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Robin Renitent,  01. April 2005

   

 

We seem to have overcome

Soviet fascism, though the heirs

of Nazi-fascism live; but the biggest threat

to freedom lies

in Islamic fascism.

 

  Freedom is not

self-evident. 

 

We are at war – and we have to defend ourselves. 

 For the sake of

our children.

 

   
 

Schubart-Literaturpreises 2005 an Henryk M. Broder

Wenn es überhaupt einen Schreiber gibt in Deutschland, den ich rückhaltlos bewundere, dann ist es Henryk M. Broder. Sein Scharfsinn, seine unkonventionelle Sprache, sein völlig unabhängiger Schreibstil, seine Fähigkeit Dinge auf den Punkt zu bringen, seine unterhaltende, aber nachdenklich machende Polemik gefallen mir seit Jahren. Ich gebe es zu: Ich beneide ihn. Er ist in seiner schreibenden Handwerklichkeit ein nicht zu erreichendes Vorbild. Und - er nimmt Positionen zu Amerika und Israel ein, die ich, seit dem ich denken kann, selbst vertrete und die ich in Deutschland, geprägt vom 68er Mainstream, nicht oder fast nicht finde. Broders Artikel werden regelmäßig der ganzen Familie vorgelesen, einschließlich neunjährigem Sohn und fünfjähriger Tochter. Bedauerlich das Broder nicht mehr Ehrungen erfährt könnte man sagen, oder man dreht es um: Vielleicht ist es eine Auszeichnung das er nicht mehr Ehrungen bekommt. $Eine Art "Gegenreputation".Menschen wie Broder, leider kenne ich ihn nicht persönlich, sind das Salz in der Suppe des "Überlebens" beim lesen. Nach einem Tag schlechter Nachrichten, nihilistischer Kommentare und frustrierenden Ärgers über penetrante Absonderungen von Politikern und Medienvertretern ist Broder der Ionendrink der mich wieder aufrichtet. Einen ganz herzlichen Glückwunsch und hoffentlich noch lange weiter so, lieber Henryk M. Broder.

Preisverleihung:http://www.aalen.de/sixcms/detail.php?id=10034&_bereich=6#

Dankrede:http://www.henryk-broder.de/tagebuch/aalen.html

rebellog - Dokumentation/Quotation: ....hier

 

 

Weil ich der Ansicht bin das ich diese Nachrichten und die Laudatio auf den von mir sehr verehrten Henryk M. Broder erhalten muß und im Web die Links so schnell verschwinden füge ich hier alles ein:

1. Beitrag: http://www.aalen.de/sixcms/detail.php?id=10034&_bereich=6#

2. Beitrag: http://www.henryk-broder.de/tagebuch/aalen.html

 

Verleihung des Schubart-Literaturpreises 2005 an Henryk M. Broder

So, 20. März 2005, 11 Uhr

Veranstaltungsort:
Rathausfoyer Aalen
Marktplatz 30
73430 Aalen
Tel: 07361 52-0


Veranstalter
Stadt Aalen
Marktplatz 30
73430 Aalen
Tel: 07361 52-0
Fax: 07361 52-1902
E-Mail: presseamt@aalen.de


50 Jahre Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen.

Die Jury des Schubart-Literaturpreises der Stadt Aalen hat den Journalisten und Schriftsteller Henryk M. Broder zum Preisträger des Jahres 2005 gewählt. Henryk M. Broder wird die Auszeichnung am Sonntag, 20. März 2005 um 11 Uhr bei einer Feierstunde im Aalener Rathaus von Oberbürgermeister Ulrich Pfeifle verliehen.

Die Laudatio auf den Preisträger hält Jochen Hieber, der neue Vorsitzende der Schubart-Jury. Der Preis ist mit 12 000 Euro dotiert. Er wird seit 1955 alle zwei Jahre verliehen. 2003 ging der Preis an Uwe Timm.

Die Begründung der Jury lautet:

„Der Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen für das Jahr 2005 wird verliehen an den Journalisten und Schriftsteller Henryk M. Broder für sein so streitbares wie kenntnisreiches und vom jeweils herrschenden Zeitgeist ganz unabhängiges publizistisches Werk. Seit mehr als zwei Jahrzehnten stehen Broders Stil und Stimme für die freiheitliche und republikanische Tradition des deutschsprachigen Journalismus ein. Christian Friedrich Daniel Schubart zählt ebenso zu seinen Ahnherrn wie Karl Kraus, der legendäre Herausgeber der „Fackel“. Zu Broders bleibenden Verdiensten zählt zumal sein bei aller polemischen Lust stets prägnant und präzise argumentierendes Engagement für das jüdisch-deutsche und das deutsch-israelische Verhältnis. Gerade für die Nachgeborenen des Holocaust auf beiden Seiten, auf derjenigen der Opfer und der Täter, haben Broders Bücher, Artikel und Essays repräsentativen Rang.“

