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Von Ballermännern und Booten
Manchmal braucht man Urlaub. Urlaub von der Gegend in der man lebt. Mir geht es jedenfalls so. Vielen Deutschen auch. Meinen kanadischen Nachbarn eher weniger. Die deutsche Reisewut ist ihnen fremd. Und die Neugier auf fremde Länder und Gegenden auch. Allerdings kenne ich diesen Mangel an Neugier auch aus
Deutschland und vielen meiner Landsleute reicht es 3 Wochen bei Ballermann auf Mallorca zu sitzen oder auf dem Handtuch nahe Miami. Aber sie sollten dann nicht behaupten sie kennen mallorkinische Küche oder die USA. Das kanadische Pendant gibt sich mit 5 Tagen Disney in Orlando zufrieden, direkt vom Flughafen in die Destination und zurück.
Mein Erholungsbedürfnis ist eher eine Flucht. In Deutschland wär’s vor den Parvenu’s die gegenwärtig die Regierung bilden und als 68er Opas den Zeitgeist diktieren. In Kanada sind es die Regeln, Einschränkungen und die Gutmenschen
die mich nerven und die mich das 365-Tage-Korsett wenigsten für 2 Monate abstreifen lassen wollen.
Also machen wir uns auf in Richtung Süden. Natürlich im Auto, denn wir wollen ja was kennen lernen und nicht nur drüber wegdüsen. Sonst geht’s uns wie in Kapitel 2, alles sieht toll aus wenn man runterschaut. Nach Süden heißt bei uns zunächst nach Norden, denn um Nova Scotia, South Shore auf dem Landwege verlassen zu können braucht man 6 Stunden
bis zur Grenze der USA und zunächst geht es nach Norden. An der Grenze in St. Stephen kennt man uns schon und die Greencard ist gegen 6 Dollar Gebühr nach wenigen Minuten in unseren Händen.
Diesmal entscheiden wir uns für Virginia und Kentucky. Weil es in Strömen regnet fahren wir durch und sind nach 4 Tagen in Virginia. Virginia Beach genauer, denn die Kinder wollen zunächst mal baden. Das Wasser ist nicht so kalt wie in Nova Scotia und die Sonne scheint auch. Was wichtiger ist, man bemüht sich um uns. Die Wirtsleute sind
großzügig, der Chef kommt selbst und bringt ein neues Kabel für den Kühlschrank. Der Garten darf genutzt, die 4 Fahrräder an der Treppe angeschlossen und das Zodiac-Boot
auf dem Picknicktisch gelagert werden. Als wir mit dem Boot den Crystal-Lake befahren hält uns ein Polizeiboot an und der Officer fragt nach unserer Registrierungsnummer, daß
jedes Wasserfahrzeug in den USA haben muss. Als er hört, daß wir so irre sind unser Boot aus Canada mitzubringen und wir nur 2 Monate im Land bleiben meint er: „damit kann er leben, schönen Urlaub“ und rauscht davon. Virginia Beach ist sauber angelegt, außerordentlich gepflegt und der Gast ein Gast. Die zuständige Behörde hat sich Mühe
gegeben und die Gegend touristisch entwickelt. Selbst Karten zum "Launchen" von Booten, von Fahrradwegen und Wanderwegen gibt es. Man versteht was von der Sache, welch ein Unterschied zu Nova Scotia. Natürlich gibt’s diese Schilder am Strand
die dazu auffordern „keine obszönen Worte“ zu verwenden und ähnliches. Aber im Prinzip ist alles sehr entspannt. Wir bleiben 3 Wochen.
Nach einigen Abstechern fahren wir in die Kentucky-Mountains. Wir besuchen Tom der uns schon vor 2 Jahren eingeladen hatte. Bei ihm sind sein Bruder, ebenfalls ein Vietnamveteran und einige seiner Freunde. Um Washington schert man sich einen Dreck, man lebt wie man will und was immer wir auch machen, nie hören wir: „That’s forbidden, it’s the
law, Sir…“. Also schießen wir - beispielsweise. Mit verschiedenen Brownings auf Coca-Dosen in zunehmendem Abstand. Unser Alexander, 9 Jahre, bekommt eine leichtere Browning 22, Lever Action. Damit pustet er im Abstand von 120 Yard (110 m) jede Dose um. Meine Frau und ich können an der Kalaschnikow üben, Sveta hat Erfahrung, sie hat den Umgang
damit in der Schule gelernt. Wir nehmen uns vor künftig Alexanders ruhige Hand und sein scharfes Auge zu fördern. Außerdem schult der verantwortliche Umgang mit einer Waffe das Verantwortungsbewusstsein.
