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 Kinderseelen in unserer Hand
Kinder kommen unschuldig und ungeformt auf die Welt. Sicherlich, einige werden schon im Mutterleib geschädigt, die Mutter hat geraucht oder getrunken. Aber davon abgesehen werden sie die Welt zunächst so wahrnehmen wie wir sie ihnen anbieten. Wir, die Erwachsenen. Von denen man erwarten darf, daß sie sich der
Verantwortung bewusst sind, die mit der Pflege und der Anleitung eines heranwachsenden Kindes einhergeht. Aber tun wir das alle? Wie viele Kinder sind Folgen einer Unachtsamkeit, einer Laune, eines Missgeschicks? Verhalten wir uns dann so, daß die Kinder in uns Vorbilder sehen können? Sind wir uns in unseren Handlungen bewusst, daß wir
beobachtet werden, dass man uns kopieren wird – zunächst jedenfalls. Ist uns die Tragweite bewusst, wenn wir uns gehen lassen?
Nehmen wir einige Beispiele: Ein Migrantenkind in Berlin-Neukölln. Wie viel Liebe erfährt es. Wie beschäftigen sich die Eltern mit ihm, welche Anleitung, welche Anregungen, welche Förderungen erhält es? Nein, ich habe jetzt nicht gefragt wie viel vom Staat. Es geht nicht darum, nach mehr Förderung, mehr Kindergartenplätzen, Sozialarbeitern
und mehr Lehrern zu schreien. Von den Eltern, den Erzeugern, das will ich wissen. Was tun die, die das Kind in die Welt gesetzt haben? Dann nehmen wir ein Kind aus Berlin-Wannsee. Vielleicht bieten ihm die Eltern Klavierunterricht an, gehen mit ihm ab und zu in die Oper oder ins Museum. Was wichtiger ist, sie sind zärtlich, erwecken in ihm
Mitgefühl und Liebe für seine Geschwister. Gehen, im Zuge der Formung, weiter und unterhalten sich mit ihrem Kinde über die Gewalt, die gerade im Fernsehen gesehen, über die Umwelt, lesen was vor. Lesen von Fabelwesen, guten Feen und bösen Räubern. Und lehren das Kind spielerisch den Unterschied zwischen GUT und BÖSE zu erkennen. Sensibel zu
werden für das Leid und hilfsbereit zu werden für den Nächsten.
Sehen wir ein Kind in Israel. Es lernt sich zu ducken, Rucksäcke zu beobachten, auf umherstehende Kartons zu achten. Es lebt in einer Welt voller Gefahren, aber es lernt mit ihnen umzugehen, sie als Teil des Alltags zu verstehen und dennoch Teil zu haben an der Welt seiner Spielkameraden. Es wird über Sport und Fernsehen, über Schule und
Game-Boys reden. Es wird ein Kind sein, nicht zum Hass, aber zur Vorsicht erzogen.
Ein Kind in Russland lernt frühzeitig auf fehlende Kanaldeckel zu achten, sich von Straßenrändern fern zu halten, es wird weil Schlüsselkind vielleicht früh den Gebrauch des
Herdes erlernen. Und ein Kind im Iran? Oder in Palästina? Was bringen Eltern dort ihren Kindern bei? Was unternehmen sie mit ihren Kindern, wie fördern sie ihren Nachwuchs, wie erforschen sie seine Talente? Wie und an welchen Beispielen bringen sie ihren Kindern den Unterschied von Gut und Böse bei. Was lesen sie ihren Kindern vor? Erzählen
Müttern hier ihren Kindern mal etwas von den Kindern auf der anderen Seite der Mauer? Oder erzählen sie ihren Kindern wie toll es als Martyrer zu sterben, wie der große Bruder, der nächste Cousin?
Zwei, drei Generationen zuvor wurden Kinder deportiert, in Züge gepfercht, in Baracken eingesperrt. Sie waren hungrig, sie froren, der Tod war ein dunkler, wartender Schatten. Einer kindlichen Seele fremd und doch so bedrohlich nah.
"Am Vorabend des jüdischen Freudenfestes zur Erinnerung an die Errettung durch Esther und Mardochai eilen ein paar Männer in die Baracken ihrer Frauen und Kinder, um
ihnen die alte Geschichte von der Juden Not und ihrer unerwarteten Rettung vorzulesen.
Einer der Männer setzt sich ans Kopfende eines Tisches und entrollt im trüben Schein der Deckenlampe die kleine Pergamentrolle, die er von daheim mitgebracht hat. Um ihn hat sich ein Kreis gebildet, innen stehen die Kinder, dahinter die Mütter. Für viele ist diese hebräische Lesung verständlich und packend, eine Erzählung in ihrer
Muttersprache; für andere sind es vertraute Klänge aus ihrerJugendzeit, eine liebe Erinnerung; und für manche ist es einfach ein .-.nender Bericht aus einer fernen Welt, in der sich eine junge tapfere Königin für ihr Volk einsetzte.
Mit jeder Minute wächst der Kreis. Die Außenstehenden sehen den Vorlesenden nicht und vernehmen seine Stimme nur undeutlich, aber sie lauschen hingegeben. Ist das nicht eine Geschichte, die wirklich geschehen ist, und kann es nicht morgen wieder geschehen, daß die Rettung von jemandem kommt, den man nie gesehen und auf den man nie zu hoffen
gewagt hat?
Nach dem letzten Wort läuft der Mann eilig hinaus und erreicht gerade noch rechtzeitig das schon fast geschlossene Stacheldrahttor, das Frauen- und Männerlager trennt.
Am nächsten Mittag feiern die Kinder ihr Fest. Die Grünen dürfen nichts merken. Deshalb steht eine Frau auf Wache und paßt auf, daß ihr Geheimnis nicht verraten wird. Die Mütter haben alle eine Kartoffel und ein Löffelchen Marmelade gespendet, und einige besonders Geschickte haben gestern abend, als das Licht ausgeschaltet wurde, den Ofen in
Brand gehalten und Kuchen gebacken. Manche Frauen haben in ihren Koffern Tischtücher gefunden, und die Kleinen springen in ihren schönsten Kleidern aus den letzten Beständen der Rucksäcke umher. Ihre Haare glänzen noch naß vom Kämmen und Lockendrehen im Waschraum. Ein paar Kinder tragen sogar bunte Kostüme, denn am Purimfest muß man sich
verkleiden. Und warum sollte man nicht auch in einer Baracke Königin Esther darstellen können?
Schön ist das Fest! Sie haben heimlich einen Mann, der gut singen kann, aus dem Schuhzelt geholt und statt seiner einen Freiwilligen eingeschmuggelt, damit die Zahl der Arbeiter stimmt. Er zieht den ganzen Nachmittag von einer Baracke zur anderen. Er singt, läßt die Kinder singen …“
(Sternkinder)
Und heute, schauen wir einmal was Erwachsene Kindern anbieten. Wie Menschen die Verantwortung tragen Kinderseelen inspirieren und formen. Wie Hass und Gewalt Maßstab für kindliche Seelen werden sollen. Schauen wir, wie Verbrecher das Medium Fernsehen zur Indoktrination nutzen und mit
Zeichentrickfilmen Hass in Kinderherzen verankern.
Welches Kind kann sich der Suggestion gezeichneter Figuren entziehen? Keines. Hier werden künftige Terroristen geschult:

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Film von MEMRI
Zitat aus: Clara Asscher-Pinkhoff, Sternkinder, Oetinger Verlag, ISBN: 3789106968 |
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