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Robin Renitent,   12. März  2006

   

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Schlau, dünn, friedliebend?
Zu Professor Spitzers Kritik am Fernsehen für Kinder „Dumm, dick und gewalttätig“
Wann sind Eltern „gute“ Eltern? Aus der Sicht der Kinder sicherlich wenn sie alles durchgehen lassen und dem durchaus schon vorhandenen Willen der kleineren Kinder entsprechen. Die wollen Fernsehen – und das nicht zu knapp. Werden die Kinder erwachsen, sehen sie die eigenen Eltern nicht mehr so positiv und der einstmals so tolle Vater kann unversehens hören:  

 

„Du hast damals nur Deine Bequemlichkeit gewollt und uns vor dem Fernseher geparkt.“

 

Ist man in den Kindertagen ein nicht ganz so toller Vater und unterbindet das Fernsehen weitgehend, bekommt man später zu hören.

 

„Du hast es sicherlich gut gemeint, aber ich habe darunter gelitten nicht das tun zu dürfen was alle meine Kameraden durften.“

Vater sein ist also schwer, Mutter sein noch viele mehr. Wo gerade bei diesem Thema, die sonst wesentlich konsequenteren Mütter die Nachgebenden sind. So jedenfalls meine Beobachtung.

Das Fernsehen, zumal zu viel Fernsehen, nicht gut tut ist eine Allgemeinweisheit, die jeder mit sich rumträgt, sich aber immer schlechten Gewissens darüber hinwegsetzt. Der Neurowissenschaftler und Buchautor Manfred Spitzer hat über die katastrophalen Auswirkungen des Fernsehens etwas geschrieben womit ich mich, als Vater von 4 Kindern, 2 davon noch aktuell betroffenen, beschäftigen möchte.

Unabhängig von Prof. Spitzers Feststellungen und den Untersuchungen anderer Wissenschaftler die uns, sofern sie in populärwissenschaftlicher Form vorlagen und uns teilweise bekannt waren, schon beschäftigten, haben wir schon vor längerer Zeit für unserer Familie folgendes entschieden. Fernsehen wurde abgemeldet. Warum?

 

Es könnte viele Gründe geben. Wir könnten sagen, daß uns die Werbung nicht gefällt. Dann würde ich allerdings in eine Zwickmühle geraten, denn ich bin gegen Fernsehgebühren und das Fernsehen finanziert sich nun mal, soweit es sich nicht um öffentlich-rechtliches Gebühren-TV handelt, aus Werbung. Nein, bei allem Prokapitalismus und der positiven Einstellung zu privatwirtschaftlichen Lösungen: Werbung nervt. Wir könnten natürlich, weil wir in Nordamerika leben und man hier so prüde ist, das jeder Sendung ein Rating und ein Kommentar a la „violent scene and coarse language, viewer discretion is advised“ vorangestellt ist, uns anpassen und ebenfalls in prüde machen. Aber wir sind es nicht, also fällt das als Entschuldigung aus. Auch andere Gründe könnten wir aufzählen, wir mögen keine Soapoperas, sind nicht an Sportübertragungen interessiert, es gibt zu wenig Kultursendungen, unsere politische Richtung ist nicht vertreten. Man kann das lange fortführen und jeder Punkt wäre allein überzeugend und richtig sich gegen das Fernsehen zu entscheiden. Aber es wäre immer noch nicht das entscheidende Argument genannt: Der Zeitfaktor. Nicht das die Zeit nicht da wäre, aber die Einsicht, das Fernsehen ein Zeitkiller ist, und diese Zeit im Wesentlichen passiv verbracht wird, ist in uns schon früh gereift. Also was empfehlen? Den Fernseher abschaffen?


Spitzer:
"Das ist in der Tat am einfachsten, insbesondere wenn man Kinder zu Hause hat."