Biographische Notiz

Henryk M. Broder wurde am 20. August 1946 in Katowice/Polen geboren. 1958 kam er mit den Eltern in die Bundesrepublik. 1981 verlegte er seinen Wohnsitz nach Israel und lebt heute in Berlin. Er studierte Jura und Volkswirtschaft in Köln.
In Deutschland wie in Israel machte sich Broder als freier Schriftsteller und kritischer Journalist einen Namen. Auch nach seinem zeitweiligen Umzug nach Israel schrieb er ab 1981 regelmäßig für so renommierte Zeitungen und Zeitschriften wie die ZEIT, den SPIEGEL, das PROFIL, die "Weltwoche" und die "Süddeutsche Zeitung". Darüber hinaus brachte er Bücher heraus, in denen er sich bis 1989 unter anderem kritisch mit dem deutsch-jüdischen, nach 1989 mit dem deutsch-deutschen Verhältnis auseinander setzte.
Er hielt, so schrieb die Süddeutsche Zeitung (1. November 1991) zusammenfassend, "das schlechte Gewissen der Deutschen wach mit seinen Polemiken, entlarvte, als sich dies noch niemand traute, scharfzüngig linken Antisemitismus". Kontroversen löste sein offener Brief in der Wochenzeitung Die ZEIT an die linken Freunde aus: "Ihr bleibt die Kinder Eurer Eltern", hieß die Polemik, in der er, so die Frankfurter Allgemeine Zeitung (Mag., 14. Mai 1993), "den linken Antizionismus als subtile Variante des traditionellen Rassismus bloßstellte und zugleich Abschied von der Bundesrepublik nahm." Einer SPIEGEL-Meldung vom Mai 1994 zufolge soll Broder über den Grund seines zeitweiligen Wegzugs aus Deutschland in einem Interview Ende 1993 gesagt haben: "Ich hatte einfach die Nase voll, mich mit linken Antisemiten à la Schwarzer und Paczensky herumzuschlagen." Gerd v. Paczensky klagte wenig später mit Erfolg vor dem Oberlandesgericht Hamburg gegen eine solche Charakterisierung und die weitere Verwendung der zitierten Formulierung (vgl. SPIEGEL 43/1994).
Als Broder 1986 bei Fischer das Taschenbuch "Der ewige Antisemit. Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls" veröffentlichte, erwirkte der Intendant des Frankfurter Schauspiels, Günther Rühle, im Juli 1986 eine einstweilige Verfügung. Ihr zufolge sollte in dem Buch nicht weiter behauptet werden dürfen, Rühle habe von einem "Ende der Schonzeit" - der Juden nämlich - gesprochen. Den folgenden Prozess verlor Rühle. Er scheiterte mit seinem Widerrufverlangen. In der Verhandlung hatte er zugegeben, von einem "Ende des Schonbezirks" gesprochen zu haben.
1987 erschien von B. "Ich liebe Karstadt und andere Lobreden" mit dem Untertitel "Essays und Polemiken wider den Zeitgeist", ferner präsentierte er sich in diesem Jahr dem deutschen Fernsehpublikum als Gastgeber (zusammen mit Elke Heidenreich) der Berliner Talkshow "Leute". Eine TV-Dokumentation (zus. m. Eike Geisel) drehte Broder mit dem Titel "Manchmal waren es Sternstunden - der jüdische Kulturbund 1933-1941", einen weiteren Film (zus. m. Frans van der Meulen) unter dem Titel "Soll sein - Jiddische Kultur im jüdischen Staat".
1989 kam in der Wochenendbeilage der "Süddeutschen Zeitung" die Broder-Satire "Das 12. Bundesland" heraus, ein zwischen Ernst und Groteske changierendes Stück politischer Utopie. In dieser Fiktion schlug B. vor, Israel sollte das 12. Bundesland der Bundesrepublik Deutschland werden, es gäbe hüben und drüben ausreichend Affinitäten. Im Oktober 1989 erhielt M. für diese Polit-Satire den 5. Internationalen Publizistikpreis, den die Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt jährlich stiftet.
"Erbarmen mit den Deutschen" ist Titel eines 1993 erschienenen B.- Buches, das im wesentlichen seine aktuellen Zeitungsbeiträge zusammenfasst. Nach Ansicht der ZEIT (17. September 1993) stellte B. in diesem Band unter anderem heraus, dass "nicht der Wille zur Macht" die Deutschen antreibe, sondern der "Wille zum Flop", und eine Art von Wiederholungszwang ihr politisches Handeln bestimme - als wollten sie sich und der Welt beweisen, dass sie bei der Bewältigung des Dritten Reichs "nicht zufällig, sondern willentlich" gescheitert seien und daher bei der Bewältigung der DDR "ebenso planvoll" scheitern müssten. Weitere zeitkritische Prosatexte enthält der 1994 erschienene Broder-Band "Schöne Bescherung! Unterwegs im Neuen Deutschland". Respektlos und ohne falsche Rücksicht schließlich entwarf er auch in der 1996 veröffentlichten Essay-Sammlung "Volk und Wahn", laut Verlagstext ein "Psychogramm zur Stimmungslage der Nation", ein "schillerndes Panoptikum der Seelenzustände eines psychisch aus den Fugen geratenen Landes" (Stgt. Z., 29.11.1996). Als Ziel seiner Polemiken taugen dabei die "guten Menschen", denen Auschwitz die Fähigkeit zum nüchternen Urteil wie zur entschlossenen Tat genommen habe ebenso wie die Überzeugungstäter, die sich immer noch an ein von der Geschichte längst überholtes Systems klammerten.
Ab Anfang 1993 war B. zwei Jahre lang Autor der Hamburger Zeitung "Die Woche", im April 1995 wurde er Autor und Reporter beim Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL. In einem längeren Beitrag (11. November 1996) verteidigte er hier auch den Autor Carl Corino, der dem Schriftsteller Stephan Hermlin Widersprüche und Falschangaben in dessen bis dahin als authentisch angesehener Biographie nachgewiesen hatte, gegen den Vorwurf des Antisemitismus.
Veröffentlichungen u. a.: "Danke schön. Bis hierher und nicht weiter" (81), "Der ewige Antisemit" (86), "Ich liebe Karstadt" (87), "Erbarmen mit den Deutschen" (93), "Schöne Bescherung! Unterwegs im Neuen Deutschland" (94), "Volk und Wahn" (96). TV-Dokumentationen: "Manchmal waren es Sternstunden - der jüdische Kulturbund 1933-1941" (m. Eike Geisel), "Soll sein - Jiddische Kultur im jüdischen Staat" (m. Frans van der Meulen)
1998: „Die Irren von Zion“
2002: „Kein Krieg, nirgends. Die Deutschen und der Terror“.
Auszeichnung: Hauptpreis des 5. Internationalen Publizistikwettbewerbs in Klagenfurt (1986; für die politische Satire "Das 12. Bundesland").
Adresse: c/o Ölbaum-Verlag,
Postfach 11 17 28,86152 Augsburg

