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Begegnungen
der seltenen Art 2
Käpt'n Bilbo
Hugo Cyrill Kulp Baruch
Der Mann ist
dick und rund. Seine nackten Füße stecken in großen Filzlatschen, die
Hosen, auch zu groß, werden von breiten Hosenträgern gehalten. Der
Mann raucht Pfeife und sein Bart, schwarzgrau hängt auf seiner
mächtigen Brust. Er lehnt am Geländer im 1. Stock des Europa-Center,
dem neuen Zentrum Berlins, 1963 von Karl-Heinz Pepper erbaut. Wir
schreiben das Jahr 1966 und ich stehe an der Rolltreppe und denke
„soll ich, soll ich nicht“. Ich bin 17 Jahre alt. Also fasse ich mir
ein Herz und sage:
„Hallo Käpt’n, ich bin Robin Renitent. Ich möchte Sie kennen lernen
und sehen ob mein Vater recht hat. Der sagt Sie sind ein Spinner.“
Etwa 150 kg Lebendgewicht drehen sich rum und schauen auf mich
Schmalhans herab. Seine gütigen Augen mustern mich und er fängt an zu
lachen:
„So, sagt er das?“
Dann dreht er sich um und beobachtet wieder die Leute die in seine
Galerie gehen. Gegenüber dem Geländer, an dem wir Beide nun stehen.
„Warum sagt er das?“
kommt es aus dem Pfeifenqualm.
„Er hat mir letzten Jahr Ihr Buch weggenommen und sagt auf einen
jungen Menschen wie mich hätten Sie einen schlechten Einfluss.“
„Mmh“, brummt er,
„hat er das Buch gelesen?“
„Nö, drin geblättert“.
„Einfluss, eh",
brummt er,
„Einfluss. Was macht Dein Alter“
fragt er.
„Medizinmann“ sage ich und versuche unbekümmert zu wirken.
Käpt’n Jack Bilbo, wie er sich nennt, mit bürgerlichem Namen heißt er
Hugo Cyrill Kulp Baruch schiebt mich in die Galerie. Die hat er gerade
eröffnet und es hängen ausschließlich seine Bilder drin. Alles riesige
Schinken mit nackten Weibern. Alle von hinten. Die Popos sind große
runde Kreise in bunten Farben.
Popoismus heißt die von
Bilbo kreierte
neue Kunst und die Ausschnitte der Zeitungen, die sich damit ernsthaft
auseinander setzen, hängen an den Wänden.
Er schiebt mich weiter, hinter einen Vorhang, bietet mir einen Stuhl
an und fängt an mit mir zu reden. Ich bin aufgeregt, glücklich, fast
schwinden mir die Sinne. Der große Jack Bilbo. Wer war dieser Mann,
der mich, einen gerade der Spätpubertät Entwachsenden, so begeisterte?
Und den mein Vater für einen Spinner hielt.

Henry Miller sagt über ihn:
„Gott hat jeden Einzelnen von uns als Individuum geschaffen. , so hat
man uns gesagt. Aber es gibt nur einen so wie Jack Bilbo, und das ist
er selbst. Auch wer nur seine Fotografie gesehen hat, wird ihn nie
vergessen. Er ist eine Art Heiliger für die Seeleute, nur Güte und
Milde, aber Gott helfe dem, der seinen Zorn erregt! Dass er
Landstreicher, Globetrotter, Gangster, Anarchist, Seemann, Barbesitzer
und wer weiß was alles noch gewesen ist, verwundert nicht. Er war und
ist immer noch viel mehr als das. Er ist Mensch von Kopf bis Fuß, ein
Mann, der die Gerechtigkeit liebt, der an Vergebung glaubt, der Mörder
hasst - vor allen Dingen den Typ des »Nazi«, den geschworenen Feind
der Menschheit.“
Das war es nicht warum mein Vater Bilbos Einfluss fürchtete. Es war
die Tatsache, dass Bilbo mit 14 Jahren
von zu Hause ausgerissen war
und ein ein Abenteuerleben geführt hatte, dass ihn oft nur um Haaresbreite
überleben ließ. Klar das so was einen Heranwachsenden fasziniert. Mein
Vater hatte schlicht Angst, dass ich es Bilbo nachtun würde. Er hatte,
rückblickend nicht unrecht. Ich war für Einflüsse wie sie von Bilbo
ausgingen durchaus empfänglich.
