Klabautzke & Co. - Geschichten aus einem verrückten Haus

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Klabautzke & Co. - Stories from a Crazy House

       
   

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Ich wohnte, als ich so alt war wie Du jetzt, in einem großen Berliner Mietshaus. Wenn man durch die Haustür trat, ging es etwa 20 Stufen auf einer weißen Marmortreppe bis zum ersten Absatz. Die Decke war sehr hoch und die Wände waren mit riesigen Spiegeln verkleidet, die allerdings schon stellenweise etwas blind waren. In der Mitte der Treppe lag ein roter Teppich, der von blanken Messingstangen gehalten wurde. Die Haustür war so schwer, dass ich größte Mühe hatte sie überhaupt aufzubekommen. Vom ersten Treppenabsatz an konnte man sich entscheiden ob man zu Fuß, auf knarrenden Holztreppen, die von schönem gedrehten, alten Geländer eingefasst waren, weiterlaufen wollte, oder ob man lieber mit dem Fahrstuhl fahren wollte. Das war ein uraltes Ding mit schmiedeeiserner Tür, der in einem mit Eisenverzierungen versehenen Schacht langsam nach oben kroch. Es war Kindern natürlich verboten ihn zu benutzen. Ob ich mich an das Verbot gehalten habe, werde ich Dir später verraten.

Wenn man links neben dem Fahrstuhl weiterlief, ging es eine kleine schmale Treppe wieder hinunter, durch eine knarrende Tür auf den Hof. Hier standen die Mülltonnen, runde Eisentonnen mit Klappdeckel, staubig von roter Asche, verbeult und nie wirklich gerade stehend; - und außerdem ging es zum Kellereingang. Der war sehr unheimlich und es roch auch immer etwas muffig. Das Haus hatte im Erdgeschoss eine Paterrewohnung und einen Laden, dann 3 Etagen mit je 2 Wohnungen und 1 Wohnung unter dem Dach. Also insgesamt 9 Parteien. Wir wohnten in der 1. Etage, rechts, in einer großen schönen alten Berliner Wohnung. In jeder Wohnungstür war ein kleines Loch mit einer Linse. Das nannte man „Spion“ und man konnte sehen wer durchs Treppenhaus lief oder wer vor der Wohnung stand. Ich war allerdings noch zu klein und musste immer auf einen Stuhl steigen um durch den Spion schauen zu können.

Natürlich lernte ich alle Mitbewohner in dem Haus sehr gut kennen. Es gab die unterschiedlichsten Leute, nette und weniger nette Menschen. Im Laufe der Jahre passierten in dem Haus die verrücktesten Geschichten. Von unseren Nachbarn und diesen verrückten Geschichten möchte ich Dir nun erzählen. Beginnen wir mit der Familie Klabautzke parterre rechts, also direkt unter uns.

Vater Alfons Klabautzke war ein kräftiger, untersetzter Mann mit Schnurrbart und Oberarmen so dick wie Baumstämmen und Händen so groß wie Baggerschaufeln. Er trug zu Hause nur ein Unterhemd und oben quollen aus dem Hemd seine schwarzen Brusthaare heraus. Das erinnerte mich an die Roßhaarmatraze im Bett meiner Großmutter. Die Füllung sah genauso aus. Um den Hals hatte er eine goldenen Kette. Er hatte einen Bierbauch und ich wunderte mich, daß seine Hose darunter hielt und nicht dauernd herunterrutschte. Fast immer latschte er in ausgetretenen Filzpantoffeln umher. Er hatte Augen so schwarz wie Kohlen und er konnte sehr böse gucken. Ich habe mich oft vor ihm gefürchtet. Klabautzke duldete überhaupt keinen Widerspruch. Wenn ihm was nicht paßte, wenn man etwas falsches sagte oder machte, wenn man ihn störte, oder zur falschen Zeit klingelte wurde man ganz böse angeranzt: „Was‘n los?“ Das fragte er Fremde, aber bei seiner Familie fragte er gar nicht, da krachte gleich seine riesige Hand über den Tisch und man bekam eine Schelle. Fridolin, der jüngste Sohn mit dem ich oft gespielt hatte, sagte mir einmal daß er bei jeder Schelle gleich vom Stuhl fiel. Aber auch seine Frau Martha verprügelte Klabautzke oft.

