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Von Dekadenz und Quilts und Träumen
Es gibt Fehler, die macht man nur einmal. Diesen zum Beispiel. Sie sprechen gerade mit ihrem Nachbarn über den gestrigen Shoppingtag. Dabei erwähnen Sie ganz nebenbei, daß der Verkäufer im Laden XY eine unfreundliche Knalltüte ist. Nun wundern Sie sich, weil Ihr Nachbar plötzlich so merkwürdig guckt. Im weiteren Gespräch
erfahren Sie, daß die Knalltüte der Cousin, Schwager, Onkel, oder „Cousin der Schwester meines Mannes“ ist. Aha! Oder: "Ach der, ja mit dem ging ich zur Schule. Er war zwar eine Klasse höher, aber später hat er die Mary geheiratet, die hat neben der Tante meiner besten Freundin gewohnt." Es gibt noch mehrere hundert ähnliche Variationen. Nachdem Sie nun
einige verbindliche Bemerkungen gemacht haben, die die Knalltüte zu einem hervorragenden Erstverkäufer mit wahrscheinlich einem schlechtem Tag oder Sorgen relativiert, und so das Gespräch gerettet haben, schwören Sie sich, daß nächste Mal vorsichtiger zu sein. Machen Sie sich stets und bei jedem Gespräch klar: hier sind fast all miteinander verwandt,
oder wenigstens zusammen zur Schule gegangen. Es geht hier nicht um Einzelfälle. Nova Scotia, und so ähnlich ist es auch in anderen Provinzen, sind fast „geschlossene“ Territorien. Man zieht nicht um, man heiratet nicht nach oder von außerhalb.
Größere Altersunterschiede bei Ehepaaren gibts auch nicht.
Man bleibt im Lande, im County, im Ort, ja in der Straße. Sucht sich seine Freunde und späteren Lebenspartner
unter seinen früheren Spielkameraden oder Klassenfreunden. Da kann nichts schief gehen (glaubt man), neugierig auf andere Menschen ist man auch nicht sonderlich. Wäre man böswillig, aber das sind wir ja nicht, kann man gelegentlich leichte Ansätze von Dekadenz feststellen. Immerhin ist Inzest nicht so selten und wenn natürlich alle unsere Nachbarn und
Freunde frei von jeglicher inzestuösen Debilität sind, gehört haben alle schon davon. Aber das ist dann „weit“ weg, mindestens so zwischen 20 und 100 km.
Wie setzt sich nun die Bevölkerung von Nova Scotia zusammen? Zunächst waren da Ureinwohner, Indianer. Aber so darf man nicht mehr sagen, das ist politisch unkorrekt.
Obwohl sie sich selbst noch so nennen, der folgende Name
also von weissen Go-Gooders erdacht wurde. Also First Nation People. Ja, sie waren die Ersten. Später haben sich die Rotröcke und die Engländer hier erbitterte Kämpfe geliefert. Jede Nation hat ihre Siedler und Soldaten hier
gelassen. Man blieb unter sich. So gibt es auf der Westseite Nova Scotias mehr Menschen mit französischen Wurzeln und auf der Ostseite mehr Abkömmlinge britischer Einwanderer. Auch Deutsche wanderten vor 250 Jahren ein. Norweger kamen nach dem zweiten Weltkrieg. Ganz wenige der Siedler vermischten sich mit Angehörigen der MicMack, der First Nation.
Traditionen werden offensichtlich mehr bei den „Franzosen“ gepflegt. Überwiegend stellt sich die Bevölkerung aber sehr homogen dar, ohne wesentliche Ausprägungen nationaler Eigenheiten oder gepflegter Merkmale. Man ist Kanadier, sehr stolz darauf, und die indoktrinativen Homogenisierungsbemühungen, schon in Kindergarten und Vorschule begonnen, die nun
schon einige Generationen währen, haben Erfolg gehabt. Kanadier haben ein Nationalgefühl, stellen das auch nicht in Frage, eher benutzen sie es als Stützkorsett sollte ihr Bewusstsein ihnen in seltenen Fällen eine Anflug von Unterlegenheit z.B. gegenüber den „arroganten“ Amerikanern signalisieren.
