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Nach 44 Semestern den Magister
Glauben Sie nicht? Betrachten wir mal, angesichts der heute auf SPON gelesenen Nachricht: „Studiengebühren – Sie kommen, aber später“, das Leben eines deutschen Studenten, in diesem
Fall ist es mein Bruder, aber ich kenne auch etliche andere Fälle. Der Gute, heute 46 Jahre alt, beginnt mit einem Medizinstudium in Berlin. Da studiert er „fleißig“ ein Jahr, bricht ab und macht in „Skandinavistik“ als Hauptfach. Ein Orchideenfach – also nimmt er noch Geschichte dazu. Die Skandinavistik-Wahl trifft er wesentlich unter dem Einfluss
seiner Freundin, einer Dänin. Tatsächlich fährt er eine Weile in die „Rostlaube“ in Berlin-Dahlem. Nach einigen Semestern zieht er mit seiner Flamme nach Kiel. „Die haben die bessere Skandinavistik-Fakultät und außerdem ist A. dann näher bei ihren Eltern." Aha.
Allerdings stellt er nach kurzer Zeit fest, daß die Kieler eine „verschulte“ Uni haben, die Proffs im Gegensatz zu Berlin mit „Sie“ angeredet werden und es wesentlich disziplinierter zugeht. Nun studiert er. Neben bei zieht er die Kinder von A. groß. Die Jahre gehen ins Land. Nach 21 Jahren=44 Semestern macht er seinen Magister. Einen Job findet er
nicht, inzwischen haben mehrere Generationen von Skandinavisten die raren Positionen besetzt. Also fährt er erstmal Taxe. Aber da es nachts ist kostet es Nerven, außerdem verdient man nicht viel. Also sucht er sich eine Beschäftigung bei einer Versicherung. Doch dort „mobbt“ ihn angeblich sein Chef, ein jüngerer Mann. Jünger als er jedenfalls. Also
geht er zum Arbeitsamt und lässt sich umschulen. Zum Altenpfleger. Müsste bald fertig sein, der Gute. Mangels Kontakt weiß ich es nicht genau. Vermute aber wie folgt: Er ist 46 Jahre alt. Da fällt ihm das Umdrehen und Pflegen von alten Menschen schwer. Es geht auf die Wirbelsäule. Vielleicht erfahre ich ja mal wie lange er
Alte gepflegt hat. Wahrscheinlich wird er noch mal umschulen oder erneut studieren – und dann direkt in die Rente gehen. Und die Hilfe eines Altenpflegers in Anspruch nehmen müssen.
Ich habe eine Cousine die hat erst Religion und dann Archäologie studiert. Jetzt ist sie Krankenschwester.
Szenenwechsel 1: Meine Frau studiert Kunst und Design. Fachrichtung Textildesign. Sie ist im 3. Semester. Noch 2 ½ Jahre und sie ist fertig. Gerade bereitet sie ihre erste Ausstellung vor. Jedes Semester kostet uns, weil wir in Nordamerika leben, etliche tausend Dollar.
Szenenwechsel 2: Während meines Urlaubs habe ich auch entfernte Verwandte in New Jersey besucht. „Was machen Eure Kinder?“ Die zwei Kinder (Zwillinge) sind inzwischen 19 und leben seit 12 Jahren in Deutschland. „Sie wollen jetzt studieren!“ „Wo?“ In den USA natürlich, W. wird in New York studieren und C. in Colorado!“ „Warum in den USA, ich meine,
sie leben seit 12 Jahren in Deutschland?“ „Schon, aber die amerikanischen Universitäten sind einfach besser!“
Genau. Da muss Vatern richtig Kohle auf den Tisch legen. Da wird aber auch richtig geackert. Zielgerichtet geackert. Mit anderen Worten: Ein Studium ohne Gebühren lädt geradezu zum Bummeln ein. In Nordamerka ist der Kampf um eine "Scholarship", also ein Studiensponsoring, ein echter Ansporn Leistung zu bringen und in verantwortbarer
Zeit abzuschließen. Eine angemessene Beteiligung am Wissenserwerb kann nur von Vorteil sein. Die deutschen Studiengebühren wären dagegen ein Klacks.
Angesichts der angepeilten Studiengebühren von 500 € kommen mir die Tränen. Allerdings irrt Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU) wenn er sagt: Die Studiengebühren seien ein "sehr moderater Beitrag eines Studierenden dafür, dass er später ein höheres Lebenseinkommen und ein geringeres Arbeitsplatzrisiko als ein Nicht-Akademiker haben wird".
Moderat ja, aber das Arbeitsplatzrisiko wird nicht geringer sein. Vermutlich ist das Leben als arbeitsloser Akademiker auch schwerer zu ertragen, denn als arbeitsloser Hilfsarbeiter.
http://www.spiegel.de/unispiegel/geld/0,1518,366946,00.html |
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