Martha Klabautzke war eine ruhige und duldsame, etwas ängstliche Frau. Sie hatte die Hauswartstelle, d.h. sie machte die Treppe und den Hausflur, den Hof und die Straße vorm Haus sauber. Im Winter fegte sie Schnee. Ich habe nie gesehen, daß ihr Alfons Klabautzke geholfen hätte. Sie hatte einen enorm dicken Hintern und auch vorneherum war sie sehr üppig. Als ich einmal auf die Nase gefallen war und sie mich aufhob und an ihren Busen drückte, wäre ich fast erstickt. Manchmal hatte sie ein blaues Auge, oder eine geplatzte Augenbraue. Dann erzählte sie meiner Mutter, sie sei gestürzt, oder im Keller gegen einen Pfosten gelaufen. Mutter hat das aber nie geglaubt und immer gesagt, nicht zu mir, aber zu Vater: „Das war wieder der Alfons!“ Wenn man allerdings etwas gegen Alfons Klabautzke sagte, verteidigte sie ihn auf der Stelle und wurde sehr ärgerlich. „Wie können Sie meinem Mann so etwas zutrauen. Er ist nur manchmal etwas unausgeschlafen...“ sagte sie dann.

Klabautzkes hatten 4 Kinder. Die Älteste hieß Carmen Klabautzke und war 23 Jahre alt. Sie hatte schöne lange blonde Haare, knallrote Lippen und Fingernägel und stets ganz kurze Röcke an. Manchmal, wenn ich auf dem Niedergang zur Kellertreppe saß, konnte ich sogar ihre Höschen sehen. Sie lief auf Schuhen mit sehr hohen Absätzen, war ziemlich schnippisch, und kam sehr spät oder gegen morgen nach Hause. Sie hatte oft mit ihrem Vater Krach, aber sie war die einzige die ihm Widersprach. Nach einem solchen Krach rannte sie, oder besser staakelte sie auf ihren hohen Schuhen aus der elterlichen Wohnung und schmiß die Tür krachend ins Schloß. Da gab es sogar Risse in den Wänden über der Tür. Sie war ein lauter Mensch, da kam sie nach ihrem Vater, auch wenn sie eine höhere Stimme hatte und sie konnte schimpfen wie ein Rohrspatz. Ihre Sprache war so derb, daß man sie nicht zitieren durfte. Einmal bekam ich mächtigen Ärger mit meinem Vater, als ich dieselben Ausdrücke verwendete, die Carmen benutzte. Auch mit ihren Schuhen machte sie Krach, wenn sie in nächtlicher Stille über den Marmorboden des Hauseingangs tackerte.

Dann kam Waldemar Klabautzke. Er war 21 und schon 3 Mal die Lehre geschmissen. Man bekam ihn allerdings selten zu Gesicht, denn meistens „saß er ein“. Was das bedeutete erfuhr ich erst später, aber ich wußte, daß er gern und oft Autos klaute oder Automaten aufbrach. Vater Klabautzke hatte ihn schon viele Male verdroschen, was jedesmal ein Donnergetöse in der Wohnung unter uns war, aber er konnte oder wollte es nicht lassen. „Das machst du nicht noch einmal, wir sind anständige Leute, was soll man denn von uns denken...“ brüllte Alfons Klabautzke, daß es durch die Wände und den Fußboden schallte. Am lautesten war es im Hausflur, man konnte jedes Wort verstehen. Und dann hörte man wie Klabautzke seinem Sohn mit dem Schuhlöffel verdrosch. Waldemar jammerte und winselte „ich mach’s nie wieder“. Aber der gute Vorsatz hielt längstens eine Woche. Ich weiß gar nicht mehr wie oft ein Funkwagen vor unserem Haus stand und die Polizisten in Klabautzkes Wohnung verschwanden. Einmal suchten sie Waldemar im Keller und fanden ihn hinter einer alten Waschmaschine. Da nahmen sie ihn zum ersten Mal in Handschellen mit. Er machte ein weinerliches Gesicht und sagte zu dem Polizisten: “Wirklich, das war das erste Mal – ich machs nie wieder, laßt mich laufen...“ Aber der Polizist lachte nur. Als Carmen nach hause kam und das erfuhr sagte sie nur „Scheißbullen!“ Auch dieses Wort durfte ich nicht gehört haben.

