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Von Fahnen und Schulen
Tun wir Deutschen uns schwer mit unserer Vergangenheit? Scheint so. Einerseits sind wir geschichtsbesessen wie kaum eine unserer Nachbarnationen. Eigentlich eher bewältigungsversessen. Was andererseits aussagt, daß wir an unserer Vergangenheit immer noch schön zu knabbern haben. Wir schwanken zwischen überbordendem Größenwahn, - wenn wir im Ausland
sind und dort mit unserer D-Mark, ach nein, unserem „deutschen“ Euro, glauben um uns werfen und die Puppen tanzen lassen zu können. Dann ist da diese nationalistische Komponente, wo glatzköpfige Hirnis mit ihren wenigen grauen Zellen immerhin die Energie aufbringen zu gröhlen und Fahnen zu schwenken und ein Deutschland zu besingen was es so gar nicht
mehr und hoffentlich nie wieder gibt. Und unser Ansehen „beschädigen“, wie Politiker immer sagen in dem Abspulen ewig ähnlicher Stereotype. Und dann gibt es die Gruppe derer, die möglichst nicht als Deutsche erkannt werden will und rennt wenn andere Deutsche auftauchen und „ausländisch“ sprechen, damit sie nicht erkannt werden. (Meine Frau rennt
übrigens auch, wenn sie russische Landsleute trifft, aber eher aus soziologischen Gründen, denn aus geschichtlichen Gründen…) Und dann gibt es Menschen wie mich, denen bei der Nationalhymne, der 3. Strophe, feierlich wird, die sich aber andererseits verkrampfen wenn die Sprache auf diese braunen Knallköppe kommt und die sich glauben ständig dafür rechtfertigen
und entschuldigen zu müssen. Also innerlich frei sind wir sicherlich nicht – nicht wenn es um unsere Vergangenheit geht.
Nun wohne ich im Ausland. In Kanada. Hier hat fast jeder Grundstückseigentümer seinen Fahnenmast im Frontyard. Natürlich flattert da die Flagge Kanadas. Und natürlich fand ich es nett auch einen Flaggenmast, sozusagen als Identifikations- und Orientierungspunkt, auf dem Grundstück zu haben. Außerdem zeigt die Fahne die Windrichtung, wenn auch nicht die
politische. Also hängte ich die Landesflagge auf. Kurze Zeit darauf fragten mich Nachbarn warum ich nicht die deutsche Flagge aufhängen würde. Ich sei doch Deutscher. Richtig, dachte ich, das könntest Du machen. Aber ich unterließ es, weil – ja weil ich als Gast des Landes eine höfliche Geste an meine Gastgeber flattern lassen wollte. Aber der
wirkliche Grund war, dass ich eine Gänsehaut bekommen würde, wenn eine deutsche Flagge auf meinem Grundstück flattern würde.
Also doch nicht frei - innerlich. Nun gehen meine Kinder hier zur Schule. Und da, es schlug mich fast um, jault jeden Morgen die kanadische Nationalhymne aus dem Lautsprecher.
(Bei meinem Sohn flattert die Fahne im
Fernseher - jeden Morgen!) Die Kinder und der Lehrer stehen auf, halten die Hände gerade herunter (fast an der Hosennaht) und bewegen die Lippen als würden sie singen. Klar waren wir geschockt, meine Frau
meinte, das hätte man noch nicht einmal in ihrem kommunistischen Schulsystem in den strammen Zeiten des Sowjetkommunismus gemacht. Nach
etlichen weiteren Jahren und einem intensiveren Beobachten der kanadischen Gesellschaft bin ich zu der Einsicht gekommen, daß „gewaltsam“, naja sehr nachdrücklich jedenfalls, ein eigentlich nicht vorhandenes, geschichtlich
nicht gewachsenes, Nationalbewusstsein verankert werden soll. Das wäre an sich noch nicht so schlimm, allerdings grenzt die weitere ständige Lobhudelei Kanadas an Indoktrination und Selbstbeweihräucherung. Kein Moment wo nicht auf die Größe Kanadas hingewiesen wird, seine Vorteile, seinen Vorrangigkeit in der Welt. Wenn die Anerkennung von Außen
gelegentlich versagt bleibt, besonders die des „Erzfeindes“ USA – dem gegenüber man tief verwurzelte Komplexe hat, beweist man sich halt seine Größe ständig selbst.

