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Eins, zwei, drei im Sauseschritt….about Deep Throat
Alle werden älter. Wir nicht. Aber Harry Reems wurde. Und Linda Boreman ist schon tot. Na klar hab ich den Streifen gesehen. Damals schon. Nur fand ich immer, daß die Farben schlecht waren, trotz Eastman Color und schlecht ausgeleuchtet war er auch. Und später habe ich im Warteraum meines Zahnarztes Linda Lovelace
Memoiren gelesen. War es nun so schrecklich, oder war das nur die Mitleidsmasche. Wären es nicht 1200 Dollar Gage gewesen, sondern 120 000 Dollar, wären ihre Ergüsse wahrscheinlich anders ausgefallen.
Man muss kein Chauvinist sein um der Vorstellung von einer Klitoris in weiblich (schöner) Kehle wenigstens in der Fantasie etwas abzugewinnen. Es gibt wesentlich bessere Pornos, mit hübscheren Mädchen, standhafteren Männern und schlechterer Story. Warum also wurde „Deep Throat“ ein Kultfilm. Wird mir immer ein Rätsel bleiben. Nach 33 Jahren lässt
die Erinnerung an Einzelheiten nach, aber an das verzückte Gesicht der Linda kann ich mich erinnern. Und auf die blauen Flecken, die von vorherigen Fußtritten herrühren sollen, habe ich nicht geachtet. Auch glaube ich mich zu erinnern, daß es einer der ersten Kinofilme mit „Backdoor-Aktivitäten“ war.
Aber eine Szene habe ich nie vergessen. Wo ein Mädchen, war es Linda oder ihre Freundin, die Harry, als er zum Cunnilingus ansetzt, fragt: „Haste Dir auch die Zähne geputzt?“ So gesehen war der Film lehrreich, denn danach ist mein Zahnpastaverbrauch dramatisch gestiegen. Es bleiben aber Zweifel wenn man den Bericht auf SPON liest. 600 Mio. und mit
vorgehaltener Waffe. Ach, wirklich? Vielleicht ist auch nur mal wieder die Schreibtischfantasie des Verfassers abgerauscht.
Was erfrischend zu lesen ist, wenn es denn stimmen sollte, daß die subalternen Moralapostel immer ein wenig hinterher hinken. Hoffentlich bleibt das auch in Zukunft so. Und es kommt nicht ein „Versteher“ so genannten „islamischen Widerstandes“ und verschärft unsere Gesetze in vorauseilendem Gehorsam. Ich erinnere mich jedenfalls lebhaft einer
Knalltüte in Berlin: Staatsanwalt Finger. Er ließ „Je t’aime“ von Jane Birkin beschlagnahmen. Später spielte es jede Tanzkapelle. Daraus könnten wir alle was lernen.

DER SPIEGEL 31/2005 - 30. Juli 2005
URL: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,367569,00.html
Skandale
Im Schlund
Von Martin Wolf
Krimineller Schund oder legendäre Avantgarde? Der Kulturkampf um den Pornofilm "Deep Throat" ist wieder ausgebrochen - in einer neuen Dokumentation.
Vom Tellerwäscher zum Millionär, das kann angeblich jeder schaffen, zumindest in Amerika. Doch vom Friseur zum Regisseur eines schmuddeligen Millionenspiels aufsteigen, eine Prozesslawine auslösen und einen Kulturkampf, der in immer neue Runden geht - das ist bisher nur einem gelungen: Gerard Damiano, Jahrgang 1928, ein öliger Figaro aus dem New
Yorker Stadtteil Queens. Viele Menschen verfluchen bis heute den Tag, an dem er Fön und Schere gegen eine Kamera tauschte.
Über Damianos Meriten als Friseur ist wenig bekannt (er lobt sich noch heute, für seine Kundinnen "wie ein Beichtvater" gewesen zu sein); als Filmemacher zumindest war Schneiden nicht seine Stärke. Auch sonst verstand er eher wenig vom Filmhandwerk, und Drehbücher schreiben konnte er erst recht nicht: "Es muss doch mehr im Leben geben als nur
herumzuvögeln", lautet eine der wenigen Dialogzeilen in Damianos bekanntestem Film "Deep Throat"; ein Satz, der dann ausgiebig widerlegt wird. Denn "Deep Throat" (tiefe Kehle), Anfang 1972 in sechs Tagen für 25 000 Dollar in Florida gedreht, ist ein Pornofilm - und gilt bis heute als das profitabelste Werk der Kinogeschichte.
600 Millionen Dollar soll "Deep Throat" eingespielt haben, eine Schätzung, denn einen Großteil des Geldes kassierte die Mafia, in bar und bisweilen mit vorgehaltener Waffe. Trotz dieser nach Hollywood-Maßstäben eigentlich unschlagbaren Kombination - neben Sex, Geld und Gewalt gehören zu "Deep Throat" auch noch mindestens ein Todesfall und eine
Wiederauferstehung - dauerte es mehr als 30 Jahre, bis die Filmindustrie das Phänomen "Deep Throat" als Thema entdeckte.
