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Robin Renitent19.  Januar 2007

   

 

We seem to have overcome

Soviet fascism, though the heirs

of Nazi-fascism live; but the biggest threat

to freedom lies

in Islamic fascism.

 

  Freedom is not

self-evident. 

 

We are at war – and we have to defend ourselves. 

 For the sake of

our children.

 

   
 

Begegnungen der seltenen Art  2

Käpt'n Bilbo

Hugo Cyrill Kulp Baruch
Der Mann ist dick und rund. Seine nackten Füße stecken in großen Filzlatschen, die Hosen, auch zu groß, werden von breiten Hosenträgern gehalten. Der Mann raucht Pfeife und sein Bart, schwarzgrau hängt auf seiner mächtigen Brust. Er lehnt am Geländer im 1. Stock des Europa-Center, dem neuen Zentrum Berlins, 1963 von Karl-Heinz Pepper erbaut. Wir schreiben das Jahr 1966 und ich stehe an der Rolltreppe und denke „soll ich, soll ich nicht“. Ich bin 17 Jahre alt. Also fasse ich mir ein Herz und sage:

„Hallo Käpt’n, ich bin Robin Renitent. Ich möchte Sie kennen lernen und sehen ob mein Vater recht hat. Der sagt Sie sind ein Spinner.“

Etwa 150 kg Lebendgewicht drehen sich rum und schauen auf mich Schmalhans herab. Seine gütigen Augen mustern mich und er fängt an zu lachen:
„So, sagt er das?“
Dann dreht er sich um und beobachtet wieder die Leute die in seine Galerie gehen. Gegenüber dem Geländer, an dem wir Beide nun stehen.
„Warum sagt er das?“ kommt es aus dem Pfeifenqualm.
„Er hat mir letzten Jahr Ihr Buch weggenommen und sagt auf einen jungen Menschen wie mich hätten Sie einen schlechten Einfluss.“
„Mmh“, brummt er, „hat er das Buch gelesen?“
„Nö, drin geblättert“.
„Einfluss, eh", brummt er, „Einfluss. Was macht Dein Alter“ fragt er.
„Medizinmann“ sage ich und versuche unbekümmert zu wirken.

Käpt’n Jack Bilbo, wie er sich nennt, mit bürgerlichem Namen heißt er Hugo Cyrill Kulp Baruch schiebt mich in die Galerie. Die hat er gerade eröffnet und es hängen ausschließlich seine Bilder drin. Alles riesige Schinken mit nackten Weibern. Alle von hinten. Die Popos sind große runde Kreise in bunten Farben. Popoismus heißt die von Bilbo kreierte neue Kunst und die Ausschnitte der Zeitungen, die sich damit ernsthaft auseinander setzen, hängen an den Wänden.

Er schiebt mich weiter, hinter einen Vorhang, bietet mir einen Stuhl an und fängt an mit mir zu reden. Ich bin aufgeregt, glücklich, fast schwinden mir die Sinne. Der große Jack Bilbo. Wer war dieser Mann, der mich, einen gerade der Spätpubertät Entwachsenden, so begeisterte? Und den mein Vater für einen Spinner hielt.

Henry Miller
sagt über ihn:
„Gott hat jeden Einzelnen von uns als Individuum geschaffen. , so hat man uns gesagt. Aber es gibt nur einen so wie Jack Bilbo, und das ist er selbst. Auch wer nur seine Fotografie gesehen hat, wird ihn nie vergessen. Er ist eine Art Heiliger für die Seeleute, nur Güte und Milde, aber Gott helfe dem, der seinen Zorn erregt! Dass er Landstreicher, Globetrotter, Gangster, Anarchist, Seemann, Barbesitzer und wer weiß was alles noch gewesen ist, verwundert nicht. Er war und ist immer noch viel mehr als das. Er ist Mensch von Kopf bis Fuß, ein Mann, der die Gerechtigkeit liebt, der an Vergebung glaubt, der Mörder hasst - vor allen Dingen den Typ des »Nazi«, den geschworenen Feind der Menschheit.“

Das war es nicht warum mein Vater Bilbos Einfluss fürchtete. Es war die Tatsache, dass Bilbo mit 14 Jahren von zu Hause ausgerissen war und ein ein Abenteuerleben geführt hatte, dass ihn oft nur um Haaresbreite überleben ließ. Klar das so was einen Heranwachsenden fasziniert. Mein Vater hatte schlicht Angst, dass ich es Bilbo nachtun würde. Er hatte, rückblickend nicht unrecht. Ich war für Einflüsse wie sie von Bilbo ausgingen durchaus empfänglich.

