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Begegnungen
der seltenen Art 1
Das Leben ist ein offener Raum.
Menschen treten ein und verlassen ihn. Je älter man wird um so mehr
benutzen die Revolvingdoor. Sie dreht sich schneller. Die Verweildauer
im Raum des Lebens ist unterschiedlich lang. Manche stellen einen
Koffer ab, bleiben eine Weile und hinterlassen Spuren. Manche
verflüchtigen sich nebelgleich.
Ich möchte über Begegnungen berichten. Die, die durch meine Drehtür
kamen. Nicht über alle, über einige besondere. Begegnungen der
seltenen Art. Die, die ihre Schleifspuren in meinem Gedächtnis
hinterlassen haben. Über Deborah, Lisa, Rudi, Klaus, Hubert, Auntie M.
und diesen und jenen. In loser Folge, wenn’s langweilt: Continue
surfing!
Deborah Bikel
Auf Google Earth ist es nicht auszumachen. Dabei dachte ich immer
wenigstens die USA sind inzwischen hochauflösend dargestellt. Aber es
ist nicht NY und nicht Virginia Beach. Es ist ein Tal in Kentucky. 6 Meilen
lang. Es gehört Tom. Tom ist unser Freund. Im Tal stehen zwei Häuser.
Toms ist das Größte. Am Ende des Tales, da wo’s nicht weitergeht und
man in einem Creek laufen müsste, hinauf in den Berg, eine Cabin.
Strom und TV ja, Wasser aus dem Creek, Outhouse (Außentoilette) mit
Donnerbalken. Hier wohnen seit 5 Jahren Deborah und Henry. Henry ist
Toms Cousin. Er ist Deborahs zweiter Mann, sie seine zweite Frau. Er
macht gar nichts, gilt aber als intelligent, läuft in
Zivilwar-Klamotten rum, wenn er läuft. Aber er läuft nicht, außer zum
Outhouse. Sonst sitzt er 23 Stunden vor dem Fernseher. Deborah ist
Alkoholikerin, schwammig, langsam wie eine Schnecke. Auch sie sitzt,
trinkt Bier, schaut Löcher in die Luft und sieht immer traurig aus.
Alle 4 Tage rafft sie sich auf und fährt zu Tom, das sind 400 m, geht
an seinen Kühlschrank krallt sich einen Arm voll Dosenbier und fährt
zurück. In Toms Kühlschrank ist immer Bier. Für Deborah.
Deborah und Henry leben von der Welfare. Ein bisschen. Aber eigentlich
leben sie von Tom. Der hat ein großen Herz und lässt niemanden hängen.
Unsere Kinder wachsen so behütet auf. Sie sollen mal was anderes
sehen. Also fahren wir zu Deborah und Henry am Ende des Tales. Es ist
dunkel in der Cabin, auf dem Tisch um die 200 leere Bierdosen. Der
Fernseher läuft, die Beiden freuen sich über unseren Besuch. Die
Kinder klemmen sich auf die Couch und sagen kein Wort. Sie starren die
Dosen an. Fotos machen soll ich keine. „Die stehlen die Seele“, sagt
Henry. Deborah schraubt sich aus dem Sitz und holt ein Foto. Zu sehen:
Ihre Tochter, Schwiegersohn und Enkeltochter. Die Tochter, bildhübsch,
die Enkeltochter wie meine Elaine. Die Tochter arbeitet als
Nackttänzerin in Cleveland, der Schwiegersohn schlägt sie, Geld haben
sie keins, das Kind kommt immer zu spät zur Schule. Oma Deborah hat
sie vor 4 Jahren zum letzten Mal gesehen. Da war sie 4.
Deborah schraubt sich nochmal aus dem Stuhl und klettert in den Loft.
Mit einem Badeanzug, schockfarben, süß, mit Rüschen kommt sie wieder.
„Wenn meine Enkeltochter das nächste Mal kommt ist er zu klein“, sagt
sie und schenkt ihn unserer Elaine. Die strahlt.
Vorgestern erhielten wir die Email:
1/15/07
Deborah Bikel passed away. Henry called Tom about Deb not breathing at
12:15 a.m. Tom went up.
He tried to resuscitate, they called 911. 911 came and tried to
resusitate her. The coroner pronounced her dead
at 5:30 this morning.
Sie war etwa 50. Wer wird sich an sie erinnern? |
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