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Von Gesprächen und der Lust am Feiern
Ich bin inzwischen längst nicht mehr so begeistert von meinem Geburtstag wie meine Kinder in Erwartung ihres Geburtstages. Aber die sind auch erst
12 und 8 Jahre alt. Gestern jedenfalls war es mal wieder so weit. Es war mein Tag, keine runde Sache sondern ein unbedeutender „Zwischengeburtstag“, denn immerhin bin ich schon
über 50. Wie dem auch sei, es blieb die übliche Frage: Mit oder ohne Gäste? In den letzten Jahren hatten wir „groß“ oder „klein“ gefeiert, mal mit 45 Gästen mal mit einem einzelnen Ehepaar. Da meine Frau gerade in einem ihrer „Projekte“ steckt und wenig Zeit hat, wollen wir nur
Pauline und Scott einladen, unser Nachbarehepaar, welche wir
eigentlich mögen Außerdem kann Scott seinen allein stehenden, mal wieder vom weiblichen Geschlecht enttäuschten, Bruder mitbringen. Wir entscheiden uns für „heißen Stein“. Das ist eine Art Tisch-Barbecue, eine heiße Steinplatte in einem Gestell. Unter der Steinplatte brennen 2 Flammen gespeist von einer Brennflüssigkeit. Das macht
allen Spaß, besonders den Kindern, es ist Action und man ist beschäftigt. Das Ding strahlt große Hitze ab, das heizt den Durst an und hebt die Stimmung. Außerdem hält sich der Vorbereitungsaufwand in Grenzen und es ist auch schnell wieder aufgeräumt. So was macht man auch nicht im guten Zimmer, im Speisesalon, sondern man bleibt am massiven
Küchentisch, der in seiner Rustikalität zum Essen passt. Da die Kanadier auch Fleisch fressende Pflanzen sind, also genau das Richtige. Alle essen etwas mehr als ihnen gut tut, dafür wanken alle total „stuffed“ zurück in ihre vier Wände. Der Spruch „fülle die Gäste ab, dann gehen alle zufrieden nach hause“ hat ja was für sich.
Da wir also immer hungrig von kanadischen Einladungen heim kommen, kaufen wir Schweine, Rind und Hühnerfleisch für 10 Personen, obwohl wir eigentlich nur 5 Erwachsene sind. Ich versuche ja schon seit vielen Jahren durch vorbildhaftes Verhalten meine Umwelt zu ändern, leider ist mein Erfolg gleich null. Konkret, weil wir die Gäste „anständig“ abfüllen,
heißt das nicht, dass wir demnächst mehr als Fenchel in Dipp erwarten sollten. Doch nun wollen wir uns mal in einer fairen Beschreibung des Ablaufes ein er solchen typischen Veranstaltung versuchen:
Wir hatten zu 5 Uhr eingeladen (kanadische Dinnertime), die Gäste kommen 20 Minuten später. Macht nichts, schließlich wird das Fleisch ja von den Gästen selber gebraten. Nach dem üblichen Celebrity-Küsschen, die ja heute so üblich geworden sind, also angedeuteter Kuss rechts und links (oder war’s umgekehrt?), kommt mein Geburtstagsgeschenk: Eine Karte
im Umschlag. „Happy Birthday“ ist vorgedruckt, aber Pauline und
Scott haben noch Pauline und
Scott druntergeschrieben. Ich bin entzückt und bedanke mich überschwänglich.
