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Robin Renitent, 22. Januar 2006

   

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Mein Weg zur Freiheit

Schon als ich ein Junge war und die Fistelstimme von Walter Ulbricht im Radio hörte begann ich die DDR und alles was jenseits der Mauer lag regelrecht zu hassen. Ich hatte noch keine Ahnung von Politik und kannte noch nicht den genauen Unterschied zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Aber, daß es so beschwerlich war nach Ostberlin zu kommen, später, wir bei allen Fahrten nach Westdeutschland kontrolliert wurden, daß sich diese Grenzübertritte so dramatisch von denen nach Dänemark oder Österreich unterschieden, schon das ärgerte mich. Mein Vater verdonnerte uns jedes Mal zu absoluter Ruhe im Auto, die Sitzbänke mussten hochgeklappt werden, im Benzintank wurde gestochert, mit Spiegeln unter das Auto geschaut und eine Pinkelpause war eine aufregende Angelegenheit. Alles bekannt. Die Fahrten mit der S-Bahn, der Blick über die Mauer ins trostlose Ost-Berlin. Dann, als ich mein erstes, kleines Kofferradio bekam hörte ich die Lügen der Ansager, die Reden vom „antikapitalistischen Wall“, sah die Bilder der Toten an der Mauer. Ich begann mir die Namen der Lügner, der Nachrichtensprecher aufzuschreiben, sicherlich ungewöhnlich für einen 13 oder 14jährigen Jungen. (Leider habe ich die Liste später verloren) Noch später sah ich Karl-Eduard von Schnitzler und überhaupt oft Ostfernsehen, auch das nicht gewöhnlich, weil ich ein instinktives Gespür entwickelte für die Ungerechtigkeiten und die Lügen die verbreitet wurden und die so gar nicht mit der von mir erlebten Wirklichkeit übereinstimmten. Einmal, als ich noch Kind war, wurde mein Vater nachts aus dem Bett geholt und sollte ärztliche Hilfe leisten bei einer zu dicken Frau, die in einem Fluchttunnel stecken geblieben war. Ich hatte Angst, meine Mutter auch, und wir hofften dass nichts passieren würde. Die Frau kam frei, aber mit Schürfwunden und Verletzungen an der Hüfte.

 

Wenn uns schon das Herz flatterte, bloß weil zwei West-Berliner Polizeibeamte meinen Vater nachts um Hilfe baten, wie mussten sich erst die Menschen auf der anderen Seite der Mauer fühlen, wenn bei ihnen die Stasi auftauchte, den Vater oder die Mutter mitnahm. Später, als ich ein Auto hatte fuhr ich oft in den Ostteil, ich hatte mir einen westdeutschen Zweitwohnsitzpass besorgt, und erkundete den Ostteil der Stadt. Mehr als einmal versuchte mich die Stasi zum unerlaubten Devisentausch zu animieren, aber sie hatten kein Glück, ich kannte die Fallen und machte mich über sie lustig. Einmal hatte ich eine Mozartkassette im Schacht des Autoradios vergessen und die Frage nach den „Donträjern“ verneint. Sie wurde beschlagnahmt, abgehört und konfisziert. Auch musste ich mich fast ausziehen und wurde kräftig gefilzt. (Gänsefleich maaan Kowaraum uffmachen?) Dafür „rächte" ich mich und schmuggelte einmal Pornohefte rein. Die erregten allergrößte Aufmerksamkeit.

 

Jedenfalls begann ich mich schon früh für das Leben auf der anderen Seite zu interessieren, stellte aber fest, daß weder meine Eltern, noch sonst irgend jemand den ich kannte etwa Ostfernsehen sah oder überhaupt etwas von drüben wissen wollte. Einen Rentner, den ich kennen gelernt hatte, überredete ich mir immer die Wochenpost mitzubringen. http://www.berliner-lesezeichen.de/Lesezei/Blz98_04/text26.htm Er legte sie als Boden in seine Plasteeinkaufstasche und ich konnte Artikel von Christa Wolf, die ich nicht mochte, und anderen Autoren lesen. Auch Heiratsanzeigen sind mir in Erinnerung: „Nichtraucherin, 34, MLWA, 2 Kinder, Akademikerin, sucht zuverlässigen Handwerker, NT, NR.“ Wobei MLWA für marxistisch-leninistische Weltanschauung stand und NR für Nichtraucher und NT für Nichttrinker.

