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Von
Hitler zu bin Laden
Der Kampf gegen die Juden: Islamismus und Nationalsozialismus
sind historisch und ideologisch eng miteinander verknüpft
Von Matthias Küntzel
Die Deutschen sind die Einzigen, die uns den Grund erklären
können", schrieb kurz nach dem 11. September der in Yale
lehrende Computerwissenschaftler David Gelernter. "Bin Ladens
Terroristen haben versucht, die größte jüdische Stadt in ein
Brandopfer zu verwandeln. Die Amerikaner verstehen das nicht:
reiner unmotivierter Hass auf die Juden? Deutsche verstehen das
sehr wohl."
Der erste Krieger, der Manhattan mit Selbstmordpiloten zerstören
wollte, saß in der Tat in Berlin. "Nie habe ich Hitler so außer
sich gesehen wie gegen Ende des Krieges, als er wie in einem
Delirium sich und uns den Untergang New Yorks in Flammenstürmen
ausmalte", hielt Albert Speer in seinem Tagebuch fest. "Er
beschrieb, wie sich die Wolkenkratzer in riesige brennende
Fackeln verwandelten, wie sie durcheinanderstürzten, wie der
Widerschein der berstenden Stadt am dunklen Himmel stand." Nicht
nur Hitlers Fantasie, auch sein Plan, sie zu verwirklichen,
erinnert an 2001: Kamikaze- Piloten sollten mit Sprengstoff
beladene Kleinstflugzeuge ohne Landevorrichtung in die
Wolkenkratzer von Manhattan jagen. Die Konstruktionszeichnungen
des im Frühjahr 1944 von Daimler-Benz konzipierten
"Amerika-Bombers" liegen vor.
Die Ekstase, in die Hitler beim Gedanken an das brennende
Manhattan geriet, verweist auf das damit verbundene Motiv:
Hitler wollte nicht einfach einen Feind bekämpfen. Er wollte
Juden töten, um die Menschheit zu befreien. Für ihn, der von der
Idee besessen war, den gesamten Zweiten Weltkrieg gegen
imaginäre jüdische Mächte zu führen, galten "die USA als
jüdischer Staat" und New York als das Zentrum des Judentums
schlechthin. 60 Jahre später wurde der reale Angriff auf das
World Trade Center zufällig in Deutschland geplant. Der erste
Hamburger 9/11-Prozess brachte Anfang 2003 ein zentrales Motiv
der Attentäter um Mohammed Atta an den Tag: "Die glaubten an
eine Weltverschwörung der Juden", berichtete der Zeuge Schahid
Nickels, der zu Attas "Koranrunde" gehörte. "Die dachten, New
York sei das Zentrum des Weltjudentums." Mitbewohner des
Angeklagten Munir al Motassadek berichteten, er habe Hitlers
Judenpolitik verteidigt und die bevorstehende "große Aktion"
herbeigesehnt: "Die Juden werden brennen, und am Ende werden wir
auf ihren Gräbern tanzen." Taucht in Motassadeks Vorfreude auf
"brennende Juden" nicht auch eine Spur der Hitler’schen Ekstase
wieder auf?
Ein mörderischer Antisemitismus ist Bestandteil von Al Qaidas
Programm. Für Osama bin Laden gelten Amerika und der Westen als
von Juden beherrscht; der Klassiker des islamischen
Antisemitismus – Saijid Kutbs "Unser Kampf gegen die Juden" –
wird in den Trainingslagern der Dschihadisten gelehrt. Diese
Überschneidung der Ideologien hatte Gelernter im Sinn, als er
die Deutschen um Erklärung bat. Doch auch historisch sind
Islamismus und Nationalsozialismus miteinander verknüpft.
Es war die 1928 in Ägypten gegründete Organisation der
"Muslimbrüder", die den Islamismus als Massenbewegung
begründete. Bis heute sind die Muslimbrüder für den Islamismus
das, was die Bolschewiki für die kommunistische Bewegung des 20.
Jahrhunderts waren: der ideologische Bezugspunkt und der
organisatorische Kern, der alle nachfolgenden Tendenzen von
Khomeini bis bin Laden maßgeblich inspirierte und bis heute
inspiriert. Zwar hatte die britische Kolonialpolitik den
Islamismus als Widerstandsbewegung gegen die "kulturelle
Moderne" hervorgebracht und den Ruf nach Wiederherstellung der
Scharia- Ordnung provoziert. Doch wurden die Muslimbrüder erst
im Zuge ihrer antijüdischen Kampagnen zu einer
Massenorganisation: Zwischen 1936 und 1938 stieg ihre
Mitgliedszahl von 800 auf 200 000 steil an.