"5000 Mark Belohnung zahle ich dem, der mir den derzeitigen Aufenthaltsort meines Sohnes Hugo Baruch mitteilt oder ihn mir zurückbringt«, stand auf dem rot umrandeten Plakat. Ich stand davor und starrte auf das Bild des gesuchten Jungen. Es war mein Bild! Und alles in der Beschreibung stimmte: die kräftige Statur, die schwarzen Locken, der blau karierte Breechesanzug. Ein böser Schreck fuhr mir in die Glieder. Langsam entfernte ich mich von dem Plakat, das am Schwarzen Brett vor dem Gemeindeamt hing. Ich befand mich in einem Dorf an der Elbe, auf halbem Weg zu meinem Ziel, und dieses Ziel hieß Hamburg. Dorthin wollte ich. Und dazu musste ich als erstes sofort meinen Namen ändern, der Hugo Baruch musste ein für allemal verschwinden. Die wunderbaren Geschichten von Jack London fielen mir ein: Da wusste ich, dass ich fortan Jack heißen würde. Und mit Nachnamen? Das Wort „Bilbao“ fiel mir ein; so hieß ein Schiff, das ich einmal in Rotterdam gesehen hatte. Und dann dachte ich daran, dass „Baruch“ ein hebräisches Wort ist, das „gesegnet“ bedeutet; so hatte es mir ein jüdischer Religionslehrer erklärt, und er hatte hinzugefügt, dass ich besser „Bilbo“ heißen müsse, „der Verfluchte“. Baruch - Bilbao — Bilbo . . . Gut, beschloss ich, von jetzt an werde ich Jack Bilbo sein. Es klang englisch, und Englisch war meine Muttersprache. Und sollten sie mich jetzt einfangen, würde ich kein deutsches Wort über die Lippen bringen. Bloß meine schwarzen Locken würden mich verraten! Ich las also eine leere Bierflasche auf, zerschlug sie und schor mir mit den Scherben den Kopf. Von nun an wanderte ich nur nachts; am Tage schlief ich irgendwo unter einem Busch. Ich zog mir Rüben aus dem Feld, meinen Durst stillte ich mit schmutzigem Elbwasser. Ich war vierzehn Jahre alt. Ich ahnte noch nicht, dass ich schon drei Jahre später Leibgardist des Gangsterkönigs AI Capone sein würde und wiederum später Barbesitzer, Blockadebrecher,  Mitarbeiter beim britischen Geheimdienst; dass ich gejagt werden würde von Hitlers Gestapo, vom Pariser Polizeipräsidenten, von Franco - aber ein Gedanke beherrschte mich schon damals: Nur nicht klein beigeben! Du musst es schaffen, und du wirst es schaffen! Und schon damals handelte ich aus Protest gegen eine Umwelt, die ich hasste und verachtete.
Wie war es dazu gekommen?


Wenn man mich heute, und das geschieht nicht selten, in neugieriger und aufdringlicher Weise nach meiner Herkunft fragt, pflege ich zu antworten: »Meine Mutter war die meist verlangte Hure eines Marseiller Bordells und mein Vater Pförtner dieses illustren Hauses.« Das war ein Scherz, doch er entfernt sich nicht weit von der Wahrheit. Denn die Gesellschaftsschicht, in der ich aufwuchs, unterscheidet sich vom Bordellmilieu nur durch ihren Reichtum, ihre Verlogenheit und das öffentliche Ansehen, das sie genießt . . .


Geboren wurde ich am 13. April 1907 in einer Luxuswohnung am Berliner Kurfürstendamm Nr. 61. Meine Mutter, verwandt mit dem Hause Rothschild, stammt aus Kreisen der britischen Geldaristokratie. Die Trauung meiner Eltern war ein Ereignis der Londoner Gesellschaft, an dem das britische Königspaar, Eduard VII. und Königin Alexandra, und ändere Mitglieder des Königshauses teilnahmen.


