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Von kleinen und großen Menschen
Unsere Kinder sind zum Geburtstag eingeladen. Kindergeburtstag natürlich. Das es unsere Kinder nur im Doppelpack gibt ist inzwischen bekannt und wird lächeln akzeptiert. Die Beiden sind aber auch unzertrennlich. Elaine (8) ist total auf ihren großen Bruder Alexander (12) fixiert, der sich ebenfalls in rührender Weise um
seine kleine Schwester bemüht. Die beiden lieben einander heiß und innig. Nun also eine Einladung zum Geburtstag einer Klassenkameradin von Alexander
- für beide. Der Geburtstag soll am Strand stattfinden. Eine landestypische Idee von etwas überforderten und etwas bequemen Müttern: Man lädt zum Strand, zu MacDonald, oder Dairy Queen ein,
manchmal auch auf die Bowling-Bahn, die Kinder werden müde, das Haus bleibt sauber – und nach 2 Stunden ist Schluss mit lustig.
Hier sind alle Einladungen von vorne herein zeitlich limitiert. Samstag von 2-4 ist die häufigste Formulierung. Länger bleiben ist unüblich und die meisten Eltern nutzen die 2 Stunden um Einkäufe zu erledigen. Wird bei MacDonald gefeiert kommt auch noch eine Mac-Donald-Serviererin und beschäftigt die Kinder, verteilt Pappkrönchen und die
Gören werden mit Hamburgern bequem abgefüllt. Alle Geburtstage laufen nach ähnlichem Muster ab. Es werden 10-15 Kinder, manchmal sind es aber auch 20, eingeladen. Die kommen, stellen ihre Geschenke auf den Tisch und fangen erstmal an zu toben. In Ausnahmefällen hat eine Mutter mal einige Ideen vorbereitet und nimmt sich der Kinder an und
spielt ein Spiel. Zur Hälfte der Zeit gibt es Hotdogs im Brötchen mit Ketchup und anschließend eine Torte. Das ist immer die Gleiche, ein nichtssagender Biskuit, aber aufwendig mit Icing dekoriert, eine Zucker-Sahnemischung in allen Farben des Regenbogens. Die Dekorationen wechseln sich ab mit Winni Puh, Barbi, Batman oder einer Baustelle mit
Planierraupen die das Icing verschieben.
In der zweiten Stunde findet eine Materialschlacht statt. Alle Tüten, wer wickelt denn noch ein und macht eine Schleife drauf (?), werden ausgepackt, die Geschenke begutachtet. Der Wert der Geschenke liegt zwischen 15 und 25 Dollar. Da das Warenangebot aber begrenzt ist, bekommen fast alle Kinder letztlich die gleichen Geschenke und die
Kinderzimmer ähneln einander aufs Haar.
Obwohl das Haus der einladenden Familie nur 8 Häuser von unserem entfernt ist, fahren wir nun 45 Minuten zum Strand. Erfreulicherweise ist schönes Wetter, jeder hat sein Badezeug mit. Diesmal gibt’s die Torte zuerst, jeder bekommt sein Stück auf dem Pappteller, mit Plastikgabel. Fruchtsaft als Getränk. Die Eltern stehen und unterhalten sich,
wegfahren und einkaufen lohnt heute nicht, zu weit zurück zur Stadt. Die Eltern bekommen auch ein Stück und besonders interessant sind nun die Lobeshymnen auf den einmaligen Geschmack der Torte. Es ist die gleiche Torte die vorige Woche bei B serviert wurde und nächste Woche bei C serviert werden wird. Nach der Materialschlacht stürzen alle
in den nur 15 Grad warmen Atlantik, die Eltern stehen an Strand oder setzen sich auf den Sand. Small-Talk. Kinder abtrocknen, Danke sagen, nach hause.
Andere Länder andere Sitten, aber wenn ich bedenke wie bei uns Kindergeburtstage abliefen…. gut angezogene Kinder, fein gedeckter Tisch, Kindergeschirr, Spiele, Topf schlagen, Rätselraten, nicht 2 Stunden, den ganzen Nachmittag. Die Eltern der anderen Kinder saßen im Wohnzimmer, es gab, Torten (Plural), selbst gebacken natürlich, für die
Erwachsenen Wein und Cognac. Zum Anstoßen auf den hoffnungsvollen Sprössling. Die letzten Eltern gingen mit ihren Kinder gegen 12 Uhr nachts und am nächsten Tag riefen wir an und bedankten uns für die Geschenke. Die gab es übrigens gleich beim Eintritt und wurden im Beisein des Schenkers ausgewickelt.

