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Von Ärzten und Pillen
Anfang des Jahres
2004 erkrankte unsere Tochter (damals
5) schwer. Innerhalb von 1 Stunde war sie knallrot und hatte extrem hohes Fieber. Erste laienhafte Vermutung der besorgten Eltern:: Masern oder Scharlach. Allerdings schwollen die Lippen riesig an und noch einige weitere Symptome waren ungewöhnlich, unerklärlich und mit
Allgemeinwissen nicht zu klären. Also ab ins Krankenhaus
con Bridgewater. Diagnose des Dienst habenden Arztes: keine. Dafür ein fiebersenkendes Medikament und die Empfehlung am nächsten Tag zum „Familydoctor“ zu gehen. Der ist im Urlaub, aber seine Vertretung ist da. Die Ärztin „tippt“ auf „Kawasaki-Syndrom“ und meint
"Sie könnten in Kinderkrankenhaus
nach Halifax fahren". Sie sagt nicht: „Fahren Sie sofort ins IWK in Halifax.“ Sie sagt: „Sie sollten entscheiden, ob Sie ins IWK fahren wollen.“ Ich verfüge also über etwas Halbwissen, weil mein Alter Medizinmann war, und wir entscheiden zu fahren. Frage mich nur wie ein Klopsdreher bei Burger-King oder ein Lobsterfischer oder Truckfahrer die
Entscheidung fällen soll. Hier verbringen wir etliche Stunden in der Notaufnahme und hören 6 weitere vorsichtige Diagnosen. Erst am Nachmittag des nächsten Tages wird die leitende Dermatologin zu Rate gezogen und findet, auf Grund ihrer beruflichen Erfahrung, heraus, dass es sich um das „Stephen-Johnson-Syndrom"
handelt.
Gut, wir sind ihr später sehr dankbar und auch dem Umstand, daß sie nicht im Urlaub, krank oder sonst wie verhindert war. Sie ist kompetent, sehr bemüht, freundlich und von großer menschlicher Ausstrahlung. Zunächst aber bleibt unser Herzchen im Krankenhaus, wird an den Tropf gehängt und ist tagelang nicht ansprechbar. Meine Frau macht
Rooming-in, bekommt im Zimmer ein Faltbett und bleibt 12 Tage dort. Uns zittert das Herz und manchmal haben wir Zweifel ob wir das Spätzchen wieder ganz oder überhaupt zurück bekommen.
Nach 2 Wochen werden beide entlassen und nach weiteren zwei Monaten sind auch die letzten Probleme überstanden.
Fazit: Provinzkrankenhäuser gibt es überall, auch in Europa wird man nicht in einem abgelegenen Kaff gleich die richtige Diagnose bekommen. Das IWK erfreut sich in den Atlantikprovinzen eines guten Rufes, der nach unserer Erfahrung auch gerechtfertigt ist. Der Bau- und Ausstattungsstandard steht einem europäischen oder amerikanischen nicht
nach. Das Personal ist durchweg wesentlich freundlicher als (zumindest) in Deutschland. Der Umgangston ist persönlich, aufgeschlossen und dem Patienten und seinen Angehörigen zugewandt.
Was lediglich stört, (manche mehr, Kandier wahrscheinlich eher weniger, weil sie es nicht anders kennen…) ist die völlige Unfähigkeit Verantwortung zu übernehmen. Diese schon früher geschilderte Eigenschaft ist systemimmanent und kann erheblich nerven. Beispiel: Während der Rooming-in Tage bekam meine Frau plötzlich heftige Kopfschmerzen.
(Klimaanlage, alle Fenster – wie heute allgemein üblich – hermetisch verriegelt – übernächtigt…). Die Aspirindose hat sie in der Aufregung vergessen mit ins Krankenhaus zu nehmen. Der Ehemann, also ich, kommt erst am Nachmittag, immerhin sind es ja 120 km bis zum Krankenhaus und ich komme (fast) täglich. Also bittet sie eine Krankenschwester
um ein Aspirin. Ein Aspirin, nicht eine Morphiumspritze!!! Aber die Schwester darf nicht. Meine Frau müsste warten bis ein Arzt kommt – am Nachmittag. Aber sie hat jetzt Kopfschmerzen. Aber es ist verboten…. Also einigt man sich. Die Schwester gibt die Tablette nicht meiner Frau. Sie legt sie auf den Tisch. (So als ob sie dort vergessen
worden wäre). Dann dreht sie sich rum um meine Frau nicht sehen zu müssen. In dieser Sekunde kann meine Frau die Tablette nehmen. Es ist nun ihre Verantwortung, wenn sie nach dem Aspirin tot umfällt und nicht mehr die Verantwortung der Schwester….
Wie pervers kann ein Erziehungssystem einen Menschen formen? Wie kann man mit Regeln Menschen von sich selbst und ihrem Verstand, ihrer Entscheidungsfähigkeit, ihrem Handlungswillen entfernen? Wo bleibt der Wille autark zu entscheiden, zu helfen, sich des Resultats eigener Überlegungen zu bedienen und nicht einfach auf eine gedruckte
Anordnung zu verweisen. Ist das der Preis den wir zu zahlen haben? Für den Aufenthalt in einem zivilisierten Land, nicht einem Drittweltland. Aber ist das wirklich zivilisiert, sich zu entwürdigen und nur noch als subalterner Handlanger vorgestanzte Handlungen nach Routinemuster zu erledigen? Nach Erfahrungen in einigen Ländern erscheint mir
Kanada führend in der Verunselbständigung seiner Bürger.