Den Anlass dieser Kampagnen lieferte die verstärkte zionistische
Einwanderung nach Palästina. Zielstrebig wurde die Proteste
gegen Zionismus antijüdisch radikalisiert. "Nieder mit den
Juden" und "Juden raus aus Ägypten und Palästina" lauteten die
Parolen der Massendemonstrationen, die die Bruderschaft in den
ägyptischen Großstädten organisierte. Auf Flugblättern rief sie
zum Boykott jüdischer Waren und Geschäfte auf. In ihrer
Zeitschrift "Al Nadhir" erschien eine regelmäßige Kolumne mit
der Kopfzeile "Die Gefährlichkeit der Juden von Ägypten". Darin
wurden die Namen und Adressen von jüdischen Geschäftsinhabern
und Besitzern angeblich jüdischer Zeitungen aus aller Welt
veröffentlicht und alles Böse – vom Kommunismus bis zum Bordell
– auf die "jüdische Gefahr" zurückgeführt. Die
Muslimbruderschaft hatte aber von den Nazis nicht nur viele
Inhalte übernommen – sie wurde zugleich bis 1939 mit Geldern des
Deutschen Nachrichtenbüros in Kairo erheblich unterstützt.
Ihre Propaganda knüpfte an europäische und islamische Quellen
an: Erstens galt ihnen Palästina als muslimisches
Einflussgebiet, in welchem Juden bestenfalls als "Dhimmis", als
Schutzbefohlene, leben dürften. Zweitens verwiesen sie auf das
Beispiel des Propheten Mohammed, der im 7. Jahrhundert sämtliche
Juden von Medina tötete oder vertrieb. Drittens agitierten sie
mit den antijüdischen Passagen im Koran. Dieser neuartige –
europäisch und islamisch vermixte – Judenhass wurde von den
Nazis mithilfe eines neuen Instruments geschürt: Allabendlich
wurde die Hassbotschaft vom damals leistungsstärksten
Kurzwellensender der Welt in Zeesen bei Berlin auf Arabisch,
Türkisch und Persisch in die islamische Welt geschickt. Die in
Goebbels-Manier gestalteten Programme hatten sich beträchtlicher
Beliebtheit erfreut. Zu ihren regelmäßigen Hörern gehörte ein
damals noch ganz unbekannter Religionsgelehrter namens Ruhollah
Khomeini. Heute greift Ahmadinedschad dessen antisemitische
Tiraden auf. Radio Zeesen stellte seinen Sendebetrieb erst im
April 1945 ein. Nun verschob sich das antisemitische Zentrum in
die arabische Welt.
1945 verübten die Muslimbrüder das bis dahin größte antijüdische
Pogrom in der Geschichte Ägyptens: Demonstranten fielen im
November in das jüdische Viertel Kairos ein, plünderten Häuser
und Geschäfte und steckten Synagogen in Brand. Sechs Menschen
wurden getötet, hunderte verletzt. 1946 sorgten sie dafür, dass
der als Kriegsverbrecher gesuchte Mufti von Jerusalem, Amin al
Husseini, in Ägypten Exil und eine neue politische
Wirkungsstätte erhielt. Al Husseini, der Führer der
palästinensischen Nationalbewegung, hatte während seines
Aufenthalts in Deutschland (1941–1945) das antijüdische
Vernichtungsprogramm der Nazis mit derselben Bedingungslosigkeit
unterstützt, mit der nach 1945 die Muslimbrüder sein Wirken im
"Dritten Reich" verteidigten. Seine publikumswirksame
Amnestierung hinterließ in der arabischen Welt einen
nachhaltigen Effekt: Hier galt von nun ab die
pronationalsozialistische Vergangenheit als "eine Quelle des
Stolzes, nicht der Scham", wie Bernard Lewis schreibt. Jetzt
zogen in Europa gesuchte Nazis scharenweise nach Ägypten, wo die
ehemaligen Muslimbrüder Gambal Abdel Nasser und Anwar as Sadat
das berüchtigtste Textbuch des Antisemitismus, "Die Protokolle
der Weisen" von Zion verbreiteten. Das Naziverbrechen an den
Juden aber wurde, wenn nicht gerechtfertigt, so doch ignoriert.
Dieser verzerrte Blick auf die Vergangenheit überlagert bis
heute die Gegenwart des Nahostkonflikts: Wer die Schoah leugnet,
kann die internationale Rückendeckung für die Gründung Israels
nur verschwörungstheoretisch erklären. So interpretierten (und
interpretieren) die Muslimbrüder den UN-Beschluss von 1947,
Palästina in zwei Staaten zu teilen, als "ein internationales
Komplott, ausgeführt von den Amerikanern, den Russen und den
Briten unter dem Einfluss des Zionismus", wie der Historiker al
Awaisi schreibt. Auf diese Weise gewann die in Deutschland seit
dem 8. Mai 1945 unterdrückte Wahnidee von der jüdischen
Weltverschwörung in Teilen der islamischen Welt neue Resonanz.
