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„We like it the way it is...“
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Vom Reisen, von Farmern und von
Lehrern
Kürzlich waren wir mit unserem Auto am
Grand Canyon. Das ist nicht eben
um die Ecke, aber wenn man schon auf diesem Kontinent wohnt, sollte
man sich auch die Mühe machen ihn näher kennen zu lernen. Kanadier
haben da weniger Interesse. Sie fliegen für eine Woche nach Orlando,
fahren mit dem Shuttlebus zu Disney und behaupten sie kennen die USA.
Wir also los, mit unsrem 9 Jahre alten Auto, es geht 5 mal kaputt, und
über Kentucky, die Smoky Mountains, Chattanooga, St. Louis, Kansas
City, nach Colorado bis zum Grand Canyon. Da haben wir alles
abgeklappert, wir kannten es schon, aber für unsere Kinder, die
inzwischen 11 und 8 sind, ist uns ja nichts zu viel. Nun sind wir aus
Nova Scotia, dem Platz, wie uns die Eingeborenen immer versichern,
„the only one place to live“. Das war auch der Grund warum wir, auch
auf früheren Reisen, nie ein Nummernschild von Nova Scotia gesehen
haben. Nun also, am Eingang des North Rim Parks des Grand Canyon, der
Parkranger kontrolliert meinen Eaglepass der mir ein Jahr Zutritt zu
allen Nationalparks gewährt für einem echten Vorzugspreis.
Er stutzt: „Eine Autonummer aus Nova Scotia habe ich hier in den
letzten 30 Jahren nicht gesehen.“ Der öfteren zeigen Menschen erstaunt
auf unser Auto, manche haben echt Schwierigkeiten Nova Scotia
geografisch richtig einzuordnen. Später dann, als wir über Salt Lake
City und den
Yellowstonepark am
Devils Tower
landen, treffen wir
Bernie Harberts.
Er zieht zu Fuß mit einem Muli durch ganz Amerika. Etwa 2 Jahre lang.
Auch er staunt: „Ich wusste gar nicht, dass die in Nova Scotia
überhaupt Autos haben.“ Wir werden fast so bestaunt wie er mit seinem
Muli. Und das wir insgesamt 18 000 km mit 4 Fahrrädern und einem
Zodiac Boot auf dem Dach und dem Motor dazu im Kofferraum fahren
erregt schon Aufmerksamkeit. Die Leute freuen sich, dass wir Interesse
an ihrem Land zeigen und wir treffen auf keine Ressentiments. Man ist
interessiert zu hören wie wir über Amerika, den Irakkrieg und Bush
denken. Wir sagen viel wahres und freundliches, aber auch manches
kritische. Wir kritisieren die Abkoppelung des Dollars vom
Goldstandard und die Housing Bubble. Über Bush sagen wir nichts
schlechtes, das tun ja schon alle anderen Deutschen und es würde
langweilig. Erstaunlich viel Menschen stimmen uns zu. Und vom
Goldstandard, man höre und staune, haben fast alle schon mal gehört.
Oft gibt es anregende, längere Konversationen und manches Mal tauschen
wir Visitenkarten.
Zurück in Nova Scotia fragen uns einige Nachbarn nach unserer Reise.
Wir geben einige Stichworte und natürlich erzählen wir von der
Kilometerleistung und den 33 Hotelwechseln, den Naturwundern und
Erlebnissen. „Good for you….!“ Ist die Antwort in den meisten Fällen.
Nachfragen kommen keine. Wir nehmen uns ja nicht besonders wichtig,
dennoch würde man ergänzende Fragen erwarten, wir jedenfalls würden
sie stellen. „War das nicht langweilig für die Kinder“, zum Beispiel.
Oder: „Welcher Nationalpark hat euch denn am Besten gefallen“ oder:
„Welche Seen oder Flüsse habt ihr denn mit eurem Boot befahren?“
Nichts. Keine Nachfragen. Keine Neugier. Kein weitergehendes
Interesse. „Good for you?“ mit einem höher werdenden Schlenker in der
Stimme. Das wissen wir selber, dass es gut war für uns.