Was man als Tourist nicht merkt, was einen aber bei längerem Aufenthalt schell aufstößt ist die Tatsache, daß man die positiven handwerklichen Anlagen, Erfahrungen und Traditionen nicht über die letzten 250 Jahre, wenn schon nicht weiter entwickelt, sie auch nicht bewahrt hat. Das ist sehr schade. Es gibt keine vernünftigen Bäcker, die etwa deutsches
Brot- oder Kuchenbacken beherrschen, keine französischen Gourmetrestaurants oder Partyservice die die gehobene französische Küche pflegen würden. Es gibt keine Uhrmacher, nur wenige Sattler oder Schuhmacher. Kaum
richtige Juweliere oder Silberschmiede, Glaskünstler oder Confiserien.
Es gibt hier "Juweliere", die haben noch nie was von
Cartier, Tiffany oder Georges Fouquet oder Carl Fabergé gehört. Versuchen
Sie mal einen Bulgari-Ring zu kaufen. Natürlich, es gibt einige kleine Betriebe, die sich auf die allzu flüchtigen Touristen
eingestellt haben. Sie bieten Silberrahmen oder Anhänger an. Es gibt auch vereinzelt mal einen Holzschnitzer, oder mal ein „deutsches“ Restaurant. Dennoch, Qualität und Originalität darf man nicht erwarten, wirkliche handwerkliche Tradition wurde weder gepflegt noch weiterentwickelt und es gibt natürlich auch keine verbindlichen Qualitäts- und schon
gar keine Ausbildungsstandards. Chinesische Restaurants heißen zwar so, aber chinesisches Personal ist so ferne wie China und das was chinesische Küche genannt wird ist „kanadische“ Küche, wenn es die denn überhaupt eigenständig gibt. Wohlgemerkt, ich spreche hier von der Provinz, in Toronto oder Vancouver mag es Ausnahmen geben. Aber – der ganz
überwiegende Teil Kanadas ist eben ländlich und das beschreibe ich hier am Beispiel einer Atlantikprovinz. Aber es gibt doch etwas. Es gibt eine Tradition die in ganz Nordamerika gepflegt wird
und die ihre historischen Wurzeln bei den Pionierfrauen hat, die an langen Winterabenden Stoffe in Mustern zu verschiedenen, fantasievollen Elementen zusammenfügten und Decken oder Wandbehänge fertigten. Auch heute noch führt jedes einigermaßen sortierte Handarbeits- und Stoffgeschäft eine große Auswahl an tollen Stoffen. Ich war oft in diesen
Geschäften, man findet (leider) ganz überwiegend nur ältere Frauen, die sich mit diesem schönen Hobby beschäftigen. Für die Touristen gibt es Quiltläden und es gibt viele Touristen die sich ein Quilt als Andenken mit nach Hause nehmen. Aber selbst hier ist es so, daß die Auswahl der Stoffe, die Qualität der Ware, die Reichhaltigkeit des Zubehörs nicht
im Entferntesten an die Möglichkeiten in z.B. Pennsylvania heranreicht, wo diese Tradition besonders schön und hochwertig von den Amish-Frauen gepflegt wird. Frauen in Nova Scotia machen denn auch selten Experimente und fertigen ihre Quilts in traditionellen Mustern und Rhomben. Viele ahnen nicht, daß diese Technik sich inzwischen weiterentwickelt hat
und es hoch bezahlte Designer gibt die ganz ungewöhnliche Bild- und Musterkreationen schaffen. Die, die es gesehen haben, bleiben dennoch lieber bei ihren Traditionsmustern, Marke „so wie es schon immer war“. Erstmals habe ich vor einigen Tagen eine kleine Gallerie gesehen die Quilts ausstellte die anders waren. Contemporary Quilt Art,
das was uns begeistert und was die Verbindung einer alten Tradition mit heutigen Kunst- und Ästhetikvorstellung ermöglicht. siehe auch: Sveta's Studio for Art and Design auf rebellog