Die Wirkungsmacht dieses Erbes belegt die 1988 verabschiedete
Charta der Hamas, "die so klingt, als sei sie direkt aus dem
,Stürmer‘ abgeschrieben", wie der frühere PLO-Vertreter von
Jerusalem, Sari Nusseibeh, treffend kritisiert. Hier wird nicht
nur alles Jüdische als Böse, sondern alles Böse als jüdisch
definiert: "Die Juden standen hinter der Französischen
Revolution und hinter den kommunistischen Revolutionen." Sie
standen "hinter dem Ersten Weltkrieg, als sie es schafften, den
Staat des islamischen Kalifats zu beseitigen … und sie standen
hinter dem Zweiten Weltkrieg, als sie gewaltige Profite aus
ihrem Handel mit Kriegsgütern erzielten." Sie regten "die
Bildung der Organisation der Vereinten Nationen und des
Sicherheitsrats an, um damit die Welt zu beherrschen. Es gab
keinen Krieg …, ohne dass sie ihre Finger dahinter im Spiel
haben … Ihr Vorhaben steht in den ,Protokollen der Weisen von
Zion‘, und ihr gegenwärtiges Tun ist der beste Beleg für das,
was wir sagen."
Aufgeklärte Menschen tun dies als kranke Fantasien ab.
Islamisten aber glauben dieser Feindzuschreibung aufs Wort.
"Sagt es uns", rief Ahmadinedschad kürzlich den westlichen
Regierungen zu. "Wenn die Zionisten euch beherrschen, können wir
euch helfen. Wir und die freien Völker haben das Potenzial, euch
zu helfen. Rettet eure Völker." So wie Nazis die Vernichtung der
Juden als "Freiheitskampf" betrachteten, so glauben Islamisten,
die Menschheit durch Israels Vernichtung "erlösen" zu können:
"Das zionistische Regime wird wegradiert und die Menschheit
befreit werden", hatte Irans Präsident im Dezember 2006 erklärt.
Die schockierende Bösartigkeit derartiger Ankündigungen
verleitet dazu, sie als "Rhetorik" abzutun und zu verdrängen.
Wer aber vor der islamistischen Ideologie – ihrem Todeskult,
ihrem Antisemitismus, ihrem Hass auf Selbstbestimmung – die
Augen verschließt, dem fällt stets nur ein und dieselbe
"Ursache" für den Terror ein: Israel und die USA. Das Resultat
ist eine paradoxe Umkehr der Verantwortlichkeit: je mehr Terror,
desto größer die "Schuld" der USA. Je höher die Opferzahlen in
Amerika, desto intensiver der Antiamerikanismus in der Welt.
Die Beliebtheit dieser Schuldzuweisung hat mit der Hoffnung zu
tun, die sie suggeriert: Wenn der Terror der Islamisten in der
Politik der USA seine Ursache hat, bedarf es nur der
Politikveränderung und schon ist man den bösen Spuk los. Auf
diese psychologische Dynamik kann Al Qaida sich verlassen: je
verheerender der Terror, desto zwingender das Bedürfnis nach
Selbstberuhigung. Je blutrünstiger der nächste Anschlag in
Europa, desto größer die Wut auf die USA.
Dieselbe Umkehrlogik ist uns vom Nahostkonflikt und seiner
verzerrter Rezeption vertraut: Wer den Antisemitismus der Hamas
ignoriert, muss für den Selbstmordterror andere Erklärungen
finden, und was bleibt, ist: Israel! "Je barbarischer der
antijüdische Terror, desto ungeheuerlicher die israelische
Schuld!", lautet dann die Devise. Mit diesem Kurzschluss wird
Israel zum Sündenbock für den Terrorismus gestempelt und das
"Der Jud ist schuld"-Stereotyp auf die Höhe der Zeit gebracht –
ein Vorgang, der den Intentionen der Attentäter ohne Zweifel
dient. So wird Verzicht auf Klarheit zum Beginn von
Komplizenschaft.
Deutsche können Amerika den Judenhass der Islamisten erklären,
hatte David Gelernter vor sechs Jahren notiert und hinzugefügt:
"… weil Deutschland seine Vergangenheit ernst nimmt." Heute
erleben wir, dass der Antisemitismus der Hamas, der Hisbollah
und des iranischen Regimes in Amerika zur Sprache kommt – in
Deutschland aber nicht. Obwohl Irans Atompolitik den Nahen Osten
in den Schatten eines nuklearen Holocaust zu stellen droht. Oder
weil? Ist es gerade die Nähe zum historischen deutschen
Verbrechen, die Erkenntnis und Einsicht blockiert? Die Frage, ob
Deutschland die aus seiner Nazivergangenheit resultierenden
Schlussfolgerungen gezogen hat, beantwortet sich nicht in
Sonntagsreden, sondern konkret.
(Erstveröffentlichung im Tagesspiegel vom 25.11.2007:
http://www.tagesspiegel.de/meinung/Kommentare;art141,2426592)
19. Dezember 2007
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