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Clint Eastwoods anarchistische Filmwelt
Nur selten hat Clint Eastwood sich in der Öffentlichkeit über seine Weltanschauung geäußert. Doch die wenigen Worte, die man von ihm vernehmen konnte, haben es in sich: Die Frage
nach seiner politischen Einstellung beantwortete Clint Eastwood 1997 in einem Playboy-Interview mit „libertär" und lieferte sogleich eine lakonische Definition dieses Begriffs nach: „Jeder
läßt jeden in Ruhe." Seine kritische Haltung gegenüber Macht und Politik bekräftigte er im gleichen Jahr im Parade Magazine anläßlich seines Films Absolute
Power": „Machtmißbrauch ist nicht nur eine Sache von üblen Burschen in anderen Ländern. Das passiert auch in unserem eigenen Land." Er legte nahe, daß jegliche Machtballung
vermieden werden solle, da dies stets zu Mißbrauch verführe. In diesem Zusammenhang kritisierte Eastwood auch das Vorgehen der Bundespolizei gegen die Davidianer-Sekte in Waco, das in einem Massaker gegipfelt hatte. Und in einem Interview mit The American Enterprise wendet er sich gegen den Steuerwahnsinn: „Wen bestrafen Steuern denn? Die
kleinen Leute! Und obwohl Politiker in ihrem Wahlkampf gerne darüber reden, was sie für die Unterprivilegierten und die Armen machen - es sind genau diese Leute, die geschröpft
werden. Zum Beispiel hatten wir in Kalifornien eine schreckliche Abgasverordnung. Wenn dein Auto ein bestimmtes Alter erreicht hatte, konntest du es wegschmeißen. Es konnte Tausende von Dollars kosten, ein
altes Auto wieder befahrbar zu machen. Unerschwinglich für Hausangestellte, Gärtner oder Bauarbeiter. Die Reichen hat das aber nicht gestört. Die kaufen dann halt ein Neues."

Anders als Kollege Ronald Reagan drängte es Clint Eastwood nicht in die Politik. Bis auf eine Ausnahme: Als er 1986 in seinem Wohnort Carmel ein kleines Gebäude in der
Innenstadt erwerben wollte, legte ihm die überregulierte Stadtverwaltung Steine in den Weg. Statt sich auf andere zu verlassen, nahm Eastwood die Sache selbst in die Hand. Er
kandidierte für den Posten des Bürgermeisters und gewann die Wahl mit 72% der Stimmen. Seine zweijährige Amtszeit nutzte er dazu, bürokratische Schikanen abzubauen, stellte sich aber danach nicht mehr zur Wiederwahl. Viele hätten ihn gerne als
Gouverneur oder Senator gesehen, doch Eastwood winkte ab: „Nein, da verwechselt ihr mich mit jemand anderem. Ich interessiere mich nur für meine eigene Gemeinde."
Es scheint, daß Clint Eastwood nicht nur in seinen Filmrollen, sondern auch als Privatmann den selbstbewußten, unabhängigen, individualistischen und lakonischen lonely rider
verkörpert, der nichts mehr hasst, als nach dem Zigarillo anderer zu tanzen. So hat er auch bei allen Filmen, in denen er mitspielte, von Anfang an seine Finger mit im Spiel gehabt, was
Regie, Drehbuch und den Charakter der von ihm selbst gespielten Rolle anging. Auch seine Stunts spielte er fast immer selbst. Und über zwanzig Filme drehte er in Eigenregie. So liegt es nahe, einmal nachzuschauen, ob Eastwoods Weltbild auch in seinem filmischen Werk
angelegt ist.