Es ist Sommer, wir sind von der Reise zurück und unsere Kinder haben noch fast 2 Monate Ferien. Da bietet es sich an, denkt man, daß die Kinder mit den Nachbarkindern spielen. Wäre doch natürlich, die Straße ist eine Privatestraße, zudem ein Kreis, also kein Durchgangsverkehr und in der Straße wohnen mindestens 6 bis 7
Kinder im Alter unserer Kinder. Bisher habe ich mich ja zurückhaltend geäußert, aber was nun kommt haut einem die Kappe weg: Die Kinder spielen nicht zusammen! Können sie auch nicht. Sie sind nie da. Verteilt auf Großmütter, oder Verwandte. So ist die Straße leer, gähnend leer. Unsere Kinder machen lange Gesichter, jedes Jahr das gleiche:
Keine Kinder, keine Spielkameraden. Irgendwie haben die Eltern hier ein Rad ab. Das was in allen Ländern der Welt üblich ist – rausgehen, zusammen spielen, ist hier ein Kraftakt. Umständliche Arrangements der Eltern, - wirklich interessiert
daran, das die Kinder zusammenspielen ist hier niemand. Und so holen wir dann Klassenkameraden von weiter weg heran, mindestens zehnminütige
Autofahrt eingeschlossen. Von Ausnahmen abgesehen gestaltet sich aber auch das schwierig. Immerhin ist ein Elternpaar aber aufgeschlossen. Anderen Kindern ist es nicht einmal erlaubt in unserem See zu baden. Geschweige denn Boot zu fahren. Unser Alexander ist sehr stolz, hat er doch jetzt seinen Bootsführerschein und Erfahrungen sammeln
können auf und mit dem See. Aber er ist bitter enttäuscht, bis auf ein Elternpaar erlaubt kein anderes seinen Kindern die Mitfahrt. Im kanadischen Erziehungssystem ist so viel Unabhängigkeit und Selbstständigkeit nicht vorgesehen. Dennoch – es gibt einige Freude: Zwei deutsche Familien machen mit ihren Kindern in unserer Straße Urlaub, jeden
Tag stecken die Kinder jetzt zusammen. Wenig Einschränkungen und natürlich dürfen sie mit ins Boot. Auch unseren Kindern tut es gut die deutsche Sprache aus anderem Mund und nicht nur von den Eltern zu hören, wie wohl auch die deutschen Kinder, durch den Umgang mit unseren, vermehrt an die englische Sprache herangeführt werden. Aber diese
Kinder fliegen wieder weg, der lange Herbst und Winter droht und der Aufwand mit kanadischen Kindern zusammen zu kommen bleibt.
Gestern hatte ich mein „Boys-Night-Out“. Milton, Mark und ich machen das zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst. Diesmal ist es das erste Mal, das Frühjahr haben wir verpasst. Es ist jedes Mal sehr schwierig alle (ich meine uns 3) unter einen Hut zu bekommen. Früher war auch Renee noch dabei, aber der lebt jetzt getrennt und arbeitet in
Alberta. Wie üblich gehen wir ins „Knot“ in Lunenburg. Wo sollten wir auch sonst hingehen. Es ist doch die einzig akzeptable Kneipe Land auf, Land ab. Ich hole Milton ab und um 7 sind wir da. Es ist Dienstag und gerammelt voll, aber 20 Minuten später fast leer. Wir bestellen ein Draft und warten auf Mark. Fünf Mal hatte ich auch Jeff, unseren
Nachbarn, eingeladen, aber seine dominante Frau
Michelle hatte immer was gefunden was sein Mitkommen verhinderte: „Oh, Dienstag, oh, da hat doch Jeff seine Besprechung mit seinem Chef, da wird er nicht können….“ Jetzt, nach 3 oder 4 Jahren frage ich nicht mehr. Sie hat Angst es könnte unseriös zugehen. Aber was kann man hier unseriöses machen? Das
einzige rote Licht ist die Verkehrsampel in Bridgewater. Über Frauen reden? Das wird auf die Dauer langweilig und ist auch nicht sonderlich ergiebig. Also reden wir über Politik, Fischerei, Reisen, Urlaubspläne fürs nächste Jahr, Mark’s Doktorarbeit, unsere Kinder – und unsere Frauen. Es folgt ein zweites Bier und später zweimal Rum-Cola.