"5000 Mark Belohnung zahle ich dem, der mir den
derzeitigen Aufenthaltsort meines Sohnes Hugo Baruch mitteilt oder ihn
mir zurückbringt«, stand auf dem rot umrandeten Plakat.
Ich stand davor und starrte auf das Bild des gesuchten Jungen.
Es war mein Bild! Und alles in der Beschreibung stimmte: die kräftige
Statur, die schwarzen Locken, der blau karierte Breechesanzug.
Ein böser Schreck fuhr mir in die Glieder. Langsam entfernte
ich mich von dem Plakat, das am Schwarzen Brett vor dem Gemeindeamt
hing. Ich befand mich in einem Dorf an der Elbe, auf halbem Weg zu
meinem Ziel, und dieses Ziel hieß Hamburg.
Dorthin wollte ich. Und dazu musste ich als erstes sofort meinen Namen
ändern, der Hugo Baruch musste ein für allemal verschwinden. Die
wunderbaren Geschichten von Jack London fielen mir ein: Da wusste ich,
dass ich fortan Jack heißen würde. Und mit Nachnamen? Das Wort
„Bilbao“ fiel mir ein; so hieß ein Schiff, das ich einmal in Rotterdam
gesehen hatte. Und dann dachte ich daran, dass „Baruch“ ein
hebräisches Wort ist, das „gesegnet“ bedeutet; so hatte es mir ein
jüdischer Religionslehrer erklärt, und er hatte hinzugefügt, dass ich
besser „Bilbo“ heißen müsse, „der Verfluchte“. Baruch - Bilbao — Bilbo
. . . Gut, beschloss ich, von jetzt an werde ich Jack Bilbo sein. Es
klang englisch, und Englisch war meine Muttersprache. Und sollten sie
mich jetzt einfangen, würde ich kein deutsches Wort über die Lippen
bringen. Bloß meine schwarzen Locken würden
mich verraten! Ich las also eine leere Bierflasche auf, zerschlug sie
und schor mir mit den Scherben den Kopf. Von
nun an wanderte ich nur nachts; am Tage schlief ich irgendwo unter
einem Busch. Ich zog mir Rüben aus dem Feld, meinen Durst stillte ich
mit schmutzigem Elbwasser. Ich war vierzehn
Jahre alt. Ich ahnte noch nicht, dass ich schon drei Jahre später
Leibgardist des Gangsterkönigs AI Capone sein würde und wiederum
später Barbesitzer, Blockadebrecher, Mitarbeiter beim britischen
Geheimdienst; dass ich gejagt werden würde von Hitlers Gestapo, vom
Pariser Polizeipräsidenten, von Franco - aber ein Gedanke beherrschte
mich schon damals: Nur nicht klein beigeben! Du musst es schaffen, und
du wirst es schaffen! Und schon damals handelte ich aus Protest gegen
eine Umwelt, die ich hasste und verachtete.
Wie war es dazu gekommen?
Wenn man mich heute, und das geschieht nicht selten, in neugieriger
und aufdringlicher Weise nach meiner Herkunft fragt, pflege ich zu
antworten: »Meine Mutter war die meist verlangte Hure eines Marseiller
Bordells und mein Vater Pförtner dieses illustren Hauses.« Das war ein
Scherz, doch er entfernt sich nicht weit von der Wahrheit. Denn die
Gesellschaftsschicht, in der ich aufwuchs, unterscheidet sich vom
Bordellmilieu nur durch ihren Reichtum, ihre Verlogenheit und das
öffentliche Ansehen, das sie genießt . . .
Geboren wurde ich am 13. April 1907 in einer Luxuswohnung am Berliner
Kurfürstendamm Nr. 61. Meine Mutter, verwandt mit dem Hause
Rothschild, stammt aus Kreisen der britischen Geldaristokratie. Die
Trauung meiner Eltern war ein Ereignis der Londoner Gesellschaft, an
dem das britische Königspaar, Eduard VII. und Königin Alexandra, und
ändere Mitglieder des Königshauses teilnahmen.