 

Später begann ich etliche Bücher über die DDR zu lesen, besuchte auch Buchhandlungen in Ost-Berlin und kaufte Bücher und Platten. (Platten mehr aus Ulk, z.B.: Arbeiterlieder von Ernst Busch). Besonders faszinierten mich immer Biografien und wenn es eine DDR-Biografie oder eine Biografie aus der Sowjetunion war besonders. 1986 hatte ich mir ein Bastei-Lübbe Buch gekauft, das mir auffiel „Stell Dich mit den Schergen gut“ von Ellen Thiemann. Ich erinnere mich, daß mich dieses Buch ziemlich mitnahm und ich es in einem Zug durchlas. Es ist natürlich genau 20 Jahre her und ich kann mich nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern, deshalb werde ich es noch einmal lesen. Aber beim Durchblättern fiel mir gleich die Einleitung auf:

"Weil ich die Freiheit suchte, lernte ich die totale Unfreiheit kennen: Ich bekam drei Jahre und fünf Monate Zuchthaus, in einem Staat, der sich »Deutsche Demokratische Republik« nennt. Das Strafmaß legt die Stasi fest — Staatsanwälte und Richter sind nur Marionetten, die formell anklagen und verurteilen. »Republikflucht« ist in dem Land ein schweres Verbrechen, es kommt »gleich nach dem Massenmord«.


Mit meinem Buch will ich einen Schwur erfüllen, den ich mir in den schwersten Stunden meines Lebens gab: Ich möchte anklagen! Anklagen ein Regime, das vom Terror geprägt ist. Anklagen die Schergen, mit denen ich mich nicht gutstellen konnte - und die mich deshalb brutal quälten, diskriminierten, folterten und schikanierten. Mit Schlafentzug, mit Drogen, mit zynischen Drohungen, mit zermürbender Einzelhaft und vollständigem Zuckerentzug. Sie versuchten, meine Selbstachtung auszulöschen, mein Wertgefühl zu vernichten, meine Widerstandskraft zu brechen, meine Persönlichkeit zu zerstören. Die Kraft, am Leben zu bleiben, schöpfte ich aus der Verantwortung meinem Kind gegenüber. Ich möchte aber auch aufrütteln all die, die grausam Erlebtes zu schnell vergaßen. Und informieren die, die durch Desinteresse und Unkenntnis Dinge nicht für möglich halten, die wenige Meter neben ihnen geschehen - im anderen Teil Deutschlands. Ich erlebte beim Schreiben dieses Buches die Hölle noch einmal. Allein. Zitternd. Von Weinkrämpfen geschüttelt. Mehrmals dem Zusammenbruch nahe. Ich befand mich in München in »Klausur«, fernab von Verwandten und Freunden, die mich vielleicht hätten trösten können. In nur zehn Tagen bewältigte ich den größten Teil dieses Stoffes — von morgens an bis weit in die Nacht. Länger hätte ich weder Kraft noch Nerven gehabt. Nur durch äußerste Konzentration schaffte ich es, die vielen Unmenschlichkeiten im einzelnen wiederzugeben.


Auch heute noch schrecke ich nachts auf, leide unter schweren Alpträumen und Schlaflosigkeit, die ich seit Jahren mit starken Mitteln bekämpfe.
Aber: Die Freiheit, die ich suchte, habe ich hier gefunden - im freien Teil Deutschlands."

Januar 1984 Ellen Thiemann
 

Das Buch ist stellenweise etwas holperig und ungelenk geschrieben und natürlich ist es sehr ichbezogen geschrieben. Man merkt, dass da kein Ghostwriter geglättet hat. Hier hat sich eine Betroffene ihren Frust und ihre Erlebnisse aufgeschrieben, einerseits als Heilungsprozess, andererseits um eben aufzurütteln. Es ist genau das eingetreten was Ellen Thiemann beklagt. Es wird zu schnell vergessen, die Menschen sind uninteressiert und die Einheit ist ja vollzogen. Die Wessi’s haben sich nie viel für die Ossi’s interessiert und viele Ossi’s die nicht mit der Neuorganisation des veränderten, täglichen Lebens beschäftigt waren haben alles getan um ihre eigene Beteiligung am Unrecht erfolgreich zu verwischen. Ellen Thiemann konnte nach Öffnung der Stasiakten Einsicht nehmen und fand heraus, das ihr Ehemann, als IM, sie und ihre Republikflucht an die Stasi verraten hatte. Wie wird man mit einer solchen individuellen Enttäuschung fertig?