 Dem amerikanischen
Fernsehpublikum war Eastwood Anfang der Sechziger Jahre durch die Westernserie „Rawhide" bekannt geworden. Dabei lernte er das Filmhandwerk genau kennen, was ihm für
seine spätere Regietätigkeit zugute kam. Doch seinen Durchbruch verdankte er Sergio Leone. Als die Sandalenfilmwelle abgeebbt war, wendete sich Leone dem Western zu. Er dachte an eine
Western-Coverversion des Kurosawa-Films Yojimbo mit einem amerikanischen Hauptdarsteller. Nachdem Leone feststellen mußte, daß er sich Stars wie Henry Fonda nicht leisten konnte, landete das
Script schließlich bei Clint Eastwood. Der war auf Anhieb begeistert. Die Figur des mysteriösen und eigenbrötlerischen Glücksritters und Mannes ohne Namen faszinierte ihn. Für eine Handvoll
Dollar (15.000 $) ließ er sich auf das Italien-Abenteuer ein. Gedreht wurde in der römischen Filmfabrik Cinecittä und in der trostlosen Steppe bei Almeria in Spanien. Sergio Leone profitierte
von Eastwoods Westernkenntnissen, und später bezeichnete Eastwood Leone als einflußreichstes Vorbild für seine eigene Karriere als Regisseur. Das Ergebnis der
hervorragenden Zusammenarbeit unter Mitwirkung des genialen Filmkomponisten Ennio Morricone war der bis dahin meistgesehene italienische Film aller Zeiten und der erste international erfolgreiche
Spaghetti-Western mit dem Titel „Per un pugno di dollarf. Das schrie natürlich nach einem zweiten Film
mit dem autonomen Mann, der nur seine eigenen Interessen verfolgt: Perqualche dollaro in piü. Diesmal erhielt Eastwood schon eine Handvoll Dollar mehr, nämlich 50.000 $, und obendrein noch einen Ferrari dazu. Die Krönung der
Kooperation zwischen Eastwood und Leone war jedoch das Western-Epos ,,// buono, H brutto, il cattivo"
(Deutscher Titel: Zwei glorreiche Halunken}. Als Kulisse der Handlung diente der amerikanische Bürgerkrieg. Doch die drei Haupthelden ergreifen in diesem Konflikt keine Partei, sondern handeln nur aus eigenem Interesse: Es geht um einen
vergrabenen Schatz, die Kriegskasse der Konföderierten. Die Meinung des von Eastwood verkörperten Halunken über den Krieg: „So ein Blödsinn! Die krepieren alle. Und für was?"
Auch dem herrschenden Gesetz schlägt er gerne mal ein Schnippchen: Er liefert einen Banditen ab, kassiert das Kopfgeld und rettet seinem Partner in letzter Sekunde das Leben,
indem er ihm bei der Hinrichtung den Strick durchschießt.
Die Filme von Leone und Eastwood durchbrechen das klar definierte Gut-Böse-Schema des moralinsauren traditionellen Westerns. Die positiven Hauptfiguren sind nicht mehr die
Vertreter des Gesetzes oder vorbildliche Familienväter, sondern Männer, die nach ihrem eigenen Gesetz leben. Durchweg negativ werden lediglich diejenigen gezeichnet, die ein kollektives Gesetz mißbrauchen, um Macht über andere zu erlangen, oder Menschen, die nur in der
Masse stark sind. Im Film Hang em High (1968) spielt Eastwood einen Mann, der nur knapp einem Lynchmob entgeht. Kurzfristig nimmt er einen Marshallposten an, um seine Peiniger zur Rechenschaft zu ziehen. Dabei stellt er fest, dass die Methoden des Gesetzes
einer nicht minderen Menschenverachtung entspringen als die der Lynchenden, denn Richter Fenton, der sein Gebiet zum Bundesstaat machen will, schreckt nicht vor Massenerhängungen
zurück, um seine politischen Ziele zu erreichen. Die Clintessenz von Eastwoods Westernschaffen sollte 24 Jahre später der vierfach oscarprämierte Film Unforgiven
(DT: Erbarmungslos] sein, in dem der alternde Westernheld nicht nur zwei Cowboys jagt, die einer Prostituierten das Gesicht zerschnitten hatten, sondern am Ende auch gleich den brutalen Marshall und dessen Männer
im Alleingang zur Strecke bringt. 
