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Von Maklern
und anderen Merkwürdigkeiten
In Deutschland sagt man. „Wer nichts wird, wird Wirt!“ Das ist
sicherlich schlecht zu übersetzen, aber es meint, dass, wer es im
Leben zu sonst nichts gebracht hat, es immer noch als Gastwirt
versuchen kann. Es ist nicht nur schlecht zu übersetzen, es macht in
Nova Scotia auch keinen Sinn. Denn erstens gibt es kaum Gastwirte, und
zweitens wird hier ja aus jedem irgendwas. Dafür hat man die
schulischen Anforderungen so niedrig gehängt, man richtet sich halt
nach dem Langsamsten in der Klasse, dass eigentlich jeder graduieren
kann. Die Sozis, dem Gleichheitsgrundsatz huldigend, wollten ja schon
immer, dass jeder Müllkutscher Abitur hat.
Das Bild mit dem Gastwirt zieht also nicht. Aber wir können den
Gastwirt ersetzen und nehmen dafür den Makler. Sage noch einer dieses
Land offeriert nicht jedem Unentschlossenen und jeder gelangweilten
Hausfrau seine Möglichkeiten. Makler kannste immer werden. Du brauchst
natürlich ne Lizenz. Wäre ja noch schöner, schließlich ist das ein
ehrbarer Club von Lügner, ich wollte sagen Aufschneidern, die noch die
letzte Bruchbude an den Mann, oder die Frau, bringen wollen. Diese
Fertigkeit muss man lizenzieren. Und so treten sich die Makler hier in
Nova Scotia, einem Land mit nur 900 000 Eingeborenen, gleichsam auf
die Füße. Nicht das sie besonders motiviert wären, sich liebevoll um
ihre Kunden kümmern würden, das nun nicht, aber sie möchten möglichst
viele Kunden in ihrer Listung haben. Da, wenn es darum geht den Kunden
zu einem Maklervertrag zu bewegen, da zeigen sie richtig Engagement
und sind sogar pünktlich. Allerdings möchten sie nur Objekte listen
die sich leicht verkaufen lassen, zu große, extravagante oder
außergewöhnliche Objekte reizen sie nicht sonderlich. Das wäre ja eine
berufliche Herausforderung – und der gehen sie doch meistens lieber
aus dem Weg.
Ansonsten sind ihre Kenntnisse, von Ausnahmen abgesehen, eher dürftig.
Natürlich kennen sie die Verkaufsregularien, wie man das mit dem
Anwalt abwickelt etc. pp., aber bitte stellen sie keine gezielten
Fragen über Bausubstanz, Heizungssysteme, Solardächer oder
Bodenqualität. Die Kenntnisse reichen aber meistens, schließlich sind
sie genau auf die Wünsche der überwiegend unbedarften Kundschaft
abgestimmt. Hier hat übrigens, im Gegensatz zu Europa der VERKÄUFER
die Courtage zu bezahlen. Sie betragt gegenwärtig 6,9 Prozent. Die
meisten Makler haben sich einer der großen Maklerfirmen angeschlossen,
Remax, Exit oder Century 21. Sie sind also keine wirklich
selbstständigen Unternehmer. Ihr Risiko ist begrenzt. Das wirkt sich
nachhaltig auf ihr Verkaufstemperament aus – kommste heute nicht,
kommste morgen.

Tomi Ungerer, der berühmte Karikaturist hatte sich ja in Nova Scotia,
in Cape Breton ein Haus gekauft. Aber selbst ihm, dem respektlosen
Individualisten, fiel hier die Decke auf den Kopf und er trat die
Flucht an. Das hat er in seinem Buch „Heute hier und morgen fort“
meisterhaft erzählt und illustriert. Wir jedenfalls haben jetzt unser
Haus verkauft. Das war schwierig, extrem schwierig und nur mit einem
deutlichen Nachlass, auf das was wir selbst investiert hatten, zu
bewerkstelligen. Das es letztlich geglückt ist haben wir einer
Maklerin zu verdanken. Sie, eine selbstständige und nur für sich
arbeitende Unternehmerin hat es letztendlich geschafft einen Käufer zu
finden. Sie war sozusagen die einzige echte (Makler-) Perle in einem
Haufen unechten Klimbims. Aber die Erfahrung bleibt: Nova Scotia ist
der ideale Ort Geld zu verlieren. Wie viele Deutsche und Schweizer
haben wir in den in den letzten Jahren getroffen. Gekommen voller
Hoffnungen, hoch motiviert, ihre Ersparnisse in dieses karge Land
investierend. Wie viele sind geblieben? Zahlreich die Varianten der
Aufgabe, zahllos die traurigen Geschichten verlorener Vermögen. Wer
hier her kommt sollte Verluste verschmerzen können. Seit 2 Jahren
sucht selbst der berühmte Wirtschaftsautor und Chefökonom des Daily
Reckoning, Bill Bonner, einen Käufer für sein Grundstück.
