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Heiße Dokumente
Eines Tages streifte ich mit Fridolin durch die neben unserem Haus gelegene Ruine. Es wurde schon langsam dunkel und es dauerte nicht mehr lange und wir mußten nach Hause gehen. Während unser Haus das Glück hatte den Krieg unbeschadet zu überstehen, hatte es unser Nachbarhaus und auch das Haus schräg gegenüber schwer getroffen. Ich wußte von
Vater, daß eine Phosphor-Brandbombe ein Inferno verursacht hatte, das Menschen im Luftschutzkeller eingeschlossen gewesen waren und das sie nur unter großen Mühen geborgen werden konnten. Auch Tote hatte es gegeben. Es war erstaunlich unser Haus und das übernächste Haus waren völlig unbeschädigt, aber das Haus dazwischen war nicht zu reparieren.
Die großen Fensterhöhlen schauten traurig auf die Straße und wirkten wie Zahnlücken in einem ungepflegten Mund. Man hatte die meisten losen Teile gesichert und der Fußboden im Erdgeschoß war von einem gigantischen Schutthaufen bedeckt. Natürlich war es verboten Ruinen zu betreten, es war ja auch sehr gefährlich. Jeden Augenblick konnte einem noch
etwas auf den Kopf fallen oder es konnte sich ein Loch im Boden öffnen und man konnte in den Keller fallen. In dieser Ruine gab es allerdings einen Trampelpfad der von der Straße über den Schutthaufen in den Hinterhof und von da in den Keller führte. Die Decke war eingestürzt und man konnte in die einzelnen Gänge und Abteilungen schauen. Es lag
fiel Unrat herum, aber manchmal nutzen Wohnungslose oder Herumtreiber oder Alkoholiker die Ecken, machten sich ein Feuerchen oder tranken einen billigen Schnaps.
Fridolin und ich hatten uns eben in eine stille Ecke hinter einem großen Pfeiler gesetzt und wollten Zigarettenbilder mit amerikanischen Autos anschauen, als wir Schritte hörten. Wir lugten vorsichtig um die Ecke, denn es konnte entweder Alfons sein der Fridolin suchte, ein Polizist auf Streife, der nach dem rechten sehen wollte oder eben ein
Herumtreiber. Wir sahen einen dünnen Mann, den Hut tief ins Gesicht gezogen, den Mantelkragen hochgeschlagen, der mit einem Paket unter dem Arm hastig über den Trümmerhaufen lief und dann die Stufen zu den zerstörten Kellern hinabstieg. „Das ist Dünnbier“, flüsterte Fridolin. Ich war nicht sicher, ich hatte Dünnbier noch nie wrklich gesehen.
Entweder von oben, vom Balkon, oder von unten, wenn er hastig die Treppe hochlief, doch nie sein Gesicht. Sollte er das wirklich sein? Irgendwie war er mir unheimlich. Fridolin auch. Der Mann war immer hastig, wie auf der Flucht, grüßte nie und verbarg stets sein Gesicht. Obwohl wir ein wenig Angst hatten krochen wir wie Indianer über den
Schutthaufen und robbten auf den Rand der Keller zu. Wir vermieden jedes Geräusch, bis wir am Rand der offenen Kellerdecke angekommen waren. Das war nicht ungefährlich, den der Schutthaufen brach plötzlich ab und konnte jeden Moment nachrutschen. Was würde geschehen, wenn wir in den Keller stürzen würden. Dann sahen wir den Mann. Er hockte, mit dem
Rücken zu uns, auf dem Boden und hackte ein Loch in den morschen Kellerboden. Neben ihm lag das Paket. Er arbeitete angestrengt und bemerkte uns nicht. Schwarzen Dreck holte er aus dem Loch vor ihm und, wir konnten es ja nicht sehen, es schien immer tiefer zu werden, denn Erd- und Dreckhaufen wurde immer höher. Nun war er schon bestimmt 60 cm hoch.