Plötzlich setzen sich 3 Hühner zu uns. Ich weiß, es klingt chauvinistisch Frauen als Hühner zu bezeichnen, man kann ja heute so schnell Gefühle verletzen…, aber angesichts dessen was da unsere Nähe sucht, fällt mit kein anderes beschreibendes Wort ein. Es ist übrigens das erste Mal das so was passiert und wir machen unsere Attraktivität
gegenseitig dafür verantwortlich. Da sitzen wir nun: Drei verheiratete Männer – und 3 angesäuselte Hühner. Mir ist dunkel in Erinnerung, sozusagen aus ferner Urzeit, das man jetzt flapsige Bemerkungen macht um sich gegenseitig auszuloten, zu beschnarchen, ein bisschen zu baggern und näher zu kommen…
Nicht so hier. Die erste Frage an uns gerichtet ist: „Wo kommt ihr her?“ Na, woher schon, Mark aus Rose Bay, 5 km nach Osten, Milton aus West-Dublin, übern Fluss und nochmal 3 km, und ich aus Hebbville 15 km entfernt. Nachdem man mir das, wegen meines Akzentes, nicht glaubt und nachbohrt ob ich Holländer oder Schweizer bin, um schließlich auf
„Deutscher“ zu kommen, entspinnt sich eine 20 minutige Diskussion darüber welche Seite vom Fluss die Bessere ist. Da kann ich nicht mitreden und schaue mir die Tussi’s mal näher an. Meine Nachbarin hat den Autoschlüssel und ist noch am wenigsten breit. Sie ist leidlich attraktiv und ich schätze ihr Alter auf 35 bis 40. Als sie mir erzählt,
daß sie 2 Kinder im Alter von 27 und 26 hat falle ich fast von der Bank. Da muss sie mit 15 oder 16 ….und dann wäre sie jetzt 42 oder 43. Mmh, mich wundert nichts wirklich, es ist hier üblich sehr früh oder sehr spät anzufangen.
Der weitere Verlauf des Gespräches gestaltet sich, sagen wir mal, landesüblich. Es geht immer noch darum wie schön es ist in dieser Gegend zu wohnen. Meine Versuche dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, scheitern zunächst. Immerhin erzählt der eine Feger schließlich, daß sie Innendekorateurin ist – naja, jedenfalls macht sie Gardinen an
die Fenster und berät die Leute bei der Wahl der Stofffarbe ihrer Tapeten. Es läuft aber nicht so gut, dummerweise machen die meisten Leute alles selber. Das klingt jetzt wirklich interessant und ich warte darauf, daß sie fragt wer von uns demnächst eine Umgestaltung seines Heimes vornehmen will. Fragt sie aber nicht, aus meiner neoliberalen
Sicht hat sie eine Möglichkeit verschenkt. Inzwischen ist meine „nüchterne“ Nachbarin, ja die mit dem Autoschlüssel, näher gerückt und fragt mich aus. Ich gebe auch ganz bereitwillig Antwort, aber weil ihre Fragen so zähklebrig kommen wie der Kaugummi auf dem sie permanent kaut, übernehme ich wieder die Gesprächsführung und erzähle ihr von
meinen Scheidungen. Ein immer gutes Thema, reißt besonders Frauen wirklich mit, da ich ja zu erzählen habe, daß meine erste Frau meinen Bruder heiratete und die zweite Ehe nur 55 Tage dauerte. „You'r kidding…, hi, I can’t believe this…!“ Na, nun geht’s um die bösen Männer, die noch böseren Frauen weitere 10 Minuten. Schade, das ich nur 2 Mal
geschieden worden bin, sonst hätte es für eine abendfüllende Konversation gereicht. Inzwischen haben die beiden anderen Damen Mark und Milton auch ihre Lebensgeschichte erzählt. Als nun die Kleinere, ich glaube sie hatte den außergewöhnlichen Namen Debbie, fast von der Bank kippt, steht meine Nachbarin resolut auf – und nach weiteren 3
Minuten, und einem abschließenden Aufschlag mit den Knöcheln auf den Tisch, sind sie verschwunden.
