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Die vergifteten Glückwünsche
deutscher Schlauberger
Von Henryk M. Broder
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,551547,00.html
Israels Existenz wird täglich aufs Neue hinterfragt - nicht nur
von radikalen Palästinensern, sondern auch von namhaften
Intellektuellen. Zum Jubiläum verschicken sie ihre Klage als
Glückwunsch getarnt. Doch ihre Sorge um den Frieden in Nahost
ist nur der Mantel für eigene Schuldkomplexe.
Fährt man von Tel Aviv in Richtung Norden, kommt man nach etwa
einer Viertelstunde an Herzliya vorbei, einer Siedlung, die 1924
von sieben Einwandererfamilien gegründet und nach Theodor Herzl,
dem Vater des modernen Zionismus, benannt wurde. Heute leben in
der Stadt am Meer über 80.000 Menschen, dazu kommen jedes Jahr
zahllose Touristen. Herzliya hat eine lange Strandpromenade mit
vielen Hotels, einen Yachthafen, sogar einen kleinen Flughafen.
Und natürlich ein Denkmal für Theodor Herzl. Es ist ein riesiger
Wassertank direkt an der Autobahn, auf der Kuppel steht eine
schlanke männliche Figur in einem schwarzen Gehrock und schaut
mit verschränkten Armen auf "seine" Stadt. Es ist die Pose, in
der Herzl oft dargestellt wurde: Der Visionär.
Der Mann, der den "Judenstaat – Versuch einer modernen Lösung
der Judenfrage" geschrieben hat, wurde nur 44 Jahre alt, er
starb 1904, 44 Jahre vor der Gründung Israels. Wer an Kabbala
und Zahlenmystik glaubt, mag darin eine versteckte Botschaft
sehen; der Frage, was Herzl heute denken würde, käme er zu
Besuch nach Herzliya, kann man sich jedenfalls nicht entziehen.
Wahrscheinlich dies: "So habe ich es mir nicht vorgestellt, aber
es gefällt mir." Denn er blickt auf ein Hightech-Zentrum mit
Labors, in denen Hunderte von Experten für Microsoft, Motorola
und Nokia arbeiten, umgeben von Shopping-Malls und Restaurants;
vor 20 Jahren war hier noch ein Gewerbegebiet mit
Autoreparaturwerkstätten und Lagerhallen, vor 40 Jahren pfiff
nur der Wind zwischen den Wanderdünen.
Und so wie das kleine Herzliya hat sich auch das ganze Land
verändert. Wozu andere Gesellschaften 150 Jahre brauchten, den
Sprung aus der Agrarwirtschaft in das postindustrielle
Zeitalter, dafür brauchte man in Israel nur 60 Jahre - manchmal
kann es auch von Vorteil sein, bei null anzufangen.
Israel "hält die Welt zum Narren"
Es gibt allerdings etwas, das sich nicht geändert hat, eine
seltsame Konstante im Leben der kleinsten Großmacht der Welt,
die mehr Krisen und Nachrichten produziert, als sie selbst
verarbeiten kann. Etwas, das auch ein Visionär wie Herzl nicht
voraussehen konnte. Israels Existenz wird jeden Tag aufs neue
hinterfragt, nicht nur von militanten Palästinensergruppen wie
der Fatah und der Hisbollah und dem Präsidenten Irans, sondern
auch von liebenswürdigen europäischen Intellektuellen, die sich
mit einer Hingabe der Lösung der "Nahost-Frage" widmen, als
hätten sie alle anderen Hausaufgaben längst erledigt.
Vor kurzem hat eine Gruppe deutscher Geistesarbeiter, unter
ihnen der Pen-Präsident Johano Strasser, die grüne Abgeordnete
Claudia Roth und der Schriftsteller Gert Heidenreich, einen
Aufruf zum 60. Geburtstag Israels veröffentlicht: "Glückwünsche
und Sorgen". Darin drücken sie ihre Anerkennung für "die
Aufbauleistungen, die kulturelle Vielfalt, die
wissenschaftlich-technischen Erfolge, die intellektuelle
Produktivität und den demokratisch organisierten Pluralismus"
des Geburtstagskindes aus, melden aber zugleich Bedenken an, ob
die Israelis sich wirklich genug Mühe geben, den Konflikt mit
ihren Nachbarn beizulegen.
Israel, so die Lageanalyse der Absender, gefährde "seine eigene
Existenz", halte "die Welt zum Narren" und merke nicht, "dass es
sich damit selbst betrügt". Auch die deutsche Politik wird
ermahnt, "den Zusammenhang zwischen der extrem schwierigen
wirtschaftlichen und politischen Lage der Palästinenser auf der
einen und der Unsicherheit und Bedrohung Israels auf der anderen
Seite nicht aus den Augen (zu) verlieren".