 

Auch Vera Lengsfeld suchte die Freiheit. Sie hat dafür zwar nicht wie Ellen Thiemann über 3 Jahre im Zuchthaus gesessen sondern war nur einige Tage in der Haftanstalt Rummelsburg. Aber, und das hat sie mit Thiemann gemein, auch sie wurde von ihrem Ehemann, der ebenfalls IM war, bespitzelt und an die Stasi verraten. „Von nun an ging’s bergauf… Mein Weg zur Freiheit“ heißt das Buch. Es ist unwahrscheinlich spannend zu lesen, weil interessant und sehr persönlich geschrieben. Lengsfeld schreibt wesentlich routinierter, man merkt, daß sie langjährige Erfahrung im  Abfassen von Texten hat. Schließlich ist sie diplomierte Philosophin und hat in Cambridge nach nur wenigen Monaten Sprachstudien sogar Essays über Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, den protestantischen Theologen und Philosophen geschrieben. Frau Lengsfeld erzählt von ihrer Kindheit und Jugend und ihren ziemlich unsensiblen Eltern, die an den Staat DDR geglaubt und sich arrangiert hatten. Sie schreibt über ihre Familienmitglieder, Freunde, Sympathisanten und Mitkämpfer. Sie nennt Namen, einige kennt man, und sie nimmt kein Blatt vor den Mund wenn es um ihre Empörung geht über die Hinterhältigkeit der Stasi und ihrer Mitarbeiter. Aber sie findet auch Verständnis für die kleinen IM’s, unreife junge Menschen, die sich über die Konsequenzen einer Anwerbung nicht im Klaren sind, aber auch keinen Schaden anrichteten. Über ihre eigenen Beziehungen, also die Beziehungen zu Männern, schreibt sie wenig, gerade so, daß man mitbekommt wer ungefähr wann mit ihr gelebt hat. Es ist eine geschickte Balance zwischen der Notwendigkeit diese Männer als Teil ihres Lebens vorzustellen und sich doch einen bestimmten Teil als privat zu reservieren. Auf Lesungen, die sie später mit ihrem Buch vornimmt, geht sie auf die penetranten Fragen der Voyeure denn auch nicht ein und flüchtet sich bewusst in die ihr zustehende Unverbindlichkeit. Auch Journalisten lässt sie durchaus ins Leere laufen wenn die ihr zu nah „auf die Pelle“ rücken wollen. Diese Art der Verweigerung macht sie besonders sympathisch, mir jedenfalls.   

 

Über die Umwelt- und Friedensbewegung profiliert sie sich und man erlebt mit wie sich die Festigung ihrer Persönlichkeit und ihre Abkehr vom System vollzieht. Obwohl sie auf der anderen Seite der Mauer lebte sehe ich Parallelen im Erkennen der Lügen und dem Erleben der Wirklichkeit zu meinen eigenen Erfahrungen. Ein Aufenthalt in der SU macht sie frühzeitig stutzig. Ich bin erst 1992 zu ersten Mal nach Moskau gekommen und hatte bis dahin immer nur die DDR bereist. Moskau geht noch und den letzten 10 Jahren ist das eine moderne Stadt geworden, die einen durchaus ansprechen kann. Ich fliege jetzt alle 2 Jahre für eine paar Wochen hin. Aber wie muss das 1968 gewesen sein, als Vera Lengsfeld als Teenager den unverfälschten Kommunismus erlebte? Das Vorbild und Hauptbrudervolk der DDR? Später, als sie zum ersten Mal in den Westen darf, ist sie dann schockiert als sie Studenten Zettel verteilen sieht, die den Sozialismus preisen:

 

