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Antisemitismus ist nicht nur rechts...
"Nie wieder Antisemitismus in Deutschland!“ „Wir müssen unserer Jugend die geschichtlichen Zusammenhänge begreifbar machen die zum Holocaust führten!“ „Antisemitismus ist ein Problem rechter, extremer Randgruppen!“ „Wir haben reagiert und Herrn X.
wegen seiner unhaltbaren antisemitischen Äußerungen aus unserer Partei ausgeschlossen!“
So, oder ähnlich klingen beruhigende, beschwichtigende und relativierende Worte deutscher Offizieller. Politiker, Soziologen, Lehrer, Verbandsfunktionäre. Sie rücken ihre Krawatten zurecht, werfen sich in Pose, achten darauf, daß sie gut im Bild sind und äußern Betroffenheit. Darin sind wir Deutschen ja auch ganz groß. Diesen
Betroffenheitsblick haben wir nun 60 Jahre einstudieren können und verbunden mit den obigen Sprechblasen kommt er dann auch ritualisiert rüber.
Zu meinen stärksten Jugenderinnerungen gehörten 2 schwarz/weiß Dokumentarfilme, 16 mm, von der Landesbildstelle in Berlin, die, umständlich in den Projektor eingelegt, in der Aula unserer Schule vorgeführt wurden. Da war ich 16. Einige meiner Klassenkameraden betrachteten die Vorführung als willkommene Unterbrechung des Normalunterrichts,
aber einige waren auch sehr schweigsam und manche wischten sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. Ich habe die Titel der Filme vergessen, aber die Bilder der von Bulldozern in Massengräber gescharrten übereinander rollenden Leichenberger der Ermordeten von Auschwitz nicht. Auch nicht die Berge der Brillen, der Koffer und der Schuhe.
Nicht die Bilder der ausgezehrten dünnen Gestalten die in roh gezimmerten Baracken aus tief liegenden Augen in die Kamera blinzelten. Ja, wir haben das Thema Judenvernichtung und die deutsche Schuld im Unterricht durchgenommen. Viel und intensiv war es nicht, aber immerhin. Das war etwa 1965.
Bei meinen großen Kindern gab es schon keine Filme mehr. Das ganze wurde im Schnelldurchgang abgehakt, zwischen dem alten Rom und der RAF. Das war um 1992.
Später habe ich mir oft Gedanken gemacht, wenn ich von Grabschändungen und Schmierparolen hörte, warum unser Geschichtsunterricht an den Schulen nicht intensiver ist, die Schulbehörden das Geschichtscurriculum nicht nachhaltiger auf den Holocaust abstellen. Gab es eine Pflichtlektüre, ein Buch was zum Thema Antisemitismus gelesen werden
musste? Mit anschließender Ausarbeitung eines Referates? Nein, gab es nicht.
Es gab nur deutsche Betroffenheit über Glatzen, Springerstiefel und Aufmärsche.
Wenn ich Kultusminister wäre (und ich höre, wie jetzt einige aufstöhnen und murmeln „gut, daß er es nicht ist…“), wenn ich beteiligt wäre an der Gestaltung des Lehrplanes, dann würde es mehr Geschichtsunterricht geben, dann gäbe es Pflichtlektüre. Als Vater von insgesamt 4 Kindern bin ich bereit bestimmte Aufgaben selbst zu übernehmen. Ich
kann mit den Kindern nach Auschwitz oder Israel reisen. Ich kann mit ihnen darüber sprechen. Aber beindruckende Filme vorführen kann ich nicht. Und viele Eltern können oder wollen das gar nicht leisten. Die vertrauen eh auf die Schule.
„Der ewige Antisemit“ von Henryk M. Broder ist so ein Buch, daß Pflichtlektüre sein sollte. Gerade habe ich es wieder gelesen. Broder hat es mit einem neuen Vorwort versehen. Es ist aus den achtziger Jahren, aber brandaktuell. Viele der aufs Korn genommenen Zeitpersonen leben noch. Dieses Buch beeindruckt, man hat Aha-Erlebnisse, weil jeder,
jeder von uns genau diese antisemitischen Äußerungen, Witze und Blödheiten schon gehört hat. Broder weist uns nach wo und wie wir anfällig sind, warum und in welcher Form Antisemitismus latent unter uns ist: Der Jude ist immer schuld. Und selbst wenn gar keine Juden da sind, niemand einen Juden persönlich kennt, Antisemitismus ist nicht
auszurotten.
Nun sind wir in Deutschland geprägt von der Vorstellung, daß Antisemitismus ein Problem der Rechten sein. Wir kennen die TV-Bilder der Glatzen und hören von den Demonstrationen. Doch inzwischen scheint der linke Antisemitismus den rechten Antisemitismus nicht nur eingeholt sondern überholt zu haben. Broder bringt nicht nur viele historische
Beispiele die nachweisen und verständlich machen, daß Links schon immer antisemitisch war, er zeigt auch auf, daß unter dem Meinungsdiktat der Gutmenschen antijüdisches und antizionistisches Denken wieder schleichend salonfähig geworden ist. Auch die verbalen Spitzfindigkeiten des Versuchs Israels Verteidigungspolitik mit dem
Nationalsozialismus gleichzusetzen, uns dabei zu entlasten und die zionistische Idee in Verruf zu bringen erklärt Broder eindrucksvoll.
Ein Buch, das an jeder deutschen Oberschule gelesen werden sollte. Viel Hoffnung besteht aber nicht, denn die derzeit amtierende Lehrergeneration ist genau auf diesem antisemitischen, weil antiisraelischen Trip, der Einzug gehalten in die Köpfe der Kinder der Generation Schröder/Fischer und Konsorten. Amazon - Direktlink
Meine Meinung über Henryk M. Broder auch hier unter "My favorites" |
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