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Begegnungen der seltenen Art
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Die Suchende
- Auntie M.
Wenn ich am Strand von Virginia
Beach oder Cocoa Beach sitze werde ich gelegentlich von
merkwürdigen Marsmenschen umkreist. Sie tragen Kopfhörer, haben eine
lange Stange mit einem Blechteller am Ende in der rechten Hand
und eine kleine Tasche in der Linken. Auf dem Handgelenk oder am
Oberarm hängt oft noch ein kleines Gerät mit Zeigern. Sie laufen
barfuß und in Shorts den Strand auf und ab, um die Badegäste herum und
schwenken ständig ihren Blechteller über dem Sandboden. Es sind keine
Marsmenschen, sondern Erdbewohner, Sucher. Sie suchen den
Strand nach Metall ab. Nein, nicht nach den Tretminen die Terroristen
nachts verbuddelten um unschuldige Badegäste in die Luft zu sprengen.
Nach Cent oder Dollar, die aus Badetaschen fielen.
Armbanduhren oder verlorenen Eheringen. Mir kommt das ja
reichlich albern vor und die meisten Sucher sehen denn auch etwas
schräg aus. Typ Nerd, also Depp, ohne Freundin im Arm,
Einzelgänger, aber dafür sich wahnsinnig über 10 Cent freuend. Alle
auf dem Weg zum Multimillionär. Das sind die Sucher nach
anfassbarer Materie. Es gibt aber auch Sucher und Sucherinnen nach
Geistigem, nee, nicht nach ner Whiskyflasche, nach dem Sinn des
Lebens. Die hängen nicht am Strand rum, sondern hängen vorm PC und
surfen.
So eine Sucherin habe ich kennengelernt. Ich habe von ihr 300
Emails erhalten und alle brav beantwortet. Macht 600 in meinem
Ordner. Ich habe sie sogar getroffen, ihren Mann auch, und wir
haben, meine Frau, meine Kinder, die Sucherin und ihr Mann, einen
zauberhaften Nachmittag in Zürich verbracht. Sie war klug, sie war
hübsch, sie war aufgeschlossen, sie war charmant, sie war hilfsbereit.
Wir sind echt angetan.
In ihrer ersten Email, Monate zuvor, befragte sie mich intensiv,
nachdem sie auf unsere Webpage gestoßen war, über Libertarismus,
Eigenverantwortung, Religion und, Zitat:
„Haben Sie den Eindruck, in den
USA besser - freier - leben zu können als in Deutschland? Finden
Sie Gleichgesinnte?“
und weiter
„Zusammen waren mein Mann und
ich dann auch einige Jahre lang als Unternehmer erfolgreich; wir sind
ein glückliches, kinderloses Ehepaar. Wir haben aber ein 'Problem',
für welches wir bisher keine Lösung gefunden haben: Wir fühlen uns
einsam.“
Das sind komplexe Fragen und natürlich antworte ich entsprechend
ernsthaft. Das mit der Einsamkeit tut mir leid, war ich doch in
der Zeit zwischen meinen Ehen auch mal einsam und weiß wie schön es
ist Gemeinsamkeiten zu teilen. Und natürlich ist es schwerer als
Erwachsener eine Freundschaft zu beginnen, Kindern gelingt das
schneller: Mein Sohn Alexander, 11:
„Papa ich habe einen neuen
Freund.“
„Wie lange kennt Du ihn?“
„Er ist der Neue, er kam heute in unsere Klasse…“
Doch zurück zur Sucherin. Inzwischen sind Monate vergangen, wir
haben zig Emails getauscht, uns einmal in Europa getroffen und die
wesentlichen Fragen über unsere jeweiligen Lebensauffassungen wurden
hinreichend ventiliert. Unsere Sucherin hatte es da leichter
als wir, stellen wir uns doch auf unseren Seiten bewusst recht offen
dar, weder unsere Auffassungen, noch das was wir so treiben ist ein
Geheimnis. Das was wir geheim halten wollen kommt nicht auf die Page,
aber dennoch ist es eine offenere (Selbst-) Darstellung als üblich.
Von ihr wissen wir im Wesentlichen was sie uns schreibt und wir haben
keine Veranlassung dem Geschriebenen nicht zu glauben. Sie hat vieles
probiert in ihrem Leben, war immer auf der Suche nach Erfüllung
und Erkenntnis. Sie war Mitglied einer Sekte, hat sich für
diverse Ideen interessiert und sich ihnen genähert. Also denke ich
mir, wir könnten ihr helfen ihre Suche nun zu beenden, schließlich ist
sie schon 38, und ihr einen festen spirituellen Ankerplatz
vorschlagen um ihrem schlingernden Schiff einen sicheren Hafen zu
bieten. So mache ich ihr Vorschläge, sende ihr Bücherlisten,
rege an Mises und Hoppe,
Lew Rockwell oder Roland Baader
zu lesen. Beispielsweise. Ich schreibe von der Untrennbarkeit der
libertären Idee mit der Beschäftigung der Austrian School of
Economics, vom Goldstandard. Wie man so was praktisch
lebt und nicht nur als Kopfwurm mit sich rumträgt. Ich lege mich
ins Zeug und komme mir vor wie ein Sportlehrer, der jemandem über den
Bock helfen will.
