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Wilde Zeiten - schon immer
Mein Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater Hermann Benedictus wurde am 15.08.1800 in Stettin als Sohn des Bürgermeisters Karl Friedrich und seiner Frau Dorothea W......., geborene Wilde, geboren. Seine
Kindheit war beschattet von den Wirren der Napoleonischen Zeit. Er war 7 Jahre alt, als sein Vater die Stadt Stettin vor den Franzosen retten wollte, verraten und festgenommen wurde. Er erinnerte sich genau dieser Nachtszene im Treppenhaus der Marienstraße, als die Haustür eingeschlagen wurde, französische Dragoner eindrangen, seinen Vater
aus dem Bett rissen und abführten. Im Gefängnis erkrankte der Vater, wurde nach Hause entlassen und starb dort am 15. September 1807. Die Stadt Stettin setzte ihm ein Grabdenkmal auf dem Rondell des großen Kirchhofes.
Die Mutter Dorothea zog mit den drei Schwestern zu ihren Brüdern, Hermann Benedictus gab sie in Pension zu Herrn von Puttkamer auf
Kolzichlow. Herr von Puttkamer, der Vater von Frau von Bismarck, war ein treuer Freund ihres Mannes gewesen. Dort führte Herrmann Benedictus mit den Söhnen von Herrn von Puttkamer ein einfaches Landleben, der Not der Zeit entsprechend. Nach wenigen Jahren kehrten Mutter und Schwestern nach Stettin zurück und lebten in
einer kleinen Wohnung im Johannisstift. Herrmann Benedictus lebte bei seinem Vormund; Justizrat Remy, mit dessen Sohn August er befreundet war, und kam auf das Gymnasium.
Nach 6 Jahren schlug die Stunde der Befreiung von den Franzosen für Stettin. 1813 schlossen Preußen und Russen die Stadt von allen Seiten ein und griffen an. Frauen und Kinder mußten die Stadt verlassen. Die Familie zog wieder mit einem bepackten Landwagen zu den Brüdern von Dorothea
nach Hinterpommern. Herrmann Benedictus, damals 13 Jahre alt, mußte bei der Paßkontrolle die Papiere in das Zelt bringen und hörte dabei die Kugeln pfeifen. Nach nicht langer Zeit kehrte man zurück; Hermann Benedictus blieb bei Remy’s wohnen, besuchte weiter das Gymnasium und machte 1819 das Abiturium.
Als er 15 Jahre alt war, zog er heimlich mit einer russischen Truppe mit, um auch mitzukämpfen, doch nach 2 Tagen erschien sein Vormund mit
einem Wagen und holte ihn wieder zurück. Seine Schuljahre waren voller Jugendfreuden, Schlittschuhlaufen, Segeln, Schwimmen, Besuchen bei Verwandten, Chorsingen, Tanzstunde usw. 1820 wanderte er mit Ranzen und Ziegenhainer (Knotenstock) nach Bonn, studierte Jurisprudenz, trat der Burschenschaft bei, focht einige Mensuren und wurde nach 3
Semestern krank. Nachdem er sich zu Hause in Stettin auskuriert hatte, absolvierte er das übrige Studium in Göttingen. Nach dem Triennium bestand er in Stettin das Auskultatorexamen, die Referendariatsprüfung. Er arbeitete dann am Stadtgericht von Stettin und lebte bei seiner Schwester Franziska und deren kleinem Sohn Herrmann
Johannes in einem ihnen gehörigen Haus am Paradeplatz. Herrmann
Benedictus war ein besonders schöner Mann, 185 cm groß, mit edler Haltung, schönem Haar und blendenden Zähnen, die er alle mit ins Grab nahm. Er hatte eine schöne Baßstimme, viele gesellige Talente und war ein begeisterter und guter Jäger.
Im Jahre 1825 als Referendar verlobte er sich mit Emmi Kugler und 1827, als er Referendar bei der Generalkommission in Stargard
geworden war, wurde in Eckersberg geheiratet. Am Hochzeitsabend fuhr das junge Paar mit einem Wagen in die von Mutter Kugler völlig eingerichtete Wohnung nach Stargard. Sie wohnten in der Brauerstraße. In Stargard wurden Marie, Paul und Clara geboren. 1832 siedelte die Familie nach Colberg um, wo Herrmann Benedictus
zum Bürgermeister gewählt worden war. Um das Bürgerrecht zu erwerben, kaufte er ein kleines Haus in dem er unter anderem Kronprinz Friedrich Wilhelm und seine Gemahlin Elisabeth von Bayern empfing. In Colberg wurde Carl geboren. Im Jahre 1836 zog die Familie wieder nach Stargard, da Herrmann Benedictus wieder in
den Staatsdienst, die Generalkommission, eintrat. Bald darauf ging er mit seiner Frau Emmi für mehrere Monate nach Berlin, hörte Vorlesungen und bestand 1840 seine dritte juristische Prüfung, das Assessorexamen. Er wurde bald danach zu Regierungsrat ernannt.
In Stargard wurden zwei Töchter geboren, Christliebe, die nur wenige Stunden lebte, und Luise, die mit
9 Monaten an Keuchhusten starb. 1841 kam das jüngste Kind, der Sohn Adolf, zur Welt. Im Herbst 1845 wurde Herrmann Benedictus an die Regierung nach Frankfurt/Oder versetzt. Die Familie fand nach vielem Hin und Her eine schöne Wohnung in der Bahnhofsstraße 3. Marie, die älteste Tochter, hatte 1853 in Australien geheiratet.
Clara war Lehrerin in Frankfurt, Paul heiratete 1860 Anna Kuhlmeyer und Carl wurde zuerst Schiffskapitän in Bremen und wanderte dann nach Amerika aus. Adolf studierte Chemie und wurde Gasanstaltsdirektor. Im Kriege 1870/71 war Paul an der Westfront und Clara leitete ein Lazarett. 1871 kam
Maries ältester Sohn Freddy Bunny zu den Großeltern und ging in Frankfurt auf die Schule. Herrmann Benedictus ging viel auf Jagd, und ein großer Freundeskreis umgab die Familie W.......
Im Jahre 1872 starb Emmi an einer leichten Lungenentzündung. Als Geheimer Regierungsrat feierte Herrmann Benedictus im
gleichen Jahr sein 50 jähriges Jubiläum Dienstjubiläum. Bald darauf kam Marie Bunny aus Australien mit ihren 6 jüngeren Kindern und blieb zuerst in Frankfurt. 1874 ließ sich Herrmann Benedictus pensionieren und alle zogen nach Kassel, wohin Paul versetzt worden war. Winter und Frühjahr 1875/76 verlebte Vater Herrmann
Benedictus mit Clara, Marie und ihren Kindern in der Schweiz. Bald darauf fuhr Marie nach England und von dort zurück nach Australien. Clara gründete ein Mädchenpensionat mit Schule und behielt ihren Vater bei sich, bis er im November 1879 in Kassel starb.
Aus: "Meine Geschichte der Familie und einiger Nebenlinien im Wandel der Zeiten von 1632 – 2000", Erschienen 2002,
© 2006 rebellog/Robin Renitent |
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