Es gab aber noch einen zweiten Grund uns gegen das Fernsehen zu entscheiden: Fernsehen, das wußten wir schon früh, ist die „Erfahrung der zweiten Hand“. Es vermittelt die Erfahrungen die jemand anderes, z.B. der Kameramann gemacht hat. Es ist eben ein Unterschied ob man selbst Eisenbahn fährt oder sieht wie eine Eisenbahn fährt:

Spitzer:
"Im Kindergartenalter ist Fernsehen tatsächlich aus rein formalen Gründen schon ein Problem. Stellen Sie sich vor, Sie wollen sich die Welt erschließen mit all ihren Objekten und komplexen Zusammenhängen. Hierzu brauchen Sie die ganze Welt, das heißt mehr als nur eine bunte Bild- samt einer Klangsoße. Sie müssen die Dinge anfassen können, in den Mund stecken, es muss riechen und schmecken, die Bilder müssen eine Tiefe haben etc. Wir wissen, daß sich Säuglinge gerade dadurch, daß sie alle Sinne benutzen, die Welt erschließen. Wenn man ihnen dann nur einen Bruchteil der Sinneserfahrungen anbietet, ist das ungünstig für die Gehirnentwicklung."

Das Beispiel mit der Eisenbahn war für mich beispielsweise ein Schlüsselerlebnis. Als der Schiwago-Film 1965 in die Kinos kam und auf einer gigantischen Leinwand im Europacenter in Berlin gespielt wurde habe ich ihn gesehen. Und als die Eisenbahn nach Warikinow fährt vom linken unteren Bildrand 32m über die Leinwand in die andere Leinwandecke und der Surround Sound das faszinierend begleitet, war ich begeistert. Sicher der Faszination der Technik kann man sich nur schwer entziehen. Als Erwachsener nur mühsam, als Kind schon gar nicht. Das bewegte Bild hat eben seinen ganz eigenen Reiz. Dennoch, gerade dieses filmische Eisenbahnerlebnis hat mir immer klar gemacht, daß eine wirkliche Eisenbahnfahrt durch nichts zu ersetzen ist. Was aber viel wichtiger ist: Es schult die Kritikfähigkeit, die Fähigkeit Entscheidungen zu treffen, die ganze Wahrnehmungsfähigkeit wird ganz anders gefordert, wenn man sich selbst um den Ablauf einer Reise bemühen muss. Die Fernbedienung ist doch zu einfach.

Spitzer:
"Es wird Zeit, daß wir umdenken. Fernsehen verschmutzt die Köpfe der Kinder und Jugendlichen. Man muß es deswegen behandeln wie Umweltverschmutzung! Auch bei diesem Thema galt vor dreißig Jahren, daß die Leute geglaubt haben, man könne nichts daran ändern; die Produktion verdrecke nun einmal die Umwelt. Wir haben erlebt, daß dies kein „Naturgesetz“ ist. Wenn wir uns Mühe geben, können wir etwas ändern. Natürlich sind die Politiker gefragt."

 

Da stimme ich Spitzer nicht zu. Von Politikern kann man gar nichts erwarten. Der Wille zu handeln muss in uns, also den verantwortlichen Eltern reifen. Wenn wir unsere Kinder zukunftsfähig machen wollen, sie eben gerade nicht der vorgeblichen Autorität irgendwelcher verkrachter Existenzen, also Politikern, anvertrauen wollen, dann ist es sinnvoll ihnen Kritikfähigkeit, losgelöst von der egalisieren Verdummungsröhre und dem gesendeten Einheitsbrei, beizubringen. Ich kann mich des Verdachts nicht erwehren: Gerade Politikern passt es gut ins Konzept wenn wir unsere Gehirne, und natürlich die unserer Kinder, ausreichend zumüllen um unfähig zu werden die Winkelzüge selbstherrlicher etatistischer Gesellschaftsumbauer zu durchschauen.

Wir haben also den Fernseher abgeschafft und Manfred Spitzers wissenschaftliche Erkenntnisse überschneiden sich teilweise mir unseren eigenen unwissenschaftlichen Überlegungen aber durch Erfahrung gewonnenen Einsichten. Worauf Spitzer nicht eingeht ist das Dilemma in dem möglichweise eine fernsehverweigernde Familie steckt. Das unsere Kinder in der Schule und mit gleichaltrigen Freunden nicht irgendwelche Sendungen „von gestern abend“ ventilieren können halten wir nicht für sonderlich aufregend und damit sollen und müssen sie in der Auseinandersetzung fertig werden. Aber wenn ein neuer Harry Potter kommt sollen sie auch mitreden dürfen. Und natürlich ist es auch ein gemeinsames Familienerlebnis einen Film im Zusammenhang, also nicht von Werbung unterbrochen und somit in einem überschaubaren Zeitrahmen von vielleicht 90 oder 12o Minuten, zu sehen. Insofern gibt es bei uns zwar kein Fernsehen mehr, aber doch noch das Gerät und den DVD-Player und VHS.

