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Sitzplatz
im Bus wichtiger als Kopftuchfrage
Kazan,
die Stadt hat 1,1 Mio Einwohner und ist Hauptstadt der Republik
Tatarstan. Wir sind hier etliche Tage und wohnen bei der Tante
meiner Frau. Zunächst fällt auf, dass das Stadtzentrum einerseits
zwar fast vollständig zerfällt, andererseits aber in größerem
Umfang saniert wird. Einige Gebäude sind schon fertig und
wundervoll restauriert. Sie künden von einer großen Zeit Kazans.
Ich nehme die Bauqualität näher in Augenschein. Top, die können,
wenn sie wollen. Die Restaurationsqualität ist hervorragend.
Allerdings sind so viele Gebäude fast zerstört, dass Kazan noch
einen weiten Weg vor sich hat um zu einer neuen Perle der Baukunst
zu werden. Bei der neuen U-Bahn hat das schon mal nicht geklappt,
Wolgawasser trieft durch die Decken und der Zerfall kündigt sich
schon nach 2 Jahren an. Dabei sieht sie gut aus, vermutlich sind
aber die Hälfte der Gelder, weil es eben kein Privatprojekt ist,
auf mafiöse Weise versickert und am Material und der Ausführung
wurde gespart. An der neuen Wolgabrücke baut man schon 10 Jahre
und hat auch nur eine Fahrspur zur 1000-Jahrfeier fertig bekommen.
Privat wird gebaut
an allen Ecken und Enden und Einfamilienhäuser und Residenzen
entstehen, superluxuriös, und man fragt sich wer das Geld
aufbringen soll dort zu wohnen. Für eine Wohnung in so einer
Residenz muss man gut eine halbe Million US-Dollar hinlegen,
offensichtlich aber gibt es Käufer. Dennoch, Immobilienschilder
überall, sollte die Housingbubble selbst in Kazan angekommen sein?

Kazan ist das
Zentrum des Islam in Russland und natürlich gibt es hier die
größte Moschee Russlands, die
Kul-Sharif-Moschee, sie wurde im Frühjahr 2005 eröffnet.
Keiner stört sich daran, dass ich die Moschee von allen Seiten
fotografiere, innen hängt ein Schild mit der Bitte, jede Aufnahme
zu unterlassen. Kein Problem, das kann man respektieren, ebenso,
dass wir Operationshüllen über unsere Schuhe streifen müssen. Die
Moschee selbst ist fast menschenleer und wenn man auch nicht in
den eigentlichen Gebetsraum darf und von einer Galerie
herabschaut, Ruhe für ein kontemplatives Aus wäre schon drin. Das
Bauwerk selbst erscheint völlig überdimensioniert, angesichts der
Leere, aber der einige Wochen später besichtigte Petersdom ist ja
auch nicht gerade klein.
Also höre ich mich
um, in der Familie meiner Frau, über etwaige Konflikte zwischen
Moslems und Russen, bzw. Tataren. Ja, da gab’s einige Hardliner
vor einigen Jahren die wollten neue Regeln einführen und haben
versucht Einfluss auf den Alltag zu nehmen, aber die Russen und
Tataren haben denen eine Abfuhr erteilt. Heute spricht davon kein
Mensch mehr und es gibt keine wirklichen Konflikte zwischen der
russisch-orthodoxen Bevölkerung und den Moslems. Im Straßenbild
sieht man unzählige Mädchen und Frauen in kürzesten Kleidern und
schicken Highheels, Kopftücher sehe ich nicht und lediglich die
Putzfrau in der Kul-Sharif-Moschee trägt eins. Jedenfalls kleiden
sich die Frauen hier eleganter und adretter und nicht so schlampig
wie in Berlin, Köln oder Frankfurt.
Als ich von unseren
Problemen und der ständigen Aggressivität der Moslems in
westlichen Ländern erzähle, den zahllosen Versuchen unser Leben
umzukrempeln, der mangelnden Integrationsfähigkeit und besonders
den Problemen an den Schulen, können es unsere Gastgeber kaum
glauben. „Vielleicht liegt es daran“, sagt die Tante meiner Frau,
„dass unsere Alltagssorgen immer noch groß sind und man sich sein
täglich Brot echt verdienen und um die Kleinigkeiten des Lebens
sehr bemühen muss. Es gibt keine staatliche Wohlfahrt und
Sozialhilfe, die denen Zucker in den Hintern pustet… “ Und nach
weiterer Vertiefung kommen wir zu dem Schluss, das es auch keine
Multikultigutmenschen gibt, die für Toleranz
gegenüber
dem Islam werben und als Wegbereiter einer Scharisierung
auftreten. Man ist zunächst Tatar und dann Russe oder eben Russe
in Tatarstan, der Überlebenskampf hat Vorrang, man genießt die
neuen Freiheiten, erfreut sich an den westlichen Konsumgütern,
egal ob man Moslem oder Orthodox ist. Die Kul-Sharif-Moschee
bewundern alle, auch die Nichtmuslime erkennen sie als
Wahrzeichen, und sie steht ja auch im Kremlareal.

Einen Platz im Bus
zu bekommen ist allemal wichtiger als sich über Idomeneo den Kopf
zu zerbrechen. Wenn es denn solche Diskussionen hier gäbe, was
mir nicht vorstellbar ist. Jedenfalls geht man gern in die
Oper, einer Kopie der Berliner Staatsoper und ein
absolutes Schmuckstück. Wir schauen uns „Carmen“ an und als alter
Opernhaase kann ich nur sagen: „Erste Sahne“. Keine an sowjetische
Zeiten erinnernde Inszenierungen, steif und gekünstelt, mit
Figuren die einen Krückstock verschluckt hatte. Nein, eine
lebendige, farbensprühende Aufführungen, ein reiches Bühnenbild
und entzückende Kostüme. Die Diva, von der Kiewer Oper, kennt man
im Westen nicht, aber mit wunderschöner Stimme und
ausdrucksstarkem Auftreten. Ebenso Jose und die weiteren
Darsteller, eigentlich das ganze Ensemble. Ein gelungener Abend,
die Eintrittspreise übrigens akzeptabel. Hier kann man seine
Kinder noch mitnehmen ohne das Gefühl zu haben völlig geneppt
worden zu sein.
Über Kazan gäbe es
noch einiges zu berichten und wir werden darauf zurückkommen.
Wichtig ist: Das tausendjährige Kazan und damit die Republik
Tatarstan, mit einem wesentlich höheren moslemischen
Bevölkerungsanteil als wir das kennen, hat keine Szenen wie wir
sie derzeit in London oder Berlin erleben. |
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