Szenenwechsel: Gestern waren wir eingeladen. Deutsche Freunde mit einem Cottage am Tupper-Lake. Weiter sind da ein Schweizer Ehepaar und zwei kanadische Paare. Es wird ein ganz reizender Abend und wir fahren beschwingt nach hause. „Was hast Du mit der Frau gesprochen? fragt meine Frau auf dem Rückweg und meint unsere kanadische Nachbarin.
(Hier sind alle Nachbarn, zumal wenn sie im gleichen Ort wohnt, auch wenn wir sie noch nie gesehen haben.) „Sie hat mich gefragt, wo wir im Urlaub waren.
Ich habe ihr gesagt, wir waren in Kentucky. Und das es uns sehr gefallen hat. Das wir oft in die Staaten fahren. Ich sehr pro-amerikanisch bin!“ „Und was hat sie gesagt?“ „Na, was denkst
Du? Sie hat genau das gesagt was ich immer höre und was ich erwartet habe. Hätte sie es nicht gesagt, hätte sich die Welt aufgehört zu drehen. Kurzzeitig.“ Was war’s?“ „Aber Kanada ist doch das bessere Land!!!“ hat sie gesagt.
Aber da war noch das andere Ehepaar. Wir kennen sie seit 7 Jahren und - wenn wir uns auch nicht oft sehen - sie sind nett, humorvoll und herzlich. Graham ist ein patenter Kerl der fast jeden in Nova Scotia
kennt. Er ist ein typischer Kanadier mit seiner Baseballkappe mit kanadischer Flagge drauf,
(die er auch beim Essen nicht absetzt), aber, auf Grund seiner vielen beruflichen Kontakte mit Schweizern, Österreichern und Deutschen
ist er auch nicht mehr soooo typisch. Denn er hat nach vielen Berufsjahren seine Perspektive geändert.
Dennoch tief im Inneren hält er die
Europäer alle für etwas verrückt. Wir gehen auf dem neu angelegten Waldwanderweg unseres Freundes über dessen 400 Acres (1 Acres=4000 qm) großes Grundstück. Das allein ist irre, er hat noch nie einen Einheimischen getroffen, der nur zum Flanieren einen in sanften Windungen sich durch das Grundstück schlängelnden Rundwanderweg anlegen lässt.
Immerhin mussten Bäume gefällt, Wege planiert und Kies aufgebracht werden. Das kostet. Nur um spazieren zu gehen? Bei einer Anwesenheit des Eigentümers von maximal 5 Wochen? Also, nett sind sie die Deutschen und Schweizer, schön daß sie Geld bringen, aber sie sind auch irgendwo verrückt.
Also fragt er mich, „wie uns geht, was wir so machen“. Ich erzähle von den Quilts meiner Frau, der Schule der Kinder und unserer Reise. Zum Schluss erwähne ich
unsere Webpages, die Rebellog-Pages. Da strahlt er. Ja, die Seite ist bekannt. Überall. „Was?“ frage ich, immerhin ist New Germany ungefähr 60 km entfernt und ich kann nicht glauben, daß es Leute gibt,
in dieser reinen Landgegend, die sich für meine politischen
deutschen Texte und Poster interessieren. Tun sie auch nicht stellt sich heraus, die Seite kennt
dennoch fast jeder, weil da einige Fotos von nackten Mädchen drauf sind. Und eines der Mädchen ist aus der Gegend. Das haut die Leute total vom Sockel. Fast alle echauffieren sich, kennen nicht den Unterschied
zwischen Fine-Art und Porno, können es nicht glauben, daß da einer zwischen ihnen lebt, der so was macht. Das ist kein Hobby. Die Leute, erzählt mir Graham sind einfach fassungslos. Aber sie surfen alle, schauen es sich alle an. Und keiner, den er kennt, schaut auch mal auf die anderen Seiten, die Poster, die Porträts, die Reiseseiten. „Warum
machst Du das?“ fragt er mich. „Because I can….“ sage ich und er will sich totlachen. „ Es sagt mir was über die Leute, “ sage ich, „wo sie hin klicken. Der erotische Inhalt auf meinen Webseiten ist um 3 Prozent. Der politische Inhalt ist viel brisanter. Er rüttelt am Staatsglauben!“ Graham schaut mich, sagt mit leiserer Stimme: „Sei vorsichtig,
tritt keinem auf die Füße. Die können dich beobachten, Deinen PC beschlagnahmen.“ „Warum?“, sage ich „da ist doch nichts Ungesetzliches drauf. Wir leben doch in einer Demokratie und nicht in einem Überwachungsstaat.“
"Trotzdem“, sagt er, vielleicht ärgert sich jemand über Dich. Meine Frau kann es nicht fassen. Ein Aufstand wegen der paar
Nacktfotos. Was für eine Gesellschaft. Bigott, prüde – aber so nett.
Als ich Graham noch erzähle das ich nun in manchen Geschäften,
z.B. Reifenhändler, Reparaturwerkstatt, (typische
Männerdomänen) besonders gut bedient werde, weil alle
meine Aktfotos gesehen haben, fällt ihm vor Lachen fast
das Glas aus der Hand. Er ist eben schon infiziert. Nach
2o Jahren.
Von
Europäern und deren Sichtweise. |
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