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Traumatisiert
Ich bin völlig
traumatisiert, wenn ich
sowas lese. Deshaln kann ich nicht anders und muß mich äußern:
Ich habe meine Familiengeschichte
geschrieben. Sie beginnt 1632 (mit dürren Fakten), ab 1726 ist sie
nahtlos. Insgesamt habe ich 1682 Familienmitglieder (verstorbene und
lebende) ausfindig gemacht. Bis 2003 ist der Stammbaum lückenlos,
ausgedruckt (Druckerei) 9 Meter lang und 1,20 m breit. Alle
Familiendocumente wurde gescannt und auf 14 DVD gebrannt und in
Einschüben hinzugefügt. 4 Bücher, 2700 Seiten, 6,5 kg schwer. Alles
Familie pur. Titel: „Die Geschichte meiner Familie von 1726-2003“.
Ich kann also, was Tragödien betrifft mitreden. Traumatisiert war
in meiner Familie keiner. Psychologische Hilfe musste niemand in
Anspruch nehmen. Konnte niemand in Anspruch nehmen, weil es keine
Psychologen gab. Man hatte sich zusammenzureißen und sich den
existenziellen Notwendigkeiten zu stellen. Weder mein
Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater, noch meine anderen Großväter, noch mein Vater
haben einen Großmarkt abgefackelt, einem Innenminister
vorgeworfen „er hätte sie allein gelassen“ und nicht Händchen
gehalten. Die Aufbauleistung und die erwirtschafteten Steuern haben es
erst möglich gemacht inzwischen 2 oder 3 Generationen von
staatsbezahlten Psychologen und Gutachtern anzufüttern und zu
unterhalten die Traumata finden um sie therapieren zu können.
Etliche meiner Großväter und Onkel waren Anwälte. Es ist mir
unvorstellbar, dass ihre Argumentation die eines
Herrn Manfred Gnjidic gewesen wäre.
Blicken wir mal zurück in die Tragödien die meiner Familie. Die X
stehen für den Nachnamen meiner Vorfahren:
"Der Bürgermeister
Karl XXXXXXX scheint ein angesehener Rechtsanwalt in Stettin gewesen
zu sein. Sein Vermögen mehrte sich. Er legte sein Geld auf Hypotheken
in Gütern und Häusern an und besaß drei Häuser in Stettin. Die Zeiten
aber waren dunkel. Preußens Niedergang bedrückte alle Bürger aufs
Äußerste, als die Franzosenherrschaft sich immer weiter ausdehnte,
eine Festung nach der anderen durch Verrat und Schwäche fiel, da nahte
auch der alten Stadt Stettin das traurigste Verhängnis. Stettin wurde
bald nach der Kapitulation von Prenzlau einem französischen Heerhaufen
von ungefähr 800 Mann, von dem sehr alten Kommandanten Romberg
schmählich, ohne den geringsten Widerstand zu versuchen, übergeben.
Als die Franzosen durch das Berliner Tor einrückten, rissen preußische
Offiziere den, hinter den Franzosen reitenden, Romberg vom Pferde und
so wurde er vom Tode durch Franzosen gerettet. Romberg wurde später
kriegsgerichtlich kassiert und soll in Frankreich gestorben sein. Das
Gerücht ging, er habe dort vom Judaslohn für die Kapitulation gelebt.
Bürgermeister XXXXXXX hatte im Winter 1806 -1807 mit einem in Stettin
garnisonierenden holländischen Stabsoffizier und mehreren Bürgern den
Plan entworfen, Stettin wieder in preußische Hand zu spielen und es
waren Verbindungen mit den hinter der Oder stehenden Biela’schen
Husaren angeknüpft. Der Plan wurde verraten. Ehe die Franzosen sich
aber der Beteiligten bemächtigen konnten, war der holländische
Offizier in voller Uniform auf die französische Kommandantur gegangen
und hatte alle Papiere, die auf das Komplott hinwiesen, genommen und
in dem Kamin verbrannt. Er war entkommen. Die Franzosen hatten soweit
keinen Anhalt über die Beteiligten, a Jabot 26
verhafteten aber zunächst den Widerspenstigen Bürgermeister XXXXXXX,
von dem sie nicht zu Unrecht annahmen, daß er bei der Sache beteiligt
gewesen sei. In der Nacht wurde die Tür eingeschlagen, französische
Dragoner mit geschwungenem Säbeln drangen ein. Der Hausherr wurde aus
dem Bett gerissen, im Hemd die Treppe hinuntergetrieben und
weggeführt. Die Seinen kannten sein Schicksal nicht.
Der siebenjährige Sohn Herrmann Benedictus erinnert sich genau dieser
Nachtszene an der Treppe des alten Hauses in der Marienstraße. Der
Anschlag des Bürgermeisters war verraten worden. Franzosen waren in
der Nacht durch den Kommandanten eingelassen, die Festung Stettin
übergeben worden, und die Franzosen hatten sofort die „Rebellen“
verhaftet. Napoleon, damals immer nur Monsieur Bonaparte genannt, war
wütend. Er verurteilte sofort den kleinen „krausköpfigen Advokaten“
zum Tode. Derselbe sollte erschossen werden. Es ist nicht dazu
gekommen. Im Gefängnis verfiel der Bürgermeister XXXXXXX in hitziges
Fieber und wurde nur herausgelassen, um am 15. September 1807 zu
sterben.