Also wieder rein ins tägliche Leben von Nova Scotia. Wirkliche Freunde
laden uns ein, unsere Lobsterfischer Sharri und Milton und unsere
Freunde aus Montreal, Mark und Maureen. Deren Interesse geht weiter,
sie schauen sich sogar unsere Bilder an. Milton fühlt sich von der
Regierung gegängelt. Ständig gibt’s neue Regeln, die meisten sind
Einschränkungen. Milton hat das Risiko, aber von freiem Unternehmertum
kann keine Rede sein. Dann hören wir von einem Lobsterfischer der 1957
seine Lobsterfischerlizenz erworben hat. 25 Cent hat er dafür bezahlt.
Jetzt bieten ihm andere Fischer 675 000 (!) Dollar dafür. Er
entscheidet sich gegen das Angebot und gibt die Lizenz an seinen Sohn
weiter.
Mit Mark, der gerade seinen Doktor (PhD) in Montreal in „Management in
Non-Profit-Organisationen“ schreibt, erörtere ich meine Sicht über
überflüssige Intellektuelle, eine staatsbezahlte Kaste von
Therapeuten, Sozialwissenschaftlern, Migrationsforschern und anderen
„wichtigen“ Schmarotzern. Außerdem sage ich ihm, dass ich NGO’s für
staatsabhängig und korrupt halte und das wir die Sozialausgaben um 90
Prozent kürzen sollten. Ich sage das auch deshalb, weil alles auf ihn
zutrifft und will ihn aus der Reserve locken. Eine Freundschaft muss
so was ja aushalten können und im Beleidigen war ich schon immer gut.
Mark bleibt ganz ruhig und sagt: „Ich stimme die hundertprozentig zu.
Das ist auch meine Meinung. Auch wenn ich davon lebe oder leben werde.
Aber wenn wir das machen, dann holen die Schwarzen und die weißen
Rednecks ihre Gun raus und wir haben einen Bürgerkrieg. Sozialstaat
macht faul. Und sie lieben ihre Faulheit!“ Ich bin Baff. Das hatte ich
nicht erwartet.
Einige Tage später will ich einen Silberring, den ich in Wyoming
erstanden habe, bei einem Silberschmied für meinen Finger passend
weiten lassen. Der hat sein Business in Lunenburg, immerhin 30 km weg
und sagt „dafür brauche er eine Woche“. EINE WOCHE! Um einen Ring zu
weiten! Das heißt 2 mal nach Lunenburg, hin und zurück sind das eben
120 km. Meinen anderen Ring in Durango weitete ein Silberschmied in
einer Stunde, derweil ich noch etwas shoppen ging. Aber Nova Scotia
gibt einem das besondere Feeling – des Wartens. Hier hat’s noch
niemand nötig sich um Kunden zu bemühen.
In Amerika ist jetzt Housing Bubble und hunderttausende von Menschen
verlieren ihre Häuser. Die ersten Banken kollabieren, und die
Dollarkrise schwappt nach Europa. Der Euro ist stark was immer das
auch, bei dieser Kunstwährung heißen mag. Das Benzin wird teurer. Die
meisten Menschen fahren weniger, jedenfalls in Europa. Auch in den USA
hatten wir auf dieser langen Reise oft total leere Straßen. Nicht so
in Nova Scotia. Auf dem Nachbargrundstück mietet sich für 4 Tage ein
Autohändler ein. Er bringt per Transporter um die 80 Autos und
verkauft in diesen 4 Tagen etwa 50 davon. Sie sind zwischen 2 und 3
Jahre alt. Alle, ausnahmslos alle Wagen sind großvolumige
Spritfresser, Kleinwagen gibt es hier ja keine. Der Händler ist mit
dem Geschäft zufrieden. Er verdient etwa 1000 Dollar am Auto. Nach 4
Tagen ist der Spuk vorbei. Ich wundere mich nur, dass sich
offensichtlich kein Mensch Gedanken macht. Nicht über die Zukunft,
oder die Benzinkosten. Glückliches Nova Scotia. Glückliches Nova
Scotia?

