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Die Kraft des Geschriebenen
Ja, ich beherrsche meine Computer, die Peripherie, die zahlreichen Programme. Kann Microwelle und Waschmaschine bedienen. Ich buche und reise um die Welt. Fremde Verkehrssysteme sind kein wirkliches Problem. Aber ich mach mich nicht zum Sklaven. Begebe mich nicht in Abhängigkeiten. Den Fernseher
haben wir vom Netz genommen, vor 8 Monaten schon. Das Gerät ist noch da und machmal sehen wir einen Film - Fernsehen können wir nicht mehr. Auch ein Handy habe ich nicht. Nicht mal einen Anrufbeantworter. Nur den Festanschluß.
Höre ich den Blödsinn der durch die Luft flitzt, sehe alle so wichtigen Menschen telefonieren, sklavisch dieses silberne Ding ans Ohr pressend, bin ich froh kein Handy zu haben. Das gesprochene Wort ist so flüchtig. Wem kann ich später beweisen, was ich heute gesagt habe? Wie meinen Kindern meine
Mahnungen später sichtbar machen? Zugegeben vieles ist eine Archivierung nicht wert. Aber wenn man auf gar nichts zurückgreifen kann. Wenigstens Emails, die kann man ausdrucken. Aber der Ton ist schluderig, der Stil ist keiner, Anfang und Ende fehlen. Nicht gerade Literatur.
Ich blättere in meiner Familiengeschichte. Früher, ja früher.... nein, es war nicht alles besser. Aber es gibt Dokumente der Kommunikation zwischen Eltern und Kindern.
Briefe, Karten, handgeschrieben. Zum Beispiel im Luftschutzkeller. Belege der Wärme, der Liebe, der Sorge. Das beschäftigt, rührt an, macht nachdenklich. Zum
Beispiel dieser Brief. Geschrieben von meinem Großvater an seinen Sohn, meinen Vater. Kurz nachdem er als Volkssturmmann eingezogen wurde. Weigern war nicht. Der vorletzte Brief, 45 Tage vor seinem Tod. Er starb mit einer Kugel im Lauf, im "Kampf" gegen sowjetische Panzer. Ein Wahnsinn. Vater von 3 Kindern!
Brief von Vater F.W. (1893-1945) an seine Familie
9. März 1945
Euch allen mit herzlichem Gruß
Wandernd suchten wir zwei das Ich zu ergänzen,
finden staunend im Du der Wesen Erfüllung;
Hand in Hand der Jahre Ring durchschreitend
Werden wir eins, von einander nimmer zu lösen wir zwei!
Schöner denn viele Freuden erfüllten Berufes,
lieber als alle Wonnen der glücklichen Mutter –
echter Ehe Ihr drei gebt Sinn und Vollenden,
wachset Ihr drei als wahre Geschenke des Himmels Ihr drei!
Jahre leben wir fünf in trautem Vereine,
Laufen, Sprechen, Spiele, die Pflichten der Schule
Jedes ganz anders, jedes ein eigenes Wesen,
spüren doch alle die wärmenden Bande des Blutes - wir fünf!
Not bleibt fern auf des Amtes sicheren Bahnen,
Krankheit pflegt die treulich wachende Mutter,
sie gestaltet gemietete Räume zur Heimat,
kocht mit Liebe, erträgt die Mühen des Tages - für Euch!
Knaben wachsen hinein in die Nöte des Jünglings,
Spiele des Mädchens reifen zum Ernste der Jungfrau;
Pläne und Wünsche und Träume füllen die Herzen,
was die Seelen bewegt, das teilt Ihr vertrauend mit uns!
Kummer, Tränen, Verzagen, Mißlingen, Verzweifeln –
jeder Regen weichet der siegenden Sonne;
strahlend wärmet der Mutter gläubiger Frohsinn,
bunter Wechsel des Lebens gewähret uns allen viel Glück!
Drohen dem Glück schon tückisch heimliche Mächte?
Ob wir verdienen, was uns das Leben gewähret?
Zweifelnd halten wir oft im Getriebe des Tages,
suchen den Sinn und wissen der Güte des Schicksals nur Dank!
Volk und Heimat ringen im Kampf ums Dasein;
Jeder einsam steht an der Stätte der Pflichten.
Seelen über die Ferne leben der Liebe.
Demut bittet den Schöpfer der Welten eines um Kraft!
Was er beschließt in unerforschlichem Ratschluß;
Was er uns sende zur Prüfung der Leiber, der Seelen,
ob er gnädig sich weise, ob er uns zürne
gläubig betten wir uns in die gütigsten Hände: in Gott!
In Feuerstellung, am 9. März 1945
Mit den besten Wünschen von Eurem Vater
Photo © 2005 rebellog/Robin Renitent/Mein
Großvater und mein Vaterter |
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