Mütterlicherseits bin ich nur auf einen einzigen Vorfahren stolz. Er war Pirat und wurde in Liverpool gehängt. Mit noch größerem Stolz erfüllt mich jedoch, dass ich vom Vater her in direkter Linie von Baruch Spinoza abstamme, den ich für einen der größten Philosophen aller Zeiten halte. Er schuf ein subtiles, differenziertes Denksystem in Armut und Vereinsamung; er war einer der ersten Juden, den das Judentum aus seinen Reihen ausstieß. Doch obwohl auch die Christen ihm feindselig gegenüberstanden, hatte er die Kraft und den Mut, sich selbst treu zu bleiben.“

 

Das war er, der Tellerwäscher, der Kostümbildner, der Tramp, Leibwächter, Spion und Seemann, der Maler und Bildhauer und der Restaurant- und Kneipenbesitzer. Jetzt saß ich mit ihm zusammen und wir schwiegen. Draußen vor dem Vorhang hörten wir die Kommentare der Besucher. Noch war die Pornowelle nicht angerollt, die Darstellung des weibliches Körpers so explizit eine Provokation und die Kommentare entsprechend. Manche sind wirklich lustig und wir kringeln uns vor Lachen. Es gibt ein Einverständnis und ich freue mich dieses Einverständnis mit ihm teilen zu dürfen. In diesem Jahr würde er 100 Jahre alt werden und würde er noch leben, würde er sich meiner nicht erinnern. In seinem reichen Leben war ich nur ein Sekundenhauch. Aber mich hat er, Vater hin, Vater her, beeinflusst und die wenigen Stunden des mehrmaligen Zusammenseins haben ihre Furchen in mich eingegraben. Vermutlich belächelte er mich, sicherlich wohlwollend, auch wird er sich der glühenden Bewunderung eines Jugendlichen nicht entzogen haben. Aber jedes Wort was er sagte hatte das Gewicht von Tonnen, die Bedeutungsschwere einer hochphilosophischen Aussage. Jedenfalls für einen aufsaugenden Schwamm wie mich.


„Du hast nur ein Leben", sagt er, "mach was draus.“

 

Das hatte mein Vater auch gesagt, aber da klang es anders. Es war eine väterliche Ermahnung. Wo Bilbo es sagt riecht es nach Abenteuer und der Aufforderung Sehnsüchte umzusetzen. Das machte ich auch in den nächsten Jahren, ja in meinem Leben, aber natürlich nicht so durchgängig wie Bilbo. Mein Vater hatte schon recht, ich war zu weich, zu ängstlich, zu eingebunden in den Ablauf unserer, zu diesem Zeitpunkt noch harmonischen, Familie. Sicher, Bilbo war nur ein Hauch der mich streifte, ich hatte mich, durch das auf ihn Zugehen, in seinen Hauch gestellt, aber seine Persönlichkeit war umwerfend und konnte dann vorbildhaft sein, wenn man nicht Postbote, Finanzbeamter oder Rechtsanwalt werden wollte.

Gemessen an den heutigen prominenten Witzfiguren war er Urgestein. Er hatte was zu sagen, etwas das prägte. Bilbo war kein Sprücheklopfer und kein Lästermaul. Einen Bohlen hätte er vermutlich mit Verachtung gestraft, so do I. Aber es war noch etwas anderes, was Bilbo in dieser Zeit ausmachte, was mich, schon damals begann zu faszinieren. Anarchismus war nach seinem Verständnis nicht links im Sinne der RAF, wie der Begriff von ihr okkupiert und umgesetzt wurde. Bilbo war ein klassischer Anarchist dessen Staatsferne und Ablehnung staatlicher Autorität nicht ideologisch gesteuert war. Er hätte, hätte es den Begriff damals schon gegeben ein radikaler Libertärer sein können. Unvorstellbar, dass Bilbo Arbeitslosenunterstützung beantragt hätte, zum Kostgänger der Wohlfahrt geworden wäre. Er war unabhängig, er war ideenreich. Er war Idee und er lebte Idee. Ideologische Krücken brauchte er nicht, er war straight forward und was er sich vornahm setzte er um. Gut das es zu dieser Zeit noch nicht den Begriff Politcall Correctness gab. Er würde auch heute noch, oder gerade wieder, zwischen allen Stühlen sitzen und sowohl den Hass der Linken wie der Rechten auf sich ziehen. Sozialismus war allenfalls ein anderes Wort für Güte, menschliche Wärme, Hilfestellung. Um wirklich Sozialist zu sein liebte er das Leben zu sehr.

