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Der mit den Wölfen heult. 2
Über die deutsche Kumpanei mit dem Isamismus.
Teil 2
Gliederung:
1. Oberste Maximen des deutschen Mainstreams
2. Minima moralia und die angebliche Militarisierung des Denkens
Was man so Mitläufertum nennt, war primär Geschäftsinteresse: dass man seinen eigenen Vorteil vor allem anderen wahrnimmt, und um sich nur ja nicht zu gefährden, sich nicht den Mund verbrennt. Das ist ein allgemeines Gesetz des Bestehenden. Das Schweigen unter dem Terror war nur dessen Konsequenz. Die Kälte der gesellschaftlichen Monade, des
isolierten Konkurrenten, war als Inbegriff gegen das Schicksal der anderen die Voraussetzung dafür, dass nur ganz wenige sich regten. Das wissen die Folterknechte; auch darauf machen sie stets erneut die Probe. (Adorno)
Notiz: Es handelt sich bei diesem Artikel um den zweiten Teil einer Auseinandersetzung mit der ideologischen Kumpanei des gegenwärtigen deutschen Mainstream mit dem Islamismus. Der erste Teil der Auseindersetzung
bezieht sich auf den Artikel, "Krise der Verantwortlichkeit" von Helmut Schmdt, erschienen in "Die Zeit",Nr. 13, März 2006, S. 12. Das Thema der ersten Teils:
Der mit den Wölfen heult. Über die deutsche Kumpanei mit dem Islamismus hier Religion, moralische Verantwortung und
Emanzipation. Teil 2
Der mit den Wölfen heult: Helmut Schmidt in der „Krise der Verantwortungslosigkeit“
1. Oberste Maxime des deutschen Mainstreams
Die Religion im Allgemeinen und der Islam im Besonderen legitimieren die reale Verweigerung der menschlichen Möglichkeit, sich als gesellschaftliches Individuum verwirklichen zu können. Sie legitimieren das gesellschaftliche Unrecht und versöhnen die Menschen zugleich mit der Verweigerung ihrer realen Möglichkeit, indem sie sie mit der
phantastischen Verwirklichung des menschlichen Wesens trösten. Deshalb ist die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes „die Forderung seines wirklichen Glücks“
Nirgendwo ist die Verknüpfung von Herrschaft und Verweigerung der Emanzipation, die die Religion zur kollektiven Zwangsneurose macht, zur Zeit stärker als in der islamischen Weltregion, in der durch die Religion systematisch autoritär-masochistische Charakterstrukturen erzeugt werden, die das gesellschaftliche Gehäuse der Hörigkeit als
Muskelpanzer verinnerlichen, der die Menschen kalt und hart macht wie der Tod. Nirgendwo sind Hass, Fanatismus und Glaubenskriege weiter verbreitet als gerade hier, wo Schiiten Sunniten morden und beide vereint Ungläubige, im Sudan und im New York Christen, sonst aber vor allem Juden. Das geschieht, weil man die Juden nach der verbreiteten
Lesart des Islam und keineswegs nur weniger Imame als existenzielle Feinde des Islam ansieht. Unter vielleicht falscher Berufung auf das Wort des Propheten sind massenhaft Juden (und Christen) ermordet worden – und dennoch ist der Widerstand, der sich in der islamischen Welt dagegen regte, von Europa bislang niemals ernst genommen und
unterstützt, sondern gerade von deutschen Sozialisten immer verraten worden. Bin Laden selbst und seine weit verzweigte Gefolgschaft haben nie verschwiegen, was sie anleitet, sondern Bin Laden hat in seinen mehrfachen Videobotschaften umgekehrt ausdrücklich kundgegeben, dass sein Hass den Juden und Juden-Christen gilt und sie von der Erde zu
vertilgen seien. Ebenso wenig haben die Muslimbrüder je verschwiegen, dass sich ihr Kampf gegen die westliche Moderne als ganze richten und deshalb an erster Stelle gegen „den Juden“, den sie wie einst Wagner als Ursache des Verfalls der Menschheit sehen, wie er sich in der westlichen Moderne ereigne und nun auf die bedrohten muslimischen