Der Mann richtete sich auf und nahm kurz seinen Hut ab. Wir sahen dünnes, graues Haar, das stränig sich im Nacken kräuselte. Dann setze er den Hut wieder auf. Nun war es schon fast so dunkel, daß man nichts mehr erkennen konnte und wir sahen nur schemenhaft, wie Dünnbier, wenn er es denn war, das Paket in das Loch steckte und begann Erde und Steine
wieder darüber zu schaufeln. Gleich würde er fertig sein. Wir mußten den Rückzug antreten, was wir auch umgehend taten. Außerdem hatten wir bei Dunkelheit zu Hause zu sein. Vor Fridolins Wohnung verabredeten wir, der Sache morgen auf den Grund zu gehen. Als ich eben in unsere Wohnung gehen wollte ging unten die Haustür auf und jemand kam eilig die
Treppe hoch. Ich schloß schnell unsere Wohnungstür und schaute nur durch einen winzigen Spalt: Da kam er. Es war Dünnbier, der Mann der unter dem Dach wohnte.
Gleich nach der Schule trafen wir uns am Fahrstuhl. Fridolin hatte eine Ascheschaufel von seiner Mutter mitgebracht. Wir achteten darauf das uns niemand sah und kletterten schnell über den Trümmerhaufen und stiegen in den dahintergelegenen Trümmerkeller hinab. Jetzt bei Tageslicht konnte man kaum sehen, daß gestern hier gegraben worden war. Wir
hatten mächtigen Bammel, schließlich konnte uns Dünnbier jeden Moment überraschen. Aber wir hofften darauf, daß er das Tageslicht scheute. Und so gruben wir schnell die Erde und die Steine wieder aus und fanden auch bald das Paket. Jetzt bekamen wir doch etwas Angst. Schnell machten wir das Loch wieder zu und richteten die Ecke wieder her, wie sie
zuvor gewesen war. Dann stiegen wir schnell aus dem Keller, gingen aber nicht über den Trümmerhaufen zurück sondern zwängten uns durch ein Loch in einer Mauer um so in unseren Hof zu gelangen. Klabautzke war nicht zu Hause und auch Martha machte Besorgungen und so gingen wir zu Fridolin in die Wohnung. Ich schnitt mit einem Küchenmesser die Schnur
auf und Fridolin entfernte das braune Packpapier. Ein alter Schukarton kam zum Vorschein. Er roch muffig und war noch einmal mit Schnur verschlossen. Nachdem auch diese Schnur entfernt war öffneten wir mit klopfenden Herzen den Deckel. Wir staunten nicht schlecht: Der ganze Karton war voll mit runden Schoka-ko-la Blechdosen. Fridolin nahm eine Dose
aus dem Karton und öffnete sie. Donnerwetter ! Damit hatten wir nun wirklich nicht gerechnet. Sie enthielt Schmuck. Diamanten, Brillianten, Ringe, Ohrclips und Broschen. Wir waren sprachlos. Auch die anderen Dosen enthielten Schmuck. Perlenketten, Armreifen, Anhänger, Goldketten. Als wir alle Dosen aus dem Karton genommen hatten kam noch ein dicker
Briefumschlag hervor. Er enthielt irgendwelche amtlichen Schreiben, die wir nicht verstanden. Schnell packten wir wieder alles ein. Wohin nun mit dem Schatz ?