„In der Mensa der Universität traf ich auf jene, die dies alles nicht zu schätzen wussten. Mit­glieder eines linksextremistischen Studentenverbandes verteilten eine Semesteranfangsinfo »SS 87 - Faust«, in der als Anfangssatz tatsächlich stand: »In Erwägung, dass der Kapitalismus für den größten Teil der Menschheit doch nur Hunger, Not, Elend und Unterdrückung zu bieten hat, ist das System auf die Dauer uner­träglich und muss zerschlagen werden. Feuer und Flamme für den Staat.« Ich las diesen Text fassungslos. Dass man in einer geschlos­senen Gesellschaft wie der DDR zu solchen Fehlurteilen kommen konnte, war noch nachvollziehbar. Aber in einer freien Gesellschaft selbstgewählt blind zu sein, um ideologische Phrasen dreschen zu können, war schon eine Leistung. »Wir sind trotz Student-Sein Anarchisten geworden, haben uns auf die Seite der Arbeiterklasse gestellt und uns in der Faust organisiert, um dazu beizutragen, denn auch an der Uni gibt es was für den Sozialismus zu tun ...« An dieser Stelle musste ich laut lachen, was bewirkte, dass den Möchtegern-Anarchisten die Flugblätter aus der Hand gerissen wurden, weil sie offensichtlich Witziges enthielten. Die Flugblatt­verteiler wollten ziemlich aggressiv wissen, was es denn zu lachen gäbe. Ich zog es vor, nicht mit ihnen zu diskutieren, sondern mich mit dem preiswerten und reichhaltigen Kantinenangebot zu stär­ken. Vielleicht würde mir in den letzten Tagen meines Westaufent­haltes noch der Hunger begegnen, den der Kapitalismus der Welt überwiegend gebracht hatte. Stattdessen sah ich Dinge im Über-fluss, die ich in der DDR nie gesehen hatte. Das Bösartigste am Ka­pitalismus war offensichtlich seine perfekte Tarnung.“

 

Hier bin  ich ihr ganz nahe, denn auch ich habe das nie verstanden und kann über diese Idioten, die entweder vom Geld, das ihre Eltern erarbeitet haben leben oder von den Errungenschaften des Kapitalismus zehren, der ihnen ihr Studium per Umverteilung finanziert, und die vom Sozialismus träumen, im Gegensatz zu Lengsfeld nicht lachen, sondern mich tierisch aufregen.

 

Die Schikanen für diese aufrichtige Frau sind die Üblichen einer Diktatur die ihre aufmüpfigen Bürger in die Knie zwingen will. Schikanen und Berufsverbot. Manchmal hat Lengsfeld ein so gehetztes Leben, ist so überaktiv, dass man als Leser fast aus der Puste kommt und sich in jedem Fall fragt wie die Frau das schafft. Das hält bis zum Ende des Buches an, es gibt nicht einen Moment der Ruhe. Sie scheint über eine stabile Gesundheit zu verfügen. Wichtiger aber ist ihre psychische Stabilität, besonders wenn sie beschreibt wie ihr Sohn Philipp an der Oberschule relegiert wird. Überhaupt ist für mich besonders beeindruckend wie sie ihr so aktives Leben, das ständige Hin- und Her, die Belastungen, die sozialistischen Unbequemlichkeiten des Alltags, (allein die Entfernungen im Trabbi) und ihre Rolle als Mutter von drei Söhnen im Griff  behält. Sie schließt einige Kompromisse und geht in ihrem politischen Wirken und ihren Aktivitäten nie so weit, daß die Kinder darunter zu leiden haben. Sicher, eine Mutter wie Lengsfeld ist sicher nicht der Ruhepol wie man ihn sich klassisch vorstellt. Dennoch, sie schreibt viel von und über ihre Kinder und gibt dem Leser durchaus das Gefühl eine engagierte Mutter zu sein.   

