| |
Es droht Ostern Eines wie jedes Jahr, also ohne Großeltern, weil
tot (väterlicherseits) oder im Ausland (mütterlicherseits). Die Kinder reden seit Wochen von nichts anderes als dem Osterhasen und wie der wohl einen Game-Boy trägt. Wir erfinden die schönsten Stories und versuchen sie so überzeugend wie möglich rüberzubringen. Es macht uns selber Spaß. Ganz gelegentlich
lassen wir, obwohl eher atheistisch (Vater), oder russisch-orthodox, aber dem Vater zustimmend (Mutter), doch nicht unerwähnt das Jesus Christus Karfreitag ans Kreuz genagelt wurde und Ostern auferstanden ist. Besonders die Sache mit dem „ans Kreuz nageln“ ist natürlich für Kinder interessant und so bekommt man viele „technische“ Fragen
gestellt. Meine Frau weiß wie üblich alles besser, Pardon, genauer und korrigiert mich: Nein, die Nägel gingen nicht durch die Hände, die bildlichen Darstellungen sind falsch, die Nägel gingen durch Speiche und Elle unterhalb des Handgelenks. Aha.

Jedenfalls war Jesus ein toller Typ und würde er heute leben, wäre er Libertärer und würde vermutlich im Knast sitzen. Dorthin hätten ihn mit Sicherheit zuerst einige stockkonservative Katholen oder bibelfromme Evangelen gebracht, denen die unkonventionelle Laxheit, mit der Jesus wirkte, verdächtig wäre.
Vermutlich war er auch etwas sozialistisch angehaucht, das wäre mir natürlich nicht so sympathisch, auch würde er möglicherweise für eine weitere Alimentierung der Palästinenser sein, und da hätten wir beide dann unseren persönlichen Konflikt. Martin Luther King und Ghandi werden auch noch schnell
erwähnt, und, weil die Weltkarte hinter dem Küchentisch hängt, auch noch gezeigt wo die mal wirkten. Nun kommt noch die Frage wer die anderen beiden Ganoven waren die da am Kreuz hingen, und Vater schon nicht mehr ganz so bibelfest, bekommt noch hin, daß das Schächer waren, also Räuber und der eine Dismas hieß. Das war’s auch schon.
Aber was Jesus nun mit dem Osterhasen zu tun hat erfordert schon einige abenteuerliche Wendungen und die Ohren der Kinder werden lang wie Osterhasenohren. Wir sind erstaunt das zumindest unser Sohn Alexander (10) nicht lauthals protestiert, ob der schrägen Geschichten. So vergeht das Mittagsmahl und dann wird Vater sauer, weil draußen der
Nachbar, auf Karfreitag, in diesem christlichen Land, mit einem Bagger ein Loch für seinen Whirlpool im Garten aushebt. Auf Karfreitag, das muss man sich mal vorstellen. Die Idioten haben doch keinen Respekt vor Jesus. Da kann sich jeder Atheist nur empören.