Quelle: Munzinger Archiv GmbH

 

Der Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen

1955 setzte der Gemeinderat der Stadt Aalen ein kulturpolitisch besonderes Zeichen. In der Nachkriegszeit, wo es galt, die Folgen des Krieges zu überwinden, stiftete die Stadt Aalen den Schubart-Literaturpreis, der nun zu den ältesten Literaturpreisen des Landes zählt. Zum 50-jährigen Jubiläum wird dieser Preis, der alle 2 Jahre verliehen wird, wieder in einer Feierstunde an einen deutschsprachigen Autor vergeben, dessen literarische oder journalistische Leistung in der Tradition des freiheitlichen und aufklärerischen Denkens des Dichters, Komponisten und ersten deutschen Journalisten Christian Friedrich Daniel Schubart steht. 

Verleihung des Schubart-Preises

»Ich staune, also bin ich. Ich wundere mich, also schreibe ich.«

Der Schubart-Preis der Stadt Aalen wird seit 1955 alle zwei Jahre vergeben. Preisträger dieses Jahr: Henryk M. Broder. Anlässlich der Verleihung am 20. März 2005 hielt er folgende Rede.

Vielen Dank, lieber Kollege Hieber, vielen Dank, meine Damen und Herren, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, liebe Gäste, teure Tochter:

Ich freue mich natürlich sehr über diesen Preis, ich habe vor vielen Jahren einen Vorlesewettbewerb in Klagenfurt gewonnen, aber noch nie einen Preis für literarische Leistungen. Dabei bin ich schon 58, werde dieses Jahr 59, nächstes Jahr 6o. Es wurde also Zeit.