 

Das was der Leser aus den Medien weiß, und worauf er von Begin an wartet, kommt, weil chronologisch, natürlich am Schluss. Das steigert einerseits die Spannung, aber wer sensibel genug ist sich in die Enttäuschung eines Menschen zu versetzen, der von seinem Ehepartner verraten worden ist, kann es auch so auslegen, daß sie das Unangenehme bis zum letzten Moment rausschiebt. Ihr Mann Knud Wollenberger, hat sie verraten, täglich bespitzelt über ihr Zusammenleben fremden Menschen, einem Geheimdienst berichtet. Wie geht es einem Menschen, der das erfahren muss, der erkennen muss, daß der Andere, an den man sich gekuschelt, dem man vertraut hat, ein Spitzel ist. Die Erklärung er, Wollenberger, habe in der DDR eine Garantie dafür gesehen, daß ein Auschwitz nie wieder passiert ist unglaubwürdig, ja offensichtlich eine lächerliche Schutzbehauptung. Wie viele IM’s kommt auch er erst mit der Wahrheit heraus, als ihr nicht mehr auszuweichen ist. Ein mieser Charakter, diese Erkenntnis macht auch jedes weitere Zusammenleben unmöglich, eine sofortige Scheidung ist die einzige, schmerzhafte Lösung. Für Kinder ist das sicher am schwersten zu verkraften wie ich aus eigenem Erleben weiß.

 

Aber auch in politischer Hinsicht muss Vera Lengsberg, geschiedene Wollenberger, Mutter von 3 Söhnen und Abgeordnete des Bundestages für die Bündnis90/Grünen noch manche herbe Enttäuschung einstecken. Da ist es nur konsequent, daß sie sich der CDU anschließt und bis zum Winter 2005 ihre politische Arbeit für diese Partei im Bundestag fortsetzt.

 

Dieses Buch hat mich sehr beschäftigt. Ich, der ich fast nie einem Politiker traue, habe doch den Eindruck gewinnen können, daß Vera Lengsfeld eine aufrechte Frau ist, die sich nicht an irgendwelchen Parteikungeleien beteiligt sondern konsequent ihren eigenen Vorstellungen folgt. Das macht sie sympathisch und glaubwürdig und deshalb verzeihe ich ihr auch die Mitgliedschaft bei den Grünen. Aus ihrer politischen Biografie, zunächst über Umwelt und Friedenspolitik überhaupt in die Politik gekommen zu sein, geht klar hervor, daß es im anderen Deutschland für sie keinen anderen Weg in die Politik gegeben hätte. Dass sie im Westen, nein im vereinigten Deutschland die Unaufrichtigkeit der Grünen nicht mehr mittragen wollte sehe ich nicht als Bruch, wie oft geschrieben, sondern ausnahmsweise als konsequent. Vera Lengsfeld ist eine Politikerin die ich vorbildhaft sehe weil sie sich nicht vereinnahmen und in keine Schublade stecken lässt. Es bleibt zu hoffen, daß ihr Weg zur Freiheit auch anderen Menschen eine Orientierungshilfe sein kann. Das Buch bleibt, sofern es gelesen wird, ein ganz wichtiger Beitrag gegen das Vergessen. Vera Lengsfeld schließt ihr Buch mit einem Absatz der allerdings den Eindruck hinterläßt, daß sie auch eine gute Libertäre wäre:

 

"Selbst in  der Partei Ludwig Erhards wird kaum noch von freier Marktwirtschaft gesprochen, nur noch von sozialer und womöglich noch ökologischer. Die Tatsache, dass die Marktwirtschaft einen bisher in der menschlichen Geschichte nie da gewesenen Massenwohlstand erzeugt hat, bei gleichzeitiger Heilung vieler ökologischer Schäden der Vergangenheit, ist keineswegs im Bewusstsein der Mehrheit angekommen. Auch der Gleichheitsgedanke ist nach wie vor sehr stark. Nur zehn Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, der an seiner Gleichmacherei gescheitert ist, werten viele Menschen Gleichheit höher als Freiheit.


