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Begegnungen der seltenen Art
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Mit der STASI auf Du
Wenn mal anfängt sich
mit seinen Erinnerungen zu beschäftigen kommt man aus dem
Staunen nicht mehr raus. Ist das alles tatsächlich einem selbst
passiert. Man schaut zur Seite und sieht sich und das Erlebte wie in
einem Daumenkino immer wieder und wieder ablaufen. Manche Geschichten
hat man zwar verarbeitet, aber dennoch bleiben sie unerklärlich. Eine
solche Geschichte ist die von Hans-Joachim Hoffmann. Ich habe
den Namen bewusst nicht geändert. Denn ich sehe nicht ein,
warum man bei einem Stasimitarbeiter Rücksicht nehmen sollte, hat er
Rücksichten genommen? Damals, als es noch 2 Deutschlands gab?
Wir schreiben das Jahr 1976. Ich nehme einen vorübergehenden
kaufmännischen Job in einer Berliner Firma an. Es war übrigens die
einzige Zeit in meinem Leben in der ich fremdbestimmt gearbeitet habe.
Ich bekomme einen Schreibtisch in einem Büro, mir gegenüber sitzt ein
junger Mann namens Hans-Joachim Hoffmann. Ich finde ihn sehr
nett und, wie sich noch herausstellen wird, auch sehr
kameradschaftlich gegenüber nachgeordneten Mitarbeitern. Zum Beispiel
schützt er Zuspätkommer und Unzuverlässige, bzw. Arbeiter die am
Wochenende etwas zu viel gepichelt haben. Mehrmals fährt er zu denen
nach Hause und holt sie zur Arbeit um ihnen Schwierigkeiten zu
ersparen. Insofern gilt der Spruch: „Der Hoffmann ist in Ordnung!“
Merkwürdig nur, dass er wie ein Legastheniker schreibt. Auch die
Handschrift eine Katastrophe.
Wir unterhalten uns, wenn wir gerade mal nicht arbeiten, über
Fotografie, mein Hobby, und über Politik, mein Leben und meine
Leidenschaft. Von Fotografie hat er keine Ahnung – sagt er. Und
Politik interessiere ihn nur am Rande. Aber er habe einen Wohnwagen in
Kiefersfelden und da fahre er am Wochenende immer hin. Da ich
mein Auto verkauft habe und mit der S-Bahn vom Lehrter Bahnhof
nach Frohnau fahre begleitet mich die Mauer auf großen
Streckenabschnitten, auch muss ich täglich am Bahnhof Friedrichstrasse
umsteigen. Es kommt, wie es kommen muss. Ich lasse keine Gelegenheit
aus auf die „DDR“ zu schimpfen, von der Unmenschlichkeit des
Sozialismus im Allgemeinen und dem verkorksten „dort drüben“
, dem Verbrechen Menschen einzusperren und mache mich
ausdauernd über die Gerontokraten um Erich und Konsorten
lustig. Das ich dabei nicht gerade sanft formuliere mag man mir
glauben. Hoffmann erträgt alles mit stoischer Ruhe und, obwohl er
keine direkte Stellung bezieht, höre ich doch gelegentlich Zustimmung
heraus. Glaube ich jedenfalls. Was anderes als die Zustimmung ist in
West-Berlin ja auch nicht zu erwarten.
Zu dem Zeitpunkt haben meine damalige Frau und ich eine nette Wohnung
im ersten Stock eines Geschäftshauses im Norden Berlins. Weitere
Wohnmieter gibt es nicht und die Geschäfte schließen abends. Wir haben
also das Haus im Prinzip für uns. Wir laden Hoffmann und seine Frau
zum Abendessen ein. Sie kommen, es wird ein netter Abend. Später frage
ich meine Frau, welchen Eindruck die Gäste bei ihr hinterlassen haben.