Christian Friedrich Daniel Schubart (1739-1791), deutscher Dichter, Musiker, Komponist und Journalist


Ich habe mit großen Ohren, die immer größer wurden, zugehört, als Jochen Hieber gesprochen hat. Das war alles unglaublich schmeichelhaft, es ist eine große Ehre, in eine Ahnengalerie gestellt zu werden, die mit Schubart anfängt und mit Broder aufhört. Ich wünschte, meine Eltern hätten das gehört, die sich immer schreckliche Sorgen um mich gemacht haben. Ich sollte natürlich Rechtsanwalt, Professor für vergleichende Wetterkunde oder wenigstens Import- und Exportkaufmann werden, etwas solides also, aber kein Schreiber, kein Wortakrobat und kein Sätzebauer. Mein Vater war Handwerker, der Vater meiner Mutter ein Uhrmacher, der Vater meines Vaters ein Pferdehändler oder vielleicht auch nur ein Pferdedieb. BND ich sollte etwas besseres werden.

Und so wurde auch ich ein Handwerker. Genauso wie mein Vater. Sein Material war Bakelit, das er zu Knöpfen, Bechern und Dosen presste, mein Material ist die Sprache, aus der ich Artikel forme. Und wie jeder gute Handwerker, sei er ein Tischler, ein Bäcker oder ein Glaser, achte ich auf Qualität. Es ist mir egal, ob sie mir zustimmen oder mir widersprechen, ob sie meiner Meinung sind oder finden, dass ich völlig daneben liege, mir reicht es, wenn sie meine Texte zu ende lesen. Das ist alles, worauf es mir ankommt, schon deswegen, weil ich selbst nur selten einen Artikel, eine Geschichte, ein Buch zu ende lese. Ich werde zu oft gelangweilt von Autoren, die mich zu missionieren, zu überzeugen, zu belehren versuchen, statt mich einfach zu informieren und vor allem: zu unterhalten. Das ist es, was ich möchte: unterhalten.

Deswegen, lieber Kollege Hieber, habe ich den Schubart-Preis nicht wirklich verdient. Das ist jetzt keine Koketterie, wie der Satz: »Ach, das wäre aber wirklich nicht nötig gewesen«, wenn man irgendwo Blumen mitbringt, während die Gastgeber mit etwas unvergänglichem als Geschenk gerechnet haben, einer Kristallvase oder einem Abo-Gutschein für die FAZ. Ich meine es wirklich, denn ich halte nicht viel von falscher Bescheidenheit, auch wenn das M in meinem Namen für »Modest« steht, also »der bescheidene« bedeutet. Schubart war ein Revolutionär, auch wenn er sich der Gewalt beugen musste, er riskierte sein Leben. Ich hingegen riskiere nichts, außer vielleicht einer Einladung in eine Talk-Show, in die ich nur gehe, um einen guten Eindruck auf meine Tochter zu machen, die mich oft nur peinlich findet. Ich lebe im Luxus und im Überfluss, nicht weil ich reich bin, sondern weil ich eine Möglichkeit gefunden habe, der Routine und der Langeweile des Alltags etwas entgegen zu setzen, das mir Spaß

macht, das mich in Bewegung hält und mein Bedürfnis nach Bedeutung bedient. Es ist, um mit Theodor Lessing zu sprechen, meine »Sinngebung des Sinnlosen«.

Aber versuchen das nicht alle, dem Leben einen Sinn zu geben?

Bundespräsident Super-Horst Köhler, Frank Elstner, Gregor Gysi, die Irren im Big-Brother-Dorf, die Wildecker Herzbuben, André Rieu, Andre Heller, Stefan Raab, die Mitarbeiter vom Technischen Hilfswerk auf dem Weg ins Tsunami-Gebiet, Harald Schmidt, Roger Willemsen, Uta Ranke-Heinemann, Otto Waalkes und Otto Schily, Osama bin Laden, Uschi Glas, die Tele-Tubbies und die Telekom, Peter Sloterdijk, Peter Kraus, Sonya Kraus, Franz Beckenbauer, Gunter von Hagens, Ulrich Wickert, die Spieler von Borussia Dortmund, Norbert Blüm, Claudia Schiffer und Claudia Roth, und natürlich auch ich?

Bei einem meiner vergeblichen Versuche, mich mit Eierlikör zu betrinken, dachte ich vor kurzem darüber nach, wie ich wurde, was ich bin. Warum ich also heute vor ihnen stehe, statt in der Karibik zu surfen oder an der Wall Street mit Aktien zu handeln. Ich war 11 Jahre alt, als meine Eltern Polen verließen und über Wien nach Köln zogen. Ich konnte kein Wort Deutsch, zu Hause wurde Polnisch gesprochen, wir waren das, was man heute »eine Parallelgesellschaft« nennen würde, wenn auch im Mini-Format. Zu sagen, wir waren arm, wäre schon eine Schönfärberei. Eine Weile lebten wir zu dritt in einem billigen Hotelzimmer von Sozialhilfe und Lebensmittelgutscheinen einer jüdischen Wohlfahrtsorganisation.

