL 29.
Oktober 2007) |
|