Trotzdem ist die Faszination eines Kastens vorhanden und es ist ihr nur schwer auszuweichen. Immer sind es kastenförmige Gebilde. Die Rede ist vom PC. Nun stellen wir also fest, daß die am Fernsehen eingesparte Zeit am PC verhockt wird. Zugegeben wir Eltern gehen hier gerade nicht als Vorbilder voran. Der von Spitzer diagnostizierten Dickleibigkeit kann man auch am PC schlecht ausweichen. Es bleibt eine sitzende Beschäftigung:

Spitzer:
"Wie schon vorhin angedeutet, hat das Fernsehen enorm negative Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Und natürlich sterben Menschen am Fernsehkonsum. Allein an der fernsehbedingten Dickleibigkeit sterben in Deutschland jährlich mehrere tausend Menschen."

Natürlich entschuldigen wir unsere Hinwendung zum PC damit, daß hier, im Gegensatz zum TV, aktives Handeln stattfindet. So sind unsere Kinder bereits perfekt im Bedienen von Suchmaschinen und Surfen nach sie interessierenden Inhalten. Sie müssen also etwas tun um an ihr Ziel zu gelangen, das stimuliert mit Sicherheit mehr die Fähigkeit Entscheidungen und Auswahl treffen zu lernen als das lediglich passive Konsumieren seichter Fernsehinhalte. Wir haben auch die Zeit am PC natürlich limitiert, was gelegentlich zu harten Auseinandersetzungen mit unserem Jüngsten führt. Es sind eben nicht nur geistvolle Inhalte die sich ein Zehnjähriger sucht, sondern auch relativ simple Spiele. Auch wenn die Kinder hier aktiv sein müssen, und wenigstens die Finger bewegen und Entscheidungen treffen, frische Luft und Bewegung ist da nicht. Es hilft also nur ein autoritäres „Aus“ und „Raus“.

Jahrelang habe ich mich dagegen gewehrt einen Game-Boy anzuschaffen. Ich kann die Dinger nicht ausstehen und es kommt mir tatsächlich wie verschenkte Lebenszeit vor. Ich wurde schon irre, wenn ich die Nachbarskinder mit diesen fiependen Dingern herumhocken sah. Und natürlich haben wir den Mangel an diesem Spielgerät zu kompensieren versucht. Es gab Sportbögen und Gewehr und Outdoor-Aktivitäten aller Art. Aber irgendwann stellst du als VaterInnen (sorry oder Mutter) eben fest, daß allein selbst gebautes Spielzeug oder Sportgeräte die Faszination einer glänzenden Büchse von 10 cm mal 5 cm hoch mal 1,8 cm nicht aussticht. Nachdem die Kinder also zu Borgern und Leihern wurden und ständig unsere Nachbarkinder und ihre Schulkameraden anpumpten, habe ich mich meiner eigenen Jugend erinnert:

Es war kurz nach dem Krieg und ich bekam eine Cowboy-Ausstattung mit allem was ein Cowboy eben so hat, Hut und Stulpen, Gürtel und Halfter. Nur die Waffe fehlte. Meine Eltern wollten nie wieder Waffen in eines Menschen und schon gar nicht in eines Kindes Hand sehen. Aber was ist ein Cowboy ohne Waffe? Also schnitzte ich mir eine aus Stöckchen, sägte Revolver mit der Laubsäge aus Brettchen und tauschte mein halbes Spielzeug weg um einmal bei einem Kumpel schießen zu dürfen. Mit anderen Worten ich bekam ein Trauma. Jawohl! Und heute mag ich Waffen und bin von ihnen fasziniert. Meine Eltern sind also schuld. Eltern sind immer schuld. Egal was sie tun. Siehe oben.

Und ehe unser Sohn nun echte Entzugserscheinungen bekommt, kein TV, PC-Zeit auch limitiert, habe ich ihn einen Vertrag unterzeichnen lassen. Als Libertärer auf die Kraft privater Arrangements und Verträge vertrauend. Und da bekommt er nun so eine piepende Blechbüchse. Zu Ostern. Aber er hat unterschrieben, daß die Zeit limitiert ist und daß er das mit seiner Schwester teilt. Na und so weiter.