Jetzt zeigt der Dokumentarfilm "Inside Deep Throat" (Regie: Fenton Bailey und Randy Barbato), eine grelle, flott montierte Mischung aus Archivaufnahmen und neuen Interviews mit Zeitzeugen, wie ein albernes Rammel-Filmchen zum Politikum wurde (Start: 11. August). Bailey und Barbato dürfen als Experten auf diesem Gebiet gelten: Zu ihrem Lebenswerk
gehört auch ein Film über Monica Lewinsky.
Diesmal erzählen die Regisseure unter anderem die traurige Geschichte von Linda Boreman, einer haltlosen jungen Frau auf der Suche nach ihren 15 Minuten Ruhm. Tatsächlich wurde sie eine Art Star, 30 Jahre lang, aber es war eher ein Fluch. Denn bis zu ihrem Unfalltod 2002 im Alter von 53 Jahren wurde Boreman von jener Rolle verfolgt, die sie 1972
unter dem Künstlernamen Linda Lovelace gespielt hatte, für 1200 Dollar Gage und angeblich unter Gewaltandrohung, wie sie später behauptete: eine Frau, deren Klitoris in der Kehle sitzt.
Damals tobte die sexuelle Revolution auch im Kino - im selben Jahr wie "Deep Throat" kam Bernardo Bertoluccis "Letzter Tango in Paris" heraus -, und Lovelace' Schlund wurde zur Goldgrube. Wer als fortschrittlich gelten wollte in den USA, musste zumindest glaubhaft versichern können, die Porno-Klamotte gesehen zu haben. So erinnert sich die Autorin
Erica Jong ("Angst vorm Fliegen"), die wie "Playboy"-Gründer Hugh Hefner oder der Schriftsteller Norman Mailer für die Dokumentation interviewt wurde, an eine Party, "bei der alle kifften" und "Deep Throat" guckten.
Längst lief der Film nicht mehr nur in klebrigen Bahnhofskinos, sondern auch in renommierten Häusern am Times Square. Anfangs sorgte, Pardon, ausgerechnet Mundpropaganda dafür, dass in den Sälen nicht nur Männer in langen Mänteln saßen, sondern auch Paare, wissbegierige Damen im Rentenalter und sogar Jackie Onassis, verwitwete Kennedy. Spätestens
als die "New York Times" über den neuen "Porn Chic" berichtete und dabei "Deep Throat" penibel analysierte - der Reporter zählte 15 sexuelle Handlungen in 62 Minuten -, war Damianos Dilettantenphantasie im Mainstream angekommen.
Doch auch das FBI und einige Staatsanwälte guckten ganz genau hin. "Deep Throat"-Kopien wurden, begleitet von großem Medienrummel, aus dem Verkehr gezogen, was die Neugier natürlich noch mehr anheizte. Von der Gratisreklame der Staatsmacht profitierte vor allem die Mafia, die die Produktionskosten vorgestreckt hatte und nun den Großteil der Erlöse
direkt an den Kinos abgriff.
Vor Gericht landete allerdings zunächst der Hauptdarsteller: Harry Reems, der nach Augenzeugenberichten "schon beim Surren der Kamera eine Erektion" bekam, wurde wegen Verbreitung "obszönen Materials" verurteilt. Dass sich Prominente wie die Schauspieler Jack Nicholson und Warren Beatty mit ihm fotografieren ließen, nützte nichts: Der Prozess
machte alle naiven Träume auf eine Schauspielkarriere in seriöseren Filmen zunichte.
Trotzdem ist Reems der heimliche Held der Dokumentation "Inside Deep Throat", für die er nun in Interviews Reklame macht, gegen ein großzügiges Honorar der Universal-Studios. Denn nachdem Reems in den achtziger Jahren völlig in den Suff abgestürzt war, baute er sich eine neue Existenz auf: Er wurde trocken, religiös und arbeitet heute als
Immobilienmakler. Am Ende von "Inside Deep Throat" posiert er vor seiner Villa.
Einige seiner Verfolger - so zeigt es die Dokumentation - hocken dagegen immer noch in ihren Büros und räsonieren darüber, dass im Moment leider die verdammten Terroristen alle ihre Kräfte binden. Anschließend, verkünden sie, gehe der Kampf gegen den Porno-Schund weiter.
Die gute Nachricht: Gerard Damiano ist inzwischen im Ruhestand.