Mütterlicherseits bin ich nur auf einen einzigen Vorfahren stolz. Er
war Pirat und wurde in Liverpool gehängt. Mit noch größerem Stolz
erfüllt mich jedoch, dass ich vom Vater her in direkter Linie von
Baruch Spinoza abstamme, den ich für einen der größten Philosophen
aller Zeiten halte. Er schuf ein subtiles, differenziertes Denksystem
in Armut und Vereinsamung; er war einer der ersten Juden, den das
Judentum aus seinen Reihen ausstieß. Doch obwohl auch die Christen ihm
feindselig gegenüberstanden, hatte er die Kraft und den Mut, sich
selbst treu zu bleiben.“
Das war er, der Tellerwäscher, der Kostümbildner, der Tramp,
Leibwächter, Spion und Seemann, der Maler und Bildhauer und der
Restaurant- und Kneipenbesitzer. Jetzt saß ich mit ihm zusammen und
wir schwiegen. Draußen vor dem Vorhang hörten wir die Kommentare der
Besucher. Noch war die Pornowelle nicht angerollt, die Darstellung des
weibliches Körpers so explizit eine Provokation und die Kommentare
entsprechend. Manche sind wirklich lustig und wir kringeln uns vor
Lachen. Es gibt ein Einverständnis und ich freue mich dieses
Einverständnis mit ihm teilen zu dürfen. In diesem Jahr würde er 100
Jahre alt werden und würde er noch leben, würde er sich meiner
nicht erinnern.
In seinem reichen Leben war ich nur ein Sekundenhauch. Aber mich hat
er, Vater hin, Vater her, beeinflusst und die wenigen Stunden des
mehrmaligen Zusammenseins haben ihre Furchen in mich eingegraben. Vermutlich
belächelte er mich, sicherlich wohlwollend, auch wird er sich der
glühenden Bewunderung eines Jugendlichen nicht entzogen haben. Aber
jedes Wort was er sagte hatte das Gewicht von Tonnen, die
Bedeutungsschwere einer hochphilosophischen Aussage. Jedenfalls für
einen aufsaugenden Schwamm wie mich.
„Du hast nur ein Leben", sagt er,
"mach was draus.“
Das hatte mein Vater auch gesagt, aber da klang es anders.
Es war eine väterliche Ermahnung. Wo Bilbo es
sagt riecht es nach Abenteuer und der Aufforderung Sehnsüchte
umzusetzen. Das machte ich auch in den nächsten Jahren, ja in meinem
Leben, aber natürlich nicht so durchgängig wie Bilbo.
Mein Vater hatte
schon recht, ich war zu weich, zu ängstlich, zu eingebunden in den
Ablauf unserer, zu diesem Zeitpunkt noch harmonischen, Familie. Sicher,
Bilbo war nur ein Hauch der mich streifte, ich hatte mich, durch das
auf ihn Zugehen, in seinen Hauch gestellt, aber seine Persönlichkeit
war umwerfend und konnte dann vorbildhaft sein, wenn man nicht
Postbote, Finanzbeamter oder Rechtsanwalt werden wollte.
Gemessen an den heutigen prominenten Witzfiguren war er Urgestein. Er
hatte was zu sagen, etwas das prägte. Bilbo war kein Sprücheklopfer
und kein Lästermaul. Einen Bohlen hätte er vermutlich mit Verachtung
gestraft, so do I. Aber es war noch etwas anderes, was Bilbo in dieser
Zeit ausmachte, was mich, schon damals begann zu faszinieren.
Anarchismus war nach seinem Verständnis nicht links im Sinne der RAF,
wie der Begriff von ihr okkupiert und umgesetzt wurde. Bilbo war ein
klassischer Anarchist dessen Staatsferne und Ablehnung staatlicher
Autorität nicht ideologisch gesteuert war. Er hätte, hätte es den
Begriff damals schon gegeben ein radikaler Libertärer sein können.
Unvorstellbar, dass Bilbo Arbeitslosenunterstützung beantragt hätte,
zum Kostgänger der Wohlfahrt geworden wäre. Er war
unabhängig, er war ideenreich. Er war Idee und er lebte
Idee. Ideologische Krücken brauchte er nicht, er war
straight forward und was er sich vornahm setzte er um. Gut das es zu
dieser Zeit noch nicht den Begriff Politcall Correctness gab. Er würde
auch heute noch, oder gerade wieder, zwischen allen Stühlen sitzen und
sowohl den Hass der Linken wie der Rechten auf sich ziehen.
Sozialismus war allenfalls ein anderes Wort für Güte, menschliche
Wärme, Hilfestellung. Um wirklich Sozialist zu sein liebte er das
Leben zu sehr.
