| |
Erst die Polen, jetzt die Ukrainer - toll wie sie sich integrieren! Lebenserfahrung bekommt man nicht vom Fernsehen oder Zeitungslesen. Und vom rumstehen an kalten Buffets; auch nicht Herr Fischer. Es sollte ein Gesetz geben, daß Politiker mal als Putzhilfe, Bauarbeiter, Prostituierte arbeiten sollten. Nee, nicht in der Studentenzeit, da malocht jeder mehr
oder weniger mal nebenbei. Sagen wir halbjährlich, nachdem man in ein politisches Amt gewählt wurde. Nur, um die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Aber, seufz, ich bin ja gegen mehr Gesetze. Als ich meine zweite Frau, eine Polin, nach der Scheidung noch einmal besuchte, etwa 2 Jahre später, nachdem sie nach Deutschland gekommen war, sagte sie: "Schrecklich, diese ganzen Polen jetzt in
Berlin, was wollen die alle hier...?" Sie, die inzwischen mit einem neuen (deutschen) Mann verheirat war hatte völlig verdrängt. daß sie selbst erst gerade (durch Heirat) nach Deutschland gekommen war. Sie sprach flüssig deutsch und hatte sich nahtlos in die deutsche Gesellschaft integriert. Damit stand sie in der Tradition der ersten
polnisch/russischen Einwanderungswelle die ....hier weiter SPIEGEL ONLINE - 01. April 2005, 06:08
URL: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,346734,00.html
Integrationsprobleme
Die Russen von Cloppenburg
Von Alwin Schröder, Cloppenburg
Jeder vierte Einwohner von Cloppenburg ist Aussiedler. Bei Gewalt- und Drogendelikten liegen die jungen Russlanddeutschen vorn, bei der Integration aber oft hinten. Die meisten leben in einer Parallelgesellschaft. Der einst betulichen, katholisch geprägten Region drohen herbe Konflikte.
Cloppenburg - Als CDU-Politiker ist Hans-Jürgen Grimme in der Katholiken-Hochburg Cloppenburg Zustimmung gewohnt, doch soviel Beifall wie jetzt erhielt der Geschäftsmann wohl noch nie. "Tagelang stand das Telefon nicht mehr still", berichtet er. Denn in der lokalen "Münsterländischen Tageszeitung" hatte er geschildert, wie er abends in der
Fußgängerzone der niedersächsischen Kreisstadt von russisch sprechenden Männern mit dem Messer bedroht und ausgeraubt wurde. "Nicht nur ich, viele andere Bürger haben Angst", sagt Grimme, Inhaber eines Haushaltswaren-Geschäftes. "Das Gefühl ist da: Wir leben nicht mehr sicher."
So wie der CDU-Politiker empfinden viele Menschen in Orten wie Cloppenburg, Fürstenau, Emstek oder Ramsloh, seitdem in den neunziger Jahren Tausende von russlanddeutschen Aussiedlern im Westen Niedersachsens untergebracht wurden. "Mein Sohn fährt abends einen Umweg, wenn er von einer Veranstaltung nach Hause kommt und vermeidet den kürzeren Weg
durch den Stadtpark", sagt Grimme. Denn im Stadtpark sei es nun gefährlich, heißt es. Und wer abends durch Cloppenburg gehe, "hört nur noch Russisch und hat Angst, dass er von aggressiven Jugendlichen angepöbelt wird."
Rund 2,3 Millionen Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion sind in den vergangenen zehn Jahren nach Deutschland gekommen. Einige Bundesländer bekamen weniger, andere mehr Russlanddeutsche zugewiesen. In manchen der ländlichen Regionen hat sich die Bevölkerungsstruktur seitdem dramatisch verändert. In Cloppenburg mit seinen 32.000 Einwohnern
ist mittlerweile sogar jeder Vierte ein Spätaussiedler.
Die Russlanddeutschen leben in ihren Vierteln in Cloppenburg fast unter sich. Wer will, könnte in seiner Freizeit auch ganz ohne Kontakt zu Einheimischen auskommen und sich abschotten: Im Kaufhaus "Planeta" bietet Inhaber Waldemar Dauderich Lebensmittel aus der Heimat an, Bücher in kyrillischer Schrift und Videos oder Kleidung aus Russland. Und im
"Café Moskau" können neben Wodka auch Pelmini, kleine Teigtaschen, verzehrt werden. 15 Stück kosten vier Euro. Den "Assorti-Teller" mit eingelegten Tomaten, Krautsalat, Gurken und Paprika gibt es ebenfalls für vier Euro. Ärzte, Anwälte, Makler runden das Versorgungsangebot in der Parallelgesellschaft der Spätaussiedler ab.
"Das Fremde ist befremdlich", versucht der Cloppenburger Sozialarbeiter Norbert Schilmöller die diffusen Ängste in der überwiegend konservativen Bevölkerung der Region zu beschreiben, wo die CDU bei Wahlen noch auf Zweidrittel-Mehrheit rechnen kann. "Die tun einem zwar nichts, aber die gucken so", heiße es oft über die Spätaussiedler, berichtet
Schilmöller.
