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Der Populist, der keiner
ist
Ein Rechtspopulist - was ist das eigentlich? Der niederländische
Politiker Geert Wilders wegen seines Video-Pamphlets "Fitna"
jedenfalls nicht, meint Henryk M. Broder: Die Debatte
über den Film entlarve vor allem die Feigheit des Westens vor
dem Islam.
Für jeden Topf gibt es einen Deckel, und für jeden, der aus der
Reihe tanzt, ein maßgeschneidertes Etikett. Zurzeit hat der
Begriff "Rechtspopulist" Konjunktur. Der holländische
Parlamentarier Geert Wilders sei so einer, hört und liest man
landauf, landab, aber kaum ein Reporter oder Kommentator macht
sich die Mühe, seinen Hörern oder Lesern zu erklären, was ein
"Rechtspopulist" eigentlich ist. Wodurch er sich auszeichnet.
Und was ihn beispielsweise von einem "Linkspopulisten"
unterscheiden würde.
Geert Wilders mag vieles sein - selbstbewusst bis an die Grenze
der Eitelkeit, borniert bis an den Rand der Selbstaufgabe. Ein
"Rechtspopulist" ist er nicht.
Erstens ist er ein radikaler Liberaler, zweitens ist das, was er
gerade macht, extrem unpopulär. Schon der vor sechs Jahren von
einem fanatischen Tierrechtler ermordete Politiker Pim Fortuyn
galt als ein "Rechtspopulist". Er war in der Tat sehr populär,
aber nicht weil er "rechts" war, sondern rücksichtslos auf
Tatsachen hinwies, die von den traditionellen Eliten der
holländischen Gesellschaft beharrlich ignoriert wurden.
Das Label "Rechtspopulist" hat heute die gleiche diffamierende
Qualität wie "Kommunist" in den fünfziger und sechziger Jahren,
"Faschist" in den Siebzigern und Achtzigern oder "Klimaleugner"
heute. Es erspart jede inhaltliche Auseinandersetzung und macht
allein seinen Träger für die Folgen seiner Handlungen
verantwortlich.
Falls fanatische Moslems wegen Wilders' Film "Fitna" ausrasten,
liegt es also nicht daran, dass sie ein gestörtes Verhältnis zur
Religions- und Meinungsfreiheit haben, sondern daran, dass sie
von Wilders beleidigt und provoziert wurden.
Informationen unter dem Moderatorentisch
So war es auch für Tom Buhrow ganz selbstverständlich, die
"Tagesthemen" am vergangenen Freitag mit einem Bericht über "das
islamfeindliche Video des niederländischen Rechtspopulisten"
Geert Wilders anzufangen - als gäbe es in der ansonsten
zensurfreien Bundesrepublik eine zentrale Stelle, die für die
korrekte Sprachregelung in euro-islamischen Angelegenheiten
zuständig wäre. Es folgte ein Bericht über die gelassenen
Reaktionen holländischer Muslime, die in ihren Cafés sitzen und
ganz friedlich Kaffee trinken, während Wilders draußen für
Unfrieden sorgt.
Das Stück moderierte Buhrow mit dem Satz an: "Die Messer werden
schon gewetzt, aber nur für den Döner", wobei er zu erwähnen
vergaß, dass zu diesem Zeitpunkt "Fitna" bereits nicht mehr auf
dem Videoportal "Live Leak" zu sehen war. Der britische Provider
hatte Morddrohungen bekommen, die er so ernst nahm, wie sie
gemeint waren - eine nicht irrelevante Information, die der
ARD-Anchorman wohl unter den Moderatorentisch fallen ließ, um
die Zuschauer nicht mit Feinheiten zu irritieren.
Selber schuld ist Wilders nach dieser Diktion auch daran, dass
er nun rund um die Uhr von der Polizei beschützt werden und jede
Nacht an einem anderen Ort schlafen muss. Hätte er sich mit dem
Verband holländischer Blumenzüchter angelegt, wäre sein
Privatleben noch völlig intakt.
Leider muss man in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass es
nicht obsessiver Übermut ist, der Wilders seine Privatsphäre
raubt, sondern die Erinnerung daran, wie und warum der Regisseur
Theo van Gogh ermordet wurde: von einem in Holland geborenen
Muslim marokkanischer Herkunft, der wahrscheinlich auch gerne in
einem Café saß und friedlich Kaffee trank, bis er eines Morgens
zu seiner blutigen Tat aufbrach und den "Provokateur" van Gogh
umbrachte, der heute vermutlich noch leben würde, wenn er nicht
so leichtsinnig gewesen wäre, einen "islamfeindlichen" Film zu
drehen.
Einseitige Tatsachen?
Tröstlich dabei ist, dass Wilders "nicht den Fehler" beging,
"den Theo van Gogh gemacht hatte, indem er Sexualität mit dem
Koran in Verbindung" brachte, "was bei den weniger gemäßigten
Moslems" seinerzeit nicht gut ankam; das hätte "die
Explosionsgefahr... mit Sicherheit potenziert", schreibt auf
SPIEGEL ONLINE eine Muslima, die sich von Wilders nicht
beleidigt fühlt und so weit geht, festzustellen, dass Wilders
"in seinem Film eigentlich nichts anderes als Tatsachen (zeigt)
- nur eben ziemlich einseitig".