Länder überschwappe. Offen wie Hitler in „mein Kampf“ propagiert Qutb „die Industrie des Todes“ und genau so offen und klar propagiert Hamas in ihrer Charta die Vernichtung der Juden - und kaum jemand wagt seinen Thesen in Ägypten oder in Hamas-Land oder im Iran heute noch nach so viel Verrat, der an widersprechenden Intellektuellen geübt
wurde, zu widersprechen und etwa die Existenz des Staates Israel und das Leben der dortigen Juden auch nur verbal zu verteidigen, weil es zu risikoreich wäre und das Leben kosten könnte. Aber davon will der deutsche Mainstream, links wie rechts, nichts wissen. Zu prüfen, ob die Kritik an der religiösen Herrschaftspraxis berechtigt ist, ist
seine Sache nicht. Dabei könnte doch erst eine solche Prüfung die Frage entscheiden, ob die Kränkung ihres Gefühls, auf die die Imame sich berufen, zu Recht besteht oder auf völlig überzogene Herrschaftsansprüche zurückzuführen ist. Der publizistische Mainstream aber geht dieser Prüfung aus dem Weg. Sie könnte nämlich im Ergebnis zu der
Erkenntnis führen, dass die geübte Kritik berechtigt ist und der Skandal nicht in der Veröffentlichung der Karikaturen, sondern in der terroristischen Herrschaftspraxis liegt, die die Karikaturen anprangern. Diese Erkenntnis aber scheut er der Teufel das Weihwasser, würde sie doch zur Parteinnahme gegen schlechte Herrschaftsverhältnisse
auffordern, und das wäre im Jargon von Schmidt, den der deutsche Mainstream schätzt, weil er sein Sprachrohr ist, „verantwortungslos“. Die emanzipatorische Parteinahme gegen die üble Herrschaftspraxis in vielen islamischen Ländern, gegen die auch die formale Demokratie nichts ausrichten kann, wenn die Gleichschaltung durch Terror, Gewalt und
Indoktrination weit genug fortgeschritten ist, - eine Parteinahme im übrigen, die die Kritik an den hiesigen Herrschaftsverhältnissen einschließt und anders gar nicht denkbar ist - wertet der ideologische Mainstream in Deutschland als Eingriff in das „Selbstbestimmungsrecht“ der von ihren Herren ausgebeuteten und drangsalierten, also ganz und
gar nicht selbst bestimmten „Völker“ und verbietet sich und den „verantwortungsvollen Deutschen“ jede Kritik an solcher Herrschaftspraxis, wenn diese nur die Chuzpe hat, sich religiös zu legitimieren. Nur keine Einmischung in die „inneren Angelegenheiten“ irgendeines Souveräns! - lautet die Devise. Da sei Gott vor! Lieber mit den Wölfen
heulen und als oberste Maxime zur Geltung bringen: „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“. Also: in jedem Großraum herrsche jede Herrschaft „selbstbestimmt“ auf ihre Weise – und keine mische sich fürderhin in die Herrschaftspraxis der anderen ein, erst recht nicht, wenn diese sich auch noch religiös legitimiert und die Einmischung
deshalb schaurig „heilige Gefühle“ der Ehrfurcht verletzen könnte. Das nennt der deutsche Ideologe dann Achtung vor der „kulturellen“ oder „kollektiven Identität“ der Völker. Der angeblichen „Krise der Verantwortungslosigkeit“ ein Ende bereiten, heißt für ihn, den Gedanken an die Freiheit von Unterdrückung und Ausbeutung, den Gedanken daran,
dass eine bessere Praxis möglich wäre, damit auch die negative Kritik an den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen, sich versagen, Kritik radikal bis auf die Wurzel auszumerzen, damit alles seinen „ruhigen Gang“ gehen kann und sich Herrschaft und Ausbeutung wie eh und je im ‚Selbstlauf der Dinge’ reproduzieren.