Meine dezente Frage ob jemand vielleicht einen Sherry als Aperitif möchte wird dankend abgelehnt, denn alle sind schon schrecklich hungrig. Es ist ja Dinnertime. Wir sind auch hungrig, schließlich haben wir uns heute unser Mittagessen in Erwartung des, für uns späten, Essens verkniffen. Also legen wir gleich alle los und hauen die Steaks und
Hühnerteile auf die heißen Steine. Weil das Braten natürlich etwas dauert, besondern wenn man es „well done“, also durchgebraten möchte, beginnen alle schon mal ihre Kartoffeln und das Gemüse aufzuessen. Auch auf die Getränke stürzt man sich. Mein zaghafter Versuch einen gemeinsamen Start, passend zum Anlass und nach dem Entfalten der Stoffservietten,
hinzubekommen scheitert schon im Ansatz. Inzwischen brutzeln die Steaks und werden ab und zu gewendet. Unsere Gespräche drehen sich um das Wetter, ob wohl doch am Wochenende Schnee kommt, schließlich sind wir im April, und um die Frage warum mein Auto so oft einen Platten hat. Nachdem wir gemeinsam feststellen, daß auf die Wetternachrichten kein
Verlass ist und die Straßen schlecht, an allem schuld, und somit auch schuldig an meinem Platten sind, haben wir die ersten Fleischteile auf den schon zur Hälfte gelehrten Tellern. Jetzt endlich komme ich, weil alle den Mund voll haben, dazu einen Toast anzubringen. Ich erhebe also mein Glas, sage etwas nettes über unsere Gäste und das sie der Einladung
gefolgt sind, bedanke mich artig bei meiner Frau, für ihre Liebe und ihr Verständnis im letzten Jahr, wie in den
vielen Jahren zuvor, und vergesse auch nicht zu erwähnen, das meine Kinder mir viel Freude machen und somit zu meiner Glückseligkeit beitragen. Dann stoßen wir alle an und essen weiter. Nachdem nun noch gesprächsmäßig auch die Kinder unserer
Gäste und Nachbarn aufgearbeitet wurden, versuche ich das Gespräch auf lokalpolitisches zu lenken. Große Politik, gesellschaftliche Entwürfe oder die Entwicklung theoretischer pädagogischer Alternativen zu den bestehenden Erziehungsformen in der Grundschule unserer Kinder sind aber nicht sonderlich gefragt. Auch Kritik an der Verödung der Hauptstraße
unseres Ortes oder dem Mangel an Visionen der Autoritäten unserer Stadt werden nicht weiter verfolgt. Nach dem ich noch einen Abstecher in Richtung Umweltschutz und persönliches Verhalten versuche, und Überlege das Gespräch auf Literatur oder Musik zu lenken, passe ich mich schließlich an und folge dem von den Frauen initiierten Gesprächsablauf, der sich inzwischen um das eben eröffnete Clay-Cafe (Ton-Cafe)
dreht, ein Malstudio wo man Tonfiguren oder Gebrauchsgegenstände bemalen kann. Die Sachen werden dort auch gebrannt und es ist, mit Abstand, die beste Attraktion in unserem Ort. Ich hoffe, wie auch unsere Gäste, auf einen Erfolg. Schon deshalb weil die 23jährige Tochter unserer Gäste die junge Besitzerin ist und ich ihren Mut rückhaltlos bewundere. Ich
hoffe ebenfalls inständig, daß der Laden länger als ein Jahr macht, aber insgeheim habe ich doch Zweifel, den ich habe hier noch keine Neugründung lange überleben sehen. Was ich tun kann werde ich machen. Ich habe den Kindern, die begeistert sind, versprochen, einmal monatlich in die Tasche zu greifen und einen Nachmittag im Clay-Cafe zu spendieren.
Inzwischen sind alle fertig, und wir räumen das schmutzige Geschirr ab und decken das Kaffeegeschirr auf. Meine Frau hat mir eine Torte gebacken und die wird nun auch noch, obwohl eigentlich schon alle geschafft sind, mit Genuss verdrückt. Mir schmeckt sie besonders und ich bin dankbar und froh, daß meine Frau, die inzwischen
zusätzlich die kanadische
Staatsbürgerschaft hat, nicht so kanadisiert ist, daß sie mir einen Karottenkuchen oder einen Pumkin-Kuchen gebacken hat.
Innerlich bereite ich mich jetzt darauf vor die Freunde zu bitten ins Wohnzimmer zu gehen um die Fresserei und das schmutzige Geschirr aus dem Blickfeld zu bekommen. Außerdem kann
man im Wohnzimmer behaglich, im Sessel bei einem Glas Wein, zu einer gepflegten Konversation übergehen. Braucht ja nicht zu anspruchsvoll zu sein, nur gerade so, dass ich das Gefühl
habe an meinem Geburtstag mal etwas plaudern zu können. Nicht, dass mir mit meiner Frau die Themen ausgehen könnten, aber ab und zu eine andere Stimme, mit anderen Perspektiven kann ja nicht schlecht, sondern eher anregend sein.