Dabei ist Freiheit das Wichtigste im menschlichen Leben. Freiheit bedeutet zwar Unsicherheit, aber vor allem Eigenverantwortung und Selbstbestimmung. Freiheit als Leitmotiv menschlichen Lebens garantiert keine sichere, schmerzfreie Entwicklung, im Gegenteil, Freiheit erfordert, Schmerz als Element des Lebens zu akzeptieren. Schmerzen erfordern, sich mit der Bedeutung ihrer Ursache auseinander zu setzen. Nach lebensbedrohlichen Zuständen signalisiert die Rückkehr des Schmerzes die Rückkehr des Lebens. Durch Schmerzen sind wir dem Leben verbunden. Ich hatte bisher kein leichtes Leben und ich erwarte nicht, dass sich das ändert. Aber mein Leben war nie langweilig, ich habe immer ge-wusst, warum und wozu ich da bin. Ich musste nie nach dem Sinn des Lebens fragen, noch am Zweck meines Daseins zweifeln. Ich brauche nicht jedermanns Liebling zu sein, um meine Existenz zu rechtfertigen. Ich genieße das Älterwerden, die gesammelten Erfahrungen, die innere Gelassenheit. Ich bin glücklich, dass ich jung genug war, als der Umbruch kam, um die neuen Möglichkeiten voll nutzen zu können. Ich bin froh, dass meinen Kindern und Enkeln die Anmaßung, ihr Leben einer übergeordneten Sache widmen zu sollen, erspart bleiben wird. Ich bin sicher, dass der Zusammenbruch der Alten Welt nicht das Ende der Geschichte ist, sondern ein neuer Anfang. Und ich kann sagen, ich bin dabei gewesen."

 

Da fühle ich absolut genauso und trotz anderer, einer Westbiografie, sehe ich viele Parallelen. Und noch ein  Nachsatz: Sie beschreibt Gregor Gysi schonungslos und glaubwürdig. Hoffentlich lesen es auch viele der Sympathisanten dieses Schuftes und Dauerlügners Gregor Gysi. Sie können sich die Aussagen von Vera Lengsfeld ausschneiden und hinter den Spiegel stecken. Was ein für ein Unterschied an menschlichem Format!

 

Buch unbedingt kaufen und lesen!

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Wikipedia-Link zu Vera Lengsfeld

Artikel zu einer Lesung von Vera Lengsfeld

Rede zum Bau eines Denkmals für Homosexuelle

Zeitgenossen

Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld spricht an Chemnitzer Uni
Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Eigentümlich-frei Interview mit Vera Lengsfeld (pdf)

"Erbe der Bürgerrechtsbewegung wird verschleudert"

Ef-Magazin: Vera Lengsfeld: Von nun an gings bergauf.

Michael Miersch auf ach.gut

 

 

Vera Lengsfeld
Diplomphilosophin
Geboren am 4. Mai 1952 in Sondershausen (Thüringen); evangelisch; geschieden, drei Kinder.
Abitur. Universitätsdiplom der Humboldt-Universität Berlin.
Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Akademie der Wissenschaften der DDR, Lektorin. Seit 1983 Berufsverbot.
Aachener Friedenspreis 1990.
Mitglied der SED von 1975 bis 1983; 1983 Ausschluß aus der Partei wegen öffentlicher Stellungnahme gegen die Atomraketenstationierung in der DDR, Januar 1988 Verhaftung, Verurteilung wegen versuchter “Zusammenrottung”, Februar 1988 Abschiebung nach England, Rückkehr in die DDR am 9. November 1989. Eintritt in die Grüne Partei. Mitglied der Volkskammer vom 18. März bis 2. Oktober 1990.
Mitglied des Bundestages seit 5. Oktober 1990; seit 17. Dezember 1996 Mitglied der CDU/CSU-Fraktion.

Info von der Webpages des Bundestages

 

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Titel: Mein Weg zur Freiheit : von nun an ging's bergauf ...
Verfasser: Lengsfeld, Vera
Langen Müller
Erscheinungsjahr: 2002
Umfang/Format: 392 S. ; 22 cm
ISBN: 3-7844-2857-6
EUR 19.90
 

Titel: Virus der Heuchler : Innenansicht aus Stasi-Akten

Verfasser: Lengsfeld, Vera

Verleger: Berlin : Elefanten Press

Erscheinungsjahr: 1992

Umfang/Format: 159 S. ; 20 cm

ISBN: 3-88520-435-5

DM 24.90

 

Titel: Staten, stikkeren og sjaelene : min mand var Stasi-agent
Verfasser: Lengsfeld, Vera
Verleger: København : Forl. Politisk Revy
Erscheinungsjahr: 1993
Umfang/Format: 177 S. ; 21 cm
Originaltitel: Virus der Heuchler <dän.>
ISBN: 87-7378-112-6

dkr 185.00

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Mielke und die Freiheit
Terror als System

 

ISBN: 3776616555

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