Dennoch fanden und bezahlten meine Eltern eine Lehrerin, die mir Deutsch beibrachte. Als ich auf ein Gymnasium in Köln kam, konnte ich mich schon verständigen, nur mit der richtigen Aussprache hatte und habe ich noch immer meine Schwierigkeiten. Die deutschen Umlaute, die kurzen und die langen Vokale, der Unterschied von Höhle und Hölle _ das sind noch heute schikanöse Zumutungen. Aber das war es nicht, worunter ich am meisten zu leiden hatte. Zumal viele meiner Mitschüler und Lehrer auch ihre Probleme mit der Sprache hatten. Mein Problem war: Ich gehörte in der Klasse zu den Kleinsten und Schwächsten. So lange ich saß und nur konjugieren oder deklinieren musste, spielte es keine Rolle, nur beim Sportunterricht fiel es unangenehm auf. Wenn zum Beispiel die Mannschaften für Völkerball oder eine andere Gruppen-Sportart eingeteilt wurden, gehörte ich zu denen, die keiner haben wollte. Und die Mannschaft, die mich am Ende abbekam, hatte schon verloren, bevor das Spiel angefangen hatte.

So etwas prägt natürlich fürs Leben. Hätte ich mich später darauf verlegt, Autos oder Zigarettenautomaten zu knacken, hätte jeder Sozialarbeiter und jeder Jugendrichter mir zugute gehalten, dass ich eine schwere Kindheit gehabt hatte und diese auf eine sozial unverträgliche Art kompensieren musste.

Da ich aber zum Knacken von Autos und Zigarettenautomaten zu klein, zu schwächlich und zu feige war, entschied ich mich für einen anderen Weg, obwohl mich Autos interessiert hätten, denn schon mit 15 konnte ich Auto fahren, durfte es aber nicht, außer auf Feldwegen, wo ich von Bekannten meiner Eltern zum Üben mitgenommen wurde.

Ich entschied mich für etwas anderes: das Schreiben. Ich trat in die Redaktion der Schülerzeitung »Die Hansekogge« an meinem Gymnasium ein und wurde bald deren Chefredakteur. Zur selben Zeit war Stefan Aust der Chefredakteur der Schülerzeitung »WIR« in Stade, wir lernten uns auf irgendeinem Treffen der Schülerzeitungs-Redakteure kennen, und machten einen Plan: Wer zuerst der Chefredakteur des SPIEGEL werden würde, sollte den anderen nachholen. Und so kam es. Seit zehn Jahren und drei Monaten ist Stefan Aust der Chef des Spiegel, seit genau zehn Jahren bin ich Autor und Reporter beim Spiegel. Was immer man von Stefan Aust hält, seine Versprechen hält er ein.

Im Grunde genommen hat sich an meiner Situation wenig geändert, seit ich vor über 4o Jahren anfing, für die Hansekogge zu schreiben. Ich bin älter, dicker und grauer geworden, ich lebe in Berlin statt in Köln, ich habe eine eigene Wohnung und ein eigenes Auto, ich gehe spät schlafen und stehe ungern früh auf, ich sitze fast jeden Tag in einem Café, ich treibe keinen Sport, und hätte heute wie damals keine Chance, in eine Sport-Mannschaft gewählt zu werden, nicht einmal für ein Tischfußball-Turnier.

Was bleibt mir also übrig als zu schreiben, um auf mich aufmerksam zu machen, um allen laut zuzurufen: Es gibt mich noch! Es ist das einzige, das ich kann und das mir Spaß macht, von Reisen und im Café-Haus sitzen mal abgesehen. Früher nannte man so einseitig geprägte Menschen »Partial-Idioten«, heute heißen sie »Insel-Begabungen«. Das ist ein schöner, politisch korrekter Begriff: eine Insel-Begabung. Es klingt nach Robinson Crusoe, nach Leben auf den Haligen _ oder sagt man Halligen _ nach »reif für die Insel«.

Mir gefällt der Begriff. Ich kann sagen: »Ich bin meine eigene Insel« Oder: »Ich habe meine Insel immer bei mir«. Und wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass ich in der Tat sehr gerne auf Inseln fahre, nach Usedom, eine Halbinsel, nach Island, eine richtig tolle Insel mitten im Meer.