„Das darf nicht mein Vater sehen“, sagte Fridolin, „er kauft der Friesecke den ganzen Laden leer, alle Bier und Schnaps-flaschen“. „Ob der Dünnbier einen Juwelier überfallen hat“, fragte ich, aber ich hatte noch nie einen Juwelier gesehen, der eine so üppige Auslage hatte. Jedenfalls nicht in unserer Gegend. „Wir müssen Zeit gewinnen und es
verstecken !“ Aber wo. Bei Fridolin war es nicht sicher, aber auch mir war es unheimlich, den Karton mit in unsere Wohnung zu nehmen. Aber schließlich einigten wir uns darauf, daß ich ihn unter meinem Schrank verstecken sollte. Wir wollten erst beratschlagen was wir endgültig unternehmen wollten. Eins war ganz klar, Fridolin noch mehr als mir, mit
einem von den Klabautzkes konnten wir nicht reden. Aber mein Vater kam erst sehr spät nach Haus. Sollten wir mit meiner Mutter reden ? Sie hatte jetzt soviel um die Ohren, sie kümmerte sich um Prof. Lampes Wohnung der einige Tage verreist war, sammelte Geld für das Müttergenesungswerk und backte Kuchen für unser Schulfest in der nächsten Woche. Sie
hatte sicher gar keine Zeit und Ohren für diese Dinge. Wir dachten daran, daß Dünnbier, wenn es sein rechtmäßiger Schmuck war, ihn nicht zu vergraben brauchte. Sollten wir zur Polizei gehen ? Klar war auch, daß wer den Schmuck besaß, sehr reich sein würde. Klabautzkes konnten ihn gut gebrauchen, nicht das er Martha gut stünde, wenn sie ihn trüge,
aber sie brauchte vielleicht nicht mehr putzen gehen. Carmen bräuchte nicht jede nacht ihre Freunde zu wechseln, Carola nicht in der Bäckerei fegen und Waldemar ein Auto kaufen statt welche zu klauen. Alfons könnte vielleicht irgendwas vernüftiges anfangen, wenn uns auch nicht einfiel was. Auch mein Vater würde ihn gut gebrauchen können, er könnte
sich ein Motorrad kaufen, vielleicht sogar ein Auto, damit er nicht mehr mit der S-Bahn zum Krankenhaus fahren müßte. Fridolin wollte gern Hudora-Rollschuhe haben und ich eine Cowboy-Ausrüstung. Was also tun ?
Wir wollten die Sache auf morgen vertagen und gingen vorerst spielen. Wir warfen den Ball über die Straße, so daß er vom gegenüberliegenden Bordstein zurückprallte. Auf wessen Hälfte, von der Mitte der Fahrbahn er fiel, der bekam einen Punkt. Bevor es dunkel wurde verabredeten wir äußerste Verschwiegenheit – Ehrenwort.
Am nächsten Tag beschlossen wir doch mit meinem Vater zu sprechen. Wir fädelten es so ein, daß Fridolin bei uns oben spielte und später auch zum Abendbrot blieb. Martha brummte ihr Einverständnis und wir tuschelten den ganzen Nachmittag und Abend geheimnisvoll. Meiner Mutter fiel das natürlich auf. Als sie kurz zu Emma Friesecke hinabging um noch
etwas zu besorgen, schauten wir schnell noch einmal in den Karton. Als wir sie nach dem Abendbrot baten auf Vater warten zu dürfen, wurde sie sehr neugierig. Vater kam spät aber nicht zu spät. Mutter hatte noch einmal zu Martha in den Hof gerufen, daß „es schon in Ordnung ginge...“ und als sich dann Vaters Schlüssel im Schloß drehten, konnten wir
nicht mehr still sitzen. „Papa, wir müssen dich sprechen, sofort“, rief ich ihm entgegen. „Na, villeicht darf ich mir doch erst mal die Schuhe wechseln, Hände waschen und was essen“; fragte er amüsiert. „Ja, schon“, wir wichen nicht von seiner Seite. Als Mutter ihm den Teller mit Michnudeln und Zimt hinstellte, er die ersten Löffel gegessen hatte,
schaute er uns an und fragte: „Nun, wo brennts denn ?“
Natürlich begannen wir zugleich zu erzählen und es ging alles etwas durcheinander. Es kostete ja auch Überwindung zugeben zu müssen, daß wir verbotenerweise in der Ruine gewesen waren. Als wir fertig waren schaute er uns lange an, dann sagte er:“Donnerwetter!“ und noch einmal „Donnerwetter!“ Wir holten den Karton und stellten ihn auf den Tisch.