Solange der Islam das in seinem Reich garantiert, seine Gläubigen bei der Stange hält und darin erfolgreich ist, den Gläubigen die Sklavennatur als ihr Wesen und die Knechtschaft aus Überzeugung als ihr Himmelreich zu verkaufen, werden deutsche Ideologen aller Farben keine Einwände gegen den Islam haben, sondern werden stattdessen den Respekt
vor dieser Religion und ihrer Herrschaftspraxis einfordern. Sie werden, wie es Schmidt vorgemacht hat, Mohammed zum barmherzigen Menschen und es für eine zu respektierende Eigenart des barmherzigen politischen Islam erklären, dass er Judenmördern das Paradies verspricht, in dem zweiundsiebzig Jungfrauen auf sie warten; und sie werden
umgekehrt denen, die diese scheußliche Praxis kritisieren, nicht aber den Propagandisten der klerikal-faschistischen und antisemitischen Propaganda „Verantwortungslosigkeit“ vorwerfen. Käme aber jemand auf die Idee, in dem paradiesischen Alptraum von den zweiundsiebzig Jungfrauen die sexuelle Zwangsmoral wieder zu erkennen, die in der Ordnung
der Geschlechter im Islam herrscht, und wie es einst Freud und die kritische Theorie getan haben, die Pervertierung der Religion zur kollektiven Neurose beim Namen zu nennen und herauszustellen, wie die Religion in Verbindung mit den elenden, die Menschen drangsalierenden Verhältnissen autoritärmasochistische Charaktere mit hasserfüllten
rebellischen Zügen erzeugt, die im Pogrom gegen die Juden „Erfüllung“ suchen, die Damen und Herren, die ‚ Deutschland sind’, gehörten, könnten sie nur, wie sie wollten, zu den Ersten, die dem Kritiker den Mund verbieten und ihm die preußische oder die muslimische Moral des Untertanen beibringen würden, während die wirkliche, universalistische
Moral nur darin bestehen könnte, diese Kritik in die reale Praxis zu überführen und die sexuelle Zwangsmoral zum Glück für die Menschen ein- für allemal abzuschaffen.
2. Der moralische Mindeststandard nach Auschwitz und die „Militarisierung des Denkens“
Das zuvor Gesagte macht deutlich, wie es um die Moral und Verantwortung der fünf ehemaligen Regierungschefs, die zur „Räson“ mahnen, bestellt ist. Ihre Moral ist eine zur Herrschaft gelangte Untertanenmoral, deren oberste Maxime es ist, sich mit der Herrschaft oder dem gesellschaftlichen Betrieb, wie er ist, zu identifizieren und sich des
Verstandes nur noch zur Rationalisierung der Herrschaftsordnung zu bedienen. Diesen Dienst im Sinne der Rationalität der Herrschaft nennt der zum Herren gewordene Untertan aus voller Überzeugung dann „Vernunft“, “Rationalität“ oder auch „verantwortungsvolles Handeln, jeden emanzipatorischen Impuls, jede Anstrengung des Denkens, die auf
Emanzipation zielt, dagegen „unvernünftig“ und „unverantwortlich“. Das Gegenteil aber ist wahr. Der kategorische moralische Imperativ dieser Zeit lautet: „Alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes ein verächtliches Wesenist“. In diesem Imperativ endet die Kritik der Religion in
heutigen Zeiten. Denn die Verhältnisse sind reif für diesen Umschwung. Die Produktivkräfte der Menschheit sind so weit entwickelt, dass es zunehmend irrationaler wird, die Mehrarbeit als Bedingung der notwendigen Arbeit, d. h. die Herrschaft reproduzierende Ausbeutung als Bedingung der Selbsterhaltung zu setzen. Die bessere Praxis ist möglich
und wegen der wachsenden Irrationalität des bestehenden globalen kapitalistischen Systems und der wachsenden Antagonismen auch dringlich. Aber auch wenn das nicht so wäre, wäre eine gesellschaftliche Praxis ohne Ausbeutung, Knechtung und Erniedrigung dem Glück der Menschen förderlicher als die andere bestehende herrschaftliche Praxis. Deshalb
und weil diese Praxis angesichts der reich entwickelten Produktivkräfte der Menschheit möglich ist, ist der Marxsche Imperativ, der die Aufhebung des Untertanen fordert, der moralische Imperativ dieser Zeit und Schmidts Verantwortungsbegriff, der darauf hinausläuft, die Kritik an unmoralischen Herrschaftsverhältnissen´aus ‚Angst vor dem
Chaos’ zu verbieten, moralische Verantwortungslosigkeit par excellence.