Schilmöller ist einer von denen, die sich intensiv um die Integration der Aussiedler in Cloppenburg bemühen. "Wir sind mit Zuzügen überrannt worden", sagt er über die Jahre 1994 und 1995. Doch zunächst verlief die Ansiedlung der Fremden aus dem Osten noch relativ unproblematisch: Die erste Generation aus Russland oder Kasachstan gilt bei den
Einheimischen als integrationswillig und fleißig. Sie sprachen oder lernten Deutsch, bauten schicke Häuschen und verdingten sich als Handwerker oder arbeiteten in einem der vielen fleischveredelnden Betriebe.
Aber mit der zweiten Generation kippte die Stimmung in vielen Orten im Emsland, Ostfriesland und im Südoldenburgischen. Denn viele Jugendliche waren durch den Umzug ihrer Eltern unfreiwillig aus ihrem gewohnten sozialen Umfeld in der Heimat gerissen worden. "Sie haben oft keine Lust, sich zu integrieren und Deutsch zu lernen", sagt Klaus Niemann
von der Stadtverwaltung in Cloppenburg. Erschwerend kommt hinzu, dass Sprachkurse nicht mehr wie anfangs üblich sechs Monate lang vom Arbeitsamt bezahlt werden.
Die Polizei stellt seit längerem in der Drogenkriminalität, aber auch bei Diebstahl und Einbrüchen einen hohen Anteil von minderjährigen Aussiedlern fest. Heroin ist begehrt. Symptomatisch sei auch die massive Gewaltbereitschaft von jungen Russlanddeutschen, berichtet Polizeisprecher Harald Nienaber. Deutsche Polizisten haben es gegen sie schwer.
"Diese Jugendlichen haben aus ihrer Heimat ein ganz anderes Verhältnis zu Macht", sagt Sozialarbeiter Schilmöller. "Aber hier prügeln die Polizisten niemanden zusammen."
"Körperliche Gewalt ist bei uns normaler", bestätigt Jana Perwikow. Der 17-Jährigen sind Integrationsprobleme wie manchen ihrer Altersgenossen jedoch fremd. "Viele meiner Freunde sind Deutsche." Die selbstbewusste Schulsprecherin an der Realschule hat schon einen Ausbildungsplatz zur Friseurin sicher. Eine einzige Bewerbung habe gereicht, berichtet
sie stolz. Natürlich kenne sie auch prügelnde Russen. Die seien aber eine Ausnahme. Ihr Mitschüler Stanislaw Pisarenko, 16, erzählt, dass die Aussiedler gerne von Einheimischen provoziert würden. "Die Deutschen fühlen sich oft als etwas Besseres."
"Das Leben ist für alle Menschen auch hier in den letzten Jahren schwieriger geworden. Da braucht man Schuldige", meint auch Paul Sawadsky. Zusammen mit dem Sportlehrer und früheren Streetworker Wladimir Sterlikow bietet er in Cloppenburg Boxunterricht an, dreimal wöchentlich. Die gefährdeten jungen Russen müsse man "von der Straße holen", sagt
Sawadsky. "Freizeit und Sport" heißt der Verein, in dem die Männer, die in Omsk oder anderen früheren Sowjet-Städten geboren wurden, ihre Aggressionen abbauen können. Sawadsky, 43, lebt schon seit 1987 in Deutschland. Dem Mann aus Nordkasachstan gehört eine Selbsthilfe-Autowerkstatt. Seine Diskothek "Lygas" ist zudem einer der beliebtesten
Treffpunkte der jungen Aussiedler. Für die Jungen sei er eine "Respektsperson", sagt er.
Zu Hause in Russland sei "der Vater eben noch der Vater", berichtet Sozialarbeiter Schilmöller. Hier, in Deutschland würden diese Männer aber oft zu "entwurzelten Patriarchen". Und deren Aggressionen bekommen dann manchmal auch ihre Frauen zu spüren. "Die Leidensfähigkeit der osteuropäischen Frauen ist groß", sagt Kirsten Bruns, Initiatorin des
Frauen-Notrufs in Cloppenburg. Sie bekommt dennoch immer mehr Anrufe aus Häusern von Spätaussiedlern.
Doch wie soll man die Probleme mit den jungen Fremden lösen? "Es darf nicht immer nur Lippenbekenntnisse von Politikern geben, wenn es um Integration geht", sagt Schilmöller. "Wir müssen auf die Leute zugehen, sie erreichen - aber das kostet Personal und damit Geld." Aber Sozialarbeiter einzustellen sei besser als abzuwarten, bis die jungen
Aussiedler im Gefängnis landen.
CDU-Politiker Grimme hat sich ebenfalls Gedanken gemacht, wie "das Pulverfass, auf dem wir leben", entschärft werden könne. Er plant zum einen eine Beschäftigungsgesellschaft, in der arbeitslose Spätaussiedler aufgefangen werden könnten. Aber auch gegen das "Gefühl von Unsicherheit" will er etwas tun. Damals, als er überfallen wurde, habe ihm
niemand geholfen. Ein "Preis für Zivilcourage" soll das ändern - hofft er.
|
|