Vater sein ist eben schwer…
 

Unterschrieben von Alexander (10) und Elaine (6)

Beispiel für einen "pädagogischen" Privatvertrag

 

 

Das ganze Interview mit Prof. Manfred Spitzer:

Quelle: SWG
 

Vorbemerkung der SWG: Die nachfolgende vernichtende Kritik am Gebrauch und den Wirkungen des Fernsehens aus der Sicht eines Neurologen unterscheidet richtigerweise zwischen Kleinkindern, Jugendlichen und älteren Menschen. Leider wird die Vergeudung an Zeit, die für produktive, schöpferische Tätigkeiten verloren geht, wenn sich die positive Erwartung an eine Sendung nicht oder nur unvollkommen erfüllt, hier nicht thematisiert. Anzumerken gilt es ferner, daß die positiven Merkmale des Fernsehens zu bedenken sind. Es ist als Lernmittel und Informationsquelle von großem Nutzen. -

 

„Dumm, dick und gewalttätig“
Der Neurowissenschaftler und Buchautor Manfred Spitzer über die katastrophalen Auswirkungen des Fernsehens
Moritz Schwarz

 

Herr Professor Spitzer, den Satz „Fernsehen macht dumm“ halten viele Zeitgenossen in seiner Pauschalität selbst für eine dumme Aussage. Es komme ganz auf die Inhalte an. - Falsch, sagen Sie in Ihrem Buch „Vorsicht Bildschirm!“, Fernsehen an sich ist das Problem.

 

Spitzer: Im Kindergartenalter ist Fernsehen tatsächlich aus rein formalen Gründen schon ein Problem. Stellen Sie sich vor, Sie wollen sich die Welt erschließen mit all ihren Objekten und komplexen Zusammenhängen. Hierzu brauchen Sie die ganze Welt, das heißt mehr als nur eine bunte Bild- samt einer Klangsoße. Sie müssen die Dinge anfassen können, in den Mund stecken, es muß riechen und schmecken, die Bilder müssen eine Tiefe haben etc. Wir wissen, daß sich Säuglinge gerade dadurch, daß sie alle Sinne benutzen, die Welt erschließen. Wenn man ihnen dann nur einen Bruchteil der Sinneserfahrungen anbietet, ist das ungünstig für die Gehirnentwicklung.

 

Klingt zwar einleuchtend, könnte aber auch nur eine oberflächliche Annahme sein. Bitte erläutern Sie Ihre Datenbasis.

 

Spitzer: Der Zusammenhang ist empirisch nachgewiesen: Fernsehen im Kindergartenalter führt nach einer groß angelegten Längsschnittstudie an über 1.000 Kindern zu einer starken Beeinträchtigung der beruflichen Karriere. Diese Kinder wurden in den Jahren 1972 und 1973 in einer kleinen Stadt in Südneuseeland erfaßt. Dann gingen die Wissenschaftler alle zwei bis drei Jahre zu den Familien, erhoben genaue Daten über beispielsweise Intelligenz der Kinder und der Eltern, über die Aktivitäten, das Umfeld etc. Heute sind diese Menschen über dreißig und man kann sich genau anschauen, was aus ihnen geworden ist. Unter anderem kam heraus: In der Gruppe, die mit fünf Jahren weniger als eine Stunde ferngesehen hatten, befinden sich mehr als vierzig Prozent Hochschulabgänger und weniger als zehn Prozent Schulabbrecher. In der Gruppe, die mehr als drei Stunden täglich ferngesehen hatte, waren es weniger als zehn Prozent Hochschulabgänger und etwa 25 Prozent Schulabbrecher.

 

Die Erklärung ist doch ganz einfach, die „Dummen“ schauen mehr fern!

 

Spitzer: Nein! Man hat den Intelligenzquotienten der Kinder und auch den der Eltern gemessen und kann diese Daten aus dem Zusammenhang herausrechnen. Er bleibt dann immer noch bestehen.

 

Wenn Sie auf fremde, ältere Experimente zurückgreifen statt auf eigene Untersuchungen, was ist dann so spektakulär neu an Ihrem Buch, das ein beachtliches Medienecho hervorgerufen hat?

 

Spitzer: Das Neue an meiner Art, die Dinge zusammenzufassen, besteht in der Neurowissenschaft.

 

Sie sprechen von Ihrer naturwissenschaftlichen Perspektive als Gehirnspezialist, während die Dinge sonst von Soziologen untersucht werden?