So ist der ganze Aufruf: Eine Ansammlung von preiswerten
Plattitüden, verfasst von Hobby-Astronauten, die auf ihrer
Spielkonsole durchs All rasen und davon überzeugt sind, dass es
auf ihre Navigationskünste entscheidend ankommt.
120 Akademiker forderten Wissenschaftsboykott
Dem Aufruf "Glückwünsche und Sorgen" war ein anderes
Positionspapier vorausgegangen: "Freundschaft und Kritik", auf
den Weg gebracht von 25 Politologen, die Israel den Vorwurf
machten, den Holocaust für politische Zwecke zu
instrumentalisieren und dazu aufriefen, die "besonderen
Beziehungen" zwischen Deutschland und Israel zu überdenken, um
auch den "binnendeutschen Diskurs" zwischen "nicht-jüdischen,
jüdischen und muslimischen Deutschen" breiter und unbefangener
führen zu können.
Von moralischem Kredit der Juden und der deutschen Hypothek
Für europaweites Aufsehen sorgte schon im Jahre 2002 ein von 120
Akademikern unterzeichneter offener Brief, in dem dazu
aufgerufen wurde, als Reaktion auf die israelische Politik die
Wissenschaftsbeziehungen zwischen Israel und den europäischen
Ländern einzufrieren, also die kulturelle und wissenschaftliche
Zusammenarbeit zu beenden. Dass der Brief in Deutschland
weitgehend unbemerkt blieb, hatte einen einfachen Grund: Er war
von nur zwei deutschen Professoren unterschrieben.
"Die Gaskammern kommen noch"
Inzwischen gibt es kaum noch einen namhaften Schriftsteller, der
sich nicht zu Israel geäußert hätte. Von Jostein Gaarder
("Sofies Welt"), der mit den Worten "Wir erkennen den Staat
Israel nicht länger an" Israel aus der Geschichte
verabschiedete, über den in Italien lebenden Exil-Amerikaner
Gore Vidal ("Ben Hur"), bis zu dem Südafrikaner Breyten
Breytenbach und seinem portugiesischen Kollegen Jose Saramago,
der die Situation in Ramallah mit der in Auschwitz verglich und
auf die Frage "Und wo sind die Gaskammern?" antwortete: "Die
kommen noch."
Eine Treppe tiefer ist auch der ehemalige Geschäftsführer von
Greenpeace Deutschland, Thilo Bode, der Meinung: "Verzicht auf
Kritik an Israel ist unmoralisch." Deutschland sollte dazu
beitragen, "dass Israel eine Lektion lernt, die Deutschland
selber erfolgreich gelernt hat: nämlich welche die historischen
Kosten der Unterwerfung anderer sind".
Besonders eindrucksvoll an solchen Äußerungen ist nicht allein
die totale Selbstgewissheit, mit der sie abgegeben werden,
sondern auch der völlige Mangel an historischer Substanz:
Dieselben Leute, die sich für das Schicksal der Palästinenser
zuständig und berufen fühlen, Israel Ratschläge zu erteilen,
möchten von der historischen Verantwortung für das Schicksal der
Juden entbunden werden, die auf ihnen seit über 60 Jahren wie
eine Hypothek lastet. Schon Ende der sechziger Jahre hat der
Berliner Revolutionär Dieter Kunzelmann die Deutschen
aufgerufen, ihren "Judenknax" zu überwinden.
Und daran hat sich bis heute wenig geändert, nur dass die
Sprache ein wenig subtiler geworden ist. Wesentliche Teile der
deutschen Intelligenz sehen ihre Aufgabe darin, Tag und Nacht
darauf zu achten, dass die Juden (beziehungsweise Israelis)
nicht rückfällig werden und den moralischen Kredit, den sie sich
als Opfer der Nazis verdient haben, nicht verspielen. Israels
Sündenfall besteht nicht darin, dass es die Palästinenser
schlecht behandelt, sondern darin, dass es den guten Deutschen
so schwer macht, die Juden zu mögen.
Vor vielen Jahren erschien in der "Zeit" ein Artikel, der mit
einem Appell an die "verantwortlichen Männer der Regierung
Israels" schloss: Sie mögen innehalten und erkennen, "wie weit
sie auf jenem Weg bereits gelangt sind, der erst vor kurzem ein
anderes Volk ins Verhängnis geführt hat".
Das war am 23. September 1948, nur vier Monate nach der Gründung
Israels. Die Autorin war: Marion Gräfin Dönhoff.
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