Es sieht also traurig aus. In Amerika ist Housing Bubble und die
Amerikaner, sonst Aufkäufer von Küstengrundstücken, bleiben wo sie
sind. Der Boom der Deutschen und Schweizer ist schon seit Jahren
ausgeträumt. Daheim hat es sich inzwischen rumgesprochen, dass man in
Nova Scotia schnell Geld verlieren kann, jeder Furz geregelt ist und
natürlich ist der kanadische Dollar auch nicht mehr sonderlich
günstig.
Gestern sind wir eingeladen. Bei unseren Freunden den B.’s, die sie ja
aus meinen Erzählungen schon kennen. Er ist Lobsterfischer in der 3.
Generation und sie vermietet eigene Sommerhäuser. Sie haben Simon, er
ist 12 Jahre alt, ein Freund unseres Sohnes. „Wie sieht die Zukunft
von Nova Scotia aus“ fragen sie mich. Sharri will ihren Simon mal nach
Vancouver nehmen, damit er was anderes sieht. Milton ist da nicht so
begeistert und ich versuche mich in einer diplomatischen Antwort
während ich aus dem Fenster auf die entzückende Bucht, die gerade in
freundliches Sonnenlicht getaucht ist, schaue. „Macht ihn nicht
unglücklich“, sage ich. „Er wird ja auch Lobsterfischer werden, er
wird hier sein Leben verbringen, er wird die Defizite nicht so
empfinden wie wir, wie Leute von außerhalb die empfinden. Im Gegenteil
zeigt ihm den Wert einer eigenen Existenz hier und forciert nicht
seine Unzufriedenheit. Nur Menschen von außerhalb haben Probleme das
alles so zu akzeptieren, wobei es denen aus ehemaligen sozialistischen
Staaten weniger schwer fällt.“ Sie stimmen mir zu.

„Aber was kann man hier ändern um der Provinz Aufwind zu verschaffen?
Es wäre ja auch für Simon und die nächste Generation. Wie kann man es
so attraktiv machen, dass Geld herkommt, hier gemacht wird und auch
hier bleibt?“ fragen beide.
„Jagd die Regierung zum Teufel, streicht 60 Prozent aller
Vorschriften, macht das überalterte Land attraktiv für jungen Leute,
die herkommen und die hier bleiben. Jedes 3. Auto hat ihr ein
Behindertenzeichen, die alten, konservativen Leute blockieren die
Zukunft eurer Kinder. Erlaubt das Züchten von Wildtieren, Rehen,
Hirschen, Fasanen, Eichelhähern. Züchtet Pelztiere, forstet eure
Wälder, aber so das man starke Stämme ernten kann, lichtet das
Unterholz. Privatisiert den Strom und schafft ein öffentliches
Transportsystem. Erlaubt Nachtklubs, Straßenfeste, und gängelt nicht
die Jugendlichen so. Wer Geld verdient möchte es auch ausgeben. Nutzt
den stetigen Wind mit Windenergie, und gebt die Konzessionen zum Abbau
eurer Resourcen nicht in fremde Hände. Und denkt vor allem nicht Tag
und Nacht immer nur an Sicherheit!“
„Ach je“, sagt Milton. „das ist unmöglich. Es wird alles so bleiben.
Die Nachbarn sind zu konservativ. Es kommen ja Leute her, aus Toronto
aus Ottawa, aus Montreal. Aber das sind Rentner, die einen ruhigen
Lebensabend haben wollen. Die geben kein Geld aus, die Kosten Geld.
Die Politiker sehen nur, dass die ein Haus bauen. Aber das ist eine
Einmalausgabe. Langfristig belasten sie nur das Sozialsystem. Junge
Leute hauen ab, ----- wenn sie was in der Birne haben….“
„Siehste“, sage ich, „and so do I. Und nehme meine Kinder wieder mit.
Wieder 2 weniger. Und Maureen und Mark sehen auch keine Zukunft hier
für ihre Beiden.“
Und dann nippen wir an unsrer Cola-Rum. Und stellen gemeinsam fest,
dass auch der Alkohol eigentlich viel zu teuer ist. Gemacht worden
ist. Den die Alkoholläden sind ebenfalls staatlich.
