Warum ich "meinem" Amerika dankbar bin

Why I am thankful for America

       
   

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Ich sitze auf dem harten Metallsitz eines Jeeps, mein Popo tut weh. Es schüttelt und schaukelt. Meine Tante hält mich fest. Ich bin etwa 3-oder 4 Jahre alt und wir fahren durch Lichterfelde, einem Ortsteil in West-Berlin. Es ist dunkel. Ich glaube es war nacht, aber vielleicht auch nur 7 Uhr abends und Winter. Jedenfalls ist das für einen kleinen Jungen spät und in jedem Fall eine dunkle Nacht. Vorne sitzen zwei Männer in Uniform und sprechen mit meiner Tante in einer Sprache die ich nicht verstehe, - englisch. Wo wir hinfahren weiß ich nicht, wo wir herkommen habe ich auch vergessen. Es ist etwa 1953 und Berlin sieht, wenn es nicht dunkel ist, noch schrecklich aus. Ich bekomme von den Uniformierten eine runde Blechdose darauf steht Schokokola, eine populäre Schokoladenmarke nach dem Kriege. Das habe ich nicht vergessen.

Die nächsten Erinnerungen haben mit einem Pappkarton zu tun. Care steht drauf. Name einer amerikanischen Hilfsorganisation die nach dem Kriege den Berlinern half zu überleben. „Rosinenbomber“, so genannt von den Berlinern, also Flugzeuge die Hilfslieferungen nach Berlin brachten und oft direkt aus der Luft über der Stadt abwarfen, warfen auch Care-Pakete ab. Meine Eltern, denen es sehr schlecht ging und die auf diese Pakete angewiesen waren, hatten selbst den Wert des stabilen Kartons erkannt. Er diente meinem Vater weitere 30 Jahre als Werkzeugkasten. Die in dem Paket enthaltene Trockenmilch rührte meine Mutter mit Wasser an, kochte sie auf und ich kam in den Genuss von Milch.

Dann bekam ich als Kind mit, daß wir im amerikanischen Sektor, nämlich in Berlin-Steglitz, wohnten. Eines Tages zogen wir um und wohnten fortan im französischen Sektor. Einem Kind bleiben diese Unterschiede verborgen, aber als ich älter wurde lernte ich in der Schule wie die Stadt aufgeteilt war. Die Schilder „You are leaving the American Sektor“ gehörten jedenfalls zu den ersten Schildern die ich lesen lernte.

Dann kam das Jahr 1961. Die „SBZ“ wurde ein großes Gefängnis und rund um Berlin wurde der Antifaschistische Wall gebaut, die Berliner Mauer. Das bekam ich deutlich mit, denn ich war bereits 12 und in der 6. Klasse. Jedes Kind konnte eine Mappe gestalten mit eigenen Texten und aus Zeitungen ausgeschnittenen Bildnern. Meine Mappe hieß „Freiheit unter roten Sternen??“ und enthielt auch Bilder von amerikanischen und russischen Panzern.


2 Jahre später hörte ich manchmal AFN, American Forces Network, dessen Sender in Berlin Dahlem stand und der Nachrichten und U-Music, meist Disco sendete. Ich erfreute mich an dem amerikanischen Kaugummi-Jargon auch wenn ich nicht alles verstand. Später hörte ich nicht mehr so oft, weil ich die Musik nicht mochte und mich für Klassik zu interessieren begann. Manchmal gingen wir auf das Deutsch-Amerikanische Volksfest, aber das ließ später nach weil wir nun im Norden wohnten und das Deutsch-Französische Volksfest am Kurt-Schumacher-Platz näher war.