 

Spitzer: Eben, wir haben heute nicht nur soziologische, statistische Zusammenhänge, die Neurowissenschaft liefert Wirkungsmechanismen, das heißt sie zeigt uns, wie das Fernsehen auf die Gehirnentwicklung ungünstig einwirkt.

 

Nämlich?

 

Spitzer: Mäuse, die in einem reizarmen, langweiligen Käfig aufwachsen, haben unterentwickelte Gehirne. Nun scheint das Fernsehen zwar bunt und laut, aber für das Kleinkind ist es reizarm: Da gibt es nichts zu riechen und zu schmecken, man kann nichts anfassen, das Gesehene hat keine Tiefe. Es fehlen also etwa zwei Drittel des normalen Input. Wenn nun Kinder im Alter von zwei Jahren zwei Stunden vor dem Fernseher verbringen, also etwa zwanzig Prozent ihrer wachen Zeit, dann muß das negative Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung haben.

 

Der Erziehungswissenschaftler und Medienpädagoge Stefan Aufenanger von der Universität Mainz zum Beispiel wirft Ihnen „Polarisierung“ vor und meint, „daß Fernsehen nicht nur durch seine Inhalte, sondern auch durch seine Struktur kognitiv anregend sein kann“.

 

Spitzer: Es gibt eine kleine Gruppe von Menschen - Journalisten, Medienleute, zum Teil auch solche, die sich Medienpädagogen nennen -, die derartige Zusammenhänge einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Ich denke aber, die Fakten sprechen eine eindeutige Sprache.

 

Also, die auch von Eltern sehr geschätzte „Sendung mit der Maus“ ist in Wirklichkeit Gift für die Gehirnentwicklung der Kleinen?

 

Spitzer: Wenn Kinder gelegentlich fernsehen, wird es wahrscheinlich nicht sehr viel schaden. Und wenn dies geschieht, ist es sicherlich kein Fehler, wenn gute Sendungen laufen. Die „Sendung mit der Maus“ oder „Sesamstraße“ sind vom Inhalt her für Kinder nicht schädlich.

 

Sie bezeichnen die Teletubbies, ein für Kleinkinder konzipiertes Programm, als „kriminell“. In Baden-Württemberg sendet seit Ende Dezember gar ein Säuglings-Sender namens „Baby TV“. Drei Millionen Kabelkunden können ihn bereits empfangen.

 

Spitzer: „Baby-TV“ grenzt aus meiner Sicht in der Tat an ein kriminelles Angebot: Wir wissen, daß kleine Kinder durch das Fernsehen nur Schaden nehmen können. Dies ist geistig und körperlich zu verstehen: Wir wissen, daß der Stoffwechsel der Kinder vor dem Fernseher geringer ist als in Ruhe - weil die muskuläre Aktivität vor dem Fernseher abnimmt -, und wir wissen weiterhin, daß Bewegungsarmut der Knochenentwicklung schadet. Auch hier sind die negativen Effekte des Fernsehens nachgewiesen. Fernsehen macht also nicht nur dumm, es macht auch dick und schadet der Knochenentwicklung. Wenn man dies weiß, ist eigentlich klar, daß man sein Kleinkind nicht vor den Fernseher setzen sollte.

 

Also gilt doch: Es kommt auf den richtigen Umgang mit dem Medium an!

 

Spitzer: Dies gilt für Jugendliche. Wenn man schon das Medium nicht ganz abschaffen kann - und übrigens, man kann: Jede Familie mit Kindern kann den Fernsehapparat abschaffen und damit einen wesentlichen Beitrag für die positive kindliche Entwicklung leisten! -, so sollte man dafür sorgen, daß so wenig wie möglich ferngesehen wird. Die heute üblichen drei Stunden - im Durchschnitt! - sind definitiv zuviel.

 

Das Schlüsselwort heißt also weiterhin „Medienkompetenz“ erlernen?

 

Spitzer: Hierzu gibt es einige wenige Studien, die nahelegen, daß Anleitung und Training zum Umgang mit Fernsehen bei Kindern und Jugendlichen leider keinen günstigen Effekt haben. Auf deutsch, es ist gut gemeint, bringt aber nichts.

 

Soziologen beklagen neben Sex und Gewalt im Fernsehen vor allem den Konsum seichter Massenunterhaltung als sozialschädlich. Wie sieht das aus neurobiologischer Sicht aus?