In Coogan's Bluff mit Don Siegel als Regisseur wird das Eastwoodsche Western-Schema im Jahre 1968 zum ersten Mal in die Gegenwart transportiert, in eine Zeit der sich
aufblähenden Bürokratie und steigender Verbrechensraten. Auch in diesem Film bleibt Eastwood der Antiheld, dessen moralische Vorstellungen dem Mainstream widersprechen. Ebenfalls mit
Don Siegel wird der Western Two Mules for Sister Sara (DT: Ein Fressen für die Geier]
gedreht. Allerdings wird hier dem lonely rider zum ersten Mal eine ebenbürtige Person beigestellt, eine als Nonne verkleidete Prostituierte (Shirley MacLaine). Am Ende des Films
reitet Eastwood als verheirateter Mann von dannen. Noch schlimmer kommt es in The Beguiled (DT: Betrogen]: In den Wirren des
Bürgerkriegs gerät ein verwundeter Unionssoldat in ein Frauenheim, das sich auf dem Gebiet der Konföderierten befindet. Er bezirzt alle Frauen, damit sie ihn nicht an den Feind ausliefern.
Doch als die Frauen merken, daß sie ihn nicht jeweils für sich alleine haben können, vergiften sie ihn gemeinschaftlich mit Pilzen. Eastwood und Siegel, die zeigen wollten, dass auch Frauen
zu Arglist, Diebstahl und Mord fähig sind, wurden von Feministinnen scharf attackiert. Nichtsdestotrotz ging es in Eastwoods nächstem Film um eine Serienkillerin. Play Misty for Me (DT:
Sadistico -Wunschkonzert für einen Toten) war der erste Film, bei dem Eastwood allein die Regie
führte. Mit seiner Produktionsfirma Malpaso wollte er seine eigene filmische Weltanschauung in die Tat umsetzen. Auf die Frage, was denn ein typischer Eastwood-Film sei, antwortete er damals: „Jeder, in dem ich mitspiele".
Mit Siegel zusammen wurde 1971 auch der erste Dirty-Harry-Film produziert. Eastwood spielt den politisch extrem inkorrekten Inspektor Calahan, der sich bei der
Verbrechensbekämpfung nicht lange mit Gesetzen, Bürokratie und den Mühlen derstaatlichen Justiz aufhält. Calahan soll Scorpion, einen San Francisco
terrorisierenden Sniper fassen. Vietnamveteran Scorpion, der einen Peace-Button trägt, hat es vor allem auf Schwarze, Homos und Frauen abgesehen, wird aber nach herrschender
Gesetzeslage wegen Calahans ruppigen Ermittlungsmethoden wieder auf freien Fuß gesetzt. Calahan, dem zu allem Überdruss
auch noch ein Soziologiestudent als Deputy aufgedrückt wird, bleibt nichts anderes übrig, als Scorpion im Alleingang zu erledigen und anschließend seinen
Polizeistern wegzuwerfen. Kritiker bezeichneten den Film als faschistisch und als Aufforderung zur Selbstjustiz, ohne dabei zu überlegen, ob Faschismus bzw. (National-)
Sozialismus nicht eher das entgegengesetzte Extrem von Selbstjustiz, nämlich eine verbrecherische Pauschaljustiz verkörpern.
Der zweite Film mit Dirty Harry (Magnum Force, DT: Calahan} scheint die Dinge wieder etwas zurecht zu rücken. Hier geht es um eine Bande von Polizisten, die Verbrecher, zum
Beispiel einen korrupten Gewerkschaftsboss, am Gesetz vorbei zur Strecke bringen. Doch während die Polizisten hinterrücks morden, schreitet Inspektor Calahan nur ein, wenn
gerade ein Verbrechen vereitelt werden soll. Auf Mängel im herrschenden System mit organisierter Gewalt zu reagieren, hält Dirty Harry für den falschen Weg: „Ich hasse dieses
dumme System. Aber solange nicht irgend jemand mit vernünftigen Veränderungen kommt, halte ich mich dran." Im dritten Dirty-Harry-Film (The Enforcer, DT: Der Unerbittliche) wird
Calahan eine Quotenpolizisten zugeteilt, die vorher in der Personalabteilung gearbeitet hatte. Trotz ihrer fehlenden Kompetenz wächst sie Calahan ans Herz. Die Gegner sind diesmal die
sozialistischen „Revolutionären Streitkräfte des Volkes", die Angehörige ihrer Zielgruppe auch schon mal kaltblütig umbringen, wenn es um das große Geld geht.