Auf dieses Argument wird der Einwand kommen, der moralische Imperativ von Marx sei unrealistisch, selbst wenn die reale Möglichkeit vorhanden sei, den Weg zur besseren Praxis zu beschreiten, weil die Übermacht, die dem entgegenstünde, zu groß und die Kräfte, die bereit seien, diesen Weg zu gehen, in einer Zeit, in der die überwiegende
Mehrheit der Menschheit Deutschland, Arabien, China, der heilige Islam, deutscher Christ oder weiß Gott was sein will, aber nicht freie und global denkende und handelnde gesellschaftliche Individuen sein wollen, zu gering seien. Der Einwand ist berechtigt. Die Verhältnisse sind in der Tat nicht so, dass das im Sinne des Marxschen Imperativs
moralisch Richtige und Gebotene getan werden kann. Deshalb hat Adorno diesen Imperativ nach dem Rückfall in die industrialisierte Barbarei abgeschwächt und eine moralische Mindestforderung formuliert, die, wenn schon nicht alle Verhältnisse umgeworfen werden können, in denen der Mensch ein geknechtetes, erniedrigtes und verächtliches Wesen
ist, doch mindestens einzuhalten wäre. Das ist „die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei“2 nichts Ähnliches geschehe. Was die Menschen zu dem Unsäglichen treibt, das in Auschwitz kulminierte und auf dem Sprunge ist, sich zu wiederholen, ist der gesellschaftliche Druck. Er lastet weiterhin auf den
Menschen und wird weiterhin auf ihnen lasten, solange sich das Kapital und mit ihm die Herrschaft von Menschen über andere Menschen auf immer größerer Stufenleiter „autopoietisch“ reproduziert. Denn die unausweichliche Folge dieser autopoietischen Reproduktion des Systems ist und bleibt, dass der abstrakte Reichtum auf der einen Seite immer
stärker akkumuliert und sich dort konzentriert, während auf der anderen Seite immer mehr Menschen aus dem System des Kapitals als überschüssige Arbeitskräfte herausfallen und diejenigen, die noch Gebrauchswert fürs Kapital haben einschließlich jener Überschüssigen, die sich Hoffnungen machen, noch einmal hineinzukommen in das System, das
Arbeit und Brot verspricht, einem immer größeren Druck ausgesetzt sind, der einen wachsenden Zwang zur Identifikation mit der Herrschaft ausübt, die sie schlägt. Gerade die so erzeugte Bereitschaft aber, es unter allen Umständen mit der Macht zu halten und dem, was als stärker erscheint, sich zu beugen und das in ideologischer Verkehrung
Verantwortung und Selbstbestimmung zu nennen, ist die Sinnesart der Quälgeister, die nicht mehr aufkommen darf, wenn verhindert werden soll, dass Auschwitz sich wiederhole. Die einzig wahrhafte Kraft gegen die Verhältnisse, aus denen das Prinzip Auschwitz erwächst, wäre demzufolge individuelle Autonomie, d. h. die Kraft zur Reflexion, zur
Selbstbestimmung, zum Nichtmitmachen.“3 Damit sie entstehen und wachsen können, braucht es jenseits der´Produktion, jenseits von Kapital und Staat in jenen „lebensweltlichen“ Bereichen, die von der Ordnung nicht ganz erfasst sind,4 mitmenschliche Verhältnisse, die die Keimzelle des kompromisslosen Willens zur anderen Praxis sein können, und
die Solidarität derer, die im Sinne Adornos selbst bestimmt moralisch handeln, nicht aber partout mitmachen und Deutschland, Saudi-Arabien oder der Iran sein wollen. Wie aber sieht es mit dieser Kraft zur individuellen Autonomie, zum Nichtmachen in Deutschland aus, in dem gerade erst die Medienkampagne „Du bist Deutschland“ gelaufen ist, die
das selbstlose Mitmachen im kapitalistischen Selbstlauf der Dinge und die bedingungslose Identifikation mit dem Standort Deutschland in der kapitalistischen Standortkonkurrenz nach alter Väter Unsitte zur obersten Tugend und zum Wesensmerkmal aller echten Deutschen erklärt hat? Wie sieht es rund sechzig Jahre nach der Shoa mit der Fähigkeit
und Bereitschaft aus, die minima moralia zu erfüllen? Wie vor allem hält es die deutsche Linke mit dieser moralischen Forderung? Um es kurz zu machen: Die Lage ist in dieser Hinsicht miserabel. Den Linksdeutschen ist die moralische Mindestforderung so egal wie den Rechtsdeutschen. Schlimmer noch: Große Teile der Linksdeutschen nehmen an jenem