Das THG-Lexikon schreibt über ihn:
„Jack Bilbo wurde von den Nationalsozialisten als Antifaschist und
Jude verfolgt. 1933 gelang ihm trotz Folterungen die Flucht über
Frankreich nach Mallorca und später Barcelona, wo er die "SOS-Bar"
eröffnete, ins Spanische Exil. Er beteiligte sich als Anarchist am
Spanischen Bürgerkrieg. Nach dem Scheitern der Revolution gelang ihm
die Flucht nach London. Hier begann er eine Karriere als Maler. Zu
Kriegsbeginn wurde er für einige Monate interniert, u.a. auf der Isle
of Man. Nach der Entlassung eröffnete er mitten im Krieg, im Oktober
1941, zusammen mit seiner Frau die The Modern Art Gallery in der Baker
Street. In der Baker Street entwickelte sich schnell ein bekannter
Treffpunkt für Ausstellungen, Diskussionen und Lesungen, zu deren
engerer Kreis bald u.a. Kurt Schwitters, Hein Heckroth und Jankel
Adler gehörten. Neben einer Ausstellung die allein Kunstwerke aus Müll
darstellte, veranstaltete die Modern Art Gallery die erste Ausstellung
nur für Künsterinnen. Als die Räumlichkeiten zu eng wurden, zog die
Modern Art Gallery um in die Charles III Street. Nach dem Krieg zog
Bilbo nach Weybridge und eröffnete dort eine Galerie. Nach dem Krieg
bereiste er Frankreich und fasst in den 50er-Jahren den Entschluss,
zusammen mit seiner Frau wieder zurück nach Berlin, in seiner
Geburtstadt zu ziehen.
Zwei Männer haben mich in meinem Leben geprägt. Natürlich
mein Vater,
der sich mehr als 20 Jahre Mühe gab aus mir einen akzeptablen Menschen
zu machen. Für diese Anstrengung bin ich ihm unendlich dankbar, ob
sein Engagement etwas gefruchtet hat mögen andere beurteilen. Und
Käpt’n Bilbo hatte in sofern Einfluss auf mich, als er der Gegenpol
zur väterlichen Autorität war, zunächst in seinem
Buch, und in den wenigen Stunden des
Zusammenseins mit ihm, in denen
meine Sinne besonders geschärft waren. Ich habe
Bilbo mehrmals besucht. Er war nicht überschwänglich, aber immer
freundlich. Wenn wir in der Galerie waren hatte er Zeit für mich, die
wenigen Male in der Kneipe, "Käpt'n Bilbos
Hafenspelunke" weniger. Ich war ein grüner Junge für ihn.
Das ich ihn bewunderte ist ihm sicher nicht entgangen. Ich bin
dankbar, dass er einige Lidschläge seines Lebens Zeit für mich hatte.
Ein Jahr später, 1967, las ich in der Zeitung von seinem Tod. Sein
Buch, längst vergriffen, ist ein gehüteter Schatz.:
Käpt’n Bilbo – Rebell aus Leidenschaft
Ein Leben für das Abenteuer
Journalist: „Es freut mich, Sie kennenzulernen, Käpt'n Bilbo!“
Bilbo: „Wer freut sich nicht, mich kennen zu lernen.“
Journalist: „Wollen Sie noch einmal um die Welt fahren?“
Bilbo: „Nein. Jetzt lasse ich die Welt um mich fahren.“
Journalist: „Die ganze Welt ist begeistert von Ihnen.“
Bilbo: „Ja, ich bin geradezu entzückt von mir.“
Journalist: „Wo sind Sie geboren?“
Bilbo: „Im Bett.“
Journalist: „Finden Sie, dass Sie ein großer Maler sind?“
Bilbo: „Wenn ich jetzt ja sage, so bin ich unbescheiden - und wenn ich
nein sage, bin ich ein Lügner.“
Journalist: „Was halten Sie von der Politik?“
Bilbo: „Gar nichts.“
Journalist: „Welche Kunst hat Ihrer Meinung nach den höchsten Wert?“
Bilbo: „Die Kunst des Schweigens.“
Alle Zitate aus Käpt’n Bilbo – Rebell aus
Leidenschaft,
Goldmanns Gelbe Taschenbücher # 1639/1640, erschienen
1965

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