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Weise
Entscheidungen
Nun haben wir sie wieder. Die
Betroffenheitskommentare der Berufsempörten. Meistens sprechen sie
von Selbstmord. Um mit dem Wort Mord das Wollen des Freitodes,
also der freiwilligen Wahl des Weggehens zu kriminalisieren. Und wie
fast immer äußern sich vor allem jene die noch nie diese Situation in
der eigenen Familie hatten, nie konfrontiert waren mit der
Entscheidung eines Nahestehenden.
Und weil es so bequem ist, und Deutsche dem staatlichen Handeln statt
dem eigenen Wirken stets den Vorzug einräumen, schreien sie nach
Gesetzen, Verordnungen, Regeln und Erlassen. Noch nie waren Vertreter
der Mainstreammedien Vorreiter auf der Straße der Freiheit. Den in
Abhängigkeit beschäftigten Lohnschreibern ist jedes autonome
Handeln, abseits staatlichen Regelwerkes suspekt. So schließen sie von
sich auf andere und über sich in Empörung und angepasster,
verfälschender Darstellung.
Die Beschreibung der Tatsachen wird vorgenommen, aber die Wahrheit
wird unterschlagen. Die beiden freiwillig aus dem Leben
geschiedenen waren auf einem öffentlichen Parkplatz. Ja, aber: „Die
Verkürzung auf den Begriff „Freitodhilfe auf Parkplatz“ ruft
ein völlig falsches Bild hervor. In Wahrheit stand das Fahrzeug
jeweils am Rande einer großen Wiesenfläche, die vollständig umwaldet
ist, ganz nahe eines Ausflugsrestaurants, das zur Zeit geschlossen
ist.“ (Zitat
Minelli, Vositzender
Dignitas)
Einer meiner engsten Familienangehörigen hat den Freitod
gewählt. Bewusst, überlegt, geplant. Eine weise Entscheidung,
die ihm und uns, den Zurückgebliebenen, half. Dieses Recht
auf Selbstorganisation möchte ich auch für mich. Ob ich es anwende
kann ich heute nicht sagen. Aber die Wahlfreiheit muss mir erhalten
bleiben. Wer sich anmaßt sie mir zu nehmen muss mit Widerstand
rechnen. Man kann es auch Selbstverteidigung nennen. Wenn
ich mein Leben der Selbstbestimmung widmete, kann ich auf die
Selbstbestimmung des Todeszeitpunktes nicht
verzichten.
Leseempfehlung:
In den Kapiteln »Vor
dem Absprung«, »Wie natürlich ist der Tod?«, »Sich selbst gehören« und
»Der Weg ins Freie« beschreibt Améry die Welt aus der Sicht eines
Suizidanten (original 1976).
Original-Verlagsinfo
Das Verbot, mit dem Religion und Gesellschaft den Freitod belegen,
läßt ihn als ein Vergehen erscheinen, als unnatürlichen und absurden
Akt. Aber drückt sich in solchem Urteilen und Aburteilen nicht die
Scheinobjektivität, das Unbetroffensein der mit dem Weltlauf
Einverstandenen, der Überlebenden aus? Und hat nicht auch der
»natürliche« Tod sein Unnatürliches und Skandalöses?
»Über das Verhältnis zwischen dem jahrhundertelang tabuisierten
Selbstmord und dem im Vollbesitz der intellektuellen und seelischen
Kräfte geplanten und durchgeführten Freitod hat wohl niemand
Wesentlicheres gesagt als Jean Améry. Hand an sich legen ist einfach
geschrieben, ohne narzisstische Eigenliebe und spielerische
Koketterie. Hier spricht jemand über sein Thema, das er wie kein
anderes kennt... Er kommt gleich zur Sache, er spricht den Leser
direkt an, er trifft mit dem ersten Satz ins Schwarze – von jeher ein
Kennzeichen geborener Essayisten.« (Ceno Hartlaub)
»Wer abspringt, ist nicht notwendigerweise dem Wahnsinn verfallen, ist
nicht einmal unter allen Umständen gestört oder verstört. Der Hang zum
Freitod ist keine Krankheit, von der man geheilt werden muß wie von
den Masern... Der Freitod ist ein Privileg des Humanen.«
Der Autor
Jean Améry wurde am 31.10.1912 in Wien geboren. Studium der Literatur
und Philosophie. 1938 Emigration nach Belgien. Teilnahme an der
Widerstandsbewegung. 1943 Verhaftung, zwei Jahre KZ-Haft. Nach 1945 in
Brüssel als freier Schriftsteller und Rundfunkmitarbeiter tätig. 1970
wurde er mit dem Deutschen Kritiker-Preis ausgezeichnet. 1971 mit dem
Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. 1977 mit
dem Lessingpreis der Freien und Hansestadt Hamburg. Améry nahm sich
1978 in Salzburg das Leben. |
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