Nun gibt es noch eine kleine Gruppe anderer Bürger. Meistens sind es Deutsche oder Schweizer. Sie haben vor einigen Jahren Nova Scotia entdeckt. Da sie schnell erkannten wie billig das Land, und besonders die Küsten- und Seegrundstücke waren, haben sie sich überwiegend sofort als „Makler“ betätigt und neue Deutsche oder
Schweizer herüber geholt. Denen haben sie dann Land zu wahnsinnig überhöhten Preisen, „zum Freundschaftspreis unter Landsleuten“, verscherbelt. Und dabei fantastische Gewinne realisieren können. Professionelle Makler, die ebenfalls den Markt erkannten haben ebenfalls große Teile Nova Scotias, natürlich immer die Filetgrundstücke mit Aufschlägen von
mehreren hundert Prozent verkauft. Einige sollen, so sagt man, bis zu 1000 Prozent Aufschlag aus den dummen Deutschen herausgeeiert haben. So gibt es heute zwei Gruppen: Die mit Geld, die wie die Schwalben 2-3 mal im Jahr aus Deutschland oder der Schweiz eingesegelt kommen und sich, zunächst erschöpft vom europäischen Stress, in ihre Cottages zurück
ziehen. Klar, da das Land billig war, jedenfalls gemessen an europäischen Preisen, brauchen diese lieben Landsleute auch wenigsten 400 – 500 Acres (1 acre=4047 qm) um den gebührenden Abstand zu den Nachbarn halten zu können. Es gibt vielleicht keine offensichtlichen Ressentiments, dennoch, einige Kanadier sind schon sauer, daß sie mit der zweiten oder
dritten Reihe vorlieb nehmen müssen und ihnen der See- oder Küstenzugang verwehrt ist.
Die andere Gruppe sind Deutsche oder Schweizer die bereits in der Heimat Schwierigkeiten hatten einen Job zu finden oder andere Arbeitsprobleme hatten. Sie haben dann, zum Teil bis zu 5 Jahre, auf ein Einwanderungsvisum gewartet und sind mit großen Hoffnungen und einigen wenigen Ersparnissen gekommen. Vielleicht hatten sie auf einer Reise festgestellt,
daß es von allem nichts oder zu wenig gibt. Also haben sie eine Bäckerei oder ein Restaurant eröffnet. Nach 6 Monaten haben sie erkannt, daß „Nova Scotia Open for Business“ zwar auf jedem kommerziellen Autonummerschild steht, aber ansonsten eine hohle Floskel ist. Die bürokratischen Hürden sind erschreckend hoch und die Bevölkerung nimmt das
Qualitätsangebot überwiegend nicht richtig an. Die mit großen Hoffnungen begonnene Selbstständigkeit endet oft schon nach wenigen Monaten, spätestens nach 2 Jahren. Nur die Wenigsten halten länger durch. Deutsche haben hier jedenfalls Unmengen Geld in den Sand gesetzt. Glauben Sie mir, inzwischen haben wir Dutzende solcher Fälle gesehen. Selbst
einheimische Betriebe, ich denke an einen der seit 62 Jahren ansässig ist, packen die Koffer und ziehen ins geschäftsklimatisch angeblich freundlichere Prinz Edward Island um.
Wenn Sie also noch etwas Geld übrig haben und Ihrem Not leidenden, dahinsiechenden Makler unter die Arme greifen wollen, hier haben Sie die Gelegenheit dazu. Und wenn Sie, nur so zur Selbsterfahrung, erleben möchten wie schnell Ihre Träume von einer Selbstständigkeit als Tischler, Bäcker, Spielzeugbauer, Schumacher, Schneider, Arzt, Apotheker oder
ähnl. platzen können: hier sind Sie richtig. Sie können sich natürlich als Makler versuchen. Aber davon gibt es hier Hunderte, jede gelangweilte Hausfrau, jeder frisch Pensionierte,
hat inzwischen so eine Lizenz und versucht sein Gehalt auf
diese Weise aufzubessern. Nein, kommen Sie nach Nova
Scotia, kaufen Sie sich ein Cottage und erholen Sie sich
hier in Ihrem Cottage. Dann haben Sie die Möglichkeiten
erkannt, genutzt...
... und ausgeschöpft. |
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