Carola Klabautzke war 19 und verkaufte Schrippen in der Bäckerei an der Ecke. Na, jedenfalls sagte sie das. Mutter meinte sie würde die Backstube ausfegen und die Fenster putzen, weil sie sich immer verrechnete. Sie war sehr nett und freundlich, aber ein bißchen dummerich. Weil sie etwas ungünstig aussah und schon in der figürlichen Ausstattung ihrer Mutter ähnelte hatte sie auch noch keinen Freund. Das war bei Carmen ganz anders. Carmen galt als heißer Feger und sie hatte soviele, meist ältere Freunde, daß es nicht lohnte mitzuzählen. Manche dieser Freundschaften hielten nur eine Nacht habe ich gehört. Ich weiß es nicht, ich mußte nachts schlafen. Carola war das ganze Gegenteil ihrer Schwester, sie konnte nicht einmal laut sprechen. Aber dafür konnte sie sehr, sehr lange auf einen Punkt schauen. „Sie träumt mal wieder...“ sagte man dann. Immerhin war Carola die einzige die nicht von Alfons Klabautzke Senge bezog. Ich glaube Klabautzke nahm sie gar nicht wahr.

Fridolin Klabautzke war ein sehr netter Junge. Er war freundlich, aufgeschlossen, etwas ängstlich, weil er jeden Augenblick eine Schelle erwartete, sportlich und gut in der Schule. Wir wurden gute Freunde. Er war oft bei uns oben und aß manchmal bei uns mit. Er hatte immer Hunger und war schon mit dem Essen fertig bevor ich überhaupt begonnen hatte. Nach einiger Zeit nahm er mich auch mit in die Wohnung seiner Eltern, was meine Eltern aber nicht so gerne sahen. Das erste Mal bekam ich einen gewaltigen Schreck. Fridolin und ich saßen in der Küche und spielten mit Indianerfiguren. Plötzlich kam Klabautzke nach Hause. Er kam in die Küche und stellte krachend einen Kasten Bier auf den Tisch, so daß unsere Indianer umfielen. Fridolin sagte gar nichts sondern verschwand mit seinen Figuren unter dem Tisch. Ich war etwas langsam und so sah Klabautzke mich. „Wer bist du denn?“ herrschte er mich an. Aber ehe ich antworten konnte hatte er mich am Pullover gepackt und hochgehoben. Meine Beine hingen in der Luft. Ich war starr vor Schreck. Glücklicherweise kam gerade Martha Klabautzke vom Hofkehren zurück. „Das ist der Kleine von oben“ sagte sie. „Mmhh, so“ sagte Alfons und stellte mich wieder auf die Füße, „troll dich...“ Ich rannte schnell zur Küchentür, aber kam nicht an der dicken Martha vorbei. „Keine Angst“ sagte sie, ihr könnt in der Stube spielen, bis Alfons schlafen will. Das taten wir bis Alfons ins Zimmer kam und sich auf die Couch warf.

Meine Eltern waren höflich und freundlich zu Klabautzkes und grüßten sie stets. Dadurch waren wir wohl die einzigen, die keinen Krach mit ihnen hatten. Machmal war das Getöse unter uns allerdings unerträglich. Dann rollten meine Eltern mit den Augen und stöhnten. Allerdings waren das Haus und der Hof wirklich sauber und Martha war als Hauswartsfrau nicht schlecht. Deshalb bekam sie von meinen Eltern „Weinachtsgeld“. „In Anerkennung ihrer Leistung“, wie Vater sagte. Als nach einiger Zeit aber Alfons dahinterkam, hatte sie das abzuliefern. In der Woche ging es, schlimm war es nur an Freitagen, wenn Klabautzke besoffen nach Hause kam. Manchmal brachte er Kumpels mit und dann ging die Sauferei bis in den frühen Morgen. Im Laufe der Jahre gewöhnten wir uns an das alles und als man Alfons nach einer Sauferei und Schlägerei in einer Kneipe für 2 Wochen in eine Krankenhaus brachte, fanden wir es fast unheimlich still. Als er zurückkam hatte er eine geknickte Nase, ein genähtes Ohr und trug den rechten Arm in Gips. Für eine gewisse Zeit war es da etwas ruhiger.