„Magst Du, das Singen der Hymne morgens in der Schule deiner Kinder?“ fragt mich unsere beste Freundin Sharri. „Nein“; sage ich, „die Nationalhymne sollte für wirklich wichtige Momente
aufgehoben werden. Sie sollte etwas ganz besonderes bleiben.“ Sharri fand den Gedanken interessant und gestand darüber noch nie nachgedacht zu haben. „Aber ich bedaure sehr, daß an der Schule von Simon nicht die Nationalhymne gesungen wird. Es war immer so!“ sagte sie und ich dachte, daß ich mit dieser Antwort wenig anfangen kann. So bleibt die
Erkenntnis, daß wir Deutsche Probleme mit unserem Selbst- und Geschichtsverständnis haben. Und die Kanadier haben Probleme mit ihrem Geschichts- und Selbstverständnis. Während uns Deutschen das Problem bewusst ist, wir seit 60 Jahren daran herumdoktern und zu keiner Lösung oder auch nur Entspannung in dieser Frage kommen, sind die Kanadier von
Selbstzweifeln überwiegend nicht geplagt, und wenn kompensieren sie
sie mit abfälligen Bemerkungen und Abgrenzung, z.B. zu den USA.
Apropos Schule und weil wir gerade dabei sind: Natürlich schneiden die Kanadier sehr gut in der PISA Studie ab, weit vor Deutschland. Allerdings traue ich der PISA-Studie nicht so recht. Wenn in einer Kreuzberger Schule in Berlin 98,5 Prozent der Schüler Ausländerkinder sind, daß heißt 334 der Schüler türkischer Herkunft und nur 5 deutscher Herkunft,
dann kann die PISA-Studie nicht die Realität wiedergeben. Ich bin dann allerdings froh, daß meine Kinder nicht in diese Schule gehen müssen und der deutsche Rektor rät ja auch guten Gewissens deutschen Eltern ab ihre Kinder dort einzuschulen. Das hat nichts mit Ausländerfeindlichkeit zu tun. Der Mix ist einfach schlecht. Das haben, soweit ich lesen
konnte, ich stütze mich hier nicht auf eigene Erfahrungen weil wir in einer „ausländerarmen“ Region Kanadas leben, die Kanadier besser gelöst. Sie achten sorgsam darauf, dass eine Migrantengruppe in der Klassenzusammenstellung nicht die Oberhand gewinnt. So kann das Miteinander vieler Nationen, an einer kanadischen Schule in Toronto sind es 28
Nationen, produktiv und toleranzfördernd sein. In meinem engen Freundeskreis kenne ich ein 11 jähriges Mädchen, welches an einer deutschen Schule hervorragende Leistungen abliefert, seit Jahren Klassenbeste ist. In dieser Klasse sind nicht viele Ausländerkinder. Was ich sagen will, - die PISA-Statistik halte ich für schräg, sie berücksichtigt nicht in
ausreichendem Maße den Bildungsstand der Migranten.
Unsere Kinder, Alexander (12) und Elaine (8) gehen hier in Kanada zur Grundschule, die Elementary School heißt. Beide gehen gern zur Schule was ich von mir nicht behaupten konnte. Ich werde nicht vergessen, daß mir meine Lehrerin bei Unaufmerksamkeit einen nassen Schwamm an den Kopf warf. Solche Negativerfahrungen bleiben meinen Kindern erspart, in den
unteren Klassen habe ich sogar den Eindruck das Elemente der Montessori-Pädagogik in die Gestaltung des Unterrichts eingeflossen sind. Die Kinder haben ihre Klasse, also kein ständiger Umzug zwischen den Klassenräumen, sogar der Name des Lehrers steht an der Klassentür. Der Klassenraum ist aufgeteilt in verschiedene Bereiche, bei den Kleinen in
Primary gibt es Teppichsitzzonen, es gibt Bücherregale, ein- oder zwei Computer. Die Kinder dürfen an speziellen Tagen in Nachthemden oder mit verrückten Frisuren zur Schule kommen. Und die Lehrer machen mit. Es gibt Basteltage und Projekttage. Die Eltern sind oft mit eingebunden oder helfen. Der ganze Schulbetrieb wirkt familiär, jeder kennt jeden.