Meine Damen und Herren, ich fürchte, sie haben von mir Bedeutenderes erwartet. Etwas in der Art: »Ich schreibe, um die Welt zu verändern!« Oder: »Ich schreibe, weil es so viel Unrecht in der Welt gibt, so viele Menschen, die sich selber nicht helfen können und auf Hilfe warten.«

Nein, das tue ich nicht, ich schreibe, weil ich so oft staunen muss, weil ich so vieles nicht verstehe, weil niemand da ist, der es MIR erklären könnte, so dass ich es am Ende selber tun muss. Das heißt: ich versuche herauszufinden, wie das Leben so ist in allen seinen Absurditäten und mache dann das Ergebnis meiner Recherchen öffentlich. Dafür werde ich bezahlt, dafür werde ich herumgereicht, dafür bekomme ich heute einen Preis. Das klingt vollkommen unromantisch und undramatisch, aber glauben sie es mir bitte: So ist es. So arbeitet jeder Handwerker, der eine Lamelle braucht, die er im Baumarkt nicht findet und deswegen selber zuschneiden muss, jeder Chemiker, der ein Shampoo kreiert, das es noch nicht auf dem Markt gibt, eines mit Bananen-Kakao-Vanille Geschmack. Und so arbeite auch ich. ich staune, also bin ich, ich wundere mich, also schreibe ich.

Zum Beispiel. Ich staune, ich kann es nicht verstehen, dass es immer noch Antisemitismus und Antisemiten gibt, dass die Abneigung gegen Juden der kleinste gemeinsame Nenner ist, auf dem sich Linke und Rechte, Arier und Vegetarier, Revolutionäre und Reaktionäre, Utopisten und Faschisten, Verklemmte und Enthemmte einigen können. Heute, zu Anfang des 21. Jahrhunderts, drei Generationen nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, nach der Katastrophe namens Auschwitz. Dies war lange ein Thema, das mir keine Ruhe gelassen hat, nicht nur weil ich Jude bin, weil meine Eltern die Lager überlebt haben, sondern weil der Antisemitismus für mich der ultimative Unsinn ist, so etwas wie der Glaube, die Erde sei eine flache Scheibe. Wie machen sie nun jemand, der überzeugt ist, die Erde sei eine flache Scheibe, von deren Rändern man in die Tiefe des Alls fallen kann, klar, aß die Erde eine Kugel ist, die frei im All schwebt und sich mit einer ungeheuren Geschwindigkeit um die eigene Achse dreht?

Was immer sie als Argument vorbringen, er wird ihnen nicht glauben. Er wird sie widerlegen, und sei es nur mit dem Satz: es kann doch nicht sein, dass die Australier sich mit den Füßen nach oben und dem Kopf nach unten bewegen, das hält doch kein Mensch aus. So verhält es sich auch mit dem Antisemitismus, mit einer kleinen Ausnahme, der moderne Antisemit geht mit der Zeit, er redet nicht mehr so wie Julius Streicher oder Wilhelm Marr, der den Begriff Antisemitismus erfunden hat, er spricht wie Jürgen Möllemann, Gott sei seiner Seele gnädig, oder Martin Hohmann: um mehrere Ecken, unter vielen Vorbehalten, am Ende aber doch vollkommen eindeutig. Die ewig gültige Botschaft lautet: am Antisemitismus sind die Juden schuld.

Ich habe über dieses Phänomen, das kein deutsches, sondern ein globales ist, lange gestaunt und vor 2o Jahren darüber ein Buch geschrieben, um es mir selbst zu erklären. In ein paar Wochen wird dieses Buch wieder erscheinen, ergänzt um ein aktuelles Vorwort. Als ich es vor kurzem noch einmal las, musste ich wieder staunen: Es hat sich nichts am Gegenstand meines Interesses geändert, obwohl sich in den letzten 2o Jahren fast alles geändert hat. Die Sowjetunion ist dahin, die Mauer ist gefallen, Polen gehört der Nato an, ich bringe meine Briefe nicht mehr zur Post sondern verschicke sie per E-Mail, jeder von ihnen hat ein mobiles Telefon in der Tasche, Kanzler Schröder will Waffen nach China verkaufen, in Berlin, der Stadt von Ernst Reuther und Willy Brandt, regiert die PDS mit und Expeditionen zum Mars sind keine Science Fiction sondern greifbare Realität.

Allein der Antisemitismus ist geblieben, was er immer war, ein weit verbreitetes Ressentiment, das sich als immun gegen jede Aufklärung erwiesen hat, noch immer der »Sozialismus der dummen Kerls«, wie es August Bebel mal treffend gesagt hat. Und ich kann nicht anders, ich muss wieder staunen. Ich muss versuchen, es mir wieder zu erklären. Und ich werde, mit aller Bescheidenheit, dem feuilletonistischen Mainstream wieder um fünf bis zehn Jahre voraus sein, wie ich es schon 1986 war, als mein Buch zum ersten mal erschien. Damals Bude ich von denjenigen für verrückt erklärt, die bald darauf von mir abschrieben. Ich beschwere mich nicht darüber, ich bin nicht stolz darauf, ich staune nur.