Frauen haben natürlich einen scharfen Blick für Frauen und so stellt
sie sachlich fest: „Merkwürdig, Pferdeschwanz, Petticoat, wie aus
den fünfziger Jahren.“ Und ich denke einige Tage später:
„Kiefersfelden? Sonnabend’s hin, Grenze Marienborn, nochmal Grenze,
quer durch Bayern, Sonntag zurück, wieder zweimal Grenze und Montag
ausgeschlafen im Büro?“
Sie kommen noch ein zweites Mal. Diesmal sind ihre Fragen gezielter:
„Ob wir einen guten TV-Empfang haben und wie ich die Unterdachantenne
auf dem Dachboden befestigt habe. Und wann die Geschäftsleute kommen
und gehen und ob wir wirklich ganz alleine wohnen in dem Haus. Sie
hätten nur eine kleine Wohnung in Neukölln und wenn wir die Wohnung
aufgäben wären sie sehr interessiert….“ Hoffmanns hatten erst wenige
Monate bevor ich sie kennenlernte geheiratet, übrigens in der
Firma, mit allen Mitarbeitern und großem Trara. Frau Hoffman
arbeitet im Bundeszentralregister. Ja, dort, wo alle Daten über
Straftäter gesammelt werden.
Dann scheide ich aus der Firma aus und verfolge eigene Pläne. Mit
Hoffmann bleibe ich in Kontakt, wir telefonieren fast täglich. Eines
Tages nimmt sein Chef ab und sagt „Herr Hofmann kommt nicht mehr“.
Mehr ist aus ihm nicht herauszuholen. Ich rufe in der Neuköllner
Wohnung an. Ein männliche Stimme: „Wer ich bin und warum ich Herrn
Hoffmann sprechen will.“ Eine Frechheit. „Ich frage zurück wer er ist,
dass er glaubt mir solche Fragen stellen zu können!“ Der Mann legt
auf. Herr Hoffmann ist nicht zu erreichen, gesehen habe ich ihn nie
wieder.
Aber herausbekommen was geschehen war habe ich dennoch. Hans-Joachim
Hoffmann war Stasiagent und Führungsoffizier seiner Frau.
Sein wirklicher Name war (und ist) Edgar Arndt. Unter diesem Namen
hatte er bereits in Ost-Berlin seine Frau geheiratet. In West-Berlin
heiratete er sie noch einmal als Hans-Joachim Hoffmann. Das war
die Identität eines Saarländers der mal straffällig geworden
war. Die Daten entstammten dem Bundeszentralregister. Seine
Frau kopierte Daten von wichtigen Persönlichkeiten die
straffällig geworden und somit erpressbar waren. Die Stasi
machte dann ja auch reichlich Gebrauch davon Menschen zur Mitarbeit
zu erpressen oder unter Druck zu setzen. In seiner Wohnung in
Neukölln fand der Verfassungsschutz einen thailändischen
Holzelefanten, hohl, aber eben nicht ganz, einige zig Mikrofilme
passten da schon rein. Und eine Fotoausrüstung im Wert von über
30 000 DM. Und mir hatte der Schlingel gesagt er verstehe nichts
von Fotografie. Im Lager unserer Firma fand sich hinter einer
Wandverkleidung eine Sendeanlage. Klar die Gegend des Lehrter
Bahnhof war nicht weit von den Empfangsanlagen der Stasi
entfernt. An unserer Wohnung hatten sie Interesse weil keine Mitmieter
und ein großer, unkontrollierter Dachboden, ideal für eine
Sendeanlage.
Jetzt wurde mir auch klar, warum man mich in Ost-Berlin
beobachtet hatte, warum man mich zu Devisenvergehen verführen
wollte und warum ich so leicht eine weibliche Bekanntschaft
hatte machen können. Den Wohnwagen in Kiefersfelden gab es wirklich,
aber Hoffmann/Arndt war nicht 1600 km gefahren, sondern nur
6 km. Über den Grenzübergang Lehrterstrasse in seine Stasibehörde.
Nach einigen Tagen wurde ich zum Verhör zum Verfassungsschutz
geladen. Tempelhof, Platz der Luftbrücke. Wochen später schrieb
ich ein Gesuch um ihn besuchen zu dürfen. Das wurde aber vom Richter
abgelehnt. Beim Prozess ließ ich mir ein Attest ausstellen um
nicht aussagen zu müssen. Später wurde er ausgetauscht. Seine
Frau auch.
Jetzt, 30 Jahre später, würde ich doch zu gerne wissen was aus ihm
geworden ist. Ob er für den BND arbeitet? Als überzeugter
Demokrat? So wie vorher als überzeugter Kommunist für
das andere Deutschland?
Ich werde es nicht erfahren.
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