Marxismus
Als Marxismus wird der Inhalt der Schriften von Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) bezeichnet. Die Interpretation der Inhalte, ihre Einordnung, die Gewichtung einzelner Teile ist stark von der philosophischen und politischen Position des jeweiligen Betrachters abhängig.
Inhaltsverzeichnis
1 Das marxistische Geschichtsbild 2 Die marxistischen Schlußfolgerungen für die Geschichte
3 Geschichtliche Auswirkungen des Marxismus 4 Marxismus
4.1 Wissenschaftlicher Sozialismus 4.2 Wissenschaftstheorie
4.3 Geschichte marxistischer Bewegungen/Organisationen 4.4 Ökonomisches
4.5 Philosophie 4.6 Historischer Materialismus
Das marxistische Geschichtsbild
Das kulturelle und geistige Sein einer Gesellschaft wird in letzter Instanz von ihren wirtschaftlichen Grundlagen und Arbeitsweisen bestimmt wird. Laut Marx ist die Geschichte eine »Geschichte von Klassenkämpfen. Aus einer anfangs [[egalitär|egalitären], klassenlosen Gesellschaft bildet sich durch Überschußproduktion
Privateigentum heraus. Dies ist die Voraussetzung für die Entstehung von Klassen. Die antagonistischen Interessenkonflikte zwischen den Klassen äußern sich im Klassenkampf. Dieser bildet den Motor für die geschichtliche Entwicklung, die über verschiedene Gesellschaftsformen mit jeweils anderen Produktionsweisen später wieder zu einer klassenlosen
(industrialisierten) Gesellschaft (Kommunismus) führt. Das
marxistische Geschichtsbild ist ein dialektisches. Die
marxistischen Schlußfolgerungen für die Geschichte Nach marxistischer Ansicht wird das heutige ökonomische System, der Kapitalismus als Wirtschafts- und Herrschaftssystem untergehen, wenn die unterdrückte
Klasse, das Proletariat die ökonomische und politische Macht übernimmt. Diese Diktatur des Proletariats, welche die "Diktatur des Kapitals" ablöst ist die Übergangsphase zum Kommunismus, der klassenlosen Gesellschaft.
Geschichtliche Auswirkungen des Marxismus
Der Marxismus beeinflußte in hohem Maße die Arbeiterbewegung sowie die sozialistische Ideologie, für welche er ein theoretisches Fundament lieferte, aber ebenso die Idee, das bestehende System nicht als "von Gott" oder "der Natur" gegeben hinnehmen zu müssen.
Als Folge darauf entstand zum Beispiel der Marxismus-Leninismus, welcher die Überwerfung der herrschenden Klasse in einer Revolution propagierte, sowie
dessen Tochterideologien Trotzkismus und Stalinismus, während reformistisch Denkende wie etwa die Sozialdemokratie die Meinung vertrat, das bestehende System durch Reformen verändern zu können.
Marxismus Unter Marxismus wird eine politische und/oder wissenschaftliche Theorie verstanden, die sich direkt auf Karl Marx und Friedrich Engels bezieht.
Während Marx selbst kein "Marxist" sein wollte, entwickelte sich tatsächlich unter diesem Begriff schon zu seinen Lebzeiten eine diesbezüglich orientierte Gruppierung von Sozialisten und Sozialistinnen, die um die Jahrhundertwende allerdings inhaltlich schon weit auseinander differenziert war. Mit der Russischen Revolution entstanden dann mit dem
Marxismus-Leninismus Konzepte politischer Herrschaft, die von vielen als mit der marxschen "Klassenlosen Gesellschaft" als unvereinbar eingeschätzt wurden.
Marx und Engels waren im 19. Jahrhundert bedeutende Theoretiker (und Praktiker) der Arbeiterbewegung. Sie sind die Verfasser des "Kommunistischen Manifests", das sie im Auftrag des Bundes der Kommunisten 1845 vorlegten. Ihre Arbeit stützten sie philosophisch auf die Dialektik Hegels - dessen
philosophischen Idealismus sie allerdings scharf kritisierten und den sie deshalb "vom Kopf auf die Füße stellten" - und den (undialektischen) Materialismus Feuerbachs.