Auch diese Gegend ist touristisch entwickelt, obwohl gerade die Kentucky Mountains eine eher arme Bevölkerung haben. Wir verdrücken in einem
lokal bekannten, seit 30 Jahren von einem eingewanderten Portugiesen betriebenen, Pizzaladen eine vorzugliche 16" Pizza und vergessen zu bezahlen. Ich dachte Sveta zahlt,
sie dachte ich zahle. Am nächsten Tag ruft meine Frau an und will die Kreditkartennummer angeben. Der Chef sagt nur."Ja, das passiert manchmal. Kreditkarte ist zu aufwendig,
bezahlen sie halt nächstes Mal." "Aber das ist erst in 2 Jahren...!" "Macht nichts, guten Urlaub...!" Wir bleiben 2
noch Wochen.
Auf dem Rückweg machen wir einige Tage in Washington,D.C. stop , Massachusetts und New Hampshire besuchen wir auch wieder (Life free or die).
Natürlich haben wir keine Probleme an der Grenze, der kanadische Beamte bekommt auf klare Fragen, klare Antworten. Und natürlich werde ich nicht so blöd sein und, um 20 Dollar zu sparen, etwas verschweigen. Was wir im Einkaufsparadies USA erworben haben wird auch angegeben. Die Grenzbeamten auf dem Landwege sind aber durchweg freundlicher als die
Knalltüten auf den Flughäfen. Die dämlichen Fragen und der unfreundliche Ton der Halifax-Grenzer sind schon legendär. „Willkommen in Nova Scotia!“
Der erste Eindruck, nach der Grenze sind wieder die schlechten Straßen. Zurück an der „Mainstreet of the South Shore“ versuche ich herauszufinden ob es einen Schützenverein gibt. Nein. Nach vielen Fragen gebe ich es auf einen Waffenschein zu beantragen: Zu teuer, zu kompliziert und für Jugendliche ohnehin nicht möglich. Außerdem braucht man
noch eine weitere Lizenz um eine Waffe kaufen zu können, die Waffe darf nicht transportiert werden und auf dem eigenen Grundstück darf man nicht schießen. Alle sprechen vom Michael Moore Film (Bowling for Columbine) und schauen mich entsetzt an. Ich könnte glatt in Deutschland sein, bin es aber nicht. Ein Land von bleeding heart do-gooders
(Weicheiern). Schade nur für Alexander. Übrigens: Selbst in Washington D.C., laut Statistik die Hochburg des Verbrechens und der Ballerei schlechthin, haben wir keinen Polizisten mit schusssicherer Weste gesehen. In New York oder Las Vegas auch nie. Dafür rennt aber jeder staatlich sanktionierte exekutive Uniformträger in Nova Scotia mit
diesem „Kleidungsstück“ rum. Immer.
In unserer Abwesenheit war in unserer Straße Aufregung pur. Die Zufahrtsstraße stand auf etwa 30 m, nach mehrtägigem heftigen Regen, etwas über Knietief unter Wasser. Man konnte nicht mehr mit dem Auto die Häuser erreichen und zu Fuß hätte man über das Grundstück eines Nachbarn gehen müssen. Oh my God! Irgendeine Pfeife rief also Polizei
und Feuerwehr und alle Einwohner wurden binnen einer halben Stunde evakuiert. Wir verstehen uns recht. Es war niemand in Gefahr, die Häuser liegen alle sehr hoch, und nur in einen Keller lief tatsächlich Wasser. Die Polizei drohte die Anwohner in Handschellen aus der Straße zu bringen falls sie sich weigern sollten. Kanadier weigern sich natürlich
nicht. Landesweit, bis Vancouver war „die Flut“ in den Nachrichten zu sehen und am nächsten Tag konnten etliche Nachbarn ihr Konterfei und klugen Kommentare in der Zeitung bewundern. So weit so schlecht. Der übliche Schrei nach Fremdhilfe und Vater Staat, dabei braucht eine Situation dieser Art keine Polizei und Rettungsdienste, sondern einen Anruf bei einer
Firma die einige Lastwagen mit Klamotten und Kies schickt und eine Planierraupe. Die kamen dann ja auch, allerdings erst nachdem alle Behörden zunächst involviert waren und alle zuständigen Subalternen ihren Senf´abgesondert hatten. Die Kosten wurden sowieso auf die Anwohner umgelegt. Nach 3 Tagen duften die Eingeborenen wieder zurück.