„moralischen Krieg“ der ‚heiligen Krieger’ gegen Israel teil, dessen einziges Ziel die Vernichtung des Staates Israel und seiner jüdischen Bürger ist, die politisch emanzipierte Juden bleiben und das Land nicht verlassen wollen. Sie erklären diesen „moralischen Krieg“, der der Hohn auf jede wahrhaftige universalistische Moral ist, für
berechtigt und die Mörder zu Helden. Es ist erst wenige Wochen und Monate her, da kündigte der iranische Ministerpräsident Ahamadinedschad, der Repräsentant des unter dem Schutz der „geistlichen Elite“ des Iran zur Herrschaft gelangte Mob, in mehreren Reden an, dass es sein Ziel sei, Israel von der Landkarte auszuradieren und die Juden, die
sich nicht vertreiben lassen, auszurotten. Er machte damit aller Welt klar, wozu das Regime die Atombombe bauen und das irakische Militär mit Raketen von mehr als dreitausend Kilometer Reichweite beglücken will. Die deutsche Reaktion darauf: Sogleich bemühte sich Erler, der Sprecher des Außenamtes, die klar und deutlich und immer neu wieder
ausgesprochene Vernichtungsdrohung herunterzuspielen5, um der deutschen Wirtschaft, dem Exportweltmeister in den Iran, nur ja nicht das Geschäft zu verderben, während Steinbach, der Sprecher des offiziösen Orientinstituts aus Hamburg, das vom Außenministerium finanziert wird, sogleich verlauten ließ, es sei ein schwerer Fehler des Westens,
auf diese Drohung überhaupt eingegangen zu sein, denn dadurch sei die Sache nur künstlich hochgespielt worden. Als ob sich die Drohung mit einem neuen Auschwitz bei gleichzeitiger Leugnung des gerade erst geschehenen Rückfalls in die industrialisierte Barbarei überhaupt noch hochspielen ließe und nicht sofort laut und schrill alle
Alarmglocken klingeln müssten, wenn man es ernst meint mit der moralischen Mindestforderung, „dass Auschwitz nicht noch einmal sei“. Aber in Deutschland klingeln keine Alarmglocken, sie klingelten auch vor 1933 nicht. Wenn sie ausnahmsweise aber doch irgendwo einmal laut und vernehmlich klingeln, wie bei der konservativen Politikerin Merkel,
die die für deutsche Verhältnisse ungewöhnliche Zivilcourage hatte, die Sache beim richtigen Namen zu nennen und die Forderung zu stellen, den Anfängen zu wehren, dann fühlt sich das übrige Deutschland durch die Alarmglocke nur gestört und schreit: „Ausstellen, Ausstellen“. Der Bote wird für die schlechte Botschaft bestraft. Ihm wird die
Schuld zugeschrieben an dem Ungemach. Er gilt fortan als „Kriegstreiber“. Er ist der Militarist und Bösewicht, der zum Schweigen gebracht nd am besten rausgeschmissen werden muss, damit man endlich wieder seine Ruhe hat und einen Geschäften ungestört nachgehen kann. Genau so ist es geschehen. Kaum hatte die onservative Politikerin den
richtigen Satz „Wehret den Anfängen“ gesagt und an die oralische Mindestforderung nach Auschwitz erinnert, machte sich Empörung breit vor allem nter „deutschen Sozialisten“ und Sozialdemokraten, aber nicht etwa gegen das klerikalfaschistische egime, seinen Führer und den angekündigten Massemord, sondern über Frau erkel. Ihr, nicht etwa
Ahamadinedschad werfen sie „Militarisierung des Denkens“ vor, um hr den Mund zu verbieten. Ist die Bombe gefallen und das Vernichtungswerk getan, werden sie sagen, sie seien getäuscht worden und hätten von nichts gewusst, und manche werden mit der vor Stolz geschwellten Brust der Antisemiten, die sich in Deutschland schon seit Jahrhunderten
einbilden, Tabubrecher zu sein und gegen eine gewaltige Übermacht anzukämpfen, dasselbe Gerücht weiter verbreiten, das sie auch jetzt schon verbreiten, nämlich dass es die Konsequenz der Politik der Juden, ihres „Vernichtungskrieges“ gegen die Araber, gewesen sei, dass es am Ende so weit gekommen sei und die Bombe fiel. So geschah es als
Menetekel schon im ersten Golfkrieg, an dem Israel nicht beteiligt war. Damals, als Saddams Raketen auf Israel fielen und niemand vorher wusste, ob sie, wie Saddam angekündigt hatte, deutsches Giftgas geladen hatten, ließ der deutsche Sozialist bei den Grünen, Ströbele, verlauten, es sei einzig und allein die Konsequenz der israelischen