Als 1962 die Kubakrise war, zitterten wir, alle hofften auf die Amerikaner und ein immer noch kleiner Junge von 13 Jahren, der wenig verstand, auch. Als 1963 Kennedy Berlin besuchte stand ich am Straßenrand und winkte wie verrückt, schwenkte eine kleine amerikanische Fahne und saß später den ganzen Tag vor unserem gerade erworbenen Fernseher. Natürlich war ich von Kennedy hingerissen. Wer war das nicht? Es war übrigens das einzige Mal in meinem Leben, daß ich einem Politiker zugewinkt habe und heute würde mir eher die Hand abfallen als das ich damit winken würde.


Als die Nachricht von Kennedys Ermordung kam lag ich schon im Bett. Unser Nachbar aus der Wohnung unter uns klingelte etwa gegen 9 und flüsterte im Korridor unserer Wohnung. Als er fort war kam ich raus und sah das meine Mutter feuchte Augen hatte. Ich bekam einen gewaltigen Schreck, weil ich dachte mit meinem Vater sei etwas passiert. Nachdem sie mich aufgeklärt hatte, krochen wir fast ins Radio rein um die neusten Nachrichten zu hören. Mein Vater rief aus seiner Klinik an und beruhigte meine Mutter. Die Menschen dachten die Welt steht still und wochenlang gab es kein anderes Gespräch. Als vor dem Schöneberger Rathaus die Gedenkfeier für Kennedy war und als der Zapfenstreich von den Dächern der umliegenden Häuser geblasen wurde war mir zum heulen zumute und sehr feierlich. Anschließend hatten wir größte Mühe nach hause zu kommen, nie war ich vorher in einem größeren Gedränge gewesen.


Die Sowjets die um Berlin herum in ihren Kasernen saßen und Berlin bedrohten, bzw. das Verbrecherregime der „DDR“ stützten, die Erschütterungen die der Knall ihrer Überschall-MiGs verursachte, die östliche Propaganda, die schrecklichen Schicksale an der Mauer, die Schikanen der „DDR“ auf unseren Reisen durch die Korridore nach West-Deutschland, die Lügen, die lächerlichen Propagandaplakate und Parolen trugen nun nicht gerade dazu bei mich für den Sozialismus zu erwärmen und etwa an den überall in Aussicht gestellten und verheißenen Sieg zu glauben. Eher reagierte ich mit tiefer Ablehnung. In dem Maße in dem meine Abneigung für die „DDR“ und die „Sowjets“ zunahm wuchs aber auch meine Begeisterung für unsere amerikanischen Freunde. Das alles entsprang noch einem völlig unentwickelten, unpolitischen Bewusstsein. Und natürlich sah ich gerne Lassie, Fury, Wild-West-Filme, Invasion von der Wega und Al Mundy.
So wie ich wuchsen viele Kinder meines Alters in Berlin auf. Die westdeutschen Kumpels, fernab in der Provinz, waren natürlich nicht so nahe am politischen Geschehen dran wie die Berliner Kinder. Es sei denn sie lebten in der Nähe eines amerikanischen Stützpunktes wie Wiesbaden. Ich hatte also nicht nur die Gnade der späten Geburt erfahren, sondern auch, dank des Umzuges meiner Eltern von Ost- nach Westberlin, die Gnade auf der „richtigen“ Seite aufzuwachsen.
Ab etwa der 6. Klasse begann ich mich für Geschichte zu interessieren. Zunächst die Ritterzeit und das Mittelalter, nach dem Wechsel auf das Gymnasium für die ollen Griechen und Römer. Ich gebe ja zu, das war mehr das Interesse an der Handlung in der Geschichte, dem Ritterkampf, dem Alltagsleben. Ich las viel über den Hamburger Brand, Klaus Störtebeker, Romulus und Remus, na eben alles was eine Jugendbücherei so her gibt. Etwas besorgt reagierte mein Vater als ich begann alles über Hexen in Mitteleuropa zu lesen und Stapelweise Bücher zum Thema heim schleppte. Dann kam die Zigeunerphase.