Und weiter geht es mit meiner Urgroßmutter vor 5 Generationen:
Dorothea war eine sehr schöne Frau, groß und schlank, blond und
blauäugig. Sie trug meistens weiße Kleider, wie es damals Sitte war,
und schwärmte für Jean Paul11. Im Kreise der Freunde wurde viel
musiziert und Dorothea sang und wurde sehr gefeiert. Sie hat 6 Kindern
das Leben geschenkt, von denen 2 Söhne früh starben. Nach 10jähriger
Ehe naht das dunkle Schicksal. Der Plan ihres Mannes, des
Bürgermeisters von Stettin, die Stadt vor dem Zugriff der
französischen Truppe zu retten, wird verraten, er wird ins Gefängnis
geworfen, erkrankt dort schwer und stirbt in seinem Hause am
15.09.1807. Sein Rechtsanwaltsbüro ist zerstört, die Häuser mit
Einquartierung belegt, es fehlt an allem Nötigen. Da zieht Dorothea
mit ihren 3 kleinen Mädchen zu ihren Geschwistern nach Hinterpommern;
der 7 jährige Sohn Herrmann Benedictus kommt in Pension zu Herrn von
Puttkamer, dem Freund ihres verstorbenen Mannes, aufs Land.
Nach einigen Jahren kehren die Flüchtlinge nach Stettin zurück.
Dorothea bekommt im Johannis -Stift eine kleine Wohnung für sich und
die 3 Töchter; Hermann Benedictus wohnt bei seinem Vormund. 1813 naht
die Befreiung, aber Frauen und Kinder werden wieder ausgewiesen.
Diesmal dauert die Verbannung nicht so lange, aber das Leben in dem
Verwüsteten Stettin war schwer. Die Kinder wuchsen heran, die 3
schönen Töchter hießen die „Rosen von Stettin“. Franziska macht der
Mutter viel Sorge mit ihrer frühen Ehe und der Scheidung, die dritte
Tochter war ein schwieriger, später kranker Mensch. Ihrem Sohn
Herrmann Benedictus nahm Dorothea die schwarz-goldenen Bänder weg, als
er Student war, und verbrannte sie, weil viele Studenten verhaftet und
zu Festung verurteilt wurden."
Die geschichtsbedingten Familientragödien finden dann ihre Fortsetzung
im deutsch-französischen Krieg 1871. Mein Großvater kom mt
schwer angeschlagen zurück. Auch er ist Anwalt und Wirklicher geheimer
Ober-Justizrat a, Oberlandeskulturgerichtsrat, hat zahlreiche Kinder
und nimmt sofort seine Tätigkeit wieder auf.
Dann kommt der 1. Weltkrieg. Er schlägt tiefe Wunden in unsere
Familie, von 3 Söhnen fallen 2 in den großen Materialschlachten in
Belgien. Ich will nicht langweilen und in Details gehen, aber für
die Familie war es schrecklich.

Auch der zweite Weltkrieg hinterlässt seine Spuren. Der
verwandtschaftlich mir nächste und damit für die Familie spürbarste
Verlust ist mein Großvater. Er wird, als Volkssturmmann, 3 Tage
vor Kriegsende, in Biesdorf bei Berlin aus einem Hinterhalt
erschossen.
Mein Großmutter stand mit 3 halbwüchsigen Kindern allein da.
Obwohl ausgebombt und bar jeder Mittel hat sie es mit eiserener
Disziplin geschafft alle 3 Kinder studieren lassen.
Mein eigener Vater, sehr unter dem Verlust seines Vaters leidend, er
war 17 Jahre alt zu der Zeit und Luftwaffenhelfer gewesen, machte sein
Abitur nach. Die Familie war so arm, dass mein Vater Brennnesseln
sucht um daraus Salat zu machen. Als er 1948 meine Mutter
heiratete hatten sie für sich (und mich, ab 1949) genau 9 Mark
Wirtschaftsgeld in der Woche. Meine Mutter kochte Eutersuppe.
Mir schwant fürchterliches. Werden die Traumen auch unsere Familie
erreichen? Was, wenn ich meinem Sohn sein Nintendo
wegnehme. Was, wenn ich meiner Tochter verbiete, ja was eigentlich?
Was kann man heute noch verbieten? Sie werden sich als familiäre
Folteropfer aufführen. Psychisch gefoltert vom Vater.
Ich kann froh sein wenn sie nicht
einen Großmarkt abfackeln. Sollte das passieren bin diesmal ICH
traumatisiert und werde staatliche Hilfe einklagen.
Abschluß: Vielleicht sollten wir es
pädagogischer Weise mit Masri so machen, wie ich es mit meinen Kindern
mache: Selbst den angerichteten Schaden in Ordnung bringen. Aber das
wird Claudia und Konsorten nicht passen. Denn dieser Teil
meiner Erziehung ist ziemlich autoritär und altertümlich. Vermutlich
also wird Masri, nach erfolgter psychologischer Behandlung auf
Staatskosten zum Feuerwehrhauptmann von Ulm (und um Ulm herum)
gemacht.
Photo: Meine Mutter mit
allem was wir besassen.
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