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DER SPIEGEL 31/2005 - August 1, 2005
URL: http://www.spiegel.de/international/spiegel/0,1518,368487,00.html
SPIEGEL's Sex Weekend
"Inside Deep Throat" Reexamines a Smut Classic
By Martin Wolf
Mafia porn flick or avant-garde legend? A documentary takes a new look at the 1972 pornographic film "Deep Throat" -- which made the name Linda Lovelace a household name. The cultural wars that the film sparked at its release are still raging three decades later.
Linda Lovelace, née Boreman, played a woman with a unique physical characteristic.
Going from rags to riches is possible for everyone, at least in America. But to go from hairdresser to director of a smutty million-dollar hit, while unleashing an avalanche of litigation and a culture war? So far only one person has managed that: Gerard Damiano, a smarmy barber from Queens, New York, born in 1928. Many people still curse the day
he decided to swap his pair of scissors and hairdryer for a film camera.
Little is known about Damiano's merits as a hairdresser (although he himself still boasts that he was a kind of 'father confessor' to his customers). As a filmmaker at least, cuts were not his strength. He didn't understand a great deal about film technique and definitely wasn't much of a scriptwriter. "There's got to be more to life than just
screwing around" was one of the few actual snippets of dialogue in Damiano's best known film, "Deep Throat," a sentiment which the film repeatedly refutes. The porn flick was made in Florida in 1972 in just six days for $25,000. It remains the most profitable film in cinema history
"Deep Throat" supposedly made $600 million, although that is just an estimate, since the mafia raked in a large part of the proceeds, usually in cash and sometimes at gun point. Despite the apparently unbeatable combination -- at least from Hollywood's slightly skewed perspective -- of sex, money, violence, at least one death, and then eventual
redemption, it has taken more than 30 years for the film industry to rediscover the "Deep Throat" phenomenon.
Now a new documentary called "Inside Deep Throat," directed by Fenton Bailey and Randy Barbato, takes on the subject using a tawdry, snappy ensemble of archive footage and new interviews with contemporary witnesses (the film opens in Germany on August 11). Bailey and Barbato can be considered experts in this field, after all, their credits include
a film about Monica Lewinsky.
This time around the directors tell the sad story of Linda Boreman, a rootless young woman on the lookout for her 15 minutes of fame. In fact, the film did give her renown, or notoriety, for 30 years, but at the same time, was a curse she couldn't shake. Until her 2002 death from injuries sustained in a car accident at age 53, the character of
Linda Lovelace followed her like a dark shadow. It was an acting job Boreman took for just $1,200 - allegedly under the threat of violence. Her role was that of a woman with a clitoris in her throat.
At the time, the sexual revolution was playing big on the big screen. The same year that "Deep Throat" hit the porn palaces, Bernardo Bertolucci's "Last Tango in Paris" was released. Suddenly Linda Lovelace's gullet was pure gold. Anyone who wanted to prove their progressive bonafides in the US at the time, not to mention their overall hipness, had
to be able to say that they had seen the porn flick. Author Erica Jong, who was interviewed for the documentary together with Playboy founder Hugh Hefner and writer Norman Mailer, recalls watching "Deep Throat" at a party "while everyone was getting stoned."
The film didn't just show at tacky, run-down cinemas, but also in the renowned movie houses at New York's Times Square. Word of mouth (if you'll excuse the pun) ensured that not only men in long coats filled the halls, but couples came as did curious pensioners and even Jacqueline Kennedy Onassis. When the New York Times published an article about
the new "porn chic," including a fastidious analysis of the film (the reporter counted 15 sex-scenes in 62 minutes), Damiano's dilettante fantasy had reached the mainstream.
The FBI and a slew of state prosecutors took a close look at the film and copies of "Deep Throat" were promptly banned, all accompanied by a huge media brouhaha. That, of course, only increased the public's curiosity in the film. The mafia were the ones to profit from all the free publicity, because they had advanced money to cover the production
costs of the film and now pocketed a large part of the revenues.
Indeed, the film's lead actor Harry Reems, who according to eyewitnesses would get an erection as soon as he heard the hum of the camera, was the first to land in front of a judge for distributing "obscene material." Even being photographed in the company of actors like Jack Nicholson and Warren Beatty didn't help his case. The trial destroyed any
naïve dreams he might have harbored of having a career as a serious actor.
Despite this, Reems is the real hero of "Inside Deep Throat," for which he is now doing a round of publicity interviews, thanks to a generous fee provided by Universal Pictures. After Reems went on an alcohol bender in the 1980s, he built himself a new life. He cleaned himelf up, found God, and now works as a real estate agent. At the end of
"Inside Deep Throat" we see him posing in front of his villa.
Some of his persecutors -- as shown in the documentary -- are still holed up in their offices and complain that, at the moment, the damned terrorists are taking up all their time. Eventually, they confirm, the fight against porn will begin again.
But that won't matter much for Gerard Damiano. He has now retired.
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