Mutter fiel von einem „Ooh und aah“ ins andere. „Ist das schön“, sagte sie und steckte sich einen der Ringe an die Hand. „“Laß das“, sagte Vater ziemlich rauh. „Kinder da habt ihr eine ganz außerordentliche Entdeckung gemacht. Wir dürfen das nicht behalten, moment mal....“ er hatte die Dokumente entdeckte. Er las längere Zeit und sagte wiederholt
„Donnerwetter!“ Fridolin und ich schauten uns an. „Also“ sagte er nach einer Weile, „daß ihr in der Ruine wart, will ich dieses Mal vergessen. Der Dünnbier ist ein ganz schlimmer Finger. Was hier auf dem Tisch steht ist sehr, sehr viel wert, hunderttausende von Mark. Das hat er alles geklaut, Juden hat er das geklaut, ebenso die Dokumente, die
gehören alle Juden. Hoffentlich hat euch der Mann nicht gesehen, der kann bestimmt sehr gefährlich werden. Wir sollten morgen gleich zur Polizei gehen. Gleich nachdem ihr aus der Schule kommt. Ich nehme mir frei und komme früher nach Hause.“ Mutter und ich glaubten nicht richtig zu hören, Vaters sich frei nehmen ? Das hatte er noch nie getan, nicht
mal an Mutters Geburtstag oder am Hochzeitstag. Fridolin sollte jetzt nach Hause gehen und wir verabredeten nichts und niemandem etwas zu sagen. Vater brachte Fridolin sogar persönlich nach unten.
Aber es kam anders. Klabautzke war mißtrauisch geworden, er schien immer mißtrauisch zu sein, weil Fridolin solange bei uns gewesen war. Das wir nur gespielt hätten wollte er nicht glauben und er hatte Fridolin gleich einige Schellen gegeben. Als Fridolin darauf heulte und sich in Widersprüche verwickelte, bohrte er gleich nach und es gab noch
einige Backpfeifen mehr. Aber Fridolin rückte nicht mit der Sprache heraus. Da griff er ihn am Schlafittchen und schleifte ihn die Treppe zu uns hoch. Er klingelte gleich Sturm: „Also Herr Doktor“; ranzte er meinen Vater an, „wat is nu mit meim Fridolin ? Der druckst rum und sacht nischt, nu mal raus mit der Sprache...“ Ich merkte wie Vater
aufstöhnte aber Klabautzke ins Wohnzimmer bat. „Herr Klabautzke bitte bleiben Sie ganz ruhig, wir werden morgen zur Polizei gehen. Ihr Sohn ist ein großartiger Junge, sie können stolz auf ihn sein.“ „So?“ Klabautzke schaute seinen Nachwuchs an, als ob er ihn zum ersten Mal sah. „Der kriegt ne Ohrfeige wenn er nicht die Wahrheit sagt.“
„Die Wahrheit, Herr Klaubautzke, ist, daß die Kinder einen entsetzlichen Fund gemacht haben.“ Vater stellte den Karton auf den Tisch. „Das alles ist gestohlen, jüdischen Mitbürgern, es ist eine Schweinerei...“ Vater klappte den Deckel auf und öffnete die Schoka-ko-la Dosen. Klabautzke fielen fast die Augen raus, so was hatte er auch noch nicht
gesehen. „Mensch, das könnten wir teilen“ grunzte er. „Nein“, können wir nicht, Vaters Stimme bekam einen stahlharten Klang, „dann wären wir nicht besser als Dünnbier, wir gehen morgen zur Polizei!“ Klabautzke setzte sich und war ganz still. Nach einer Weile sagte er: „Sie haben recht Doktor, es ist eine Schweinerei, der Dünnbier isn Schwein, den
wer ick mir jleich ma vorknöppen....“ Vater verschärfte seine Stimme: „Das werden sie nicht Herr Klabautzke, das ist Selbstjustiz, überlassen sie das der Kripo.“ Klabautzke schnappte nach Luft. Dann sackte er in sich zusammen, „hamse mal nen Bier, Doktor?“ Vater gab ihm eins und ich wußte gleich, er würde nie ein zweites rausrücken. Fridolin und
ich grinsten uns an. Vater lobte uns noch ein bißchen und besonders Fridolin. Klabautzke schaute seinen Sohn an, fast ein wenig stolz, und sagte dann allen ernstes: „Dat freut mir, det meene Erziejung Früchte trägt...“
Wir hatten alle Mühe ernst zu bleiben.