 

Spitzer: Die von Ihnen sogenannte „seichte Massenunterhaltung“ ist wahrscheinlich das geringste Problem. Sie wird vor allem von älteren Menschen konsumiert, wo das Fernsehen am wenigsten schadet. Ältere Menschen müssen lediglich abwägen, ob sie durch das Fernsehen nicht zu stark vereinsamen, denn hierzu trägt Fernsehen bei allen Menschen, jung und alt, deutlich bei.

 

Also was empfehlen Sie? Den Fernseher abschaffen?

 

Spitzer: Das ist in der Tat am einfachsten, insbesondere wenn man Kinder zu Hause hat.

 

Sie haben Ihren Fernseher in den Keller gestellt, moderieren allerdings selbst wöchentlich die Sendung „Geist und Gehirn“ im Bayerischen Fernsehen.

 

Spitzer: Ich habe den Fernseher nicht nur in den Keller gestellt, sondern ganz abgeschafft. Meine Sendung kann ich deswegen nicht sehen, meine Kinder auch nicht. Hier muß man abwägen: Ich habe fünf Kinder, die keineswegs nur ihren Papa am Freitagabend auf BR-Alpha sehen würden. Als wir früher noch einen Fernsehapparat hatten, gab es jeden Abend Diskussionen darum, wer wann was sehen darf oder warum nicht. Das war mir irgendwann zuviel: Ich wollte nicht, daß sich unsere Konversation nur noch um den Fernsehkonsum dreht. Der Fernseher kam weg, und ich bin heute sehr froh darüber. Meine Kinder mittlerweile auch: Ich höre gelegentlich Kommentare wie: „Ach Papa, das ist eigentlich gar nicht schlecht, daß wir keinen Fernseher mehr haben.“

 

Eine weitere zentrale These Ihres Buches: Fernsehen steigert die Gewaltbereitschaft. Fernsehen an sich oder nur gewalthaltige Inhalte?

 

Spitzer: Natürlich sind es die Inhalte, die dafür sorgen, daß der Fernsehkonsum zu mehr realer Gewalt führt. Zu beachten ist hier, daß 1980 über fünfzig Prozent der in Deutschland gezeigten Fernsehprogramme Gewalt enthielten - mittlerweile sind es über achtzig Prozent! Zu beachten ist weiterhin, daß gerade im Kinderprogramm sehr viel Gewalt zu sehen ist und daß das reine Erwachsenenprogramm gar zu 100 Prozent Gewaltdarstellungen enthält. Bedenken Sie weiterhin, daß in Deutschland abends um 22 Uhr noch 800.000 Kinder im Kindergartenalter fernsehen, um 23 Uhr sind es noch 200.000, und auch um Mitternacht sind es noch 50.000.

 

Wo ist der Beweis, daß dies auch zu mehr Gewalttaten führt?

 

Spitzer: Genaue Daten liegen für die USA vor. Ein Epidemiologe hat dort ausgerechnet - und die Ergebnisse in einer angesehenen wissenschaftlichen Zeitschrift publiziert -, daß allein auf das Konto der Einführung des Fernsehens in den USA jährlich etwa 10.000 Morde, 70.000 Vergewaltigungen und 700.000 weitere Gewaltdelikte gehen. Für Deutschland gibt es nur eine gute Untersuchung zum Thema Selbstmord: Es wurde ein Film ausgestrahlt, bei dem der Held sich vor einen Zug warf. Die Anzahl der Eisenbahnsuizide ging in den Wochen nach der Ausstrahlung deutlich in die Höhe. Durch entsprechende statistische Vergleiche konnte man weiter zeigen, daß tatsächlich mehr Selbstmorde verübt wurden und nicht nur diejenigen, die sich sonst vielleicht erschossen hätten, sich nun, weil sie ein anderes Vorbild hatten, vor den Zug geworfen haben. Der Autor der Studie hat daraufhin versucht, beim Fernsehen zu erwirken, daß der Film nicht noch einmal ausgestrahlt wird. Dies geschah trotzdem - mit entsprechendem „Erfolg“: Wieder brachten sich eine ganze Reihe von Menschen um. Der Vorgang ist aus meiner Sicht unglaublich!

 

„Fernsehtote“ - und gemeint sind nicht die Toten im „Tatort“ - ist ein Begriff, den wir nach Ihrer Meinung in unseren Sprachschatz aufnehmen sollten.