Antje Vollmer: zum Islam konvertiert?


Aber ich staune nicht nur über die die großen Mysterien der Gegenwart, darüber dass meine Mitbürger mehr Vertrauen zum russischen Präsidenten Putin als zum amerikanischen Präsidenten Bush haben, ich staune auch über die kleinen Ungereimtheiten des Alltags. Ich weiß nicht, ob ihnen ein kleines Bild aufgefallen ist, das am 1. März durch die Zeitungen ging. Es zeigte die grüne Vizepräsidentin des Bundestages, ahmte Volker, umhüllt von einer »Abaya«, dem traditionellen schwarzen Gewand muslimischer Frauen. Nanu, fragte ich mich, als ich das Bild sah, was ist passiert? Ist Frau Vollmer zum Islam konvertiert, um den Multi-Kulti-Gedanken noch intensiver zu leben? Feiern die Grünen mitten in der Fastenzeit Karneval? Weder noch. Frau Vollmer war im Gefolge von Kanzler Schröder nach Saudi-Arabien gereist und sich nach Sitte des Landes angezogen. Wäre sie nach Hawaii mitgeflogen, hätte sie sich wahrscheinlich ein buntes Hemd und Shorts angezogen, eine Vorstellung, die ich nicht weiter ausmalen will, um uns diesen schönen Sonntagmorgen nicht zu verderben.

Zuerst fragte ich mich: was macht Frau Vollmer, die sich daheim mit aller Kraft für die Einführung des Kinderwahlrechts ab null Jahren einsetzt, in Saudi-Arabien? Ist sie mitgereist, weil in der Kanzlermaschine noch ein Platz frei war? Oder hat sie etwas anzubieten, wie die Vertreter der deutschen Wirtschaft, das für die Saudis von Interesse sein könnte?

Vor kurzem erst war Frau Vollmer, von den deutschen Medien weit gehend unbemerkt, in der Mongolei gewesen. Und nun stand sie da in Riad, in ihrer schwarzen Abaya und strahlte in die Kamera, glücklich wie Heidi, die es nach einem langen Fußmarsch endlich in die Stadt geschafft hat.

Was das Bild aus dem Reich des Absurden in die Sphäre des Obszönen beförderte, war der zeitliche Zusammenhang, in dem es aufgenommen wurde. Ein paar Tage später wurden türkische Frauen, die für gleiche Rechte demonstrierten, von der türkischen Polizei verprügelt; in Beirut gingen Hunderttausende von Libanesen auf die Straße, um gegen die syrische Besatzung zu demonstrieren, darunter auffallend viele Frauen, alle unverschleiert. Frau Antje aber demonstrierte in Riad für das Recht auf Unterdrückung.

Kurz davor habe ich versucht, sie darauf aufmerksam zu machen, dass im Iran 16jährige Mädchen wegen unsittlichen Verhaltens gehängt werden. Ich bekam aus ihrem Büro eine kurze Antwort, in der mitgeteilt wurde, man habe sich erkundigt und erfahren, dass es sich um Falschmeldungen handeln würde. Das stimmte zwar nicht, aber damit war die Sache vom Tisch. Soviel zu den Prioritäten der Abgeordneten Vollmer.

Bei der Reise von Gerhard Schröder nach Saudi-Arabien fiel mir übrigens auch auf, aß unser Kanzler umso besser gelaunt ist, je reaktionärer das Land ist, das er gerade besucht, je weniger es die Menschenrechte respektiert. In China lächelte er, in Russland nahm er seinen Freund Putin lange in die Arme, in Saudi-Arabien strahlte er beim Besuch des Nationalmuseums, wobei er sich besonders für die Rolls-Royce-Sammlung der königlichen Familie interessierte. Gehört doch die britische Luxusmarke inzwischen zum VW-Konzern.

In solchen Momenten kann ich nicht anders, ich muss mich wundern. Dann setze ich mich hin und schreibe auf, worüber ich mich wundere. Danach wundere ich mich noch immer, aber es geht mir schon besser.

Und ich stelle fest: Ich bin nicht der einzige, der sich wundert. Viele andere wundern sich auch. Und so kommt eine internationale der Staunenden zustande, lauter Menschen, die sich fragen: Bin ich gaga oder sind es die anderen? Das ist der Augenblick, in dem Staunen in Verzweiflung umschlägt, Depression in Aggression, Wut in Hass.

