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Die Nackten und die Toten
1959 ziehen wir in
eine neue Wohnung im Berliner Norden. Ich bin 10 Jahre alt. Hier
darf ich erstmals auch allein in den Keller gehen, denn das Haus
ist neu, hell und freundlich und alles gut beleuchtet. Im alten
Haus durfte ich das nicht, weil baufällig, dunkel und zu
gefährlich.
Eines Tages finde
ich in einer Kiste zahlreiche Objektträger mit altem
verkrustetem Blut, einen Unterschenkelknochen und
einen Schädel. Den Knochen nehme ich mit nach oben und
zeige ihn meiner Mutter. „Ach der“, meint sie, „der gehörte deinem
Urgroßvater. Und die anderen Utensilien auch.“ Damit war der Fall
erledigt, Urgroßvater Max war Naturwissenschaftler und Arzt
gewesen und starb bereits 1935. Und nach dem meine Großeltern
ausgebombt waren und alles verloren, blieb lediglich eine
Bücherkiste, einige Dokumente und Fotos und eben besagte
„Utensilien“ übrig. Die wanderten nun von Generation zu
Generation. Und obwohl mein Alter Medizinmann war, hat er sich
diesen vergangenen Dingen wohl nie gewidmet.
Also ging ich oft
in den Keller und spielte mit Kopf und Knochen, aber ich
hängte es nicht an die große Glocke. Einmal zeigte ich es einem
Klassenkameraden. Als ich allerdings den Knochen mit aufs Zimmer
nahm und meinen Vater fragte ob ich den Totenkopf zur Dekoration
haben dürfe, verbot er das umgehend. Ich solle die Finger von
seinen Sachen lassen und außerdem sei das pietätlos.
1974. Ich bin 25,
frisch verheiratet und stolzer Besitzer einer neuen Kamera, einer
doppeläugigen Rolleiflex. Nachdem ich Blumen, Häuser und die
Familie von vorne und hinten fotografiert habe und auch meine
erste Frau in allen Lebenslagen, will ich mehr und suche mir ein
Fotomodell. Sie, rothaarig, schlank und von einer Karriere
träumend, hat auch nichts gegen Nacktfotos. Ich will was
besonderes als Background und suche einen Bagger, das
Orchideenhaus im Berliner Botanischen Garten, den
Orientteppichladen von Herrn Sabeth und schließlich den
Friedhof in Berlin Hermsdorf auf. Überall starke Kontraste zu
zarter, heller Mädchenhaut.
Auf dem Friedhof
posiert das Mädchen splitterfasernackt auf allen möglichen
Grabsteinen. Mein Alter schüttelt den Kopf und meint: „Den
Friedhof hätt’ste auslassen können!“
Yeah. Warum ich das
erzähle? Weil mir, mit dem Rückblick auf meine Jugendzeit, die
ganze Medienhype um die Totenschädel von Afghanistan total
übertrieben vorkommt. Und nachdem das alles nun schon von
unheimlich wichtigen Psychologen, Militärwissenschaftlern,
Politikern und sonstigen „beeindruckenden“ Leuten, à la
Scholl-Latour, durchgekaut wurde, denke ich mir nur:
Die Jungs bräuchten
einen Kommandeur, der ihnen sagt: „Leute, o.k., ich verstehe ja
ihr wolltet Spaß haben, aber nun ist’s genug. Es ist pietätlos
was ihr da macht. Lasst mal den Toten ihre Ruhe.“ Und dann,
als verständnisvolle Drohung: „ Wenn ich Euch nochmal
erwische gibt’s 3 Tage Bau. Und wenn einer von Euch Idioten
Blödsinn mit den Bildern macht, dann ziehen wir andere Seiten
auf…verstanden!!!! So – und nun trollt Euch und fangt was
vernünftiges mit Eurer Freizeit an!“ |
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