Bevor ich Dir nun weiter von meinen Erlebnissen mit der Familie Klabautzke erzähle möchte ich Dir noch die anderen Bewohner des Hauses vorstellen.

Unten, parterre links, war ein Tante Emma Laden.

Dieser Laden war nicht nur eine Tante-Emma-Laden, also ein Laden in dem man fast alles für den täglichen Bedarf bekam, er gehörte auch einer Tante Emma. Emma Friesecke war eine schlanke, sehr freundliche Frau, die ihre Haar zu einem Knoten gebunden trug. Sie hatte immer eine weiße Schürze um und wurde sie einmal schmutzig tauschte sie die Schürze gleich gegen eine neue Schürze aus. Sie war enorm fleißig und – obwohl der Laden Sonntags geschlossen war, wirtschaftete sie auch an diesem Tage ohne Unterlaß. Die Wände des kleinen Ladens waren rundum mit Regalborden versehen auf denen alle Waren ordentlich gestapelt standen. Unten war der Abstand der Borde etwas größer, so daß größere Warengebinde und Fässer Platz hatten. Kam man durch die Tür war links eine lange Theke zu finden, die allerdings mit vielen Packungen, Bonbongläsern, Dosen und einem Zapfhahn mit Meßglas für Mich vollgebaut war. Hinten in dem langen Laden war eine Tür hinter der die Vorratsräume und das Privatzimmer der Friesecke zu finden waren. Meine Mutter sagte, das alles etwas teurer sei, aber dafür konnte man sehr schnell, oft auch noch abends etwas bekommen. Vorallem ältere Frauen waren die Kunden von Emma Friesecke, aber auch Schulkinder die sich kleine Leckerei leisteten. Emma war sehr großzügig und oft hat sie mir einen Lutscher geschenkt. Einmal hat sie mich mit in ihr Privatzimmer genommen. Da hingen viele Bilder und Photos an den Wänden. Immer der gleiche Mann und die gleichen 2 Jungen waren zu sehen. Bei den Bildern mit dem Mann waren schwarze Schleifen am Rahmen befestigt. Die Jungens wurden immer älter auf den Bildern und auf den neueren Photos waren sie vor riesigen Hochhäusern oder vor großen amerikanischen Autos zu sehen. Ihr Mann war gefallen und ihre Jungens nach Amerika gegangen. Aber sie sprach fast nie darüber und plauderte mit ihren Kunden lieber über die Nachbarn. Wenn man etwas wissen wollte über die Leute in der Straße, brauchte man nur bei Emma Friesecke nachzufragen. Mit Klabautzkes hatte sie etwas Probleme. Martha sah es nämlich gar nicht gerne, wenn Alfons noch Bier und Schnaps holte. Und Emma schwankte zwischen verkaufen und verweigern. Aber sie hatte keine Wahl, schließlich konnte sie diese Artikel nicht aufgeben. Und so deckte sich Alfons weiter ein.

Wir wohnten im 1. Stock rechts.

Uns gegenüber, also 1. Stock links wohnte Herr Professor Gustav Lampe. Er war Philologe und Vater sagte, so sieht er auch aus. Klein, dicklich, mit Glatze, goldener Brille und grundsätzlich brauner Aktentasche wenn er das Haus verließ. Ich war einige Male in seiner Wohnung gewesen, wenn er verreist war und Mutter, die den Schlüssel bekam, nach dem rechten sah. Nie habe hatte ich vorher so viele Bücher gesehen. Meine Eltern hatten auch Bücher und sogar ich besaß schon einige. Aber bei Professor Lampe waren Regale an allen Wänden und alle bis an die Decke hoch. Tausende von Büchern. Selbst auf dem Klo hatte er Regale ! Auf dem Boden, rund um seinen Schreibtisch, neben den Sesseln, auf dem Küchentisch – überall Bücher und Folianten. Es roch ungelüftet und muffig. Ein trauriger Ficus stand auf dem Schreibtisch und neigte sich lichtsuchend dem Fenster zu. In der Küche war es recht schmuddelig und der Wäschepuff im Bad war schon seit ewigen Zeiten nicht mehr gelehrt worden. Aber – Gustav Lampe war ein ganz schlauer – sagten die Leute. Er hatte viele Bücher geschrieben. Keiner hatte je eins gelesen, es waren Fachbücher, viel zu schwer zu verstehen; jedenfalls keine Kinderbücher oder Abenteuergeschichten, was mich interessiert hätte.