Am nächsten Tag gingen wir alle zur Polizei. Klabautzke wollte natürlich mit und hatte sich sogar richtig angezogen. Er riß auch gleich die Klappe auf und sagte zu dem Polizisten auf der Wache. „Also wir ham hier wat jefunden...“ Vater unterbrach ihn nicht sagte aber in die entstehende Pause: „Wir würden gerne mit ihrem Leitenden Kriminalkommissar
sprechen, die Angelegenheit ist äußerst wichtig.“ Der Beamte erhob sich und sagte an Klabautzke vorbei: „Bitte folgen Sie mir!“ Kommissar Becker war groß und breitschultrig, mit offenem freundlichem Gesicht. Er hörte sich die ganze Geschichte an ohne zu unterbrechen. Vater hatte alles in Kurzform geschildert, nun aber forderte Becker Fridolin und
mich auf alles mit unseren Worten zu erzählen. Seine Miene verriet nicht was er dachte. Als wir fertig waren pfiff er durch die Zähne. „Na zeigt mal eure Kiste her...“. Er schaute sich alles gründlich an, besonders aber die Dokumente. Er schaute meinen Vater und Klabautzke an. „Der heißt bestimmt nicht Dünnbier, kommt mal mit. Wir gingen alle in
den Keller. Er öffneten verschiedene Rollschränke und zeigte uns schließlich einen Stapel Fotos. Langsam blätterte er sie durch. Es gab da die merkwürdigsten Gesichter, aber keiner sah so aus wie Dünnbier. Wir waren fast am Ende, da sagte Klabautzke: „Zwee zurück, wenns jeht!“ Kommissar Becker zog das Foto hervor. Das war nicht Dünnbier. „Det issa“,
sagte Alfons. Vater nahm das Foto und schaute ebenfalls lange drauf. „Kinder“, er hielt es uns hin „das ist Dünnbier!“ Das konnte doch nicht sein, der Mann war blond, mit kurzen Haaren, Oberlippenbart und in Uniform. „Er ist es“, sagte Fridolin, „ich habe ihn nur einmal von vorn gesehen, aber er ist es!“
Kommissar Becker drehte das Foto um und sagte „Aha 1641!“ Dann ging er an einen anderen Schrank und und holte einen schwarzen Ordner mit der Nummer 1641. „Karl Oberhofer“ stand darauf. Becker blätterte darin und sagte: „Seine Mutter war eine geborene Dünnbier, aha! Er war Mitglied der SS und Lagerverwalter in Mauthausen. Er ist 1945 untergetaucht
und wird seit 14 Jahren mit internationalem Haftbefehl gesucht. All das Zeug hier hat er Juden geklaut, hat sie mit falschen Versprechungen genötigt ihm die Dokumente und den Schmuck auszuhändigen. Ob von denen noch einer lebt ist fraglich. Das ist ein Fang, Donnerwetter. Hat er Verdacht geschöpft?“ Wir verneinten. Klabautzke fragte: „Jibs da ne
Belohnung?“ „Ja, die gibt es,“ sagte Kommissar Becker scharf, „die steht rechtmäßig den Jungs, je zur Hälfte, zu.“ Er sagte aber nicht wieviel. Er schaute uns an. Klabautzke verschluckte sich und wagte offensichtlich nicht zu fragen.