The Outlaw Josey Wales (DT: Der Texaner) aus dem Jahre 1976 ist der erste ganz in
Eastwoods Eigenregie entstandene Western. Eastwood spielt einen andauernd Kautabak speienden Vogelfreien, der sich durch die Wirren des Bürgerkriegs schlägt. Dabei kommt aus seinem Munde auch
eine der längsten Wortfolgen des gesamten Eastwood-Filmuniversums: „Regierungen leben nicht miteinander, aber Menschen. Von Regierungen bekommt man kein offenes Wort, keinen fairen Kampf [...]" Häuptling Ten Bears fügt hinzu: „Es ist traurig, dass Regierungen von Menschen
mit doppelter Zunge geführt werden." Die Eastwood-Biographen Gerald Cole und Peter Williams deuten den Film als Bekenntnis zu den „Werten der Menschlichkeit zwischen freien Individuen und dem
Wert der Gemeinschaft, die diese Individuen aufzubauen in der Lage sind, wenn sie aus freien Stücken zur Zusammenarbeit bereit sind."

Dieser Geist weht auch durch die Eastwood-Filme, die in Aussteigerszenen spielen wie Bronco Billy
oder Every Which Way But Loose, ist aber auch spürbar in Escape from Alcatraz. Das Gefängnis mit seinen rigiden Regeln scheint ein
Sinnbild für den Obrigkeitsstaat zu sein, wenn etwa der Direktor sagt: „Wir machen hier aus keinem einen guten Bürger, aber aus jedem einen guten Gefangenen." Individualität ist in diesem
Kosmos nicht angesagt. Einem Insassen wird aus nichtigem Anlass verboten zu malen, und einem Blumenfreund werden die Chrysanthemen in der Zelle verboten. Die Flucht ist die einzige Hoffnung
der Knastbürger. Dass Politik nicht die Lösung ist, erkennt Eastwood als soldatisches Raubein auch in Heartbreak Ridge (1986): „Sehen Sie sich die Politik an: Die Leute verschaffen sich
eine Position, von der aus sie wirklich helfen könnten, aber stattdessen schlagen sie plötzlich eine ganz andere Richtung ein. Sie werden korrupt und verlieren den Bezug zum Volk." Dass absolute Macht absolut korrumpiert, verdeutlicht auch der Film Absolute Power,
der einen buchstäblich über Leichen gehenden US-Präsidenten zeigt.
 Auch in jüngster Zeit ist Eastwood sich und seinem Rollenbild treu
geblieben, so auch in True Crime (DT: Ein wahres Verbrechen) aus dem Jahre 1999. Hier spielt Eastwood einen
political-correctness-resistenten Journalisten, dem die Aufgabe zufällt, innerhalb eines Tages zu beweisen, daß ein in der Todeszelle sitzender Schwarzer Opfer eines Justizirrtums ist.
Die grausame Unmenschlichkeit der Todesstrafe wird nicht erst in dem Moment drastisch vor Augen geführt, als der Giftspritzapparat sich bereits in Gang setzt und erst in letzter Sekunde auf den rettenden Anruf des Gouverneurs hin wieder abgeschaltet wird.
Nicht nur in diesem Film wird deutlich, daß Menschlichkeit und Moral keine Domänen von Staat, Politik und PC sind, sondern eher deren Gegenpole darstellen.
Sicherlich ist dieser Streifzug durch die Filmwelt von Clint Eastwood absolut unvollständig, wenn es um das Aufstöbern freiheitsfreundlicher oder gar libertärer Elemente geht. Doch
vielleicht wird ja eines Tages eine junge Filmwissenschaftlerin sich dieses Themas in ihrer Dissertation an einer privaten Universität annehmen.
David Schah, eigentümlich frei SepJOkt. 2003 Diesen Artikel aus der Zeitschrift eigentümlich frei fand ich so gut, daß ich ihn als Zitat hier in meine libertären Seiten stelle. Der Autor David Schah ist regelmäßiger Mitarbeiter von eigentümlich frei und
unterhält auch eine eigene Webpage. Hier ist der Link:
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