 

Spitzer: Wie schon vorhin angedeutet, hat das Fernsehen enorm negative Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Und natürlich sterben Menschen am Fernsehkonsum. Allein an der fernsehbedingten Dickleibigkeit sterben in Deutschland jährlich mehrere tausend Menschen.

 

Doch auch für Skatrunden, Kaffeekränzchen und Büroarbeit gilt: null Bewegung und vermehrter Verzehr von Kuchen, Keksen, Schokolade und Knabberzeug.

 

Spitzer: Die Mechanismen, warum Fernsehen dick macht, sind vielfältig: Beispielsweise bezieht sich die an Kinder gerichtete Fernsehwerbung zu 65 Prozent auf Nahrungsmittel, die zu hundert Prozent ungesund sind. Wer sie ißt, wird dick. Fernsehkonsum führt weiterhin zu ungesunderem Eßverhalten - weniger Essen zu den Mahlzeiten, mehr Snacks zwischendurch - und führt dazu, daß man sich weniger bewegt, insbesondere die unwillkürlichen kleinen Bewegungen nehmen ab. Deswegen führt das Fernsehen selektiv zur Dickleibigkeit, anders als beispielsweise das Lesen. - Im übrigen ist das Lesen kein Problem, denn rein zeitlich ist es bedeutungslos: Bei der deutschen Jugend stehen drei Stunden täglichem Fernsehen ganze 17 Minuten täglichem Lesen gegenüber.

 

Wenn sich Fernsehen so destruktiv auf unsere Gesellschaft auswirkt, warum wird dies dann von den etablierten Parteien nicht ernsthaft und vorrangig thematisiert?

 

Spitzer: Es wird Zeit, daß wir umdenken. Fernsehen verschmutzt die Köpfe der Kinder und Jugendlichen. Man muß es deswegen behandeln wie Umweltverschmutzung! Auch bei diesem Thema galt vor dreißig Jahren, daß die Leute geglaubt haben, man könne nichts daran ändern; die Produktion verdrecke nun einmal die Umwelt. Wir haben erlebt, daß dies kein „Naturgesetz“ ist. Wenn wir uns Mühe geben, können wir etwas ändern. Natürlich sind die Politiker gefragt.

 

Kinderschutzaktivisten - etwa wie die Aktion „Kinder in Gefahr“ - gelten nicht selten als „Spinner“ oder gar „autoritäre Ewiggestrige“.

 

Spitzer: Ich selbst wurde auch schon oft als „oberlehrerhaft“ oder als „Spaßbremse“ bezeichnet. Aber wer schreibt das? Natürlich die Medien selbst!

 

Wen halten Sie für diese Mißstände konkret für politisch verantwortlich?

 

Spitzer: Einiges von diesen Effekten des Fernsehkonsums haben diejenigen zu verantworten, die in den achtziger Jahren das kommerzielle Fernsehen eingeführt haben.

 

Das war nicht allzu konkret. - Genau gesagt wurde das Privatfernsehen unter einer CDU-Regierung eingeführt. Zu welcher demokratischen Sanktionsmaßnahme würden Sie Eltern und Wählern gegenüber dieser Partei raten?

 

Spitzer: Ich würde allen Eltern raten, sich mit den politischen Repräsentanten welcher Partei auch immer auseinanderzusetzen.

 

Ist es nicht geradezu ein Skandal, daß dies ausgerechnet durch die „konservative“ CDU geschehen ist, der doch in dieser Frage viel eher eine behütende politische Kompetenz zuzuschreiben ist als den „progressiven“ Kräften?

 

Spitzer: Nun, auch der König von Bhutan, ein Buddhist und sehr human denkender Mensch, der 1998 die Maximierung des Bruttosozialglücks - nicht des Bruttosozialprodukts! - als Staatsziel formuliert hat, hat 1999 das Fernsehen eingeführt. Wichtig erscheint mir: Es kann nicht sein, daß sich eine Gesellschaft überhaupt nicht darum kümmert, was Kinder und Jugendliche mit dem größten Teil ihrer Zeit anfangen. Es kann auch nicht sein, daß wir die Inhalte den Marktinteressen einiger weniger überlassen. Wir müssen hier neu nachdenken - wenn wir dies nicht tun, dann wird unsere Gesellschaft kulturell und vor allem auch wirtschaftlich sehr rasch weiter an Bedeutung verlieren. Wir dürfen nicht weiter zusehen!

 

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