Aber auch unsere Sucherin ist nicht ohne. Sie entdeckt unsere Kinder
und macht auf Tante. Sie sendet unseren Kindern
einige zig
DVD’s, Süßigkeiten, Bastelbögen, Bücher. Für unsere Kinder, die so was
nie erlebt haben, brechen wonnige Zeiten an. Es ist nicht der
materielle Wert, der ist erheblich, es ist die Geste und die
löst im ganzen Haus Freude aus.
Nur in den Libertarismus vertieft sie sich nicht, sie
liest nicht Mises, nicht Hoppe und Baader legt sie schnell beiseite.
Das EF-Magazin kündigt sie wieder. Alle Argumente der
vorgeschlagenen Libertären zerpflückt sie, der Goldstandard
überzeugt sie nicht, sie ärgert sich über libertäre Foren. Sie
sucht und surft und schwenkt ihren Blechteller über den
libertären Boden oder was sie dafür hält. Sie zieht sich die
modische Jacke „libertär“ an, aber sie füttert sie nicht mit
Inhalt. Sie bleibt auf der Suche.
Inzwischen ist sie für unsere Kinder zu Auntie M. mutiert. Wir
Erwachsenen werden skeptisch. Angesichts der Geschenkfülle, aber der
Widersprüchlichkeit in ihren schriftlichen Äußerungen, ihrer
herauslesbaren Ruhelosigkeit, ihren Sprunghaftigkeit bei der
Entwicklung neuer Ideen, erwarte ich schon nach wenigen Monaten einen
Crash. Es wird immer mehr offensichtlich, dass Auntie M.
unfähig ist dauerhaft soziale Bezüge herzustellen, Freundschaften zu
pflegen, die Kanten und Ecken anderer, vielleicht trotzdem
liebenswerter Menschen zu ertragen. Sie ist, das ist aus ihren
Schilderungen ersichtlich, hyperkritisch, sie findet garantiert die
Erbse unter der 7. Matratze.
So kommt mir ihre Monate zuvor gestellte Eingangsfrage immer
plausibler vor:
„Finden Sie Gleichgesinnte?
Wir fühlen uns einsam“.
No wonder. Ihre ständige Suche nach Tiefgang, ihre Sehnsucht nach
Gewichtigem wird von angesteuerten Freunden nicht ausreichend
erwidert. Nicht jeder will dauernd in höheren Spähren schweben.
Gleichzeitig verhindert ihre eigene spirituelle Oberflächlichkeit
den Gang in die Tiefe, die sie sich so sehnlich wünscht.
So kommt es, für mich vorhersehbar und erwartet, nach 10
Monaten zu Aus. Ein
flapsiger Beitrag auf diesem Blog macht ihr
schlagartig klar:
„Warst Du nüchtern beim
Verfassen? - Wie auch immer: Er ist zutiefst beleidigend gegenüber
jeder Frau. Er vermittelt den Eindruck, als sei Dein Frauenbild auf
dem Stand der 1950er-Jahre stehen geblieben, als die Frau etwa auf der
Stufe eines Haustieres stand und unter Männern noch darüber diskutiert
wurde, ob eine Frau überhaupt ein Gehirn besitzt oder bloß eine
Scheide.“ …. „Du merkst offensichtlich nicht, dass Du Dich selbst als
abgrundtief primitiv hinstellst, wenn Du solche Dinge schreibst.“
Selbst der ungeübteste Leser kann ja merken,
und ohne mich zu kennen, dass im Gesamtzusammenhang mit
"Fleischeinlage", "Soßenkelle statt Hände" etc. es sich um eine
humorige Rezeptvariante handelt. Die
ja im Grunde genau das Gegenteil von meiner tatsächlich gedachten,
täglich vorbildhaft vorgelebten, und lebenslang praktizierten
Verhaltensweise darstellt. Es ist SATIRE. Wenn ich aber an
SATIRE erst "Satiren an" und Satire aus" schreiben muss ist es keine
mehr. Das schreibe ich ihr und denke mir, solche Flapsigkeiten
sollte eine Freundschaft schon aushalten. Und
denke an die Freunde die wir bereits seit 20 Jahren haben und
die es bisher geschafft haben mich zu ertragen. Aber nein, sie
schreibt:
„Das Thema Libertarismus war die
Basis, über die wir uns ursprünglich kennen gelernt haben. Seit diese
Basis entfallen ist, hat sich für mich herauskristallisiert, dass es
sehr schwierig ist, nur über E-Mail eine persönliche Beziehung zu
unterhalten. Und dass auch wenig Gemeinsamkeiten vorhanden sind.
Ich
möchte deshalb auf einen weiteren Kontakt verzichten.“
Auntie M. wird eine Suchende bleiben. Sie wird surfen, Emails
schreiben und posten. Sie wird 10 Cent Stücke finden, aber der
Schatz wird ihr versagt bleiben: Eine in der Tiefe erfasste
Idee und eine wirklich nahe und verbindende Freundschaft.
Sie wird einsam bleiben, eine Gefangene ihrer
Intoleranz, ihrer Humorlosigkeit und ihres Unvermögens andere Menschen
in ihrer Unvollkommenheit zu akzeptieren. Und
so bleibt mir nichts, als ihr zu schreiben:
„Wir werden, nein, wir können
uns ja nicht austauschen. Wir können nur versuchen das Beste für uns
als Individuen zu machen. Und das machen wir. Mit geradezu
lustvoller Ungezwungenheit, Unkonventionalität und unbändiger Freude
am Leben.“
Und zu meiner Frau sage ich:
Hoffentlich findet sie nicht eines
Tages einen Koran und konvertiert zum Islam. |
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