Kommissar Becker wollte uns nicht nach Hause schicken, er war besorgt, daß wir uns irgendwie verrieten. „Der Ober-hofer/Dünnbier ist ziemlich schlau“ sagte er, „er soll uns nicht durch die Lappen gehen. Wir gehen gemeinsam.“ Es dauerte 20 Minuten bis 2 Funkwagen im Hof standen. Wir gingen hinunter und der Kommissar, Fridolin und ich stiegen in den
ersten Wagen, in dem bereits ein Polizist saß. Vater und Klabautzke stiegen in den anderen mit 2 Polizisten besetzen Wagen. Nun ging es los. Das war natürlich sehr spannend und Fridolin und ich waren mächtig aufgeregt. Wir fuhren allerdings ohne Blaulicht. Und hielten nicht in unserer Straße, sondern in der nächsten Querstraße. Als wir in unserem
Haus waren schaute uns Kommissar Becker der Reihe nach an: „Ich weiß, es ist spannend für jeden, speziell für euch Kinder, aber ich kann nicht erlauben, daß ihr mit hochkommt. Der Mann kann sehr gefährlich sein. Ich schlage vor Sie bleiben alle hier unten, vielleicht am Fahrstuhl. Dann sieht es eher wie Zufall aus, wenn wir ihn verhaftet haben und
die Treppe herunterkommen.“
Wir stellten uns in und neben den Fahrstuhl, während Becker und die 3 Polizisten nach oben stiegen. Wir hörten wie sie an Dünnbiers Tür klopften und wie Becker rief „Aufmachen! Sofort Aufmachen! Polizei!“ Das wiederholte sich noch einige Male, dann hörten wir gewaltiges Rumpeln und die Tür auffliegen. Kurz darauf kam mit einem Polizisten runter. „
Er ist nicht da, die Kollegen bleiben oben, wir fahren die Autos noch weiter weg, und dann postieren wir uns hier.“ Nach kurzer Zeit war Becker zurück. „ Der Kollege steht im Hausflur auf der anderen Seite, können wir in Ihre Wohnung gehen, Herr Klabautzke?“ Klabautzke platzte fast vor Stolz, erstmals war die Polizei in seiner Wohnung nicht
seinetwegen oder wegen waldemar. „Natürlich, bitte.“ Wir postierten uns hinter der Tür und am Fenster hinter den Gardinen. „Jetzt heißt es Geduld haben und warten“, sagte Becker. Und das taten wir denn auch. Becker erzählte einige Geschichten aus seinem Revier und vorallem was Oberhofer/Dünnbier für ein schrecklicher Mensch war. Er hatte Juden an
der Rampe selektiert und den „Verwendungsfähigen“ falsche Versprechungen gemacht. Er hatte ihnen die Freiheit und zumindest Erleichterungen von der harten Arbeit im KZ versprochen. Dafür hatten sie ihm ihren Schmuck und ihre Besitzurkunden gegeben. Er hatte in seinem Karton Urkunden von Mietshäuser, Geschäften und Villen. Wahrscheinlich wartete er
nur auf einen günstigen Moment um alle diese Eigentümer für sich zu reklamieren. Klabautzke holte sich ein Bier und bot Vater und Becker auch eins an. Beide lehnten dankend ab. „Bin im Dienst, sagte Becker. Vater, der an der Gardine stand sagte plötzlich: „Achtung, er kommt!“
Becker stand auf und trat hinter die Wohnungstür. Wir waren ganz still. Wir hörten die Haustür und dann Dünnbiers hastige Schritte. Er nahm nie den Fahrstuhl. Als er vorbei war öffnete Becker vorsichtig die Tür und zog seine Pistole. Jetzt mußte Dünnbier oben sein. Dan hörte man Schreie und Schläge und plötzlich rumpelte das ganze Treppenhaus.