Besonders schwierige oder behinderte Kinder bekommen einen Assistenzlehrer, der die Kinder leitet und den Lehrer unterstützt, damit dieser in seinem Programm fortfahren kann. So werden die Kinder nicht in Sonderschulen ausgegrenzt und bleiben in den Klassenverband integriert. Andererseits sehe ich da für Kinder mit schnellerer Auffassungsgabe oder hoch
begabte Kinder eher das Problem der Langeweile, da sich das Klassentempo eben nach dem Durchschnitt oder sogar den Lansameren richtet. So weit so gut, die Elementary gefällt also Schülern und Eltern. Was wundern, gingen doch schon die Eltern hier zur Schule und Kanadier stellen selten etwas in Frage.

Für Lehrer und Eltern natürlich erholsam: die Disziplin wird großgeschrieben. Den Begriff Zerotoleranz habe ich erst hier kennen gelernt. Gleich am ersten Tage der Einschulung bekamen wir eine Schulordnung, immerhin 16 Seiten, ausgehändigt deren Empfang und Kenntnisnahme schriftlich bestätigt werden musste. Die wird dann auch nochmal auf die ersten
Seiten des Hausarbeitsbuches gedruckt, damit man es bloß nicht vergisst. Wenn das bis dahin o.k. ist, wird es aber lächerlich bei der permanenten Androhung von Sanktionen. Es ist für einen Europäer nahezu unvorstellbar wegen welcher Lächerlichkeiten man suspendiert werden kann. Vom Werfen von Schneebällen, über das spielerische imitieren einer Waffe
mit dem Finger und eventuelle "Zielen" auf ein anderes Kind, bis zu „making rude comments to classmates“.
Nicht mal "go to hell" darf man sagen....Suspendierung kann zum Beispiel sein: 3 Tage zu hause bleiben, oder das Privileg der Nutzung des Schulbusses wird entzogen. Die Androhung von „probable consequences“ schwebt jedenfalls ständig über dem Kind und verhindert, überwiegend erfolgreich,
jede ungewöhnliche Handlung. Na toll, ich hätte ja alles getan um jeden Tag suspendiert zu werden.
Disziplin ist also erste Schülerpflicht. Dabei geht es bedauerlicherweise um eine verordnete Disziplin die aus meiner Sicht dazu dient den Lehrer, die Schule, die Verantwortlichen, von eben dieser Verantwortung frei zu halten. Menschen übernehmen ja ungern Verantwortung, in Nordamerika, besonders aus den USA rüberschwappend, ist die panische Angst etwa
(ge-) "sued", also verklagt zu werden. Es ist allemal bequemer und ungefährlicher auf eine Verordnung, eine Regelwerk, auf eine drohende Suspendierung zu verweisen. Eine Erziehung zur Selbstdisziplin findet nicht statt. Die Kinder werden in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Elternhaus und Schule gehalten, das seinesgleichen sucht. Aufwachsen unter der
Käseglocke, dem Schirm der Totalbehütung. Von den Eltern mit dem Auto zum Busstopp gebracht, gemeinsam auf dem Bus warten, mit dem Bus zur Schule, von freiwilligen Eltern geleitet (und bewacht) zum Schulgebäude. (Jawohl die 15 m vom Bus zum Gebäude!!!) Nach Schulschluss alles rückwärts. Wo bleibt die Erziehung zur Selbstständigkeit, die Möglichkeit Unabhängigkeit und Verantwortung zu
entwickeln. Mir graust, - die Kinder werden lebensunfähig. Werden sie in der Lage sein einen Bus, eine U-Bahn zu benutzen, Ortssinn entwickeln, Fahrpläne lesen können? Flexibel zu sein? Lebensunfähig, na vielleicht nicht für diese Gegend, aber in einer zusammenwachsenden, globalisierten Welt, wo Flexibilität, wo Entscheidungsfähigkeit und
Unabhängigkeit verlangt wird, werden kleine angepasste, gleichsam gezüchtete Kollektivisten Schwierigkeiten haben. Nicht mal einen Wandertag gibt es, einen Orientierungslauf, um derartige Fähigkeiten zu entwickeln. Ich musste 45 Minuten zur Schule laufen, oder mit der U-Bahn fahren, ja mit 7 Jahren, es gab nie Kältefrei und Thermohosen auch noch nicht.