Wissenschaftlicher Sozialismus Ihr Bestreben war, den Begriff des "Sozialismus" bzw. "Kommunismus" wissenschaftlich zu fundieren, um sich gegen Ansätze des
Frühsozialismus bzw. "Utopischen Sozialismus" abzugrenzen, deren Vertretern sie vorwarfen, sie wollten ihre politischen Utopien direkt in die Tat umsetzen, ohne hinreichende gesellschaftliche Bedingungen vorzufinden. Marx/ Engels sprachen zwar hinsichtlich ihrer Arbeit auch vom "Wissenschaftlichen Sozialismus", verstanden unter dem seinerzeit
geläufigen Begriff aber keine dogmatische Lehre, sondern die Analyse der Bewegungsgesetze von Gesellschaftsformationen in Hinblick auf die klassenlose Gesellschaft. Die Grundlage für ihren wissenschaftlichen Sozialismus formulierten sie 1844 in der Schrift "Die Deutsche Ideologie", die auch ihrem eigenen Selbstverständnis dienen sollte und erst 1932
publiziert worden ist. Engels hat allerdings in seinen Spätwerken direkter auf den Wissenschaftlichen Sozialismus Bezug genommen.
Wissenschaftstheorie Wissenschaftstheoretisch ging es seinerzeit wesentlich um zwei Punkte: Erstens galt es, dem im 19. Jahrhundert allein geltenden
Grundsatz von der Schöpfung der Welt durch Gott eine materialistische Weltsicht gegenüber zu stellen, bei der die Welt aus sich selbst heraus erklärbar ist. Im Bereich der Naturwissenschaft hat ja - unabhängig von Marx und Engels - gleichzeitig ganz wesentlich Charles Darwin mit seiner Entwicklungsgeschichte der biologischen Arten eine solche Weltsicht
durchgesetzt. Zweitens wurde versucht, die Gesellschaftswissenschaften an die Erfolgsgeschichte der Naturwissenschaften anzubinden und die gesellschaftlichen Prozesse theoretisch im Gesamtzusammenhang der Welt - als "Totalität" (Hegel) - erfassen zu können; Marx zitiert selbst eine Rezension zustimmend, in der soziale Organismen als der Biologie
analoge Erscheinungen für die jeweilige Epoche besprochen werden (nicht nur der zu Physik und Chemie, wie ältere Ansätze, und ohne die heutige (!) Vorstellung bestimmter Systemtheorie).
Geschichte marxistischer Bewegungen/Organisationen Marx und Engels waren intensiv auch in die Entwicklung der internationalen Sozialdemokratie eingebunden,
die sich lange als Partei des Marxismus und des Wissenschaftlichen Sozialismus verstand. Hier wurde um die Wende zum 20. Jahrhundert herum der Marxismus als theoretisches Lehrgebäude betrachtet, dem allerdings in der Praxis keine Bedeutung zukomme. Vollends verlor der Marxismus seinen wissenschaftlichen Gehalt dann unter Lenin und Stalin bei der
Entstehung der Sowjetunion und später den osteuropäischen Satellitenstaaten. Unter Stalin (Über Dialektischen und Historischen Materialismus) pervertierte der Marxismus völlig zu einer Rechtfertigungsdoktrin totalitärer Herrschaft.
Es gab aber auch die Weiterentwicklung des Marxismus im Sinne von Marx, durch wissenschaftliche Analyse der sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen. Unter diesen
*linken* Vertretern des Marxismus sind Rosa Luxemburg und Antonio Gramsci besonders hervorzuheben.
Während die SPD nach dem 2. Weltkrieg 1959 die letzten Reste marxistischer Anschauung mit ihrem Godesberger Programm ablegte, kam es in der Bundesrepublik durch die Studentenbewegung (68er) zu einer neomarxistischen Renaissance. Im wesentlichen lassen sich zwei Strömungen erkennen: eine undogmatisch
freiheitliche Vorstellung (insbesondere bei Teilen der Jungsozialisten in der SPD und dem Sozialistischen Büro, Offenbach) und einen Block verschiedener marxistisch-leninistischer Gruppen und kleiner Kaderparteien, die sich jeweils einem realsozialistischen Vorbild zuordneten (China, Albanien). Dazu gehörte nach dem Verbot der Kommunistischen Partei
Deutschlands (KPD) in der Bundesrepublik deren Nachfolge-Partei Deutsche Kommunistische Partei (DKP; in Westberlin SEW), die sich an der Sowjetunion (UdSSR) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) orientierte.