Über uns, 2. Stock rechts, wohnte

Monsieur Henry Pascal, ein Photograph. Monsieur Henry war zum vierten Mal geschieden und hatte etwa alle halbe Jahr eine neue Flamme. Die er allen Mitbewohnern vorstellte, als die nun endgültige, dauerhafte Eroberung. Bald war alles vorbei, er lebte einige Tage oder Wochen allein und alles begann von vorne. Seine Wohnung war auch sein Studio und der große Salon das Atelier. Der Raum über meinem Kinderzimmer war seine Dunkelkammer und einmal war seine Becken für die Spülung der Photos übergelaufen und das Wasser durch meine Zimmerdecke auf mein Bett getropft. Unten, neben dem Hauseingang hing ein Messingschild darauf stand:


Pascal’s Photokunst
Porträt-Personen-Aktphotographie
Internationale Auszeichnungen
Termin nach Vereinbarung

Es kamen viele Kunden für Porträt- oder Familienphotos. Frischvermählte, gleich nach der Hochzeit im Brautkleid, ältere Herrschaften zur goldenen Hochzeit. Eltern mit Baby’s oder mit Kindern mit Schultüten, Verliebte, Frauen mit ihren Hunden, oder Männer mit ihrem Sportgerät. Auch Künstler, prominente und weniger prominente, Schauspieler, Schriftsteller kamen. Manchmal kamen auch sehr hübsche, junge Mädchen. Da dauerte die Aufnahmen sehr lange, manchmal bis zum nächsten Morgen.

Neben ihm, 2. Stock links, wohnte

Frau Dr. Patricia Motte, 58 Jahre, unverheiratet, Lehrerin am Faust-Gymnasium. Sie war spindeldürr, hatte weiße Haare, zu einem Dutt gebunden, und Kleider, wie meine Großmutter auf alten Photographien, lang, dunkel, mit weißem Kragen. Ich fand sie zickig und blöd, schon weil sie immer wollte, daß ich ihr die Hand gab. Da tat ich aber gar nicht gern, denn ihre Hände waren kalt und schlabbrig wie olle Luftballonpelle. Und sie wußte alles besser. Vater sagte mal, Leute die keine Kinder haben seien ungeeignet für den Lehrerberuf. Ich glaube er hatte recht, die Alte war so pingelig, es war nicht zu glauben. Sie beschwerte sich über jedes in den Hausflur gewedeltes Laubblatt, Staub auf dem Geländer und über Alfons Klabautzke sowieso. Außerdem, man höre und staune, störte sie Kinderlärm. Und das als Lehrerin. Ich konnte mir jedenfalls nicht vorstellen, daß sie jemals jung gewesen war, vermutlich war sie schon in ihrer langen Trauertracht geboren worden.

Im 3. Stock rechts

wohnten Paula und Otto Pelle. Otto war Kranführer und Baggerführer und ich mochte ihn sehr gern. Er war sehr fleißig und ging schon früh aus dem Haus. Einige Male war er mit einem Bagger nach Hause gekommen und hatte in der Straße vorm Haus geparkt. Alle mochten ihn und er reparierte den Nachbarn die Autos und machte auch Reparaturen in den Wohnungen. Er bastelte Automodelle in seiner Freizeit und hatte eine schöne Sammlung davon. Die durfte ich bestaunen, aber nicht anfassen, wenn ich mit Mutter bei Paula war, einer sinnlichen Blondine, stets in rot gekleidet, die in Heimarbeit schneiderte. Einiges schneiderte sie auch für Mutter und da saß ich dann vor den Automodellen. War Otto mal da, gab er mir einige einfachere zum Spielen.

Franz-Joseph von Ahlsheim wohnte im 3. Stock links. Er wurde demnächst 40 und war Student. Was er genau studierte wußte niemand genau, aber er war einige Male in der Uni gesehen worden. Er war sehr elegant, nach der neuesten Mode gekleidet und seine Schuhe „kosten soviel wie Otto Pelle im Monat verdient“, sagte Vater. Seine Kommilitonen, die oft mitbrachte studierten mit ihm bis tief in die Nacht, manchmal bis zum nächsten Morgen. Auch die waren sehr gut gekleidet, wen auch etwas jünger. „Ich hab den Franz gesehen, wie er einen anderen Studenten im Fahrstuhl geküßt hat“ erzählte Martha Klabautzke meiner Mutter und hielt die Hand vor den Mund. Aber solchen Quatsch konnte ich nicht glauben, seit wann küssen sich Männer. „Der verbrät das Geld vom alten Ahlsheim“, sagte Vater. Franz duftete weiter nach teurem Parfum und rauchte teuerste Zigarillos.