Doch zurück zu unsrem Haus. Das hat unsre
Maklerin also endlich verkauft. Wir hatten es entworfen, wir hatten es
gebaut. Es war 420 qm groß, hatte3 Bäder und ein Gäste-WC, eine
eingebaute Fußbodenheizung auf beiden Ebenen in massivem
Eichenfußboden und in der Küche Geräte von MIELE. Es war also deutlich
anspruchsvoller als der landesübliche Durchschnitt, das Grundstück war
5 mal größer als in der Nachbarschaft üblich, bescheiden ausgedrückt:
Es war ein Luxushaus. Dessen Ausstattung aber natürlich kein
Einheimischer nachfragte. Es war uns klar, dass es schwierig werden
würde es zu verkaufen, dennoch ist es interessant sich in der
Rückschau all der Verrückten zu erinnern, die von den verschiedenen
Maklern hier angeschleppt wurden. Von zu groß (was wir natürlich
verstanden) bis zu hell, zu dunkel, Eingang zu klein, Eingang zu groß,
passt in den Herd auch ein Turkey (eine besonders gravierende Frage
bei einem mehrere hunderttausend Dollar teuren Haus) bis zu „ich hätte
aber lieber farbige Wände“, als ob es keine Pinsel und Farbtöpfe gäbe,
war an intelligenten Fragen alles vertreten. Die Frage ob die
Fundamente trocken, das Dach dicht oder die Steigeleitungen
ausreichend sind, stellte niemand.
Dann kam Familie Wonnepropen. Beide das Doppelte von mir, wobei meine
Frau schon immer wegen meines Übergewichtes meckert, der Junior, 4
Jahre alt, in der Größe und dem Gewicht eines 12jährigen. Sie waren
ganz genau, ja sie bestellten einen Gutachter, der das Haus auf Herz
und Nieren prüfte und bestätigte, dass es einwandfrei und ohne Mängel
sei. Wir freuten uns, und als die Frau anrief um zu fragen, ob sie das
Haus und den Kinderspielplatz ihrem Sohn zeigen könne, sagte ich
natürlich ja. Sie kam, er spielte, wir tranken Kaffee zusammen. Ich
erzählte wie wir eingezogen waren, alle Nachbarn der Reihe nach zum
Dinner eingeladen und in den ersten Jahren Sommerparties mit bis zu 60
Personen veranstaltet hatten. Sie sagte, ihre Familie wisse noch
nichts von der Kaufentscheidung und auf meine Frage „ob sie es denn
auch unterhalten können“, verwies sie darauf, dass sie
Staatsangestellte seien. Na, denn…
Mit der Maklerin schloss ich eine Wette ab, dass das Haus in 4 Jahren
wieder auf dem Markt ist, denn 420 qm, 8 Zimmer und zahlreiche
Nebenräume sind vielleicht doch zu groß für nur 3 Figuren. Jetzt, 6
Monate später ist das Haus wieder auf dem Markt. Ich habe die Wette
gewonnen. Von den Nachbarn hat keiner die neuen Eigentümer gesehen,
das Kind spielt fast nie auf dem Kinderspielplatz. Wir galten ja als
schwierig und zu anspruchsvoll. Und unsere kanadischen Nachfolger?
Verhielten sich eben kanadisch. Bon, akzeptiert.

Jetzt wohnen wir in einem kleinen Häuschen. Das ist so klein, dass es
in unser altes Wohnzimmer passt. Alle unsere Möbel und Bücher, einfach
alles, ist in einem Storage. Hier werden wir ein Jahr bleiben bevor es
uns endgültig und damit raus aus Nova Scotia zieht. Unser „Landlord“,
also unser Vermieter ist selig uns als Mieter zu haben. Schließlich
haben wir die Miete ja auch für ein Jahr voraus bezahlt.
Doch was bleibt als Erinnerung an 10 Jahre Nova Scotia? Das wir unsere
Tochter dort bekamen und unsere Kinder zur Schule schickten. Das wir
eine kleine, geschlossene Familie waren, die sich an ihrem See erfreut
hat und die Größe eines Waldgrundstückes genoss. Das wir schöne
Momente hatten und der Weihnachtsmann persönlich kam. Das wir einige
wenige Freunde fanden aber auch bigotte und hypokrite Nachbarn hatten.
Das wir dieses Land als zwar großräumig aber nicht wirklich frei
empfanden. Das uns der Mangel an Neugier, an Bildungshunger und
Interesse ebenso störte, wie wir Kultur und Events vermissten.
Dennoch: Nova Scotia war ein Teil unseres Lebens, vielleicht etwas zu
lange, aber kurz genug um zu neuen Ufern zu schauen.
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