Aus den verschiedenen marxistischen Strömungen und (zumeist studentischen) Gruppen sind vielfältige wissenschaftliche Arbeiten und spezielle Richtungen marxistischer
Wissenschaft hervorgegangen, deren primäres Interesse es oft war, die "bürgerliche Wissenschaft" zu "entlarven". In vielen Bereichen haben jedoch die Vorstellungen eines kritischen Marxismus heute im Alltag und den Wissenschaften Eingang gefunden, ohne daß in Deutschland (nach der Auflösung der DDR) sich spezielle marxistische Wissenschaften als solche
erhalten haben. Nach dem Umbruch von 1990 versuchen nun
Marxisten in der ganzen Welt, die Fehler des Realsozialismus zu analysieren und damit den Marxismus zu erneuern. Bisher sind folgende wesentliche Fehler analysiert:
1. Der Kapitalismus war nicht weit genug entwickelt, die neue Gesellschaft *im Schoße der Alten* (Marx) nicht genug ausgebildet.
2. Die Revolution erfolgte nicht in den fortgeschrittensten Länder, sondern im rückständigen Rußland.
3. Es erfolgte keine Vergesellschaftung der Produktionsmittel (wie von Marx gefordert), sondern nur eine Verstaatlichung.
4. Die Arbeiterklasse ist wohl nicht in der Lage, die bestehenden Verhältnisse umzustürzen (denn längst hat sie mehr *zu verlieren als ihre Ketten* und zahlenmäßig ist sie stark im Schwinden begriffen).
5. Es muß eine revolutionäre Umwälzung stattfinden, was aber nicht gleichbedeutend mit einer Revolution ist.
6. Der Aufbau einer neuen Gesellschaft ist nur auf demokratischer Grundlage möglich.
Ökonomisches
Eine Hauptschrift des Marxismus ist die dreibändige Arbeit "Das Kapital" von Karl Marx, in der die Bewegungsgesetze der kapitalistischen Produktion analysiert werden, bei der aus in Fabriken investiertem Geld durch die Produktion von "Mehrwert" durch die Arbeiter dann "Kapital" und die Wertform der Ware als ökonomische
Zellenform (analog biologischer Körperzelle) in der kapitalistischen Gesellschaft entsteht (s. u.).
Philosophie Philosophisch ist der Marxismus von zwei wesentlichen Begriffen geprägt, von der Dialektik (These > Antithese >> Synthese, bei Hegel) und vom
Materialismus. Im Gegensatz zu einigen der späteren Strömungen sprach Marx nur von "meiner dialektischen Methode" mit der er seine grundlegenden Analysen bewertete, die durchaus "positivistischen" Charakter haben, wenn er von "objektiver" Erkenntnis spricht. Der Materialismus, der Geschichte ohne Gotteseinfluß erklären will, ist bei ihm Analyse, die
dialektisch interpretiert wird. Von "Historischen Materialismus" oder gar von "Dialektischen Materialismus" sprachen Marx und Engels - wenn überhaupt (Engels) - gerade nicht im Sinne eines mechanischen Prozesses. <>
Als Hauptthese kann gelten: "Das gesellschaftliche Sein bestimmt das gesellschaftliche Bewußtsein". Der Mensch werde durch seine Umwelt geprägt, je nachdem ob er beispielsweise
in einer Gemeinschaft von Sammlern und Jägern, in einer Sklavenhaltergesellschaft, im bäuerlichen Absolutismus oder in der bürgerlichen Gesellschaft der beginnenden Industrialisierung Englands lebe. Durch die Prozesse der Arbeit/ Produktion werde die jeweils vorgefundene Umwelt verändert und dadurch verändere sich auch der Mensch selbst wieder usw.
In dieser Anschauung von Dialektik gehört aber zum Sein (Basis) auch die soziale und geistige Umwelt, der zugleich konkret (als Überbau) die kulturellen
Institutionen (Politik, Recht...) gegenüber stehen. Das ist deshalb von großer Bedeutung, weil sonst - wäre die Basis nur bewußtloser Prozeß der Umwelt - die Entwicklung relativ mechanisch und ohne Einflußmöglichkeit durch den Menschen ablaufen würde. Eine solche Interpretation wiederum tendiert dazu, sich in diese Entwicklung politisch abwartend
einzufügen (grob gesagt: Sozialdemokratie) oder - beim Interpretationsmonopol durch eine politische Herrschaft - die Entwicklung diktatorisch vorzugeben, was gerade "richtig" zu tun sei (wie durch "die Partei der Arbeiterklasse" z. B. unter Lenin, Stalin).