Am Ostersonnabend kommen dann unsere Freunde Sepideh und Hadi. Beide Iraner. Sie wollen bei uns übernachten. Für sie ist es das erste Mal, dass sie in einer christlichen Familie Ostern feiern. Natürlich sind wir nicht ganz typisch und ob wir einen christlichen Eindruck
vermitteln lass ich mal lieber offen. In jeden Fall helfen sie abends begeistert mit die Ostereier und den Game-Boy im Wohnzimmer zu verstecken. Sie, die sie aus alten Teheraner Familien stammen, gebildet, prowestlich erzogen und natürlich völlig säkularisiert, schütteln über ihren albernen Präsidenten nur den Kopf. Als ich Ihnen das Bild der
Bikini-Wettbewerbs-Gewinnerin zeige und das der Frau des iranischen Präsidenten, müssen sie laut lachen. Ja sie waren auch schwimmen im Hallenbad hier, und Sepideh bedauert, daß sie nicht richtig schwimmen kann, weil es in Teheran keine Möglichkeit gab das zu lernen.
Es wird ein sehr schönes Wochenende. Sie trinken keinen Wein mit uns, aber nicht aus religiösen Gründen, sondern, weil sie es nicht gewohnt sind. Gegen Schweinefleisch haben sie nichts, obwohl wir vorsorglich nur Rindfleisch gekauft haben. Sepideh wurde vor einigen Tagen in der Uni von einer verschleierten Kommilitonin, auch Iranierin,
gefragt was sie da auf ihren Sandwich habe. Sepideh stotterte was von Hühnchen. Die Schleiereule gab sofort Rat und nannte einen Halal-Schächter. Sepideh bedankte sich artig, aber hat nicht vor von diesem Rat Gebrauch zu machen. Eigentlich hatte sie vor, die andere Iranierin mal einzuladen, aber sie traut sich nicht. Sie weiß nicht was sie
servieren soll und wie mit ihr umgehen. Da ginge es ihr also wie uns, wir sitzen im gleichen Boot. Sepideh wird sie also nicht einladen. Sepideh hat schönes langes, offenes Haar und genießt auf unserem Strandspaziergang den Wind der ihr durchs Haar streicht. Hadi hat eine kleine Digitalkamera mitgebracht und schießt in den 2 Tagen über 200
Fotos. Damit hat er mich geschlagen, wie ich anerkennen muss. Von Bilderverbot also keine Spur, noch in der Nacht, nach ihrer Abfahrt, bekomme ich 8 Emails a 6 Fotos zur Erinnerung zurück. Hadi ist übrigens sehr stolz auf seine Frau und behandelt sie mit größter Ehrerbietung und Höflichkeit. Da könnte sich mancher Stiesel aus unseren
Breitengraden mal eine Scheibe abschneiden. Als ich, noch am Ostersonnabend, rote Rosen für meine Frau kaufe, weil wir uns vor 14 Jahren kennen gelernt haben, und Sepideh auch 3 gelbe Rosen verehre, bemerkt Hadi auch gleich, wie korrekt das sei. Gelbe Rosen für eine
verheiratete Frau, der Mann hat Kenntnis und Erziehung. Hoffentlich denken wir daran, daß es auch diese Iraner gibt, wenn wir uns demnächst wieder über Adolfinehjad ereifern.

Einige Tage zuvor hatte meine Frau übrigens mit Sepideh in ihrer Wohnung an ihrem PC gesessen. Sepideh wollte einige Bilder zeigen. Versehentlich öffnete sie den falschen Order und meine Frau sah sie nackt auf dem Bett, - telefonierend. Wahrscheinlich ein Schnappschuss von Hadi. Na, also, eine Leben wie wir auch. Mullahs hin, Mullahs her, die
können uns mal. Und so waren dann auch unsere Gespräche: Israel, der Holocaust, iranische Politik, Frauenrechte, Freiheit und Sex. Keine Tabus. Easy.
Wir haben viel gelacht in diesen Tagen. Wir haben schöne Sachen unternommen, waren in der Natur zusammen und im Haus. Essen natürlich, immer wieder essen. Aber da ergeben sich halt die besten Gespräche. Die Kinder sind voll auf ihre Kosten gekommen und freuen sich schon auf das nächste Ostern. Der Nachbar, der Idiot, baggerte nur am
Karfreitag, am Sonntag war er ausgeflogen. Wir haben von Sepideh und Hadi gelernt und sie wieder von uns. Ein schönes Osterfest.
Aber: In Israel sind 9 Menschen getötet worden und 60 verletzt. Olmert überlegt noch, wie eine Vergeltung aussehen kann. Der Iran hat den Irren Verbrechern 50 Millionen Dollar zugesagt. Deutsche
Ostereierköpfe sind für den Frieden marschiert, für welchen? Die NPD sieht in den Amis wie üblich den Aggressor und entwickelt Zuneigung zum Iran.
Kennen die Iraner? In Potsdam wurde ein Familienvater fast zu Tode geprügelt. Und die
Familie Sürücü beantragt das Sorgerecht für das Kind der Tochter, die sie selbst ermordeten.
Der Irrsinn geht weiter… |
|