Doch meine Rechnung geht nicht auf. Unsere Gäste stehen auf, bedanken sich freundlich und streben der Garderobe zu. Es ist inzwischen ja auch schon sehr spät, so etwa 8 Uhr und da sollte man vielleicht doch lieber ins Bett...Na jedenfalls schließt sich 5 Minuten später unsere Haustür und wir sind allein. Meine Frau sieht mein Gesicht: "Was hast Du
erwartet?" fragt sie, mit einem leicht ärgerlichen Klang in der Stimme. Und ich weiß genau, sie ist ärgerlich über mich, nicht über die Gäste, weil ich es immer noch nicht gelernt habe mich, ääh, meine Erwartungen ausreichend anzupassen. Also schweige ich, stürze mich ans Aufräumen in der Küche und denke. Denke an eine adäquate "Party" in z.B. Moskau.
Da hätte man gefeiert, richtig gefeiert mein ich, gegessen und getrunken, klar besonders getrunken. Und gelacht, gelacht, Tränen gelacht. Und diskutiert. Und in der Frühe, ich meine gegen 3 oder 4 Uhr morgens wären wir vom Tisch gefallen, so wie wir sind - direkt ins Bett. Und am nächsten Morgen hätte ich eine dicke Birne gehabt
und Kreuzschmerzen. Klar. Und
die Kinder zur Ruhe ermahnt. Meinetwegen. Aber ich hätte das Gefühl gehabt ich hätte gelebt. Also richtig gelebt, wenn Sie verstehen was ich meine. Und noch lange Zeit von der Geburtstagsfeier gesprochen und noch längere Zeit auch an sie gedacht.
Im Juli hatte dann der Bruder
von Scott Geburtstag. Ich hatte keine Gegeneinladung erwartet. Nein hatte
ich nicht. Aber vielleicht hätte er, Curtis, als Single, gesagt. "Komm, laß uns auf ein Bier zusammen sitzen." Als ich ihn treffe sagt er: "Ich habe heute Geburtstag. Ich gehe jetzt zu
Linda Die hat in 2 Tagen
Geburtstag. Aber sie hat mich heute zum Barbeque eingeladen...." Ja, da kann er umsonst an seinem Geburtstag essen und
Linda hat ihren auch gleich abgehakt. Wie praktisch.
Nun, man kann nicht alles haben. Ich schaue vorwärts. Ich warte auf unser nächstes Beisammensein mit unseren Freunden. In Moskau, werden Sie jetzt
vielleicht ergänzen. Ja darauf auch. Aber viel näher ist das mit der Familie Bush gleich hier um die Ecke. Fischer ist er in der dritten Generation. Echte Freunde. Und Sie werden es nicht glauben. Es ist wie in
Moskau. Fast jedenfalls. Kein saufen, nur "social drinking", und nicht bis 3 Uhr morgens, sondern bis 12, aber alles andere kommt dem nahe. Man lacht mal und hat doch ein schönes Feiergefühl. An das man sogar
gern zurückdenkt. Oder wir kommen mit unseren
Freunden Sepideh und Hadi zusammen. Die sind aus Teheran und denken auch,
dass es hier etwas, na sagen wir vorsichtig,, zurück ist. Aber wir können
uns kultiviert unterhalten, gemeinsam kochen und essen und auch mal was
zusammen unternehmen. Oder Ken und Heather, unsere Nachbarn aus der
nächsten Strasse. Die haben zwar immer wenig Zeit, weil sie wie verrückt
arbeiten, kein Wunder, Ken ist selbständig (das, allein das spricht ja
schon für ihn), aber die sind eben auch total open-minded. Auch ein Abend
mit den Beiden ist ein absoluter Gewinn. Und - es ist in KANADA.
Na also, es geht doch. Wer also gerade gedacht hatte, daß ich nun alles negativ sehe, dem sei hier versichert: Ich sehe auch die schönen Seiten und das Positive. Nur - das kann man natürlich überall lesen. Sie wissen ja aus dem Vorwort. Schöne Bildbände gibt es überall. Nur darüber können dann andere schreiben.
Also Prost und ..... ja ich bin selbst gespannt wo ich meinen nächsten
Geburtstag feiere. Wenn ich überhaupt feiere. Denn richtig begeistert,
siehe oben, bin ich nicht mehr. Aber das liegt daran, daß ich nicht gern
älter werde.
Und dafür können die Kanadier nun
wirklich nichts.
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