Schade, daß ich verreist war, sonst hätte ich zum ersten Mal in
meinem Leben Handschellen tragen dürfen. (siehe auch hier)
Nun ist der Wasserpegel immer noch hoch und wir fahren auf dem See. Alexander und ich haben eine Lizenz erworben, die uns erlaubt Boote auf kanadischen Gewässern zu bewegen. Das haben wir zwar ohne Lizenz schon 7 Jahre getan, aber angeblich wird es auf dem Wasser sicherer. Der Erwerb war ein Witz und die Fragen so simpel, daß sie sich
meistens von selbst beantworteten. Aber es flossen 40 Dollar pro Schein und darauf kam’s ja wohl an. Alexander ist in seinem Alter natürlich stolz mit den 8 PS allein umherdüsen zu können und er macht das wunderbar. Er ist der jüngste in der Gegend mit einem Schein. Unser Nachbar hat auch ein Boot gekauft, sehr groß für unseren See, mit 90
PS. Er hat Zeit bis 2010, weil größere Boote von verantwortlicheren Menschen bewegt werden als kleine. So seine Vermutung. Aha. Nach dieser Logik bräuchte man in Kanada für einen Mercedes eigentlich vorerst keinen Führerschein, aber für einen kleinen Civic schon.
In den nächsten Tagen wollen wir weitere Seen erkunden. Wir haben heute bereits die Karten studiert. Aber das kann man ebenso gut auch lassen, denn es gibt keine Karte die verrät wo man sein Boot ins Wasser setzen kann, wo Zufahrtswege sind, wie man an einen See kommt. Der
Tourismusminister ist offensichtlich ein echter Versager. Die vielleicht größte
Attraktion Nova Scotias für Touristen, die Seen, sind völlig unerschlossen, unzugänglich, schwer oder nicht zu erreichen. Auch hier hält die Wirklichkeit nicht was die Werbung vollmundig verspricht. Besonders die aufwendig gestaltete Webseite
sollte man auf tatsächlichen Inhalt durchforsten. Wir werden uns also in Detektivmanier bei Nachbarn und Einheimischen erkundigen müssen. Nur die wissen, weil uninteressiert an anderen Seen, auch
nichts. Seit 2 Jahren haben wir eine neue Nachbarin - eine Österreicherin. Die Dame hat sich ein neues Haus gebaut und vermietet nun ihr Basement und ein
Cottage an Deutsche und Schweizer. So lernen wir ab und zu neue Leute aus alten Landen kennen. Begeistert vom See sind alle, Bridgewater bekommt allerdings sein Fett weg, zum Einkaufen reizt da nichts. Insgesamt positive Kommentare, à la: "Für 3 Wochen Urlaub ist es herrlich, man kann echt ausspannen. Von ein paar Ausnahmen abgesehen ist die
Gegend aber touristisch schlecht entwickelt. Leben möcht ich hier nicht, aber zum Urlaub machen am See komm ich vielleicht wieder...!" Das klingt
ermutigend. Allerdings habe ich einige eingehende Gespräche mit den temporären Nachbarn und sie teilen meine Auffassung, daß, wer auf dem See rudert, kein Geld im Land ausgibt. Kann er auch nicht, wo soll er? Naja, ein paar Lebensmittel im Supermarkt. Aber Nova Scotia ist eher für Leute die Geld sparen wollen. Der Flug, die Unterkunft,
das Futtern. Es gibt buchstäblich nichts, was den Leuten das Geld aus der Tasche zieht. Gut für die Reisekasse, schlecht für Nova Scotia. Dabei könnte man diese Resource
ganz anders ausschöpfen. Wenn man denn wollte und sich mal
woanders schlau machen würde.
Aber
welcher Zuständige macht das schon? |
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