Ich mir mir sicher, dass ich nicht gaga bin. So bleibt nur die andere Option: Die anderen sind es. Ich sage das ohne jeden Zweifel und ich kann es in jedem einzelnen Fall belegen.


Werbung des Bundes-Umweltministeriums


Vor drei Wochen, bei Temperaturen unter null Grad und dichtem Schneetreiben fiel mir in Berlin ein Plakat mit dem Satz auf: »Sibirien bleibt kalt«. Ich reagierte so, wie ich auf das Foto von Antje Vollmer reagierte: Was soll das? Wollte die United Fruit Company Bananen und Ananas in Sibirien anbauen? Hatten die Sibiriaken beschlossen, die Luft in ihrer Heimat zu heizen? Ich muss zugeben, ich hatte mir bis dahin wenig Gedanken über das Wetter in Sibirien gemacht, auf der Liste meiner Sorgen stand dies relativ weit unten, aber ich schaute genauer hin und sah, dass es eine Aktion des Bundesumweltministers war, zum Inkrafttreten des Kyoto-Abkommens: »Sibirien bleibt kalt.«

Ich rief im Umweltministerium an und fragte, was die Aktion gekostet habe: 3oo.ooo;- Euro für Plakate und eine Anzeigenkampagne in zehn großen Zeitungen und Zeitschriften. 3oo.ooo,- Euro für die beruhigende Mitteilung, dass Sibirien kalt bleibt. Und das in einer Zeit, da überall gespart und gekürzt wird. Und niemand fragt, ob bei Jürgen Trittin noch alle Windräder richtig laufen. Das, meine Damen und Herren, sind die Geschichten, die mich beschäftigen. Sie liegen auf der Straße und betteln einen an: Heb mich auf! Nichts ist so aufregend wie der Alltag. Nichts ist subversiver als die einfache Frage: Was soll das?

Und es macht Spaß, diese Frage immer wieder zu stellen, Leute zu nerven, aus ihnen das rauszuholen, wovon sie nicht einmal wissen, dass es in ihnen steckt. Wenn sie meine Homepage besuchen, werden sie einige schöne Geschichten dieser Art finden. Das hat nichts zu tun mit Mut, mit Engagement oder wie das Modewort heißt: Zivilcourage. Wenn schon Iris Berben einen Bambi für Zivilcourage bekommt, weil sie engagiert und mutig Texte vorträgt, dann ist der Begriff in der Discount-Ecke der Zivilgesellschaft angekommen. Ich halte es eher mit investigativem Querulantentum nach der Art von Inspektor Columbo: »Entschuldigen sie bitte, da war noch etwas, das ich sie fragen wollte...« Ich frage nach, und die Antworten sind atemberaubend irre.

Und da ist noch etwas, das ich ihnen sagen wollte. Ich habe viel über Zeitgenossen geredet, die ich nicht mag, Politik-Darsteller, Bedeutungs-Simulanten, Badewannen-Kapitäne. Aber es gibt auch Menschen, die ich bewundere, obwohl ich nicht mal deren Namen kenne. Wie zum Beispiel den Lufthansa-Kapitän, der sich vor ein paar Wochen geweigert hat, eine junge Frau nach Teheran zu fliegen. Sie hatte ihren Mann im Iran verlassen, war in die Bundesrepublik gekommen und zum Christentum konvertiert, also gleich mehrere Todsünden begangen. Weil sie sich in der Bundesrepublik illegal aufhielt, sollte sie abgeschoben werden.

Irgendein Dummbatz von Experte in der zuständigen Ausländerbehörde hatte festgestellt, dass ihr daheim keine Gefahr drohen würde. In solchen Fällen sind unsere Behörden unerbittlich. Nur bei professionellen Hütchen-Spielern lassen sie Gnade vor Recht ergehen. Die Frau, der nicht weniger als die Steinigung drohte, wäre längst in ihrer schrecklichen Heimat gelandet, wenn eben jener Lufthansa-Kapitän nicht entschieden hätte, dass sie nicht mitfliegen darf, obwohl sie schon an Bord war. Jetzt haben die Behörden etwas mehr Zeit, über ihren Fall neu zu entscheiden.

Das, meine Damen und Herren, sind die Geschichten, die uns entgehen, weil das Klima in Sibirien und der Zustand der Polkappen unsere ganze Aufmerksamkeit fordern. Alle reden vom Wetter, ich nicht. Ich hoffe, ich habe sie dennoch unterhalten.

Ich danke ihnen, dass sie mir zugehört haben.

HMB, Aalen, 2o.3.2oo5

 

 
   

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