Im Dach gab es 2 Türen. Links ging es zum Dachboden. Riesig war der, voll mit alten Möbeln, Kisten und Kasten, alles mächtig verstaubt. Vorn hatte man einen Teil gesäubert und als Trockenboden hergerichtet. Wenn Mutter Wäsche aufhängte begleitete ich sie und ging auf Entdeckungsreise. Sie schimpfte wenn ich dreckig von meinem Ausflug in die Tiefen des geheimnisvollen Bodens zurückkam.

Rechts auf der anderen Seite des Perrons wohnte ein alter Witwer. E.D. stand auf dem Schild und auch der „stumme Portier“ im Hauseingang gab nicht mehr her. Eberhard Dünnbier heißt er sagten die Leute. Er war KZ-Wächter und versteckt sich jetzt. Tatsache war, daß er seine kleinen Besorgungen bereits morgens, kurz nach 6 Uhr machte und dann den ganzen Tag nicht mehr gesehen wurde. Auch die Fenster seiner Dachgauben waren mit schwarzem Papier verklebt. Ich fand das sehr unheimlich und ging nur in Mutters Begleitung ins Dachgeschoß.

Auch in den Keller ging ich nicht allein. Man konnte ihn vom Hof aus erreichen und er war dunkel, schlecht beleuchtet und muffig. Ich hielt mich fest an Vaters Hand und hatte Angst mich in den Gängen zu verlaufen. Auch der Keller steckte voller Geheimnisse und ich war neugierig zu sehen was sich alles in den dunklen Ecken versteckte. Aber ich hatte Angst alleine etwas zu erkunden.

Meine Eltern achteten sehr darauf, daß ich nicht in Gefahr geriet und waren sehr fürsorglich. Mein Vater, ein großer, schlanker Mann, zäh und ehrgeizig, unendlich fleißig und in seinem Beruf engagiert, war Arzt und sah täglich schreckliche Unfälle auch mit Kindern. Manchmal erschien er mir zu ängstlich und er wollte auch immer ganz genau wissen wo ich hin ich ging, bzw. wo ich gewesen war. Meistens leitete er derlei Erkundigungen mit der Frage an meine Mutter ein: „Kennst Du die Leute? Was macht der Mann? Haben die Kinder?“ Es war oft etwas übertrieben, aber es entsprang seiner Sorge um mich. Er warnte mich auch immer vor „bösen Männern“, die kleine Jungs besonders gern hätten. Nun, ich schwankte zwischen Gehorsam und Freiheitsdrang und das Pendel in mir schlug mal in die eine dann wieder in die andere Richtung. Vater war durch und durch anständig und wollte, daß auch ich so werde. Er war selten zu Hause, denn seine ganze Zeit widmete er seinen Patienten im Krankenhaus. Das war nicht immer leicht für meine Mutter und für mich schon gar nicht. Aber er flößte mir, wenn er da war unendliches Vertrauen an. Er konnte alles, er konnte alles gerade biegen und an seinen großen gütigen Händen fühlte ich mich geborgen. Meine Mutter, eine fröhliche, sehr ordentliche, immer sich und die Wohnung adrett haltende Frau, die meinen Vater heiß und innig liebte, ließ mir, obwohl natürlich auch besorgt, doch etwas mehr Freiraum. Sie bog vieles vor Vater gerade, manchmal erzählte sie auch nicht all meinen Unfug, vielleicht um ihn auch nicht damit zu belasten. Ich weiß nicht, ob ich ein einfaches Kind war, in jedem Falle war ich abenteuerlustig und neugierig und das ist auch später so geblieben. Wo, so frage ich heute steht, das Kinder einfach sein müssen?

Das war unser Haus und das waren unsere Mitbewohner. Hier lebte ich in meiner Kindheit und hier erlebte ich einige spannende Abenteuer.

 
   

 

 

 

 

 

 

 

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