Irgendwann kam ich an Onkel Toms Hütte, Tom Saywer und Huckleberry Finn. Jetzt wurde es interessant. Das waren amerikanische Kinder, Kinder am Mississippi, recht lebendige Figuren, die ich nacherleben konnte. Noch ein bisschen älter schenkten mir meine Großelter fast alle Bücher von Jack London. Nun war ich neben der Südsee auch in Amerika wirklich angekommen. Ich war bereits des Bibliografierens soweit kundig, daß ich mir, weil Jack London mich faszinierte, auch Bücher zu seiner Biografie besorgte. Besonders beeindruckte mich dann seine Zeit als junger Schriftsteller, der immer seine Manuskripte zurückbekam und von Herbert Spencer beeinflusst wurde. Ich holte mir eine Übersetzung eines Buches von Herbert Spencer verstand aber nichts und gab das Lesen nach einigen Seiten auf. Aber ich las Theodore Dreiser „Eine amerikanische Tragödie“. Das Buch hat mich damals sehr fasziniert und ich besorgte mir noch weitere von ihm, habe aber vergessen welche Titel es waren. Jahre später habe ich das Buch noch einmal gelesen und teilte seine Kritik am amerikanischen System nicht mehr, allerdings las ich es natürlich nun 42 Jahre später als er es geschrieben hatte und ich konnte verstehen, daß die Gegensätze zwischen Unter- und Oberschicht 1925 noch schärfer akzentuiert waren. Immerhin konnte ich mich, inhaltlich natürlich noch nicht annähernd in allen Einzelheiten durchdacht, aber doch intensiv mit den amerikanischen Idealen identifizieren.


Als 1965 der Vietnamkrieg so richtig entbrannte (2. Phase, Beginn der systematischen Bombardierungen) war ich 16 Jahre alt und erlebte die ersten Anti-Amerikademonstrationen in Berlin. Amis’s raus aus Vietnam wurde zu einem allgemeinen Schlachtruf. Mein 6 Jahre jüngerer Bruder, herrje er war erst 10 Jahre alt, rannte mit einem „Ami’s raus“-Button an der Weste rum. Es war das erste mal, daß ich persönlich Zeitgeistkonformität und Nachplappern ohne eigene Erkenntnisse bei anderen beobachten konnte. Es war auch das erste mal, daß ich mit Anti- Amerikanismus direkt konfrontiert wurde. Natürlich weigerte ich mich strikt auch mit so einem blöden Button herum zu laufen, schon deshalb weil ihn plötzlich alle trugen. Alle redeten plötzlich das Gleiche und es war schwierig etwas Gegensätzliches zum Mainstream – das Wort war damals natürlich noch nicht gebräuchlich – zu sagen, ohne nicht gleich ausgegrenzt zu werden. Das hat sich bis heute nicht geändert, das gleiche massenkonforme Verhalten kann ich nun bei meinen, inzwischen erwachsenen, Kindern beobachten. Das macht mich unglücklich – ich hätte mir gewünscht, daß mein Einfluss, na vielleicht nicht Einfluss, aber wenigstens meine Argumente und die Tatsache, daß ich sie als Jugendliche zweimal 6 Wochen mit in die USA genommen habe, doch etwas mehr kritische Distanz zu dem aktuellen Zeitgeistgequatsche in ihnen entwickelt hätte. Schade, aber sie sind ohnehin politisch nicht interessiert. (Übrigens halte ich ihnen zugute, daß möglicherweise schon das natürliche Aufbegehren gegen den Vater und seine Meinung sie in das Lager derer getrieben hat, die seit Jahrzehnten das gleiche uniforme und jugendimmanente Vokabular absondern.)
Doch zurück zu mir. Ich sah zunächst keinen Unterschied zwischen dem Kampf um die Werte für die die Amerikaner in Berlin standen und den Werten die sie in Vietnam verteidigten. Es schien mir ein sehr ähnlicher Kampf gegen den kommunistischen Einfluss statt zu finden.

 
   

 

 

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