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PISA und die humanistische Allgemeinbildung
Der Wert einer humanistischen Allgemeinbildung wird allgemein nicht mehr so hoch eingeschätzt wie noch zu meiner Schulzeit. So treffe ich denn immer mehr auf hervorragend ausgebildete Fachleute (auch Fachidioten genannt) denen die Welt außerhalb ihres Faches im Grunde verborgen bleibt. Das jeweilige Abschlussdiplom suggeriert ihnen neben der
fachlichen Kompetenz auch automatisch Kompetenz in allen anderen Fragen erworben zu haben. Dem ist mitnichten so. Bestes Beispiel ist ein guter Bekannter, ein Audiologe, der zu allem seinen Senf gibt, besonders zu politischen Dingen, aber weder Exekutive noch Judikative auseinander halten kann. Da er in Staatsdiensten steht kommt ein latenter
Minderwertigkeitskomplex gegen alle nicht aus Staatsknete unterhaltenen Bürger hinzu. Alles zusammengerührt ergibt eine kaum erträgliche Soße unqualifizierter Kommentare die eine sachliche, geschweige denn anregende, inspirierende und lehrreiche Diskussion unmöglich macht.
Da lese ich gerade die Lebenserinnerungen von Johannes Heinrich Schultz (1884-1970), dem berühmter Berliner Psychiater und Erfinder des Autogenen Trainings. Er, der schon mit 8 Jahren, wie alle seine Klassenkameraden auch, klassische Dramen las und auf Wanderungen mit verteilten Rollen frei rezitierte, sei hier zu diesem Thema zitiert:
„Jedenfalls kann ich nur allen Eltern dringend raten, ihren Kindern, wenn irgend möglich, die Grundlagen humanistischer Allgemeinbildung übermitteln zu lassen; während jede sprachliche Gegenwart später mühelos erworben werden kann, ist der Zugang zur klassischen Welt, wenn nicht eine geniale Begabung vorliegt, auf anderen Wegen völlig verschlossen
und damit die Möglichkeit eines wirklichen Verständnisses für die klassische Dichtung aller europäischen Völker, ihre geistesgeschichtliche und ewig befruchtende Bedeutung aufgehoben.“ (Lebensbilderbuch eines Nervenarztes, Dr.
H.J. Schultz, Thieme-Verlag, 1964, Seite 36)
Aber vielleicht ist es auch politisch gewollt lieber ein Heer von Technokraten zu schulen und zu fördern, als Menschen zur Wahlurne gehen zu sehen, die bei der Abgabe ihres Stimmzettels Don Carlos gedenken und seines „Geben Sie Gedankenfreiheit, Sir!“ |
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