Die im "Kapital" angesprochene "dialektische Methode" ist demgegenüber primär Analyse der Möglichkeit und nicht die Formulierung einer gesetzmäßigen
Entwicklung zum Sozialismus. Im Konstrukt "Basis - Überbau" ist die Basis des historischen Prozesses die Arbeit/ Produktion (als Movens) zu der sich der Überbau (zumeist, mehr oder weniger) im Widerspruch befindet. Die Auflösung dieses Widerspruchs z. B. zur politischen Herrschaft (auch Kultur, Recht etc.) kann unter bestimmten Umständen, wenn das Neue
sich im Alten der Basis herausgebildet hat, durch den Klassenkampf realisiert werden. Wenn also z. B. einer bereits entwickelten Industrie, die auf liberale Verhältnisse angewiesen ist, um in eigener Dynamik wachsen zu können, ein absolutistisches Herrschaftssystem auf der Ebene von Befehl und Gehorsam gegenüber stehe, könne sich im - an sich
permanenten - Klassenkampf (im Widerspruch unterschiedlicher Interessen) eine Entscheidung durch eine Revolution anbahnen (Ende offen: "Sozialismus oder Barbarei").
Historischer Materialismus Im genannten Fall - Übergang vom Feudalismus zur bürgerlichen (Industrie-) Gesellschaft - waren die dialektischen Antipoden
(These, Antithese) einerseits Adel und Bauern, andererseits war es aber das liberale Bürgertum, das sich als neue Klasse entwickelte und - zuerst mit Hilfe der Bauern in den Bauernkriegen zu Beginn des 16. JH , im 19. JH dann mit Hilfe des Proletariats - seinen Einfluß im Staatswesen steigerte und schließlich, als das Bürgertum "im Schoße des Alten"
voll entwickelt war, die Fürstenherrschaft ablösen konnte. Im 16. JH hatte sich - vor allem in den Städten - eine der Kaufmannschaft entstammende - Gruppierung herausgebildet, die über große Gewinne im Fernhandel (Fugger, Welser) erste protoindustrielle Fabriken (Manufaktur) einrichten konnte. Im gleichen Prozeß - als zwei Seiten einer Medaille -
entstand eine Gruppe von Fabrik-Arbeitern. Da letztere durch ihre Arbeit mehr Profite erzeugten als der Fabrikherr in diese Produktion investiert hatte, entstand durch diesen "Mehrwert" aus dem eingesetzten Geld dann "Kapital".
Dieser Prozeß, der z.B. in England und Holland früher zum bürgerlichen Staat unter den politisch weitgehend entmachteten Königshäusern führte, relativiert auch die Vorstellung
jener Verlaufsform des Klassenkampfes, dieser sei "immer" unmittelbar mit Leben oder Tod einer der beiden kämpfenden Klassen verbunden, womöglich in der Vorstellung, die unterlegene Klasse solle nach marxistischer Vorstellung durch Tötung ihrer Mitglieder liquidiert werden (analog zur - bürgerlichen - Französischen Revolution). Historisch haben sich
viele Kompromißformen ergeben - aber die Klasse des Feudaladels als politische Herrschaft wurde überwunden, selbst dort, wo bis heute ein Königshaus oberste Repräsentanz einer Demokratie ist. In Rußland, in dem es zur Revolution 1917 kein nennenswertes Proletariat (Fabrik-Arbeiterklasse) als gesellschaftliche Kraft der Demokratie gab, entwickelte sich
nach Auffassung einiger linker Kritikerinnen und Kritiker der Kommunismus sowjetischer Prägung als Diktatur einer Parteien-Bürokratie über die später entstehende Arbeiterklasse.
Marx und Engels gingen deshalb von einer klassenlosen Gesellschaft im sich - nach einer Übergangszeit, dem Sozialismus - entwickelnden Kommunismus aus, weil im Zuge dieses letzten großen dialektischen Zyklus der proletarischen Revolution alle Menschen frei vom Privateigentum an den Produktionsmitteln
seien und zur Assoziation freier gebildeter Individuen würden, die die notwendige Arbeit, die gesellschaftliche Produktion, demokratisch gestalten. |