Das THG-Lexikon schreibt über ihn: „Jack Bilbo wurde von den Nationalsozialisten als Antifaschist und Jude verfolgt. 1933 gelang ihm trotz Folterungen die Flucht über Frankreich nach Mallorca und später Barcelona, wo er die "SOS-Bar" eröffnete, ins Spanische Exil. Er beteiligte sich als Anarchist am Spanischen Bürgerkrieg. Nach dem Scheitern der Revolution gelang ihm die Flucht nach London. Hier begann er eine Karriere als Maler. Zu Kriegsbeginn wurde er für einige Monate interniert, u.a. auf der Isle of Man. Nach der Entlassung eröffnete er mitten im Krieg, im Oktober 1941, zusammen mit seiner Frau die The Modern Art Gallery in der Baker Street. In der Baker Street entwickelte sich schnell ein bekannter Treffpunkt für Ausstellungen, Diskussionen und Lesungen, zu deren engerer Kreis bald u.a. Kurt Schwitters, Hein Heckroth und Jankel Adler gehörten. Neben einer Ausstellung die allein Kunstwerke aus Müll darstellte, veranstaltete die Modern Art Gallery die erste Ausstellung nur für Künsterinnen. Als die Räumlichkeiten zu eng wurden, zog die Modern Art Gallery um in die Charles III Street. Nach dem Krieg zog Bilbo nach Weybridge und eröffnete dort eine Galerie. Nach dem Krieg bereiste er Frankreich und fasst in den 50er-Jahren den Entschluss, zusammen mit seiner Frau wieder zurück nach Berlin, in seiner Geburtstadt zu ziehen.

Zwei Männer haben mich in meinem Leben geprägt. Natürlich mein Vater, der sich mehr als 20 Jahre Mühe gab aus mir einen akzeptablen Menschen zu machen. Für diese Anstrengung bin ich ihm unendlich dankbar, ob sein Engagement etwas gefruchtet hat mögen andere beurteilen. Und Käpt’n Bilbo hatte in sofern Einfluss auf mich, als er der Gegenpol zur väterlichen Autorität war, zunächst in seinem Buch,  und in den wenigen Stunden des Zusammenseins mit ihm, in denen meine Sinne besonders geschärft waren. Ich habe Bilbo mehrmals besucht. Er war nicht überschwänglich, aber immer freundlich. Wenn wir in der Galerie waren hatte er Zeit für mich, die wenigen Male in der Kneipe, "Käpt'n Bilbos Hafenspelunke" weniger. Ich war ein grüner Junge für ihn. Das ich ihn bewunderte ist ihm sicher nicht entgangen. Ich bin dankbar, dass er einige Lidschläge seines Lebens Zeit für mich hatte. Ein Jahr später, 1967, las ich in der Zeitung von seinem Tod. Sein Buch, längst vergriffen, ist ein gehüteter Schatz.:

 

Käpt’n Bilbo – Rebell aus Leidenschaft

Ein Leben für das Abenteuer

Journalist: „Es freut mich, Sie kennenzulernen, Käpt'n Bilbo!“
Bilbo: „Wer freut sich nicht, mich kennen zu lernen.“
Journalist: „Wollen Sie noch einmal um die Welt fahren?“
Bilbo: „Nein. Jetzt lasse ich die Welt um mich fahren.“
Journalist: „Die ganze Welt ist begeistert von Ihnen.“
Bilbo: „Ja, ich bin geradezu entzückt von mir.“
Journalist: „Wo sind Sie geboren?“
Bilbo: „Im Bett.“
Journalist: „Finden Sie, dass Sie ein großer Maler sind?“
Bilbo: „Wenn ich jetzt ja sage, so bin ich unbescheiden - und wenn ich nein sage, bin ich ein Lügner.“
Journalist: „Was halten Sie von der Politik?“
Bilbo: „Gar nichts.“
Journalist: „Welche Kunst hat Ihrer Meinung nach den höchsten Wert?“
Bilbo: „Die Kunst des Schweigens.“

Alle Zitate aus Käpt’n Bilbo – Rebell aus Leidenschaft,

Goldmanns Gelbe Taschenbücher # 1639/1640, erschienen 1965

 

 

 
   

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Foto 1: Goldmann, Foto 2: http://www.merzmail.net/jackbilbo.htm 

Foto 3:http://www.sandrahiggins.com/stock/objet/bilbo/bilbo001.htm

         
 

     

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