Wir schauen uns an und lachen. Klar, war mal nett ein paar Hühner am Tisch zu haben. Andererseits rückt uns drei Hähnen nun glasklar ins Bewusstsein, was wir zu hause für Wertobjekte, besser Wertsubjekte haben. Wir sind plötzlich sehr dankbar.
Der Abend klingt aus mit einem B52. Das ist ein Drink der haut einem tatsächlich die Stützen weg. Unterste Lage „Grand Marnier“, darauf „Kaluha“, dann „Irish Coffe“ und oben Sahne. Schmeckt super – aber man sollte es bei einem Drink belassen.
Leider habe ich das an diesem Abend erst nach
dem Fünften gelernt...Nun fahre ich Milton noch nach hause,
ich wahnsinniger, und falle gegen 2 Uhr selbst ins Bett. Ein Abend, wie er in Nova
Scotia nicht besser sein kann. Ich freue mich schon auf die nächste Boys-Night-Out, ist es doch die einzige einigermaßen verruchte Aktivität in den letzten 7 Jahren.
Am nächsten Morgen dann Versammlung der Landowner-Assossiation.
Der Eigentümerversammlung unserer Straße. Die findet beim Nachbarn
Scott statt, der ist auch gleichzeitig „Präsident“. Nachdem endlich alle auf ihren mitgebrachten Gartenstühlen zur Ruhe gekommen sind, geht’s auch schon los. Ähnelt einer deutschen Eigentümer-Veranstaltung – Finanzen, Entlastung
des Vorstandes, Neuwahl und Bestätigung des Präsidenten, der Sekretärin und Schatzmeisterin, fast aufs Haar. Es ändert sich nichts. Es ist so langweilig wie in einer Bibelstunde, aber wenn man fehlt hat man das Gefühl man hätte seine Eigentümerrechte nicht richtig wahrgenommen. Diesmal geht es um das Thema Flut – und eine nochmalige
Aufarbeitung dieser aufregenden Lokalkatastrophe. Anschließend bedanken wir uns alle artig und beklatschen nun das neue Straßenschild. Was heißt das Neue. Es ist das erste vernünftige Schild überhaupt. 27 Jahre brauchte es bis sich die Eingeborenen zu diesem Schild aufrafften und mit sage und schreibe 300 Dollar belastet es jetzt die
Vereinskasse. Das Motiv, eine Ente auf einem See, begeistert alle – sogar mich. Was hätte man auch sonst auf das Schild drucken sollen. Ich hoffe heimlich, daß es den Winter überlebt und von der Sonne nicht zu sehr ausbleicht. Jetzt sieht, zusammen mit den nach 26 Jahren neu aufgestellten und gerade ausgerichteten Postkästen und dem frisch
gemalten Schulbushäuschen, der Eingang zu unserer Straße schon recht manierlich aus. Obwohl ich sicher bin, daß es Befürchtungen gibt, daß das Diebe anziehen könnte. Deshalb wurde auch auf der Versammlung diskutiert ob man einer Organisation „Neighbourhoods-Watch“ beitreten solle. Dabei beobachtet sich die Straße ohnehin permanent.
Beim anschließenden Pot-Luck braten wir unsere Hamburger und essen unseren Salat, probieren aber auch mal den des Nachbarn. Meine Frau hatte, aus Zeitmangel, einfach etliche Kartoffeln mit Schale in die Fettpfanne unseres Backofens geschoben, das Fett war vom Huhn vom vorigen Tag. Die so gerösteten Kartoffeln werden allerseits in höchsten
Tönen gelobt und es wird nach dem Rezept gefragt. Ich habe Mühe ernst zu bleiben und pinkele mir fast in die Hose vor unterdrücktem Lachen.
Wow, das waren wieder 2 Tage. Wie Sie sehen, jagt hier ein Event
den anderen.
Sage noch einer diese Gegend sei
langweilig. |
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