Elaine war neulich im Naturkundemuseum mit der Klasse. Die Eltern mußten unterschreiben das sie mit dem Ausflug einverstanden sind, es wurde Geld gesammelt um dem Schulbusfahrer die Überstunden zu bezahlen und außerdem kamen pro Klasse noch um die 5 Mütter mit.
Politische Diskussionen finden weder in der Schule, noch zu Hause statt. Prüderie statt Aufklärung, Konformismus statt Aufgeschlossenheit. Die Verhältnisse an der Oberschule (High School) kenne ich noch nicht so genau, aber eins kann ich schon mal feststellen: Eine Erziehung zur Kritikfähigkeit gibt es auch dort nicht. Schülerzeitungen sind unbekannt.
Jedenfalls würden sie nicht autonom von den Schülern gestaltet. Literaturauswahl, vielleicht Nietzsche, Marx oder Theodore Dreiser, oder noch besser Henry David Thoreau, ja man kennt sie hier, unerwünscht. Originalton meines Nachbarn der Lehrer ist: Es könnten sich Eltern beschweren, daß die Schule aufwiegelt. Andere gesellschaftliche Perspektiven,
Politikunterricht: Fehlanzeige. Fazit: Bei insgesamt guter Schulatmosphäre, bleibt ein Unbehagen. Eine Erziehung zum mündigen Bürger findet nicht statt. Aus europäischer Sicht, ja sogar aus postsozialistischer (im Fall meiner Frau postsowjetischer) Sicht, ist die Erziehung eine klare Indoktrination ohne das Aufzeigen von Alternativen.
Was auch auffällt: Alle Lehrer sind weiblichen Geschlechts, jedenfalls an der Grundschule. Diese Entwicklung kennen wir auch in Deutschland. Aber die Feminisierung ganzer Generationen von Jungen, die oft auch noch allein erziehende Mütter haben, ist unübersehbar. Es ist hier nicht der Raum die Gründe näher zu untersuchen, aber es kann festgehalten
werden, daß eine nur aus weiblicher Sicht vermittelte Perspektive auf das Leben und seine Erfordernisse ebenso unerwünscht sein sollte, wie die frühere Erziehung zum „harten Mann“. Die Betulichkeit die Sanftheit, die Angst irgend jemanden in seiner Seele und in seinen „Feelings“ zu „beschädigen“ ist systemimmanent und hat nichts mit einer Erziehung zu
Fairness und Gradlinigkeit zu tun. Ein klares, auch kraftvolles Wort hat noch niemanden geschadet und hinterlässt wahrscheinlich weniger Spuren als ein permanentes Unterdrücken gesunden Äußerungswillens. Ist es so schwer die richtige Balance zwischen Brutalität und Duckmäusertum zu finden? Zwar sind die Lehrerinnen hier nicht besonders progressiv,
sondern eher der Typ der bodenständigen Hausfrau, (die auch ihre 3 Kinder in der Schule hat - wenn sie nicht schon aus dem Haus sind). Aber sie sind auch nicht dieser anstrengende, Birkenstocksandalen tragende Kräusellockentyp, der selbst als Experiment den Kinderladenversuchen der Elterngeneration entronnen, nun, mangels besseren Wissens oder Neugier
auf anderes, grün-alternative Gedankenwelt verinnerlicht hat und in diesem Sinne unschuldige Kinderseelen massiert wie in Deutschland. Kanadier sind überwiegend betulich geformt, eine Gesellschaft von Bleedingheart-Do-Gooders, (Deutsch:: Weicheier), die von ihrem südlichen Nachbarn belächelt wird.
Zusammenfassend kann man sagen, das kanadische, öffentliche Schulsystem ist zutiefst sozialistisch. Erziehung zur Konformität erklärtes Ziel. Eine freie Wahlmöglichkeit unter mehreren in der Nachbarschaft befindlichen Schulen nicht möglich. Die auch in Deutschland in den letzten 20 Jahren erfolgte Umwandlung der Schule hin zu mehr sozialistischer
Schule ist hier schon vollzogen. Gut klappt offensichtlich in diesem Einwanderungsland die Integration von Migrantenkindern. Gut auch, daß es Home-Schooling gibt und man selbst eine Schule gründen kann oder sogar selbst unterrichten darf. Auch das begründete Herausnehmen der Kinder zu einer bewussten Urlaubsplanung, die nicht unbedingt mit den
offiziellen Ferienzeiten übereinstimmt, ist ...
...man
glaubt es nicht,
möglich. |
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