Dünnbier kam mit großen Sprüngen die Treppe herunter. Becker trat aus der Tür und hob die Pistole. Dünnbier hob die Hände und blieb atemlos stehen. „Sie sind verhaftet, Herr Oberhofer, ergeben Sie sich“. Becker hielt ihn in Schach und nun kam auch ein Polizist von oben runter. „Der Kollege Friedrich ist verletzt“ sagte er. Er zog seine Handschellen
heraus. Da duckte sich Oberhofer trat dem Polizisten so kräftig in den Unterleib, daß der nach hinten fiel und gegen Becker stürzte. Der strauchelte und Oberhofer machte einen gewaltigen Satz die Marmorstufen runter zur Haustür. Doch so weit kam er nicht. Klabautzke, der filzlatschige Klabautzke hatte sein Bein vorgstreckt. Oberhofer stürzte die
Stufen hinunter, Klabautzke hinterher, Oberhofer wollte sich eben aufrappeln, da traf ihn Klabautzkes Faust im Genick. So gewaltig war der Schlag, daß er wie tot auf den Boden fiel. „Hoffentlich haben sie ihn nicht umgebracht Klabautze“ sagte Becker und legte Oberhofer die Handschellen an.
Vater schaute sich Oberhofer an und sagte: „Der kommt gleich zu sich, ich schaue derweil mal nach ihren Kollegen, Herr Becker!“ Er half dem Polizisten auf die Beine, der sich immer noch den Bauch hielt und ging dann nach oben. Der Polizist kam ihm aber schon entgegen. Er hatte eine Kopfplatzwunde, die heftig blutete, aber nicht weiter schlimm war.
Vater verarztete ihn gleich in unserer Küche.
Oberhofer war inzwischen zu sich gekommen und schaute uns alle haßerfüllt an. Doch irgendwie schien er noch überheblich und arrogant. „Ich verlange meinen Anwalt, sofort“, schnarrte er. „Natürlich“, Herr Oberhofer, „auf der Wache. Aber erst erklären sie mir mal den Inhalt Ihres Kartons !“ Ich sah Oberhofer an. Auch Fridolin und Klabautzke schauten
ihn beim dem Wort Karton an. Alle Farbe wich aus Oberhofer’s Gesicht. „Karton?“ fragte er schwach. „Ja, natürlich, der von Ihnen vergrabene Karton mit dem Schmuck und den Dokumenten, Herr Oberhofer!“ Becker sagte das ganz sachlich. Da sackte Oberhofer förmlich in sich zusammen. Ein Polizist hatte den, um die Ecke geparkten, Funkwagen geholt und
Oberhofer wurde verfrachtet. Links und rechts saßen je ein Polizist. Becker lenkte.
Wochen später bekamen Fridolin und ich einen Brief vom Polizeipräsidium. Wir sollten zur Übergabe der ausgesetzen Belohnung erscheinen. Bei Minderjährigen in Begleitung ihrer Eltern. Wir fuhren mit der Straßenbahn hin Klabautzke und Fridolin und mein Vater und ich. Wir bekamen je 1000.- Mark, eine ungeheuer hohe Summe. Kommissar Becker war auch da
und schenkte Fridolin und mir je einen Karton mit einer Detektivausrüstung. Wir waren selig. Vater legte mir ein Postsparbuch an und mein Geld wurde darauf eingetragen. Was Fridolin und Klabautzke mit dem Geld machten weiß ich nicht mehr. Monate später war der Prozeß. Vater las mir aus der Zeitung vor, daß „gestern der berüchtigte und lange
gesuchte Nazi-Verbrecher Karl Oberhofer, nach einem Hinweis aus der Bevölkerung, in einem einwöchigen Prozeß zu 12 Jahren Zuchthaus wegen Mordes, Diebstahls, Unterschlagung etc. verurteilt wurde.“ Vater und Mutter gratulierten mir noch einmal, schärften mir allerdings auch ein, nun wirklich nicht mehr in der Ruine herumzustöbern. Klabautzke ging
wochenlang durch die Gegend und erzählte jedem der es hören wollte oder auch nicht, daß „er den Oberhofer gefangen und überwältigt hatte...“ Fridolin und ich spielten derweil voller Begeisterung mit unseren neuen Detektivkästen, die alles enthielten was man braucht um Verbrechen aufzuklären: Zentimetermaß, Bleistift, Kreide, Notizblock,
Markierungs-fähnchen, Handschuhe, Spezialtinte für Fingerabdrücke und das Beste -- die Lupe.
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