Politik, dass nun Raketen auf Israel niedergingen und weigerte sich beharrlich, dem Staat Israel Abwehrraketen gegen die Giftgasraketen zur Verfügung zu stellen. Sollte das Regime in Teheran auf friedliche Weise bei der Durchführung seines Vernichtungsprogramms nicht zu stoppen sein und der Einsatz militärischer Gewalt durch Israel und die
USA, die als einzige Nation der Welt bisher zu erkennen gegeben haben, dass sie den glaubwürdig angekündigten neuerlichen Massenmord an den Juden nicht zulassen und zu seiner Verhinderung auch ihre Militärmacht einsetzen würden, ist für deutsche Sozialisten auf der rechten und linken Seite von vornherein klar, wer die „Opfer“ und wer die
Täter sind. Kriegstreiber sind auch dann selbstverständlich Israel, die USA, die Zionisten und Frau Merkel, die das Denken militarisiert habe. Opfer sind Ahamadinedschad und seine willigen Helfer, so wie auch die Dresdener 1945 Opfer und nichts als Opfer waren. Die USA und Israel haben selbstverständlich nur auf eine Gelegenheit gewartet, den
Iran bekriegen zu können, um an das iranische Öl zu kommen. Man kennt diese Mär. Sie ist nicht widerlegbar, weil sie vollständig gegen die Erfahrung abgedichtet ist. Man „weiß“ in der deutschen Volkgemeinschaft unter rechten deutschen Sozialisten und Kapitalisten eben, wer „das Werk des Herrn“, das der deutsche nationale Sozialismus nicht hat
zu Ende führen können, zu Ende zu führen bereit ist und wem man deswegen die deutsche Solidarität schuldig ist. Man „weiß“ selbstverständlich auch vor jeder Erfahrung, dass dieses Werk eine Verteidigungsreaktion ist und dass die auserwählten Opfer des Herrenwerks die wirklichen Täter sind. Das ist nunmehr schon seit beinahe zweitausend Jahren
fester Bestandteil des Vernichtungsrituals. Was beide Seiten eint – Ahamadinedschad und deutsche Ideologen - sind der autoritäre Charakter und die kollektive Zwangsneurose, die sich im iranischen Regime als islamische Religion, und in Deutschland als „deutscher Sozialismus“ oder sollten wir nicht besser sagen: deutscher Sozialfaschismus,
äußert. „Was man so Mitläufertum nennt, war primär Geschäftsinteresse: dass man seinen eigenen Vorteil vor allem anderen wahrnimmt, und um sich nur ja nicht zu gefährden, sich nicht den Mund verbrennt. Das ist ein allgemeines Gesetz des Bestehenden. Das Schweigen unter dem Terror war nur dessen Konsequenz. Die Kälte der gesellschaftlichen
Monade, des isolierten Konkurrenten, war als Inbegriff gegen das Schicksal der anderen die Voraussetzung dafür, dass nur ganz wenige sich regten. Das wissen die Folterknechte; auch darauf machen sie stets erneut die Probe!“6
1 Karl Marx, Zur Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie, in: MEW Bd. 1, S. 378 f.
© 2006 bei Autor und/oder kritiknetz.de, Hrsg. Heinz Gess 2 Theodor W. Adorno, Erziehung nach Auschwitz, in: ders. Kulturkritik und Gesellschaft II, Eingriffe, Frankfurt
1977 S. 674 3 ders., a.a. O., S. 679
4 Insoweit ist Habermas’ Unterscheidung von System- und Lebenswelt vernünftig und kann ich ihr zustimmen.
Das ist aber keine Zustimmung zu seiner Theorie kommunikativen Handelns als Ganzer, die ein Rückschritt
hinter die Kritik der politischen Ökonomie von Marx ist.
5 s. Heinz Gess, Das deutsch-iranischeVerhältnis. Ein Alptraum
http://www.kritiknetz.de/deutschland_alptraum.pdf 6 Adorno, a.a. O., S. 687
der 1. Teil erschien am 09.April 2006 und ist im Archiv hier Dies ist ein Gastbeitrag von Prof. Heinz Gess. Wir bedanken uns bei Prof. Gess für diesen Beitrag, machen aber ausdrücklich darauf aufmerksam, daß unsere Auffassung in Einzelpunkten von der Auffassung von Prof. Gess
abweichen kann. Veröffentlicht mit seiner freundlichen Genehmigung und im Original ebenfalls nachzulesen auf der Webpage von Prof. Gess http://www.kritiknetz.de
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