Abgesehen davon, dass es ein wenig übertrieben scheint, jemand
umzubringen, nur weil er einen "Fehler" gemacht hat - kann man
Tatsachen anders als einseitig zeigen?
Gibt es zu dem Mord an Theo van Gogh, der Enthauptung von Daniel
Pearl, der Hinrichtung einer Frau im Stadion von Kabul, dem
Aufhängen von Homosexuellen und dem Steinigen von
Ehebrecherinnen in Iran eine Perspektive, die nicht einseitig
wäre? Müsste man dementsprechend nicht auch nach einem
Flugzeugabsturz darauf hinweisen, dass so etwas nicht jeden Tag
passiert und dass die meisten Flieger am Stück landen, um
Tatsachen nicht einseitig zu präsentieren?
Wilders ist so "einseitig" wie jeder Dokumentarist, der die
Wirklichkeit verdichtet. Sein Film ist so "islamfeindlich" wie
die Filme von Michael Moore "kapitalismusfeindlich" sind. Die
Feindschaft liegt nicht im Auge des Betrachters, sondern in der
Natur des betrachteten Gegenstands. Zu den festen Ritualen, mit
denen Sprecher der muslimischen Gemeinden auf die Feststellung
reagieren, der Islam sei nicht unbedingt und nicht immer eine
Religion des Friedens, gehört die Androhung von Gewalt, falls
diese "Beleidigung" nicht zurückgenommen werde - egal ob es sich
um den Papst, einen Politiker oder einen Poeten handelt.
Die Drohung reichte
Aber Wilders hat sich noch eines anderen Vergehens gegen den
herrschenden Konsens schuldig gemacht. Er hat das Gesetz des
Handelns an sich gezogen, agiert statt reagiert. Seit er seinen
Film vor drei Monaten ankündigte, bestimmt er selbst den Lauf
der Diskussion, treibt er seine Gegner vor sich her. Wohl
niemand wäre überrascht gewesen, wenn Wilders das Spiel mit dem
Geständnis beendet hätte, dass es den Film gar nicht gibt.
Denn was er erreichen wollte, hatte er allein mit der Drohung,
ein "islamfeindliches Video" zu planen, bereits erreicht: Er
führte den "freien Westen" als Papiertiger vor. Die
niederländische Regierung distanzierte sich von dem Projekt und
wies ihre Botschafter in muslimischen Ländern an, den dortigen
Regierungen die Situation in der Heimat zu erklären, wo die
Regierung nicht so allmächtig ist, wie sie es gerne wäre.
Die EU wollte es allen recht machen und betonte in einer
Erklärung das Grundrecht der Redefreiheit, relativierte es aber
gleichzeitig: "Wir glauben, dass Akte wie dieser Film keinem
anderen Zweck als dem dienen, zum Hass aufzustacheln."
Sogar Uno-Generalsekretär Ban Ki-Moon schaltete sich ein und
verurteilte den Wilders-Film "in schärfster Form". Es gebe
keinerlei Rechtfertigung für Hasspredigten und das Anstacheln
zur Gewalt. "Das Recht auf freie Meinungsäußerung steht hier
nicht zur Debatte. Freiheit muss immer mit sozialer
Verantwortung einhergehen."
Es waren Töne, auf die man manchmal vergeblich wartet, wenn
Islamisten zum Dschihad aufrufen, Fanatiker Ungläubige
massakrieren oder Holocaust-Leugner Konferenzen veranstalten.
Denn der einzige Zweck all dieser Exerzitien war es, eine
Wiederholung der Ereignisse von 2006 zu vermeiden, als ein
Dutzend harmlose Mohammed-Karikaturen einen Flächenbrand der
Empörung von Jakarta bis Rabat auslösten. Damals riefen viele
Politiker, unter ihnen Claudia Roth, zur "De-Eskalation" auf.
Der Aufruf richtete sich nicht an die Brandstifter, die dänische
Fahnen verbrannten und Botschaften verwüsteten, sondern an die
Europäer, die ratlos dem Treiben der Gotteskrieger zusahen,
besorgt, nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen.
So war es auch, als vor kurzem eine im Sudan lebende arglose
Engländerin einem Teddybären den Namen Mohammed gab. So war es
auch, als Salman Rushdie von der britischen Königin zum Ritter
geschlagen wurde: Die Moslems empörten sich und die Europäer
gingen in Deckung, bis der Sturm vorüber war.
Und jetzt wird der "Rechtspopulist" Wilders auf dem Altar der
Appeasement-Politik geopfert. Er ist kein Cineast, und sein Film
ist kein Meisterwerk für die Freunde der Filmkunst. Es ist eine
brachiale Aufforderung, die Wirklichkeit wenigstens zur Kenntnis
zu nehmen.
Source:
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SPIEGEL
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,druck-544263,00.htm
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