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DER VERLUST DES SELBSTVERSTÄNDLICHEN
Meine Mutter war schwanger.
Mit mir. Als Säuglingsschwester hielt sie
Neugeborene und Babys unter den Röntgenapparat. Das war 1948. Sie war
eine engagierte Schwester, ihr Chef hielt viel von ihr. Aber ihr
Wissen zu dieser Zeit über Röntgenstrahlen war eher dürftig und sie
vertraute dem Arzt, der die Anordnungen gab. Also hatte sie keine
Bleischürze, keinerlei Schutz überhaupt und die Strahlen drangen
ungehindert in ihren Bauch wenn sie die Babys hielt. Und in dem Bauch
war ich.
Mein Sohn wächst bereits mit dem Wissen auf, dass er seine Hoden, im
Falle eines Falles, mit einer Bleischürze zu schützen hat. Eine andere
Frage ist, ob er daran denkt. Allerdings habe ich die Erfahrung
gemacht, dass die Röntgenassistentinnen so was in ihrer Ausbildung
gesagt bekommen und die Patienten nicht mehr ohne Schürze röntgen.
Jedenfalls hatte bei mir die ganze Röntgerei einen Schaden
hinterlassen. Nein, nicht den Dachschaden, wie jetzt einige
schadenfrohe politische Feinde lästern werden, aber einen
Naevus, also
ein Muttermal. Genau im Gesicht. Womit wir beim Thema wären.
Das hat mich nicht gehindert mich dreimal zu verheiraten, Kinder zu
haben oder meinen beruflichen Weg zu gehen. Aber – Kinder und dumme
Menschen können grausam sein. Wobei die Kinder, weil Kinder, teilweise
entschuldigt sind. Jedenfalls waren lästernde und herabsetzende
Bemerkungen in meiner Kindheit üblich und ich hatte eine Menge
auszuhalten. Hänseln nennt man das. Heute bräuchte ein Kind eine teure
psychologische Beratung, es würde fitt gemacht die Schmähungen zu
ertragen. Nicht so damals. Meine Eltern sagten, es gibt „wichtigeres
als Äußerlichkeiten.“ Oder: „ Greif keinen an, aber wenn dich einer
angreift wehr dich.“
Und tatsächlich bin ich heute der Ansicht, dass es mich stark gemacht
hat und selbstbewusst. Insofern war der Naevus ein Vorteil und ein
Baustein auf dem Weg in eine komplexfreie und überlegene Zukunft. Die
betätschelten und in Watte verpackten Kinder von heute, würden, bei
jeder Bemerkung die ich mir einfing, schlicht zusammenbrechen. Die
betulichen Erwachsenen würden Schilder aufhängen, Bewusstseinsschulung
betreiben, Rundschreiben verfassen und alle Betroffenen zu einem
Gespräch einladen.
Gestern war ich mit meiner Tochter im Krankenhaus. Sie hatte
Ohrenschmerzen. In der Wartezone hing das Schild von oben. Ich bin mir
nicht sicher, aber sind heute alle irre? Oder liegt es mir? Ich bin
doch jahrelang durch Krankenhäuser gelaufen. Die einzigen Schilder die
ich sah lauteten „Ruhe bitte!“ oder „Im Interesse der Patienten bitte
wir die Besuchszeiten einzuhalten“. DAS WARS!
Selbstverständlichkeiten gehen verloren. Wenn jemand also rassistische
Äußerungen macht, wird er von dem Angegriffenen nicht mehr
zurechtgewiesen. Der Angegriffene hat das im Zweifelsfall nicht mal zu
schlucken und sein inneres Bewusstsein zu stärken mit der Haltung
„Nun, der ist eben blöd, ungebildet, vergiss es.“ Nein, jeder ist
beleidigt und verweist auf das Schild. So ein Schild wird nicht billig
sein. Die Gutmenschen, die, die uns in Watte packen und unter
staatlicher Aufsicht zur politischen Korrektheit erziehen, haben
unsere westlichen Länder mit Schildern gepflastert. Die durch
eigentlich notwendige Erziehung, Herzenstakt und Anstand vorgegebenen
Grundregeln oder Normen sind zur Dekoration des öffentlichen Raumes
verflacht. Das Lesenmüssen dieses Großgedruckten ist inflationär. Die
politische Korrektheitstapete ist so flach, wie Tapete eben ist. Das
verrät viel über unsere Zeit. Es gibt weniger gute Erziehung,
Selbstverständlichkeiten müssen groß gedruckt werden und Heerscharen
von Gutmenschen kommen zusammen um über Schilderinhalte zu
diskutieren. Der Bürger hat verlernt sich selbst zu wehren, ist
schnell beleidigt, psychologische Hilfe gibt es an jeder Ecke,
Persönlichkeit spielt man vor, jeder ist ja heute sehr wichtig, indem
man in die Klamotten anderer Persönlichkeiten schlüpft. Tommy Hilfiger
oder Boss oder Nike sind heute die Persönlichkeitsbildner.
Und so sieht unser Selbstbewusstsein auch aus. Ist nun Rassismus,
schlechte Sprache, sexuelle Anzüglichkeiten, nach all den aufgehängten
Schildern, weniger geworden? NEIN. Wenn ich als Kind „Scheiße“ sagte
war das auf Ausnahmen begrenzt, beispielsweise wenn ich mir mit
versehentlich einem Hammer auf den Daumen schlug. Heute ist „Fuck you,
Arschloch und Bimbo“ in der alltäglichen Umgangssprache angekommen.
Rassismus ist eher mehr geworden und sexuelle Anzüglichkeiten dienen
nach wie vor zur Profilierung ansonsten schwacher Typen.
All das, schönen Schildern zum Trotz.
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