Unser Nachbar ist der größte Farmer in der Gegend. Ein stets fleißiger
und aktiver Mann. Das was mir am meisten gefällt: Seine Farm ist
tipptop in Ordnung. Keine Dreckecken, alles aufgeräumt, sauber und
übersichtlich. Es ist in erster Linie eine Gemüsefarm. Wunderbar
frische Gurken, Kohlköpfe, Blumenkohl, Knoblauch, Squash, Pumpkins,
Erdbeeren, Himbeeren und Melonen. Hinter unsrem Haus ist das größte
und, mit 150 Jahren, älteste Preisselbeerfeld. Erdbeeren, Himbeeren
und Brombeeren kann man übrigens selber pflücken. Dann sind sie die
Hälfte billiger. Sein Sohn ist 13, also ein Jahr älter als unser
Alexander. Beide sind befreundet und Matthew, so heißt des Farmers
Sprössling, ist ein echter Farmerssohn. Mit Hingabe fährt er den
Rasentraktor, pflegt seinen eigenen kleinen Garten und hilft im
eigenen Markt. Ich nehme ihn jetzt oft als Beispiel um unseren Kindern
zu erklären was Pflichten sind.

Brooke, kommt. Sie ist auch 11 und Alexanders Klassenkameradin. Sie
ist das einzige Kind was mal von allein kommt um mit unseren Kindern
zu spielen. Sie hat etwas weniger ängstliche Eltern als die anderen
Kinder. Brooke kommt gern und sie ist immer verbindlich und
freundlich. Sie ist ein ausgesprochenes Outdoor-Child, drinnen
langweilt sie sich schnell. Um 5 holt ihr Vater sie ab. Er klärt mich
über folgenden Sachverhalt auf: Die Frau seines Kollegen ist Substitut
– Lehrerin. Das sind Hilfslehrer die aber eine Ausbildung haben
müssen. Davon gibt’s an jeder Schule zahlreiche, angeblich kommen die
Lehrer sonst nicht klar. Wie haben die das bloß zu unserer Zeit
gemacht? Ist der Substitut-Lehrer ein ehemaliger „richtiger“ Lehrer,
der sich nach der Pensionierung noch etwas dazu verdienen will, erhält
er 250 Dollar am Tag. Man kann sagen, die Lehrer und ihre Unions haben
exzellent für sich gesorgt. Deshalb sind sie auch so überfordert, dass
sie jeden letzten Tag im Monat einen In-Service-Day veranstalten. Alle
Kinder bleiben zu hause und die
Lehrer
debattieren über die „Strategie“
des nächsten Monats. Einen ganzen Tag lang und eigentlich während der
Unterrichtszeit. Die Eltern, die meisten gehen ja arbeiten, dürfen
derweil zusehen wo sie ihre Gören unterbringen. Ich habe damit ja
keine Probleme, aber als ich gegenüber der Mutter von Alexanders
Klassenkameraden Sage meine Verwunderung ausdrücke und bemerke das es
so was in Europa nicht gibt und ob das wirklich nötig sei, schwört sie
Stein und Bein, dass bei der Überlastung der die Lehrer ausgesetzt
seien, dieser Tag unbedingt nötig ist.
Ich denke an meinen Großvater, der war Studienrat an einem
Gymnasium. In-Service-Day? Der würde sich im Grabe
umdrehen. So sind wir wieder da wo das Leben in Nova Scotia beginnt
und endet: Der Staat reglementiert und zahlt. Die Staatsangestellten
sind froh einen solchen Staat zu haben und haben sich hervorragend
organisiert. Und da wo es noch Leute gibt die hart arbeiten, sei als
Fischer oder Farmer, werden ständig neue Regeln erfunden. Kommt Ihnen
das nicht irgendwie bekannt vor? |
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